Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1793: Mutko ist Organisationschef der Fußball-WM 2018

Dienstag, Dezember 12th, 2017

Witalij Mutko, der ehemalige

Sportminister Russlands,

wurde vom

IOC

lebenslang gesperrt, weil er für das Staats-Doping rund um die Olympischen Spiele in Sotschi verantwortlich war. Einschließlich den Urin-Austausch gedopter russischer Athleten mit Hilfe des Geheimdienstes. Inzwischen ist er

stellvertretender Ministerpräsident Russlands

und als solcher der Organisationschef der Fußball-WM 2018 in Russland.

Fifa-Chef

Gianni Infantino hat dazu erklärt: „Die Unterstützung für die Veranstaltung ist absolut einmalig. Ich bin mir sicher, dass in Russland die beste Weltmeisterschaft aller Zeiten stattfinden wird.“ (Michael Ashelm/Anno Hecker FAS 10.12.17)

1792: Die Wissens-Illusion

Dienstag, Dezember 12th, 2017

In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts lobte mich mein damaliger Kollege Michael Darkow, der spätere Chef der GfK-Fernsehforschung (GfK = Gesellschaft für Konsumforschung), mit der Aussage über meine wissenschaftlichen Publikationen: „Wilfried, bei Dir versteht man jeden Satz.“ Das hat mir damals gefallen. Aber wahrscheinlich haben wir beide uns bloß getäuscht. Denn inzwischen haben Forscher um die Psychologin Lisa Scharrer (Universität Münster) herausgefunden, dass Menschen nach der Lektüre leicht konsumierbarer Artikel ihr eigenes Wissen deutlich überschätzen.

Die Wissenschaftler legten ihren Probanden Texte zu verschiedenen Themen aus der Medizin vor: Auswirkungen von Salzkonsum, Zusammenhang zwischen veganer Ernährung und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Verbindung von Chili im Essen und Bluthochdruck. Die einfachen Versionen erzeugten bei den Lesern die

Illusion,

die Texte besser verstanden und tiefer durchdrungen zu haben und eigentlich weiteren Rat von Experten nicht zu benötigen. Der technische Jargon und die Detailfülle der Fachartikel forderte den Lesern hingegen größere geistige Anstrengungen ab.

Eventuell erzeugt alleine die leichte Verfügbarkeit von Informationen im Alltag die Illusion des Wissens und Verstehens. So kann schon eine

Suchabfrage im Internet

Selbstüberschätzung auslösen (Sebastian Herrmann, SZ 11.12.17).

1791: „Rennt nicht sofort zum Therapeuten!“

Dienstag, Dezember 12th, 2017

Der Psychiater Christian Dogs ist ärztlicher Direktor der Max-Grundig-Klinik bei Baden-Baden. Er kennt eingebildete Kranke, triste Ehen etc. Bettina Weiguny hat ihn für die FAS (10.12.17) interviewt:

FAS: Wie krank sind die Deutschen?

Dogs: Auf jeden Fall viel weniger krank, als die Therapeuten es ihnen einreden.

FAS: Warum sollten die das tun?

Dogs: Das ist ihr Geschäftsmodell. Sie leben hervorragend davon, andere krank zu reden.

FAS: Wie meinen Sie das?

Dogs: Jeder, der sich schlecht fühlt, ist heute krank. Wer traurig ist, hat eine Depression. Wer schüchtern ist, hat eine soziale Phobie. Wer Angst hat, bekommt eine generalisierte Angststörung attestiert. Für jedes Gefühl haben wir den passenden Titel.

FAS: Die Menschen bilden sich Burnout und Depressionen nur ein?

Dogs: Es gibt schwerkranke Menschen, denen geholfen werden muss. Die Praxen aber sind vollgestopft mit Menschen, die da nicht hingehören. 40 Prozent von denen sind nicht krank.

FAS: „Gefühle sind keine Krankheit“ ist Titel und These ihres neuen Buches.

Dogs: Ja, wenn ein alter, allein lebender Mensch einsam ist, hat er noch lange keine Altersdepression. Wenn eine Geschäftsfrau keinen Mann findet, hat sie kein Bindungstrauma. Nur weil ein Kind ein Geschwisterchen bekommt, erleidet es kein Geschwistertrauma.

FAS: Schicken Sie die Menschen dann einfach aus der Praxis nach Hause?

Dogs: Früher gelegentlich, heute nicht mehr. Damit machen Sie sich nur Feinde. Unser Krankenkassensystem ist leider auf Fehlanreize ausgerichtet, es belohnt die schlechten Therapeuten, die ewig behandeln. Die Menschen sollen gar nicht schnell gesund werden. Man therapiert sie jahrelang und verschreibt möglichst viele Medikamente, es dankt die Pharmaindustrie.

FAS: Ihr Tipp lautet also: Rennt nicht so schnell zum Therapeuten!

Dogs: Genau. Da bekommen Sie im Zweifel nur eingeredet, Ihre Befindlichkeitsstörungen seien eine Krankheit. Im schlimmsten Fall schreiben die Sie auch noch krank.

1790: Lohnlücke 6 Prozent

Montag, Dezember 11th, 2017

Das statistische Bundesamt hat festgestellt, dass die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen bei gleicher Tätigkeit durchschnittlich

6 Prozent

beträgt. Bald zeigt sich, ob das auch bei Unternehmen mit über 200 Mitarbeitern gilt. Denn ab 6. Januar 2018 können Frauen dort von ihrem Arbeitgeber Auskunft darüber verlangen, was eine anonymisierte Vergleichsgruppe von männlichen Kollegen für die gleiche Tätigkeit bekommt.

Wie üblich fürchten viele Ökonomen, dass sich zu viel Transparenz negativ auf den Betriebsfrieden auswirken könnte. Es überwögen negative Gefühle, egal ob das eigene Gehalt unter dem Vergleichswert liege oder nicht (FAS 10.12.17).

So war es schon immer. Wir aber sind für Gerechtigkeit und können darauf keine Rücksicht nehmen.

1789: Schwarzer und Badinter über den Islam und Rassismus

Montag, Dezember 11th, 2017

Alice Schwarzer wird 75. Die bekannteste deutsche Feministin hat sich um die Emanzipation von Frauen in Deutschland sehr verdient gemacht. Auch wenn bei weitem noch nicht alles erreicht worden ist. Aber ein gutes Stück des Weges ist geschafft. In letzter Zeit wird Alice Schwarzer wie ihre französische Kollegin, die Philosophin Elisabeth Badinter, von jüngeren, sogenannten intersektionellen Feministinnen kritisiert. Sie werfen den Leitfiguren Rassismus gegenüber jungen männlichen Muslimen aus Nordafrika vor.

Michaela Wiegel hat Elisabeth Badinter und Alice Schwarzer für die FAS (10.12.17) interviewt:

Badinter: Seit viele sozial benachteiligte Familien unter dem Einfluss der Salafisten oder der Muslimbruderschaft stehen, wiegt das Wort der

Imame

schwerer als das der

Lehrer.

In zahlreichen Klassenzimmern in den Vorstädten kann die Geschichte des Holocausts nicht mehr unerrichtet werden, so stark ist die Ablehnung der Schüler. Das Wort des Lehrers gilt als Ausdruck der dominanten Mehrheitsgesellschaft, von der sich manche Schüler ausgegrenzt fühlen. Manche Eltern bestärken ihre Kinder in dem Glauben, dass der Imam wichtiger als der Lehrer sei. Für die Lehrer ergibt sich daraus eine unglaublich schwierige Situation. Wir haben innerhalb kürzester Zeit 2 500 Moscheen in Frankreich gebaut, und langsam entwickelt sich genau das, was radikale Islamisten fordern: ein

Separatismus der muslimischen Minderheit

gegenüber dem Rest der Nation. Wir haben diese Entwicklung hingenommen und das mit der Pflicht zur Toleranz gerechtfertigt.

Schwarzer: Man muss sich das mal vorstellen: Wir, Elisabeth Badinter und ich, werden beide wegen unserer kritischen Position zum politisierten Islam – dessen erste Opfer übrigens Muslime sind – von einem Teil der

Linken

und manchen jüngeren sogenannten intersektionellen Feministinnen als islamophobe Rassistinnen diffamiert, als weiße, bürgerliche Feministinnen, die nicht das Recht hätten, andere Kulturen zu kritisieren. Ich stand am Pranger, weil ich gewagt hatte, auf den Fakt aufmerksam zu machen, dass es überwiegend Männer aus dem Maghreb waren, die in der

Silversternacht in Köln

Frauen sexuell belästigt hatten. Aber wie wollen wir die Realität ändern, wenn wir sie nicht benennen dürfen.

1788: Göttinger Linke verweigert sich der Wissenschaft.

Sonntag, Dezember 10th, 2017

Das Göttinger Institut für Demokratieforschung wurde 2010 von Prof. Dr. Franz Walter im Rahmen der Göttinger Politikwissenschaft gegründet. Es hat heute rund 60 Mitarbeiter. Sehr viele in Teilzeit. Mit der Institutsgründung wurde erstmals empirische politologische Forschung an der Georg-August-Universität verankert, wo vorher – abgesehen von Prof. Dr. Peter Lösche – andere Vorgehensweisen vorherrschten. Das Institut war von Anfang an gefragt. Gegenwärtig wird es kommissarisch von der Politologin Stine Marg geleitet.

Das Institut hat zahlreiche Studien veröffentlicht. Auf großes Interesse stießen Untersuchungen zu

Pegida

und zur

Pädophilie-Debatte bei den Grünen.

Die Studie „Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland“ vom Sommer 2017 passte nicht ins Bild der Bundesregierung. Die Ostbeauftragte Iris Gleicke ließ sie fallen. Inzwischen ist sie durch das Wahlergebnis vom 24. September wieder im Gespräch.

Am Institut gibt es neuerdings eine „Bundesfachstelle linke Militanz“, die sich auf Forschungen zum Linksextremismus spezialisieren will. Sie erhält auch Geld vom Familienministerium. Das Institut betont aber, dass eine Einmischung der Sicherheitsbehörden in die Forschung ausgeschlossen ist. Die „Bundesfachstelle“ will Erkenntnisse zur Rekrutierung und Zusammensetzung, zu inneren Kommunikationsweisen und zu Entscheidungsprozessen der Linksextremisten gewinnen. Dabei sollen pädagogische Ansätze zur „Prävention demokratiefeindlicher Aspekte linksradikaler Denk- und Verhaltensweisen“ entwickelt werden. Forschungsziel: „eine wissenschaftlich fundierte Ethnologie der linken Militanz“. Als Methoden kämen leitfadengestützte und biografisch-narrative Interviews, Gruppendiskussionen und die Analyse politischer Schriften sowie von Debatten in sozialen Netzwerken in Frage.

Die politische Linke in Göttingen verweigert sich dem. Eine Frau aus der linksextremen Szene sagt: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich unsere Gruppe für Befragungen zur Verfügung stellt oder duldet, dass Wissenschaftler zu unseren Treffen kommen.“ (Reimar Paul, taz 1.12.17)

Das verwundert nicht. Denn seit meinem Studium der Sozialwissenschaften in Göttingen (1968-1972) fällt die extreme Linke, die seinerzeit hauptsächlich im SDS angesiedelt war, durch zwei Eigenschaften auf:

ihre Bedeutungslosigkeit

und

ihre Gewaltbereitschaft.

 

1787: Freiheit für Deniz Yücel !

Sonntag, Dezember 10th, 2017

Der „Freundeskreis *Free Deniz“ hat eine Unterschriftenaktion zur Befreiung Deniz Yücels („Die Welt“) gestartet, des deutschen Journalisten, der auch einen türkischen Pass hat:

„Deniz Yücel befindet sich am 10. Dezember seit 300 Tagen in der Türkei in Gefangenschaft – ohne Anklageschrift ist er in einem Hochsicherheitsgefängnis inhaftiert.

Diese 300 Tage sind exakt 300 Tage zu viel.

Deniz Yücel ist Journalist, und er hat nichts anderes getan, als seinen Beruf auszuüben und seine Meinung frei zu äußern.

Wir fordern einen fairen Prozess und Freiheit für Deniz Yücel sowie alle anderen aus politischen Gründen in der Türkei inhaftierten Journalisten.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – immer und überall.“

Zu den Unterzeichnern gehören u.a. die Journalisten Nikolaus Brender, Michel Friedman, Bettina Gaus, Dunja Hayali, Jürgen Kaube, Kurt Kister, Tanit Koch, Christian Krug, Georg Löwisch, Fritz Pleitgen, Ulf Poschardt, Heribert Prantl, Cordt Schnibben, Jörg Tadeusz, Bernd Ulrich, Günter Wallraff, Oliver Welke, Anne Will und Ingo Zamperoni,

die Schauspieler, Regisseure und Intendanten Fatih Akin, Iris Berben, Olli Dittrich, Sebastian Koch, Dieter Kosslick, Shermin Langhoff, Marek Lieberberg, Jan Josef Liefers, Joachim Meyerhoff, Axel Prahl, Oskar Roehler, Volker Schlöndorff, Til Schweiger, Konstantin Wecker und Wim Wenders,

die Schriftsteller J.M. Coetzee, Thea Dorn, Elfriede Jelinek, Daniel Kehlmann, Navid Kermani, Robert Menasse, Herta Müller, Orhan Pamuk und Julie Zeh,

der Künstler Gerhard Richter und

die Wissenschaftler Herfried Münkler und Richard Sennett und viele andere (FAS 10.12.17).

 

 

1786: Hans-Jürgen Papier über NS-Raubkunst

Samstag, Dezember 9th, 2017

Hans-Jürgen Papier war von 2002 bis 2010 Präsident des Bundesverfassungsgerichts. Er hat in der Nachfolge Jutta Limbachs den Vorsitz der

Beratenden Kommission für die Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter

übernommen. Marcus Woeller hat ihn für die „Welt“ (9.12.17) interviewt.

Welt: Welchen besonderen Blick haben Sie als Hüter des Grundgesetzes auf den Umgang mit NS-Raubkunst?

Papier: Nach wie vor handelt es sich bei dem Thema NS-Raubkunst um eine nicht nur hochkomplexe, sondern auch sehr sensible Materie, sowohl unter politischem als auch moralisch-ethischem Gesichtspunkt. Ich sehe meine Aufgabe darin, zusammen mit den übrigen Mitgliedern der Beratenden Kommission faire und gerechte Lösungen zu finden und damit im Hinblick auf die NS-Raubkunst die Folgen der Terrorherrschaft des NS-Regimes und damit

des entsetzlichsten Unrechts,

das jeder Rechtsnatur entbehrte, auch nach Jahrzehnten so gut es geht wiedergutzumachen. Dies hat nicht allein nach den Maßstäben des geltenden Rechts, sondern auch nach denen der Moral und der Ethik zu erfolgen.

Welt: Zur Zeit wird die Gurlitt-Sammlung in Bern und Bonn ausgestellt. Hat dieser Fall Ihre Sicht auf Fragen von Restitution und Raubkunst verändert?

Papier: Der sogenannte Schwabinger Kunstfund hat in Deutschland zu einer weiteren Sensibilisierung im Umgang mit dem Thema NS-Raubkunst geführt. So wurde in dessen Folge von Bund, Ländern und Kommunen etwa das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste gegründet, die Beratende Kommission kann nun auch in den Fällen tätig werden, in denen auf beiden Seiten Private beteiligt sind.

1784: Die Angst vor der ganzen Wahrheit

Mittwoch, Dezember 6th, 2017

Götz Aly,

der als Historiker seit eh und je eine Außenseiter-Position eingenommen hat, führt uns, der ganzen deutschen Öffentlichkeit und insbesondere der Historikerzunft wieder einmal vor Augen, welches Versagen es in Deutschland bezogen auf die wissenschaftliche Bearbeitung des Holocaust gegeben hat (SZ 18.10.17). Man reibt sich die Augen.

Aly führt am Beispiel des US-amerikanischen Historikers

Raul Hilberg (1926-2017)

vor, wie dessen bahnbrechendes wissenschaftliches Buch „Die Vernichtung der europäischen Juden“, das in den USA 1961 erschien, in Deutschland erst 1982 publiziert werden konnte. Und zwar in dem West-Berliner Kleinstverlag Olle & Wolter. Seit 1982 gilt Hilbergs Werk auch in Deutschland als die zentrale Grundlage der historischen, auf Quellen basierten Holocaust-Forschung.

Hilberg war mit seinen Eltern 1939 über Frankreich und Kuba in die USA geflohen. 1945 kam er als Infanterist nach Deutschland zurück. Weil er Deutsch konnte, wurde er früh eingesetzt, um Regierungsdokumente für Kriegsverbrecherprozesse zu begutachten. In den USA wurde er später als Student von den linken Historikern Hans Rosenberg und Franz Neumann („Behemoth“) gefördert. Auf solchen lebensgeschichtlichen Grundlagen entstand sein heute weltberühmtes Werk „The Destruction of the European Jews“. Die erste Fassung war

1955

fertig. „Ohne ein einziges moralisierendes Adjektiv und streng systematisch aufgebaut, enthielt sich Hilberg jeder Reduktion auf Hitler oder die SS-Schergen, die Bourgeoisie oder den Kapitalismus.“

Eberhard Jäckel

besuchte ihn in den USA und lud ihn nach Deutschland ein.

1964 gutachtete das Institut, das 1949 geschaffen worden war, um die NS-Zeit zu erforschen, das Münchener Institut für Zeitgeschichte (IfZ), über Hilbergs Buch. René Schlott fand dieses Dokument vor zwei Jahren. Erstens seien die wesentlichen Fakten über die Endlösung dem deutschen Publikum vertraut. Und zweitens verwies das IfZ auf bald erscheinende deutsche Arbeiten. 1964! Daraufhin kündigte der Droemer Knaur Verlag den 1963 mit Hilberg geschlossenen Lizenzvertrag. Offiziell wurde behauptet, das Buch könne wegen der Passagen über die Judenräte von Böswilligen missbraucht werden. 1967 schlug ein Freund Hilbergs dem Rowohlt Verlag eine Übersetzung vor. Verlagschef Fritz J. Raddatz lehnte mit der Begründung ab, der Verlag sei mit Aktuellem belastet. Ob

rechts oder links,

die deutschen Verlage lehnten ab. Aber immer mit dem gemeinsamen Motiv der

Vergangenheitsflucht.

Im Januar 1979 zeigten die Dritten Programme der ARD Marvin Chomskys Seifenoper „Holocaust“. Daraufhin erwog der C.H. Beck Verlag, Hilberg ins Programm zu nehmen. Für das entsprechende Gutachten wählte IfZ-Direktor

Martin Broszat

eine Mitarbeiterin aus. Der stellvertretende IfZ-Direktor Horst Möller schrieb an den Verlag: „Die Frage, ob heute eine deutsche Übersetzung der englischen Originalausgabe von 1961 zu empfeheln wäre, sollte m.E. – trotz ‚Holocaust‘ – mit ’nein‘ beantwortet werden.“

So erschien die Übersetzung bei Olle & Wolter. „Die Auflage von 4 000 Stück wurde per Subskription und zum Ladenpreis von 128 Mark komplett verkauft.“ Die einzige angemessene Rezension erschien in der „taz“. Der Autor Urs Müller-Plantenberg stellte darauf ab, dass es wohl „die Angst vor der ganzen Wahrheit“ gewesen war, die es verhindert hatte, dass eine Übersetzung in Deutschland erschien. Bis 1990 rezensierten die deutschen historischen Fachzeitschriften Hilbergs Werk nicht. 1990 erschien eine erweiterte, dreibändige Ausgabe im Fischer Taschenbuch Verlag. Vorangetrieben hatten diese

Jörg Friedrich, Eberhard Jäckel und Walter Pehle.

Tatsächlich befindet sich in der Bibliothek des IfZ ein Exemplar von Hilbergs Buch, das eindeutig für eine interne Übersetzung vorbereitet worden war. Und Hilbergs Erkenntnisse wurden vom IfZ benutzt. „Für die Gutachtenarbeit des Instituts für Zeitgeschichte hat sich Hilbergs Buch bereits als wertvoll erwiesen, da es in manchen Punkten neue Ergebnisse, vor allem neue Einzelheiten enthält.“

Auf der 1984 von Eberhard Jäckel veranstalteten ersten deutschen Konferenz über den Holocaust beklagte der IfZ-Direktor Martin Broszat, dass die jüdischen Kollegen in die Debatte eine Leidenschaftlichkeit hineinbrächten, die „wesentlich außerwissenschaftliche Gründe“ habe. Tatsächlich? In einem Brief an Saul Friedländer 1987 unterstellte er das Gleiche mit anderen Worten. Neben Friedländer waren mit den jüdischen Historikern gemeint

H.G. Adler, Joseph Wulf und Raul Hilberg.

„Ich erkläre mir dieses Verhalten … als Verteidigung des eigenen wissenschaftlichen Stammesgebiets und der Deutungshoheit gegen bessere, als Konkurrenten wahrgenommene Kollegen. … Zum anderen halte ich einen zweiten außerwissenschaftlichen Grund für wichtig. Wie die meisten Angehörigen der vom Nationalsozialismus geprägten, in Schuld und Tabus befangenen Deutschen mystifizierten eben auch deren Historiker die Vergangenheit. Sie standen exemplarisch für den damals vorherrschenden Geisteszustand der deutschen Gesellschaft.“

1783: Elmar Faber gestorben

Dienstag, Dezember 5th, 2017

Der langjährige Leiter des Aufbau-Verlags in Ost-Berlin, Elmar Faber, ist in Leipzig gestorben. Der 1934 in Thüringen Geborene hat sein Berusleben im Verlagsgeschäft verbracht. Er begann als Lektor und leitete die Edition Leipzig, bis er 1982 den Aufbau Verlag übernahm, der in der DDR eine Sonderrolle spielte.

Fabers Vorgänger

Walter Janka

saß in den fünfziger Jahren im Gefängnis, weil er mit der Gruppe um

Wolfgang Harich

einen neuen Kurs der SED befürwortet hatte. Auch Genosse Faber wurde mehrmals gemaßregelt, weil sein „Klassenstandpunkt“ nicht immer der Parteiführung passte.

Faber navigierte den Aufbau Verlag mit Glück und Geschick  durch die Wiedervereinigung und verhinderte, dass der Verlag wie viele andere Unternehmen abgewickelt wurde. Erich Honeckers Memoiren wurden ein Bestseller. Faber gründete mit seinem Sohn Michael den Verlag Faber & Faber. Es war eine Edition für Liebhaber. Weltliteratur mit künstlerischen Illustrationen in kleinen Auflagen (Burkhard Müller, SZ 5.12.17).