Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1813: Kunst im Museum verbieten ?

Mittwoch, Dezember 27th, 2017

Die #MeToo-Bewegung hat schon vieles geschafft. Nun erreicht sie die Museen. Und wir reiben uns die Augen. Darüber macht sich Hanno Rauterberg (Die Zeit, 14.12.17) Gedanken:

„Wer die Museen der Welt durchstreift, wird unzählige nackte Frauen und einige nackte Männer erblicken. Auch an nackten Kindern herrscht kein Mangel. Zudem ist viel Gewalt zu sehen: Wenn Tizian malt, wie sich Tarquinius auf Lukrezia stürzt. Wenn Anthonis van Dyck festhält, wie ‚Susanna im Bade‘ von zwei White Old Men begrapscht wird. Oder wenn sich bei

Pablo Picasso

die Demoiselles d’Avignon als Prostituierte feilbieten.

Diese Bilder gehören zum großen Schatz der Kunstgeschichte, und alle werden sie gerade, dank der #Too-Bewegung, anders betrachtet. Manche, das scheint gewiss, werden in

Ungnade

fallen. Wie sehr haben die Künstler dazu beigetragen, das Bild der Frau als Lustobjekt zu verbreiten? Wo inszeniert sie Verlangen, wo Unterwerfung? Feiert die Kunst bis heute den Blick der malenden Männer,

gierig und lüstern?

Durchkreuzt sie also alles Bemühen um Ausgleich und Anstand?“

„Nun gibt es puritanischen Furor, seit es Kunst gibt. Schon immer mussten Künstler damit rechnen, dass ihre Motive auf Ablehnung stoßen. Doch in der jüngeren Geschichte kam die Kritik selten von jenen, die für Gleichheit und Aufklärung eintreten. Das Wegsperren unliebsamer Kunst war eine Sache

evangelikaler Christen oder dumpf rechter Politiker.

Jetzt ist es auch das Milieu der Kulturlinken, in dem Zensur von unten erwogen oder verlangt wird.“

„Woran das liegt? Vor allem daran, dass sich das Verhältnis zum Bild schleichend, doch tiefgreifend wandelt. Seitdem Fotos nichts mehr kosten, wird nicht länger nur das Besondere fotografisch festgehalten, sondern mit großem Drang auch das Banale. Das Bild wird zum

Medium gewöhnlicher Kommunikation.

Und auch die Kunst wird zu einer solchen Gewöhnlichkeit, abgelichtet im Vorübergehen, als Selfie-Hintergrund – und im Nu in alle Welt versandt. Der

schützende Rahmen des Museums

ist keiner mehr. Die Kunst ist mobil geworden. Sie wird

handyfiziert –

und damit zum integralen Bestandteuil jener Gesellschaft gemacht, in der viele dazu neigen, grundsätzlich alles auf sich selbst zu beziehen.“

„Im Prinzip folgt diese Entwicklung jenen Mustern, die schon den Skandal um die

Mohammed-Karikaturen

prägten. War die satirische Übertreibung im Rahmen westlicher Freiheiten eingeübt und im Prinzip unproblematisch, verlassen die Bilder jetzt diesen Rahmen oft schneller, als sie gedruckt sind – und werden dort verbreitet, wo man sie anders empfindet, häufig als zutiefst verletzend.“

1812: Irmgard Keuns Werk in drei Bänden

Montag, Dezember 25th, 2017

Im Göttinger Wallstein Verlag erscheint das Werk Irmgard Keuns.

Irmgard Keun: Das Werk. Hrsg. von Heinrich Detering und Beate Kennedy. Mit einem Essay von Ursula Krechel. Göttingen 2017, drei Bände, insg. 2044 Seiten, 39 Euro.

Damit wird eine Autorin (1905-1982) gewürdigt, die weithin Außenseiterin war, nie ganz zum Kern des Literaturbetriebs gehörte, den Anforderungen bürgerlicher Wohlanständigkeit nicht ganz genügte und nach 1945 fast vergessen worden wäre. Irmgard Keun war gegen Ende ihres Lebens Alkoholikerin, sie verbrachte die Jahre 1966 bis 1972 in der Psychiatrie. Vor lauter politischer Korrektheit hätte ich hier beinahe unerwähnt gelassen, dass Irmgard Keun von 1936 bis 1938 in Ostende (Belgien) die Geliebte von Joseph Roth war.

Nach der mittleren Reife hatte die Berlinerin Keun als Stenotypistin gearbeitet. Im Milieu der Angestellten kannte sie sich bestens aus. Anfang der dreißiger Jahre war Irmgard Keun kurze Zeit verheiratet. Die Familie zog dann nach Köln um. Ihr Thema wurden zunächst die frischen, frechen, emanzipierten jungen Frauen, die sich allerdings weiterhin in ihrem Leben an Männern orientierten (also den gegenwärtigen LGBTT*-Anforderungen nicht entsprachen). 1931 erschien der Roman

„Gilgi, eine von uns“

1932

„Das kunstseidene Mädchen“.

Das interpretierten die Nazis als „Asphaltliteratur“ und verboten es. Alfred Döblin und Kurt Tucholsky förderten sie. Die Aufnahme in die Reichsschriftumskammer wurde endgültig 1936 abgelehnt. Irmgard Keun musste emigrieren. Zunächst nach Ostende in Belgien, dann in die Niederlande. Sie gehörte zum Kreis um Egon Erwin Kisch, Hermann Kesten, Ernst Toller und Joseph Roth, einer literarischen Elite im Exil.

Irmgard Keun wird zur „Neuen Sachlichkeit“ gezählt. Ihr Stil orientiert sich an der gesprochenen Sprache und am Kino. „Aber ich will schreiben wie Film, denn so ist mein Leben und wird es noch mehr sein“, heißt es im „Kunstseidenen Mädchen. In regelmäßiger Folge erschienen

„Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“ (1936),

Nach Mitternacht“ (1937),

„D-Zug dritter Klasse“ (1938).

Meisterhaft verknüpft Irmgard Keun Lebensläufe, Politisches, menschliche Bosheit, Feigheit, Illusionen, Geschwätz, Wichtigtuerei. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in die Niederlande ging sie 1940 nach Deutschland zurück und lebte im Untergrund im Haus ihrer Eltern („Ich kann überhaupt nicht beschreiben, wie grau und trostlos und schauerlich ich Deutschland fand.“). Nach 1945 wollte sie an die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg anknüpfen. Aber das gelang ihr nicht mehr ganz. Sie arbeitete für den WDR und plante literarische Projekte gemeinsam mit Heinrich Böll. 1950 erschien

„Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen“.

1951 wurde die Tochter Martina geboren. Irmgard Keun lebte teilweise in Armut, sie wurde krank. Eine Lesung in Köln und ein Porträt im „Stern“ sorgten dann Anfang der siebziger Jahre für die Wiederentdeckung Irmgard Keuns. Durch Neuauflagen verbesserte sich ihre finanzielle Lage.

Irmgard Keun neigte zu „Selbstinszenierungen“. Ihre Biografin Hiltrud Häntzschel schreibt dazu: „Irmgard Keun hatte zur Wahrheit ihrer Legensumstände ein ganz spezielles Verhältnis: mal aufrichtig, mal leichtsinnig, mal erfinderisch aus Sehnsucht nach Erfolg, mal phantasievoll aus Lust, unehrlich aus Not, mal verschwiegen aus Schonung.“ Ende der siebziger Jahre wurde Irmgard Keun von der feministischen Literaturkritik wiederentdeckt. 1937 hatte sie an einen Freund geschrieben: „Gott verzeih mir die Sünde – aber ich kann wirklich schreiben.“ Das stimmt.

1811: Robert Habeck findet Joschka Fischer attraktiv.

Sonntag, Dezember 24th, 2017

Der Kieler Umweltminister Robert Habeck, 48, kandidiert für den Bundesvorsitz der Grünen. Ansgar Graw hat ihn für die „Welt“ (23.12.17) befragt. Ich bringe hier nur Auszüge aus Habecks Antworten:

Habeck: Linker Patriotismus bezieht sich auf eine Gesellschaft, die nicht ethnisch definiert, sondern Prinzipien verpflichtet ist. Gleichzeitig braucht ein Gemeinwesen nicht nur Veränderung auf Teufel komm raus, sondern auch Haltepunkte und Identitätsvergewisserung. Das sind zum Beispiel die Ideen der Moderne, die Werte unserer Verfassung, also Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Gleichheit, die ja zunehmend ausgehöhlt werden. Und diese lassen sich in einem transnationalen, europäischen Rahmen besser, ich würde sagen: ausschließlich verwirklichen. Also muss doch der Patriotismus größer sein als Deutschland.

Die Idee, dass der europäische Kontinent sich immer weiter eint, will ich nicht aufgeben, obwohl sie im Moment aus der Zeit gefallen scheint. Sie ist ein Leuchtstern, sie hat regulative Kraft. Ich bin nicht der Meinung, dass wir Europa so bauen können wie die Vereinigten Staaten von Amerika. Aber ich fand Joschka Fischers Vorschlag, Europa wie die Schweizer Eidgenossenschaft zu denken, als Perspektive immer attraktiv. Das heißt, die kulturelle Identität der Region bleibt erhalten, aber es gibt politische, demokratisch legitimierte Institutionen, die in der Lage sind, Entscheidungen für das Gesamtgebilde zu fällen.

Dass wir nach den diversen Anschlägen in Europa wieder Grenzkontrollen im Schengenraum haben, ist doch doppelt bedauerlich. … Dass dann die Außengrenzen Ordnung gewähren müssen, ist die logische Konsequenz. Eine Gebietskörperschaft muss wissen, welche Menschen einreisen oder auch wieder ausreisen.

1810: Desinformationskampagnen der fossilen Industrien

Sonntag, Dezember 24th, 2017

1. Die fossilen Industrien in den USA und Russland finanzieren seit Jahrzehnten mit riesigen Geldbeträgen international

rechtsnationalistische Gruppen,

die zugleich den

Klimawandel leugnen.

2. Diese Industrien fühlen sich vom Projekt der Energiewende bedroht.

3. Allein in der „New York Times“ erschienen bis in die letzten Jahren 36 von Exxon finanzierte „Advertorials“ (das sind im Gewand von redaktionellen Beiträgen erscheinende Werbetexte), welche die wissenschaftliche Grundlagen der Klimapolitik in Frage stellten.

4. Besonders aktiv ist dabei der Murdoch-Konzern. Mit dem „Wall Street Journal“, anderen Presseprodukten und dem Fernsehsender Fox News.

5. Die USA waren schon 1998 dem Kyotoer Klimaabkommen nicht beigetreten.

6. In den Desinformationskampagnen wurde z.B. behauptet, Barack Obama sei Muslim, Hillary Clinton betreibe einen Kinderporno-Ring oder der HI-Virus sei eine Erfinfung der CIA.

7. In die Kampagnen haben sich Russland, Facebook und Twitter eingeschaltet.

8. Russland betreibt wieder Propaganda wie zu Zeiten des Kommunismus.

9. Es zeigt sich (im Hinblick auf fossile Industrien) eine zumindest partielle Interessen-Konvergenz zwischen den USA und Russland, weshalb wahrscheinlich Trump im Wahlkampf von Putin unterstützt wurde. Sie kämpfen gegen die liberale Klimabewegung und gegen die Demokratie.

10. „Daher ist die Gesamtlage für die offene Gesellschaft äußerst brisant. Sie hat es mit Rechtsnationalisten und Klimaleugnern zu tun, die in ihrem Kampf gegen das wissenschaftliche Weltbild und die liberalen Medien auf die nahezu unendlichen finanziellen Reserven der fossilen Industrien in Russland und den USA zurückgreifen können. Die offene Gesellschaft ist in einen Zwei-Fronten-Krieg geraten.“ (Maximilian Probst/Daniel Pelletier, Die Zeit 7.12.17)

1809: Die Qualität der Lehrer

Samstag, Dezember 23rd, 2017

Die Mint-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) sind zweifellos sehr wichtig. Das bestreitet niemand. Und es ist auch nicht zu bestreiten. Diese Fächer haben es in der letzten Zeit zudem geschafft, sich durch geschickte Propaganda in den Vordergrund zu schieben. Dadurch leidet die Erkenntnis ihrer Wichtigkeit an deren propagandistischen Verbreitung.

Es griffe aber viel zu kurz, wenn wir uns nur Gedanken über die Qualität der Lehrer in diesen Fächern machten. Und nicht auch an die Fächer Deutsch, Geschichte, Gemeinschaftskunde und die alten und neuen Sprachen dächten. Denn hier gibt es ähnliche Verheerungen bei der Qualität der Lehrer wie bei den Mint-Fächern. Im Gegensatz zu mir kennen Sie nicht den Deutschlehrer, der Heinrich Heine nicht gelesen hat. Oder den Gemeinschaftskundelehrer, dem die Sozialstruktur der DDR unbekannt ist.

Das brauchen einfache Mint-Kollegen ja nicht zu wissen. Aus deren Kreis werden aber manchmal im politischen Feld Vorschläge von so bizarrer Ahnungslosigkeit gemacht, dass es mir zu denken gibt.

Ein mir persönlich sehr gut bekannter Französischlehrer steht hinter dem vielsagenden Satz: „Wie schön wäre es, wenn die Französischlehrer in Deutschland Französisch können würden.“

Fröhliche Weihnachten!

1808: Wolfgang Schimpf setzt seine Kritik an der Schulpolitik fort.

Freitag, Dezember 22nd, 2017

Der Direktor des Max-Planck-Gymnasiums in Göttingen, Dr. Wolfgang Schimpf, setzt seine Kritik an der Schulpolitik fort. Schon am 6. April 2017 hatte er in der FAZ gefordert, die Begabungsförderung zu stärken und den Leistungsgedanken hochzuhalten (hier am 18.4.17 kommentiert unter der Nr. 1531). Nun setzt er sich wieder in der FAZ (14.12.17) mit dem „Triumph des Elternwillens“ auseinander.

Schimpf legt dar, dass allmählich der Elternwille als einziges Kriterium für die Wahl von Schule und Ausbildungsweg gesehen werde. Das sähen auch Verwaltungsgerichte so. Das „Kindeswohl“ bleibe dabei auf der Strecke. Aus politischen Gründen (Wahlentscheidung) nehmen die Verantwortlichen die Eltern durch das Zugeständnis weitreichender Mitbestimmung für sich ein.

Schimpf verweist zu Recht auf die Ergebnisse der Begabungsforschung, die eindeutig zeigten, dass genetische Faktoren für das Leistungsvermögen der Kinder von ausschlaggebender Bedeutung seien. Es gehe nicht, ständig Abstriche an den Leistungsanforderungen vorzunehmen. So könne man keine

Exzellenz

erreichen, von der unsere Zukunft aber tatsächlich abhänge. Ein Teil der neuen Bundesländer, Baden-Württemberg und Bayern setzten noch auf Überprüfungsphasen und Probeunterricht. Andere gäben den Schulen die Möglichkeit, den Wunsch der Eltern im Sinne der Kinder zu korrigieren. Aber der politische Mut zu verbindlichen institutionellen Vorgaben schwinde überall. Den Laufbahnempfehlungen der Grundschulen fehle jede Verbindlichkeit. Am extremsten sei Bremen. Dort ist der Wechsel auf eine andere Schule nur auf Antrag der Eltern möglich.

Schimpf sieht in der Schulpolitik ein föderales Regelungswirrwarr, unüberschaubar, unzumutbar und vollkommen unnötig. „Wer Gymnasien will, muss ihnen das Recht auf Begrenzung des Zugangs, wie es sich im Festhalten am Eignungsvorbehalt ergibt, zubilligen.“ Das kann keine Schule für alle sein, was sie schon unter

Eliteverdacht

bringt. „Ohne dieses äußerste Minimum an Exklusivität wird es die Exzellenz nicht geben, von der Zukunft unserer Gesellschaft abhängt.“

Nachbemerkung von mir:

1. Wolfgang Schimpf hat Recht.

2. Mit denjenigen, die gar keine Leistung, Elite und Exzellenz wollen, brauchen wir nicht zu reden.

1807: AfD gegen Kirchen

Freitag, Dezember 22nd, 2017

Die Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, Alice Weidel, sagt über die Kirchen in Deutschland: „Wir wissen mittlerweile, dass die Amtskirchen, egal ob evangelisch oder katholisch, durch und durch politisiert sind. … Die Trennung von Staat und Kirche wird nicht mehr eingehalten. Damit spielen weite Teile der Kirchen bis auf wenige Ausnahmen genau die gleiche unrühmliche Rolle, die sie auch im Dritten Reich gespielt haben.“ (dpa, SZ 22.12.17)

Eine solche Analyse führt uns bis an den Rand der Psychiatrie.

1806: Eugen Ruge erklärt uns Ostdeutschland.

Freitag, Dezember 22nd, 2017

Der studierte Mathematiker Eugen Ruge (geb. 1954) hat 2011 mit seinem Roman

„In Zeiten des abnehmenden Lichts“

den Deutschen Buchpreis gewonnen. Ich war von dem Buch begeistert. Aus genauer DDR-Kenntnis heraus beschrieb Ruge die vor sich gehenden Veränderungen bis ins Detail. Andreas Fanizadeh hat ihn für die taz (16./17.12.17) hauptsächlich zu Ostdeutschland interviewt. Ich bringe hier im Auszug nur die Antworten Ruges.

Ruge: Ich fand die DDR als Gegenstand für Literatur nicht oder nicht mehr interessant. Alles war klein und eng. Ich sah auch keine Zukunft, ich sah, dass die Zeit für dieses Land abläuft. Nicht so schnell, wie es dann geschah. Aber ich hatte keine Lust, darauf zu warten. …

(zu den politischen Verhältnissen in Ostdeutschland) Was soll man dazu sagen … Sicher gibt es auch ökonomische Gründe. Wenn auch nicht in diesem Sinne, dass es den Leuten jetzt materiell schlecht geht. Aber wenn ich mich in meiner Bekanntschaft umschaue, die

Brüche

sind enorm. Gerade in Biografien von Leuten meines Alters.Viele Leute wurden richtiggehend rausgeschleudert, oft aus Leitungspositionen. Viele haben sich irgendwie berappelt. Verdienen heute ihr Geld in Berufen, die sie nicht gelernt hatten, die sie vielleicht nicht mögen. Und was man im Westen oft gar nicht verstehen will, was Akkumulation von Erbe bedeutet. Die Ostdeutschen haben nichts geerbt. Die gehen einfach auf relativ dünnem Eis. Das Unbehagen vor weiteren Veränderungen ist im Osten von daher anders ausgeprägt als im Westen. …

Die Vereinigung war sicher gewünscht, aber ein Großteil der Leute wusste nicht, was sie bedeuten würde. Die Macher der Geschichte, die großen Unternehmen und die führenden Politiker, die wussten das schon. Man muss begreifen, dass daraus ein Großteil der heutigen Verunsicherung im Osten resultiert. Es war ja nicht nur ein ökonomischer Umbruch. Für Ostbürger hat sich alles verändert. Gewiss auch vieles zum Positiven! Aber die ganze Ikonografie ist plötzlich eine andere. Die Stadtbilder, alles sieht anders aus, sogar die Formulare. Wie man ein Bankkonto eröffnet, wie man eine Steuererklärung macht – alles ist anders. Die Brötchen, die Lebensmittel, die Teller, die Stühle, auf denen man sitzt. Man kann sich das als Westdeutscher wahrscheinlich gar nicht vorstellen. Oder das Geld: Die Ostdeutschen haben in kürzester Zeit zwei Währungsreformen durchgemacht. Kaum hatten sie endlich die D-Mark, nach der sie sich gesehnt hatten, mussten sie sich auf den Euro umstellen. Man kann das belächeln, aber die D-Mark war für die DDR-Bürger Symbol für Wohlstand und Stabilität. …

1805: Gregor Gysis Autobiografie

Donnerstag, Dezember 21st, 2017

Wir stoßen auf keinen Widerspruch, wenn wir behaupten, dass Gregor Gysi zu den intelligentesten, befähigsten und beredtesten Politikern der Gegenwart gehört. Das sagen auch seine Gegner. Nun hat Gysi seine Autobiografie vorgelegt:

Gregor Gysi: Ein Leben ist zu wenig. Berlin (Aufbau) 2017, 583 S., 24 Euro.

Er hat ihr den für einen Kommunisten typischen Propagandatitel gegeben, auch wenn andere ähnlich verfahren. Und in der DDR hat er sich nach einem üblichen Bildungsweg durch die Institutionen (Melker) als Rechtsanwalt sehr erfolgreich getummelt. Dabei hat er mehrfach Dissidenten vertreten. Da ist es um so unverständlicher, dass Gysi heute noch nicht erkennt, dass die DDR ein

Unrechtsstaat

war.

Von seiner Herkunft her war Gysi nicht zum kommunistischen Kader bestimmt, obwohl seine Eltern ab 1930 für den Kommunismus kämpften. Von der Arbeiterklasse waren die Vorfahren weit entfernt. Chefärzte und Bankiers in der Famile des Vaters, auf Seiten der Mutter Großindustrielle und baltendeutscher Adel bestimmten die Familie. Von seinem Vater Klaus, der der DDR als Botschafter (u.a. im Vatikan) und Minister diente, werden zahlreiche hinreißende Anekdoten berichtet, wie er den klassenmäßigen Vorurteilen nicht entsprach. Auf einer Bahnfahrt zurück nach Nazi-Deutschland soll er mit lässiger Ironie sogar mit SS-Schergen gescherzt haben. Die Mutter war eine geborene Lessing. Ihr Bruder war mit der Nobelpreisträgerin Doris Lessing verheiratet. Frau Gysi hat ihre offene Herablassung in der DDR auch zum „Überleben“ verwandt.

Gregor Gysi hat in der DDR und später durchaus als „Ersatz für Antisemitismus: Intellektuellenfeindlichkeit“ erlebt. Ich erinnere mich an die frühen neunziger Jahre, wo Gysi in Dresden von einem Mob „Jude, Jude!“ zugerufen wurde. Die Stasi-Vorwürfe, die Gysi übrigens sämtlich gerichtlich hat verbieten lassen, sind m.E. dann besser zu verstehen, wenn wir uns klarmachen, dass viele im Westen nicht nachvollziehen, dass

Partei und Stasi eins

waren. Und die Partei gab die Befehle. Dann musste man als Anwalt der Stasi gar nicht offiziell als Informant dienen.

Gregor Gysi, der wohl immer noch nicht ganz in der Gesellschaft des Westens angekommen ist, hat sich trotzdem von manchen kommunistischen Prinzipien verabschiedet, so von der Vision des neuen Menschen: „Es geht nicht darum, diesen ewig alten Menschen zu ändern, sondern die Welt so in Balance zu halten, dass der Mensch althergebracht sein darf. Und dies so friedlich und frei, gerecht, demokratisch und solidarisch wie möglich.“ (Jens Jessen, Die Zeit 7.12.17)

1804: Jane Fonda 80

Donnerstag, Dezember 21st, 2017

Jane Fonda hat es in mehrfacher Hinsicht zur Ikone geschafft. Zwei Oscars hat sie gewonnen. Sie wird 80 Jahre alt. Anfangs musste sie sich gegen ihren Vater, Henry Fonda, durchsetzen, einen der ganz großen Stars in Hollywood. Am bekanntesten tritt er uns entgegen in Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“ als Killer Frank. Für seine Tochter hatte er nie Zeit. Er war im Geschäft. Seine Frau brachte sich um. Dann heiratete er wieder.

Man möchte es anders erzählen. Aber ihr erster Mann, der Franzose Roger Vadim, machte sie als „Barbarella“ weltbekannt. Das nutzte sie für ihre später dann vielfältigen politischen Initiativen. Als Gegnerin des Vietnam-Kriegs wurde sie als „Hanoi Jane“ bekannt. Einer der ganz großen Regisseure, Jean-Luc Godard, widmete ihr „Letter to Jane“. Und das FBI legte 22 000 Blatt über sie an. Jane Fonda engagierte sich für Indianerrechte, Frauenrechte, für die Vereinten Nationen, für den Regenwald und gegen den Irakkrieg.

1973 heiratete Jane Fonda den Bürgerrechtler Tom Hayden. Der hatte viele gute Ideen, aber keinen politischen Erfolg, Jane Fonda bezahlte alles. Und sie entdeckte ihren Körper als Marketing-Maschine, kasteite sich, ernährte sich von Säften und Vitaminen, propagierte Leibesertüchtigung in Form von

Aerobic.

Sie wurde wieder erfolgreich im Film (u.a. „Coming Home“). Und dann heiratete sie nochmals. Den Gründer und Besitzer von CNN, Ted Turner. Dabei praktizierte sie irgeneine Form von Buddhismus, das Übliche. Viele Male ließ sie sich schönheits-operieren. Die „amerikanische Freiheitsstatue“, wie Willi Winkler sie nennt, wird 80 Jahre alt (Willi Winkler, SZ 21.12.17).