Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1823: Barenboim: Palästinenser haben ein Existenzrecht.

Dienstag, Januar 2nd, 2018

Als Musiker, Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper unter den Linden und Politiker ist Daniel Barenboim ein Glücksfall für die deutsche Hauptstadt. Ich bin froh, dass er sich ständig auch politisch äußert. Denn er verkörpert eine Stimme der Vernunft, des Ausgleichs und des Friedens. In einem Beitrag in der „Zeit“ (20.12.17) spricht er sich für das Existenzrecht Palästinas aus.

Die Entscheidung des US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, sieht Barenboim als falsche gravierende geopolitische Entscheidung an, welche Israel favorisiert und die Palästinenser demoralisiert. Barenboim ist klar:

„Wird dem nicht deutlich und entschlossen entgegengetreten, so rückt eine Lösung des Konflikts in noch weitere Ferne.“

Für Barenboim ist der israelisch-palästinensische Konflikt einmalig und nicht mit den üblichen politischen und rechtlichen Kategorien adäquat zu erfassen. Deswegen könne er nicht militärisch oder rein politisch gelöst werden. Sondern nur „menschlich“. Die Entscheidung der Staatengemeinschaft von 1947, Palästina zu teilen, sei aus palästinensischer Sicht eine Katastrophe gewesen. Dennoch habe sich Palästina mittlerweile seit langem mit einer Teilung in zwei Staaten einverstanden erklärt. Ganz anders als Israel, das weiterhin illegalen Siedlungsbau betreibe und damit das Haupthindernis für eine friedliche Zwei-Staaten-Lösung darstelle.

„Angesichts der unilateralen Entscheidung der USA appelliere ich an den Rest der Welt: Erkennen Sie Palästina als Staat an, so wie Sie Israel als Staat anerkannt haben. Man kann keinen Kompromiss zwischen zwei Völkern, noch nicht einmal zwischen zwei Menschen erwarten, die einander nicht anerkennen. Für eine Zweistaatenlösung brauchen wir zwei Staaten, und die gibt es momentan nicht. Palästina ist seit 50 Jahren besetzt, und man kann von den Palästinensern nicht erwarten, aus dieser Position in Verhandlungen zu gehen. Alle Nationen, die an einer Zweistaatenlösung ernsthaft interessiert sind, müssen Palästina als Staat anerkennen.“

Das ist richtig. Und ich stimme dem zu. Auch wenn ich dadurch von einigen Israelis und Juden als Antisemit betrachtet werde.

1822: Keine Angst !

Samstag, Dezember 30th, 2017

1. Der Kasseler Soziologe Heinz Bude nennt unsere Gesellschaft eine „Gesellschaft der Angst“. Für seinen Münchener Kollegen Armin Nassehi ist Vertrauen die existentielle Ressource dieser Gesellschaft.

2. Dabei geht es um Gefühle, die ohnehin unser Verhalten beherrschen, wobei wir in der Selbsteinschätzung unsere Vernunft (Ratio) überschätzen. Für die Beherrschung unserer Angst brauchen wir beides, unsere Überzeugungen und rationales Verhalten.

3. Gefühle sind manchmal nicht leicht fassbar: die Angst vor dem Klimawandel, die Angst vor einer Finanzkrise, die Angst vor Flüchtlingen.

4. Je konkreter eine Gefahr erscheint (als Furcht vor …), desto besser ist sie beherrschbar.

5. Die polizeiliche Kriminalstatistik (natürlich kann Angst kaum mit Statistik bekämpft werden) belegt seit Jahren keinen nennenswerten Anstieg der Kriminalität. Vor allem nicht bei der Gewaltkriminalität (Mord, Totschlag, Vergewaltigung, schwere Körperverletzung, leichte Körperverletzung etc.).

6. Aber auch Delikte wie Taschendiebstähle und Wohnungseinbrüche, die den Menschen viel näher sind, haben nicht erheblich zugenommen. Dabei bagatellisieren wir nicht das Unsicherheitsgefühl (Traumatisierung) bei Bestohlenen nach einem Einbruch, wo sie sich in der eigenen Wohnung nicht mehr sicher fühlen.

7. In der Wahrnehmung vieler Deutscher war die Kölner Silvesternacht das „Umschlagsereignis“ (Nassehi).

8. Die in Gruppen agierenden Täter aus anderen Kulturen verstehen das deutsche Strafrecht nicht (Geldstrafe, Bewährungsstrafe, Haft).

9. Als starkes Gefühl lähmt die Angst. Sie ist ansteckend.

10. Die Furcht selbst müssen wir am meisten fürchten (Franklin Delano Roosevelt). (Alexander Haneke, FAZ 30.12.17; Astrid Viciano, SZ 30./31.12.17)

Liebe Freunde, haben Sie 2018 keine Angst. Guten Rutsch!

1821: Mit Rechten reden ?

Samstag, Dezember 30th, 2017

In ihrem Buch

„Mit Rechten reden“

empfehlen Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn, auf demonstrative Empörung über Rechtspopulisten zu verzichten, besser versuchen, sie ernst zu nehmen. Alle Gegenaggression, aller Ausschluss aus dem Diskurs (oder gar aus der Demokratie) nutzen eher der Gegenseite, weil sie so in ihrer seltsamen Mischung aus Opfer- und Überheblichkeitsgefühlen bestärkt wird. Wo es geht, soll man AfD und Identitären sachlich klarmachen, dass die Flucht aus einer pluralistischen, verflochtenen Welt nicht möglich ist.

Auf der Frankfurter Buchmesse hat diese Taktik nicht funktioniert, wo jenes Buch vorgestellt wurde, da gab es Krawall und Gesprächsverweigerung.

Die wahre Probe auf die richtige Auseinandersetzung mit den Rechtspopulisten findet im Deutschen Bundestag und beim AfD-Wähler nebenan statt.

Es muss sein, und es wird unangenehm (JSL, SZ 30.31.12.17).

1820: Bürgerversicherung: Diagnose richtig, Rezept falsch

Samstag, Dezember 30th, 2017

Über die Bürgerversicherung schreibt Kristiana Ludwig in der SZ (30./31.12.17):

„Bevor sie in eine neue Koalition eintreten, wollen die Sozialdemokraten unbedingt die Zwei-Klassen-Medizin abschaffen. Sie wollen, dass das deutsche Gesundheitssystem gerechter wird, und sie haben das größte Übel bereits ausgemacht: die ungleiche Behandlung von Kassenpatienten und Privatpatienten. Gesundheit sollte nicht vom Geldbeutel der Patienten abhängig sein, so lautet die Botschaft der SPD.

Die Realität sieht in Deutschland aber leider genau so aus. Zu oft entscheidet das Einkommen darüber, wie gut ein Mensch medizinisch versorgt ist. Wer arm ist und Schulden hat, ist nachweislich häufiger krank und geht seltener zum Arzt. Oft können diese Leute die Zuzahlungen für Medikamente nicht aufbringen. Gerade

Zahnbehandlungen

sind teuer. Armut zeigt sich meist dann, wenn ein Mensch den Mund öffnet.

Wer alt wird und Hilfe braucht, ist erst recht auf ein finanzielles Polster angewiesen. Familien mit wenig Geld trifft ein Pflegefall besonders hart. Sie können sich keine private Pflegekraft für daheim leisten, keine komfortable Seniorenresidenz voller ausgeruhter Pflegekräfte. Selbst für Bürger, die ihr Leben lang gearbeitet haben, zahlt am Ende oft das Sozialamt für ein Zimmer im Altenheim; in einer jener freudlosen Einrichtungen, in denen bundesweit Personal fehlt.

Das alles erschreckt und bewegt die Menschen. Doch eine Bürgerversicherung, wie sie die SPD will, wird an diesen Problemen gar nichts ändern. Um mehr Gerechtigkeit im Gesundheitswesen zu schaffen,

fehlt den Sozialdemokraten ein echtes Konzept.

Sie wollen ein solidarisches Krankenkassensystem einführen, das auch wohlhabende Bürger an den Gesundheitsausgaben beteiligt. Langfristig soll die Bürgerversicherung bewirken, dass die Sozialabgaben für alle erschwinglich bleiben. Doch um Reiche zur Kasse zu bitten, schlägt die Partei nicht einmal ein besonders strenges Verfahren vor: Das tatsächliche Vermögen der Bürger soll für ihren Beitrag keine Rolle spielen, sondern nur ihr Verdienst. Firmenchefs aber können ihr Einkommen leicht kleinrechnen. Und mit Medikamenten-Zuzahlungen wiederum befasst sich diese Versicherung nicht einmal.

Der Ort, an dem die Wähler das neue SPD-System dann spüren sollen, ist die Arztpraxis. Wären alle Menschen gleich versichert, würde es sich für Ärzte nicht mehr lohnen, Privatpatienten zu bevorzugen. Das wäre sicher ein Erfolg. Doch in den Regionen, wo Bürger die größten Schwierigkeiten haben, einen Arzttermin zu bekommen oder sehr weit zur nächsten Praxis fahren müssen – dort sind die Privatversicherten überhaupt nicht das Problem. Auf dem Land, vor allem in Ostdeutschland, fehlen schlicht die Mediziner. Eine neue Krankenversicherung allein wird sicher keinen Neurologen oder Hals-Nasen-Ohren-Arzt motivieren, in den Osten umzuziehen.

Um allen Bürgern den gleichen Zugang zum Gesundheitssystem zu sichern, braucht es kluge Lösungen für ländliche Regionen – etwa zentrale Kliniken, in denen auch Hausärzte praktizieren. Es fehlt ein Plan, wie Pflegeheime zu erträglichen Orten werden können. Wenn sich hier nichts ändert, dann werden die Abgehängten, von denen Sozialdemokraten in ihren Gerechtigkeitsreden stets erzählen, weiterhin abgehängt bleiben.“

1819: CSU für höhere Verteidigungsausgaben, SPD dagegen

Samstag, Dezember 30th, 2017

Die CSU verlangt höhere Verteidigungsausgaben. Sie orientiert sich dabei an dem 2014 vereinbarten NATO-Ziel von

zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Deutschland liegt mit 1,2 Prozent derzeit deutlich unter diesem Wert. Die CSU setzt sich für „eine schlagkräftige, moderne Bundeswehr“ ein. Die SPD ist dagegen. SPD-Vize Natascha Kohnen: „Die SPD wird eine massive Ausweitung der Militärausgaben nicht mittragen. … Wenn man 30 Milliarden zusätzlich ins Militär steckt, fehlt das beim Wohnungsbau, bei Verkehrsprojekten, bei Bildung und Digitalisierung. Wir brauchen mehr Wohnungen und nicht mehr Panzer.“

Der SPD-Außenpolitiker Niels Annen ergänzt: „Wir brauchen keine neue Aufrüstungsspirale, sondern intelligente, europäische Antworten bei der gemeinsamen Verteidigung, aber auch bei der Rüstungskontrolle.“

CSU-Chef Horst Seehofer meint, dass Kompromisse hier nur am Verhandlungstisch gefunden werden könnten. „Und dazu gehört auch, dass wir unsere Soldatinnen und Soldaten finanziell besser ausstatten, insbesondere bei der Ausrüstung.“ (Mike Szymanski, SZ 30./31.12.17; Johannes Leithäuser, FAZ 30.12.17)

Eine von mehreren klaren Alternativen: Wähler, du kannst dich entscheiden.

1818: Papst Franziskus zornig über Reformstau

Freitag, Dezember 29th, 2017

In Rom ist es stehende Redewendung, dass Papst Franziskus vor Ostern den Armen die Füße wäscht und vor Weihnachten der Kurie den Kopf.

Papst Franziskus ärgert sich über den Reformstau in der Kurie, wo er auch fundamentale Gegner hat wie den deutschen Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der vom Papst als Chef der Glaubenskongregation abberufen wurde.

Der Papst hat mit seiner demonstrativ bescheidenen Lebensführung sein Amt revolutioniert und mit mehreren Schreiben (u.a. „Freude des Evangeliums“ und „Laudatio si“) neue Türen zur Welt geöffnet. Auch beim Thema Ehe, Familie und Sexualität.

Seine Arbeit wird aus dem Vatikan heraus sabotiert. Immer wieder gelangen geheime Dokumente aus dem Reformprozess zu Journalisten. Zunehmend gibt es Widerstand von Bischöfen und Kardinälen, für die der Papst die Wahrheit der Kirche an den Zeitgeist verkauft. Manche Kirchenfürsten halten den Papst gar für einen „Irrlehrer“, ein schlimmer Vorwurf gegen einen Papst. Treibende Kraft der Kritik ist der amerikanische Kurienkardinal Leo Burke.

Die nächste Bischofsversammlung im Oktober 2018 wird spannend. Da geht es um Jugend und Glauben und um die Frage, wie mehr Priester und Ordensleute gewonnen werden können. Viele Bischöfe aus Deutschland, Westeuropa und Südamerika wünschen sich eine offene Diskussion bis zum Ende, auch beim Zölibat. Viele aus Osteuropa, Afrika und Nordamerika möchten, dass die alte Lehre und Praxis bleibt (Matthias Drobinski, SZ 29.12.17).

1817: Die Mehrwertsteuer reformieren !

Donnerstag, Dezember 28th, 2017

Die Parteien spannen uns mit der Regierungsbildung nun schon lange auf die Folter. Bisher gibt es nur Sondierungen. Das mag hingehen, wenn es auf die Präzision der Verhandlungen zurückzuführen ist.

Bei der FDP war das anscheinend ja nicht der Fall. Denn entweder sie hat am Anfang der Sondierungen nicht gewusst, was sie wollte. Oder sie wollte von Anfang an nicht regieren. Jedenfalls hat sie uns viel Zeit gekostet. Vielleicht verbringt die FDP in der nächsten Legislaturperiode nochmals vier Jahre außerhalb des Bundestags. Zur Regeneration.

Es gibt Wichtigeres: z.B. Steuerpolitik. Union und SPD treffen sich bald zu Sondierungen. Beide haben versprochen, Bezieher von geringen und mittleren Einkommen zu entlasten. Das ist ein Anspruch, der in Zeiten

wachsender Ungleichheit

berechtigt ist. Zur Debatte stehen bisher Veränderungen bei der Einkommenssteuer, beim Soli und bei den Sozialabgaben. Nicht aber bei der Mehrwertsteuer. Das ist ein

Fehler,

der behoben werden muss.

Die Mehrwertsteuer wirkt in die Gegenrichtung von Steuersenkungen für Schwächere. Sie verteilt von arm nach reich. Die unteren Einkommensgruppen werden von der Mehrwertsteuer wesentlich härter getroffen als die oberen. Die Mehrwertsteuer wurde vor 50 Jahren von einer großen Koalition aus Union und SPD eingeführt, von Finanzminister Franz Josef Strauß (CSU), dem einen Minister des Duos „Plisch und Plum“ (der andere: Karl Schiller). 2017 beschert die Mehrwertsteuer dem Staat

ein Drittel seiner Einnahmen, 220 Milliarden Euro.

Das Ziel, Geringverdiener zu entlasten, kann kaum zielgenauer erreicht werden als über die Mehrwertsteuer. Weil derjenige, der wenig verdient, wenig Einkommenssteuer zahlt und deswegen von deren Senkung kaum profitiert. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat kürzlich veröffentlicht, dass ärmere Bürger durchschnittlich 13 Prozent ihres Einkommens verwenden, um Mehrwertsteuer auf Konsumgüter zu zahlen. Reiche nur vier (4) Prozent.

Es gibt das Konzept, einen einheitlichen Steuersatz von

16 Prozent

einzuführen und im Gegenzug den ermäßigten Satz (sieben = 7 Prozent) weitgehend abzuschaffen. Dieser ist wegen der Willkürlichkeit der betroffenen Produkte ohnehin heftig umstritten.

„Klug wäre es zudem, sich daran zu erinnern, dass Steuern zu den wichtigsten Instrumenten gehören, mit denen Regierungen das gesellschaftliche Zusammenleben gezielt verändern können. … Eine Regierung ist gut beraten, sich die Freiheit zu lassen, gegebenenfalls auch Steuern zu erhöhen, etwa um wachsende Ungleichheit zu bekämpfen. Wer Steuererhöhungen kategorisch ausschließt, lässt den Willen zum Gestalten vermissen. Das wäre wirklich verantwortungslos.“ (Cerstin Gammelin, SZ 27.12.17) Siehe: FDP.

 

1816: Zu hohes Betriebsratsgehalt bei VW

Donnerstag, Dezember 28th, 2017

Der Betriebsratschef von VW, Bernd Osterloh, hat sich mit Kollegen u.a. von BMW und Daimler über zu hohe Gehälter und Boni für Vorstandsmitglieder mokiert. Das verstoße gegen das „allgemeine Gerechtigkeitsempfinden“. Viele Konzernvorstände bekommen heute als Gehalt jährlich hohe Millionenbeträge.

Osterloh selbst hat im letzten Jahr, seinem besten, bei VW 750 000 Euro bekommen. 200 000 Euro Grundgehalt plus Bonuszahlungen. Jetzt tritt der VW-Vorstand auf die Bremse, weil die Staatsanwaltschaft ermittelt, ob VW den Betriebsratschef zu gut bezahlt. An Osterloh gehen nur noch 96 000 Euro pro Jahr. Gegen Osterloh selbst wird nicht ermittelt. Aber er hat die hohen Zahlungen angenommen. Er hätte gut daran getan, weniger zu nehmen.

Osterloh verweist auf seine „Managementfähigkeiten“. In der Tat gilt bei VW der Betriebsratschef als Co-Manager. Hauptsächlich soll er allerdings die Interessen der Belegschaft vertreten. Da wirken hohe Zahlungen an den Betriebsratschef wie

Bestechungsprämien.

Kraft Amtes gehört Bernd Osterloh zum VW-Aufsichtsrat. Warum hat er dort noch nicht mit seinen Kollegen von der

IG Metall

und

dem Land Niedersachsen

als einem der Hauptaktionäre verlangt, dass VW von Ex-Vorstandschef Martin Winterkorn wegen der

Abgasaffäre

Schadensersatz bekommt? (Klaus Ott, SZ 27.12.17)

 

1815: Der NC muss weg.

Donnerstag, Dezember 28th, 2017

Das Bundesverfassungsgericht hält in seinem NC-Urteil grundsätzlich am NC fest. Das ist falsch, findet Ralf Pauli. Er schreibt (taz 16./17.12.17):

„Deutschland ist das Land der Bildungsungerechtigkeit. Wer aus einer Arbeiterfamilie stammt, schafft es kaum aufs Gymnasium, schafft es kaum an die Uni, schafft es kaum in einen tollen Job. Ähnliches gilt für Kinder mit Migrationshintergrund. …

Mittlerweile beträgt die Wartezeit für das Medizinstudium .. wahnsinnige 14 Semester. Stell dir vor: Du bewirbst dich im Juni für Humanmedizin in Marburg und bekommst eine Zusage für das Wintersemster 2024/25. Eben mal sieben Jahre überbrücken! Dann sechs Jahre Studium plus sechs Jahre Facharzt. Macht summa summarum 19 Jahre Ausbildung, erstes Arztgehalt mit 37. Das muss man sich erst einmal leisten können. Unter solchen Bedingungen ist die Wartezeitregelung eine verklausulierte Absage, das Recht auf die freie Berufswahl ein leeres Versprechen. So sollten die Verfassungsrichter argumentieren. Alles andere verweigert die Realität. Und die ist bitter für alle, die Medizin studieren möchten: Ohne Top-Abi hat man keine Chance. In 14 Bundesländern braucht man sogar eine 1,0 , um einen der bundesweit 9 176 Medizinstudienplätze sicher zu haben. …

Um das Auswahlverfahren gerecht zu gestalten, brauchen die Unis ein gänzlich anderes Modell – eines ohne NC und Abiturnoten. Am besten einen verbindlichen Studierfähigkeitstest, der an allen Unis gilt. Er würde besser darüber Aufschluss geben, wer für das Medizinstudium geeignet ist, als eine wenig aussagekräftige Abiturnote. Und die Umstellung wäre leicht zu schaffen: Den Medizinertest gibt es schon, an 23 deutschen Unis kann man den Test für Medizinische Studiengänge (TMS) freiwillig machen. …“

1814: 1918 – Aufstand für die Freiheit

Donnerstag, Dezember 28th, 2017

Der SZ-Redakteur Joachim Käppner liefert in seinem Buch

„1918 – Aufstand für die Freiheit. Die Revolution der Besonnenen.“ München (Piper) 2017, 528 S., 24,99 Euro,

eine Ehrenrettung der Revolutionäre. Denn die meuternden Matrosen in Kiel, die rebellierenden Soldaten und streikenden Arbeiter in Berlin und den Provinzen wollten gar keinen bolschewistischen Umsturz nach russischem Muster, was ihnen die Geschichtswissenschaft lange nachsagte. Sie wollten die alten Eliten des Kaiserreichs,

das Militär

und die Kriegstreiber von 1914

entmachten.