Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1854: Alexander Dobrindts „konservative Revolution“

Dienstag, Januar 23rd, 2018

Alexander Dobrindt (geb. 1970), der Landesgruppenchef der CSU im Bundestag, war vier Jahre lang Minister für digitale Infrastruktur und Verkehr („Der Mann mit der Maut“) in Berlin. Kürzlich hatte er den Auftrag, ein Positionspapier für seine Partei zu schreiben. Darin kommt vor allem sein Hass auf die 68er zum Ausdruck. Das hat etwas Gutes, weil wir 68er dann nicht mit Dobrindt verwechselt werden können. Dieser arbeitet sich in seinem Papier bis zum Begriff der

„konservativen Revolution“

vor. Hier müssen wir wohl Dobrindt vor sich selbst in Schutz nehmen. Denn er hat offensichtlich nicht gewusst, was er da tat. Wahrscheinlich kannte er den Begriff gar nicht.

Der ist aber seit Armin Mohlers Buch „Die konservative Revolution in Deutschland 1918-1932“ (1950) ziemlich klar umrissen. Als er das Buch schrieb, war Mohler Privatsekretär von

Ernst Jünger.

Die locker miteinander verbundene Gruppe von Autoren, die zur „konservativen Revolution“ gezählt wird, ist auf

Oswald Spenglers

bekannte Schrift „Der Untergang des Abendlands“ (1918/1922)

zurückzuführen. Dazu zählt auch der Kreis um den Dichter

Stefan George.

Den Beitrag aus den Sozialwissenschaften zur „konservativen Revolution“ liefert

Ferdinand Tönnies

mit seinem Begriff der „Gemeinschaft“, den er der „Gesellschaft“ gegenüberstellt.

Das sind alles gut identifizierbare Personen und Inhalte. Ihr Denken ist gegen Aufklärung und gesellschaftliche Modernisierung gerichtet. Sie sind „Reaktionäre“. Weitere Personen aus dem Kreis der „konservativen Revolution“ sind

Hans Freyer, Friedrich Georg Jünger, Edgar Julius Jung (er hat die „Marburger Rede“ gehalten und ist am 30. Juni 1933 ermordet worden), Ludwig Klages, Arthur Moeller van den Bruck (von ihm stammnt der Begriff „drittes Reich“), Ernst Niekisch, Ernst von Salomon, Carl Schmitt, Othmar Spann, Wilhelm Stapel und Hans Zehrer (später Chefredakteur bei Springers „Welt“). Sie sind

antiliberal, antidemokratisch und antiegaltär.

Dazu kommt eine große Portion Antisemitismus und eine kleinere Portion nationalen Sozialismus (Ernst Niekisch). Zwar waren und wurden nicht alle von den Anhängern der „konservativen Revolution“ Nazis, aber sie sympathisierten mit ihnen, glaubten den „böhmischen Gefreiten“ im Griff zu haben. Sie waren keine Gegner der Nazis oder gar Widerstandskämpfer (von Ausnahmen wie Claus Schenck Graf Stauffenberg abgesehen, der aus dem George-Kreis stammte), sondern sie waren die Helfer der Nazis, ihre

„Steigbügelhalter“.

Nach 1945 erzählten sie das Märchen von ihrer Teilnahme am Widerstandskampf.

Das alles kann Alexander Dobrindt ja nicht gewusst haben, sonst hätte er nicht von der „Konservativen Revolution“ sprechen können.

1853: Philip Roth über die USA

Montag, Januar 22nd, 2018

Philip Roth (geb. 1933) ist für mich der größte Romanschriftsteller unserer Zeit. Mit „Verschwörung gegen Amerika“ (2005) und „Amerikanisches Idyll“ (1998) hatte er sich auch als Analytiker der US-Gesellschaft erwiesen, der bei den US-Amerikanern die

„Ekstase der Scheinheiligkeit“

festgestellt hatte. Im „Idyll“ erwies er sich als Kenner der Sportarten Football, Basketball und Baseball. Er schildert dort u.a. den „Schweden“, den jüdischen Sportler Seymour Irving Levoy.

Gekommen war ich auf Roth im Studium durch „Portnoys Beschwerden“ (1970). Seinerzeit war ich mir gar nicht sicher, ob solch ein Stoff sich überhaupt für seriöse Literatur eignete. Es geht darin um den Monolog des Psychotherapiepatienten Alexander Portnoy und seine sexuellen Obsessionen. Das Buch rief großes Entzücken und schärfste Kritik hervor. Insbesondere jüdische Kritiker warfen Roth antijüdische Stereotype, jüdischen Selbsthass und Antisemitismus vor. Der Roman wurde als autobiografische Enthüllung verstanden. Und noch heute wird der Autor mit dieser Publikation identifiziert. Philip Roth hatte in den frühen Sechzigern eine Psychoanalyse bei dem New Yorker Psychiater Hans J. Kleinschmidt absolviert. Dieser veröffentlichte die Fallgeschichte 1967 anonymisiert in einer medizinischen Fachzeitschrift unter dem Titel „The Angry Act: The Role of Aggression in Creativity“.

Es trifft zu, dass Roths Schreiben stark autobiografisch fundiert ist. Daraus gewinnt es seine Schärfe und Authentizität. Häufig geht es um jüdische Selbstvergewisserung in den USA. „Philip Roth schreibt immer über Philip Roth.“ In späteren Romanen taucht mehrfach Roths Alter Ego

Nathan Zuckerman

auf. Saul Bellow hat Roth zum ersten Mal 2000 für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. Aber dafür eignet sich dieser große Schriftsteller wohl nicht. Das ist stehende Formel im internationalen Feuilleton. Ulrich Greiner brachte die Ablehnung Roths durch das Nobelpreiskomitee auf die Formel:

„Die Schweden .. lieben Autoren, die etwas zur Verbesserung der Welt beitragen. Philip Roth trägt nur etwas zur Erkenntnis bei.“

Hingerissen war ich von „Sabbaths Theater“ (1995), wo es um den ehemaligen Puppenspieler Mickey Sabbath geht. Er spielt mit den Menschen, zumeist mit den Frauen, wie einst mit seinen Marionetten. Er erkennt die Sinnlosigkeit des Lebens. Seine tote Mutter erscheint als Geist und rät ihm zum Selbstmord als passenden Abschluss für ein verpfuschtes Leben. Philip Roth wechselt in seinen Büchern virtuos zwischen „Die Tatsachen“ (1988), „Mein Leben als Mann“ (1990) und „Täuschung“ (1993). Er ändert seine Perspektiven.

Sehr bekannt geworden ist in Deutschland „Der menschliche Makel“ (2002). Darin lebt der renommierte Literaturprofessor Coleman Silk jahrzehntelang in der Maske eines Juden, obwohl er afrikanisch-stämmig ist. Des Rassismus bezichtigt und von der Universität entfernt wird er, als er zwei schwarze Studentinnen, die im Seminar häufig fehlen, als „Spooks“ bezeichnet hat. 2010 hat sich Philip Roth vom Schreiben zurückgezogen, dies gab er 2012 bekannt. Im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhundert sind noch die sehr lesenswerten Kurzromane „Exit Ghost“ (2007), „Empörung“ (2008), „Die Demütigung“ (2009) und „Nemesis“ (2010) erschienen.

Es könnte sich lohnen, mehr über Philip Roth nachzudenken und zu schreiben. Aber ich will Sie nicht langweilen. Im ganzen letzten Jahr habe ich auf einen Kommentar Roths zu Donald Trump gewartet. Nun ist er erschienen. In einem Interview mit Charles McGrath, das per E-mail geführt worden ist (SZ 22.1.18). Dort sagt Philip Roth:

„Niemand, den ich kenne, hat ein Amerika vorausgesehen wie das, in dem wir heute leben. Niemand (außer vielleicht H.L. Mencken, der die amerikanische Demokratie bekanntermaßen als

‚die Anbetung von Schakalen durch Esel‘

bezeichnete) hätte sich vorstellen können, dass die Katastrophe des 21. Jahrhunderts, die entwürdigendste Katastrophe der USA, nicht in der schrecklichen Gestalt eines orwellianischen großen Bruders auftreten würde, sondern in der beängstigend lächerlichen Commedia-dell‘-Arte-Figur des prahlerischen Buffons. Wie naiv war ich, 1960 zu denken, dass ich ein Amerikaner bin, der in absurden Zeiten lebt! Wie drollig! Andererseits – was konnte ich 1960 schon wissen über 1963 oder 1968 oder 1974 oder 2001 oder 2016?“

1852: SPD-Linke sollte auf Ministerämter verzichten.

Montag, Januar 22nd, 2018

Die SPD-Linke hat nun lange und entschlossen gegen eine große Koalition mit der CDU/CSU gekämpft und nur knapp verloren. Schlüssigerweise sollte sie aus inhaltlichen Gründen auf jedes Minister- und Staatssekretärsamt in der Bundesregierung verzichten. Ich weiß, dass das nur eine ganz unrealistische Überlegung ist. Aber der Gedanke reizt mich.

1851: Bernhard Schlink über das Schreiben, das Kaiserreich und die Rückgabe von Kunstschätzen

Sonntag, Januar 21st, 2018

Der Jura-Emeritus und Schriftsteller Bernhard Schlink hat mit „Der Vorleser“ 1995 einen Welt-Bestseller gelandet (verfilmt mit Kate Winslet). Anlässlich seinen neuen Romans

„Olga“

ist er von Christian Mayer (SZ 20./21.1.18) und Tilman Krause (Die Welt 20.1.18) interviewt worden.

SZ: Schreiben befriedigt die Sehnsucht nach einem anderen Leben, haben Sie einmal geschrieben.

Schlink: Es ist mit dem Schreiben wie mit dem Lesen. Wir lesen, weil wir mehr als ein Leben leben wollen, und wir schreiben, weil wir mehr als ein Leben leben wollen.

SZ: Der erste Teil ihres Romans („Olga“) spielt im Osten des damaligen Kaiserreichs, in Breslau und Tilsit in den Jahren vor 1914. Was finden Sie an der heute so fernen Vergangenheit interessant?

Schlink: Das Verhängnis des letzten Jahrhunderts begann nicht 1933, sondern mit dem Versagen des Kaiserreichs und dem Ersten Weltkrieg. Das war das eine. Zum anderen hat mich Olgas Schicksal interessiert, das Schicksal einer Faru, die es zwar schafft, Volksschullehrerin zu werden, aber zu der

Generation von Frauen gehört, die unter ihren Fähigkeiten leben mussten –

neben Männern, die oft über ihren Fähigkeiten lebten, …

Welt: Das Thema „Umgang mit den Kolonien“ wird ja gegenwärtig auf mehreren Ebenen mit erbitterter Leidenschaft diskutiert. Jetzt hat Frankreichs Präsident Macron in Aussicht gestellt, er wolle Kunstschätze aus den ehemaligen afrikanischen Ländern in großem Stil zurückgeben. Von deutschen Museen, speziell für die Exponate, die im Berliner Humboldt-Forum gezeigt werden sollen, wird das auch gefordert. Wie sehen Sie das?

Schlink: Ich gestehe, dass ich mich schwertue, für diese Forderung Anteilnahme aufzubringen. Napoleon hat bei seinen Eroberungszügen in großem Stil Kunst geraubt und nach Frankreich gebracht. Was er in den Louvre hängen ließ, wurde von den Siegern zurückgefordert und ihnen zurückgegeben, das andere wurde von ihnen übersehen und findet sich in französischen Museen. Reicht es nicht, dass wir es dort anschauen können?

1850: Jupp Heynckes denkt an die Putzfrau.

Sonntag, Januar 21st, 2018

Jupp Heynckes war mir unabhängig von seiner großen Klasse als Fußballer (Spieler, Trainer, Manager) immer sehr sympathisch. Dass er auch international so erfolgreich werden würde, habe ich vorher nicht gewusst. Nun bestätigt er das in einer Nebenbemerkung eines großen FAS-Interviews (21.1.18, Interviewer: Christian Eichler). Da sagt er:

„Hier habe ich hundertprozentige Top-Profis. Aber auch die muss man führen. Zum Beispiel ist es für mich eine Selbstverständlichkeit, dass in der Umkleidekabine Trikots und Schuhe nach dem Training nicht irgendwo auf dem Boden liegen bleiben und die Putzfrau sich dann darum kümmern muss. Ich sage den Spielern,

das könnte eure Mutter sein,

die hier am Morgen alles einsammeln muss.“

1849: Die Existenz der SPD

Sonntag, Januar 21st, 2018

Vermutlich wird die SPD auf ihrem Parteitag in Bonn letztlich doch der Aufnahme von Koalitionsverhandlungen mit der CDU/CSU zustimmen. Ich halte diese Entscheidung für richtig! Lassen wir noch ein paar Standardargumente im Spiel, die wir in letzter Zeit häufig gehört haben. Vielleicht brauchen wir sie dann bald nicht mehr.

1. Wer sagt eigentlich, dass die große Koalition schuld am Niedergang der SPD ist? Hat sie nicht im Bund 2013 gegen eine schwarz-gelbe Koalition ebenfalls krachend verloren?

2. In NRW hat die SPD die Regierung 2017 angeführt und trotzdem verloren.

3. Die große Koalition war für die SPD in Bund und Ländern noch nie schlecht. Schließlich hat sie 1969 aus einer großen Koalition heraus mit Willy Brandt die Bundestagswahlen gewonnen.

4. Zu einem Wahlsieg gehören die drei P-Komponenten:

– Parteiidentifikation,

– Politik und

– Person.

5. Da fehlt es der SPD gegenwärtig an der Person.

6. Fast überall in Europa verlieren die Sozialisten.

7. Wenn es zu einem Abbruch der Groko-Verhandlungen kommen würde, wäre das ein Desaster für Deutschland, für Europa und für die SPD.

8. Es gäbe unausweichlich Neuwahlen, da keine Minderheitsregierung mit einer Tolerierung in Sicht ist.

9. Diese würde beide Volksparteien bis ins Mark erschüttern.

10. Die SPD würde dann wahrscheinlich bei 15 Prozent landen (Ulrich von Alemann, Oskar Niedermayer, Elmar Wiesendahl FAZ 20.1.18).

 

 

1847: Neue Briefe von Gottfried Benn

Freitag, Januar 19th, 2018

Gottfried Benn (1886-1956) hat Zeit seines Lebens so getan, als habe er eine Abneigung gegen den Literaturbetrieb, als lehne er Akademien, Preise, Lesungen und Podiumsdiskussionen ab. Das war nicht die ganze Wahrheit. Er hat sich zu einem guten Teil doch darauf eingelassen. Das Werk dieses größten deutschen Lyrikers des 20. Jahrhunderts ist – zum Glück – mittlerweile wissenschaftlich beinahe vollständig erschlossen. Auch seine vielen Briefe liegen in mehreren Ausgaben vor. Nun kommt ein Band hinzu, der unterstreicht, wie wichtig für Benn Briefe waren:

Gottfried Benn: „Absinth schlürft man mit Strohhalm, Lyrik mit Rotstift“. Ausgewählte Briefe 1904 – 1956. Herausgegeben und kommentiert von Holger Hof. Stuttgart/Göttingen 2017, 623 Seiten, 39,90 Euro.

179 von 293 der abgedruckten Briefe sind wirklich neu. Der Band belegt eindrücklich, dass Benn aus einem eng begrenzten Reservoir an Gedanken und Formen schöpfte.

„Ich bin nicht populär und wünsche es nicht zu sein. Ich halte das Publikum für Pöbel und Ruhm für eine Schiebung.“

Besonders wichtig sind Benns Briefe an den Schriftsteller und glühenden Antisemiten Börries von Müchhausen (1874-1945). Dieser hatte 1934 in verunglimpfender Absicht behauptet, Benn sei Jude. 1937 wurde Münchhausen

Ehrenbürger Göttingens.

Benn wechselte Briefe mit dem Schriftsteller und Nazi-Kulturfunktionär Hans Johst (1890-1978). Dieser setzte sich für ihn ein. Benn wandte sich auch an seinen höchsten Dienstvorgesetzten bei der Reichswehrmacht, den Heeres-Sanitätsinspektor Anton Waldmann (1878-1941). Auch er half Benn. Benns Briefe an die Genannten waren äußerst vorsichtig (Stephan Speicher, SZ 18.1.18), er hielt sich hier ganz im von den Nazis vorgegebenen Rahmen.

Gottfried Benns Briefe zeigen uns, dass sein Weltbild keineswegs immer geschlossen oder gefestigt war. Er hat von den konservativen Anfängen der Bundesrepublik profitiert. Sie haben seine öffentliche Anerkennung erst möglich gemacht. In dieser Zeit wurde sein Ruhm endgültig begründet. Wir wollen seine Briefe lesen.

1846: Teppich von Bayeux nach Großbritannien

Donnerstag, Januar 18th, 2018

Anlässlich seines Besuchs bei der britischen Premierministerin Teresa May wird der französische Präsident Emmanuel Macron seine Zustimmung dazu erklären, dass der

Teppich von Bayeux

innerhalb der kommenden fünf Jahre nach Großbritannien ausgeliehen wird. Der im Stadtmuseum von Bayeux (Normandie) ausgestellte 68 Meter lange Teppich enthält als Bildergeschichte mehr als 50 Szenen der Eroberung Englands durch den normannischen Herzog

Wilhelm den Eroberer (William the Conqueror, Guillaume le Conquerant)

in der

Schlacht bei Hastings 1066.

Das bis dahin überwiegend angelsächsische England wurde danach grundlegend nach den Regeln der normannischen Feudalgesellschaft umgestaltet. Die Normannen waren hervorragende Krieger und spielten bei den Kreuzzügen eine zentrale Rolle. Sie besiedelten Süditalien und beschützten den Papst als Soldaten vor dem deutschen Kaiser.

Die Leihgabe ist wohl angesichts des Brexits eine Geste zur langfristigen gedeihlichen Zusammenarbeit. Bisher galt der Teppich von Bayeux als zu empfindlich für einen Verleih. Lange verschollen tauchte er erst im 15. Jahrhundert in der Kathedrale von Bayeux wieder auf. In Auftrag gegeben worden war das Kunstwerk wohl von Wilhelms Halbbruder Odo 1070, dem Bischof von Bayeux.

Für die Eroberung Großbritanniens hatte Wilhelm damals in Dives/Cabourg, unserem langjährigen Urlaubsdomizil in der Normandie, eigens eine Flotte von über einhundert Kriegsschiffen bauen lassen. Die Schlacht von Hastings markiert die bisher letzte erfolgreiche Eroberung der britischen Inseln vom europäischen Festland aus. Ein genauer Termin für die Ausstellung in England steht noch ebenso wenig fest wie der Ausstellungsort (Alexander Menden, SZ 18.1.18).

1845: DIW: Die Familie dominiert.

Mittwoch, Januar 17th, 2018

Gert Wagner war seit 1989 Direktor des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), das am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) organisiert wird. Gebraucht werden viele Befragte, damit auch über kleine soziale Gruppen belastbare Aussagen getroffen werden können. 1984 waren das 12 500 Erwachsene, heute sind es mehr als 30 0o0. Patrick Bernau hat Wagner nach seinen zentralen Erkenntnissen befragt (FAS 14.1.18).

FAS: Gerade die Wahlen geben uns ein Rätsel auf: Wenn die Deutschen so zufrieden sind, warum bekommt die AfD dann so viele Stimmen?

Wagner: Es gab schon immer einen Anteil von 20 Prozent Unzufriedenen. Heute gibt es mit der AfD eine in den Augen vieler Menschen legitime Plattform, das auf dem Wahlzettel auszudrücken.

FAS: Die SPD hat inzwischen in allen Milieus nur noch rund 20 Prozent, auch bei den Armen. Warum hat Martin Schulz‘ Gerechtigkeitswahlkampf nicht gezogen?

Wagner: Gerechtigkeit ist ein schwieriges Wort. Als ich Kind war, hieß es immer: „Gerechtigkeit gibt es nicht auf dieser Welt.“ Martin Schulz hat sich trotzdem gedacht, dass man mit diesem Begriff viele Wähler gewinnen kann. Aber wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, will man wissen, wie er tatsächlich für Gerechtigkeit sorgen will.

Da hat er nicht nachgelegt.

Es wäre dann auch kontrovers geworden. Schließlich gibt es Leute, die die

Leistungsgerechtigkeit

in den Vordergrund schieben und die Steuern senken wollen – und andere, die die

Bedarfsgerechtigkeit

besonders wichtig finden und die Hartz-IV-Sätze erhöhen wollen. Keine Partei kann all diese Vorstellungen gleichzeitig erfüllen.

FAS: Wie wäre es mit Chancengerechtigkeit? Gleiche Chancen für alle, kann man sich nicht darauf einigen?

Wagner: Das halten auf den ersten Blick alle für gut, Ökonomen ganz besonders. Aber Chancengerechtigkeit ist politisch leider kein Gewinnerthema. Wenn Mittelschichtseltern „Chancengerchtigkeit“ hören, dann verstehen sie: Die Konkurrenz für unsere Kinder wird größer. Vor dem Abstieg der Kinder hat die obere Hälfte der Bevölkerung besonders Angst. Das kann man leicht daran erkennen, wie der Anteil von Schülern an Privatschulen gestiegen ist.

FAS: Lassen Sie uns über Werte sprechen. Wissen Sie denn, ob die Werte der Deutschen so verfallen, wie es oft heißt?

Wagner: Nein. Heute dominiert in Deutschland der gleiche Wert wie in den 50er Jahren und zuvor: die Familie.

FAS: Auch wenn nach Scheidungen Eltern von ihren Kindern getrennt leben, wenn Homosexuelle heiraten dürfen und Kinder großziehen?

Wagner: Es gibt neue Verhaltensweisen, aber die Familie bleibt zentral. Gerade das Beispiel, wenn zwei Männer ein Kind großziehen, das zeigt ja, wie wichtig ihnen Familie ist.

1844: Hass und Hetze im Netz: das Beispiel Richard Gutjahr

Mittwoch, Januar 17th, 2018

Zweimal war Richard Gutjahr Zeuge bei terroristischen Anschlägen. Das wird ihm im Netz nun zum Verhängnis. Im Juli 2016 machte der Journalist, der hauptsächlich für den Bayerischen Rundfunk (BR) arbeitet, mit Frau und Kindern Urlaub in Nizza. Am 14. Juli abends wollten seine Frau und die Kinder noch mal auf die Strandpromenade. Gutjahr hatte vor, das vom Balkon aus zu filmen. Stattdessen kriegte er einen weißen Transporter vor die Linse, der schnell Fahrt aufnahm und bei seiner Terrorfahrt

86 Menschen tötete und ca. 300 verletzte.

Gutjahr schickte das Material an seine Redaktion, die es online stellte. Das Video verbreitete sich weltweit rasend schnell.

Zufällig war Gutjahr acht Tage später der erste Journalist, der miterlebte, wie ein Attentäter am Olympia-Einkaufszentrum

neun Menschen

erschoss. Das war psychisch belastend. Seither ist Richard Gutjahr Freiwild im Netz. Er hat 18 Monate Verleumdungen, Drohungen und digitales Kesseltreiben hinter sich. „Es gibt kaum eine Verschwörungstheorie, in die er nicht eingearbeitet wurde.“ Seine Frau ist Israelin. Insofern kann man die Verschwörungstheorie, je nachdem für welche Zielgruppe man nun hetzt, in verschiedene Richtungen drehen. Setzt man die Hashtags in Richtung

„Staatsfunk“ und „Mainstream“,

dann rotten sich die selbst ernannten „Reichsbürger“ zusammen. Setzt man den Akzent auf

„Israel“,

punktet man bei den Antisemiten. Und dann sind da noch die Anhänger einer

Weltverschwörungstheorie.

Für sie ist Gutjahr Teil der New World Order. Die Anhänger dieser Theorie glauben, dass ein internationaler Zirkel hinter den Kulissen daran arbeitet, ein supranationales, autoritäres Herrschaftssystem aufzuziehen.

Es liegt auf der Hand, dass nach solchen Verschwörungstheorien Gutjahr auch bei anderen Attentaten seine Hand im Spiel hatte. Sein Hotel in Nizza hieß „Westminster“. Das Londoner Attentat passierte auf der Westminster Bridge. Und Breitscheidplatz? Auch da war ein weißer Transporter im Spiel … Viele Video-Blogger haben aus der Hetze längst ein Geschäftsmodell gemacht. Gutjahr: „Aber das schlimmste waren oft gar nicht die Videos. Sondern die Kommentare darunter.“ Als er versuchte, Videos entfernen zu lassen, schickte Google den Hassproduzenten Gutjahrs Mail- und Postadresse. Die Verleumdungen im Netz verbreiteten sich in Windeseile.

Gutjahr hält das von der Bundesregierung durchgesetzte Netzwerkdurchsetzungsgesetz für völlig ungeeignet. „Gut daran ist nur, dass Facebook und Co endlich juristische Anlaufstellen hier im Land haben müssen.“ „Aber alles, was meine Peiniger an Lügen und Verleumdungen verbreitet haben, war vorher auch schon justiziabel.

Geltendes Recht wird einfach im Netz nicht umgesetzt.

Es wird bestimmt nicht besser, indem man die Rechtsdurchsetzung an die Privatwirtschaft delegiert.“

Gutjahr fürchtet zu Recht den

Kollaps der Demokratie.

„So als sei das Netz irgend so eine Randerscheinung des öffentlichen Lebens. Dabei wird hier in rasendem Tempo alles ausgehöhlt, was wir an stabilem System kennen. Und während wir in diesem Neuland noch tastend erste Schritte machen, haben die Trolle und Hater sich längst vernetzt und alle Tricks und Kniffe dieser Welt verinnerlicht.“ (Alex Rühle, SZ 17.1.18)