Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1878: Wenn’s ernst wird, müssen Frauen ran.

Montag, Februar 12th, 2018

Vor zwanzig Jahren lag die CDU am Boden. Wegen der Parteispenden unter Helmut Kohl. Heute wissen wir: es waren keine Parteispenden, sondern

schwarze Kassen.

Angela Merkel bewahrte die CDU vor dem Absturz, sie brachte die Partei unter ihre Kontrolle.

Diese Aufgabe hat bei der SPD jetzt Andrea Nahles. Ihr ist die politische Leidenschaft noch nicht abhanden gekommen. Von der Juso-Chefin zur Parteivorsitzenden hat sie sich über die Jahre sehr positiv entwickelt. Das war daran zu erkennen, wie sie ihr Ministeramt geführt hat. Nahles hat Kampfkraft und Realitätssinn.

Dazu bedarf es übrigens weder eines Mitgliederentscheids noch eines neuen Parteitags.

Wenn’s hart auf hart geht, müssen bei den deutschen Parteien die Frauen ran.

1877: Feminismus und rechte Ideologie passen zusammen.

Montag, Februar 12th, 2018

Paula-Irene Villa (50) ist Professorin für Soziologie und Gender Studies an der LMU in München. Sie forscht u.a. zur „identitären Bewegung“. Susan Vahabzadeh hat sie für die SZ (12.2.18) vor allem anhand des Themas „sexuelle Gewalt“ dazu befragt, ob und wie weit Feminismus und rechte Ideologien miteinander vereinbar sind. Villa antwortet dazu u.a.:

„Viele Menschen haben die Wahrnehmung, Frauenverachtung und sexualisierte Gewalt wurden importiert durch ‚fremde‘ Männer, durch Flüchtlinge, durch ‚den arabischen Mann‘. Das ist ein ideologisches Muster, das sehr weit zurückreicht und jetzt einen Resonanzraum findet.“

„Wir wissen aus der eigenen Erfahrung sowie aus vielen Studien, dass die Angst von Frauen, in der Öffentlichkeit – in der Tram, auf der Straße, irgendwo – behelligt zu werden, nicht neu ist. Jede Frau weiß eigentlich: Lieber ein Taxi nehmen als auf den Bus warten, den Drink bewachen, nicht alleine unterwegs sein. Das ist keine Entwicklung der letzten Jahre. So sind wir alle aufgewachsen. Gewalt, sexuelle Übergriffe, das sind die Themen der frühen Frauenforschung in den Achtzigerjahren. Damals wurden deswegen

Frauenhäuser

eingerichtet. In meinem Studium waren

Frauenparkplätze und Vergewaltigung auf der Uni-Toilette

ein Thema.“

„Was auch belegt ist: die Anzeigebereitschaft ist wesentlich höher, wenn der Täter der Fremde war und niemand aus dem Umfeld.“

„Es gibt einen

rechten bis sehr rechten Feminismus,

dessen Reiz man nicht unterschätzen sollte. Da geht es auch noch um eine andere Form der Ich-Stärkung. So etwas wie Heimatliebe, Mutterstolz, Marmeladeeinkochen, die eigene Gemeinschaft durch die Abwertung anderer, die Konzentration auf die Familie – für manche ist genau das Feminismus. Die erste Frauenbewegung hatte ja auch solche Strömungen.“

„Dass Körper altern, uns Dinge widerfahren, die wir nicht kontrollieren können, das ist tabuisiert. Und das scheint auf in der Sehnsucht nach Familie und Neo-Biedermeier, im diffusen

Unbehagen an Globalisierung

und Geschwindigkeit. Und das hat nirgends mehr einen Ort außer am rechten Rand. Hier wird das Versprechen gemacht: Wir kümmern uns, wir sehen deine Bedürfnisse, mit uns brauchst du dich nicht der

Willkür des Marktes

auszusetzen, wir beschützen dich.“

1876: Zum Gedächtnis Frank Schirrmachers (1959-2014)

Sonntag, Februar 11th, 2018

Jakob Augstein (Herausgeber des „Freitags“) hat einen Band herausgegeben, in dem in mehreren Experten-Beiträgen der Inhalt eines von ihm selbst veranstalteten Symposiums verarbeitet wird.

Reclaim Autonomy. Selbstermächtigung in der digitalen Weltordnung. Berlin (Suhrkamp) 2017, 189 S., 16 Euro.

Es ist der Versuch einer Fortführung der vom FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher (1959-2014) begonnenen Grundsatz-Debatte über Digitalisierung. In dem Band sind Experten wie Yvonne Hofstetter, Saskia Sassen, Evgeny Morozov und David Gelernter vertreten. Das Vorwort stammt von

Martin Schulz (SPD).

Schirrmacher hatte in Schulz einen Sparringspartner in der Politik gefunden. Der im Journalismus herausragende Autor war dafür bekannt, dass er einen Riecher für kommende gesellschaftliche Groß-Diskurse hatte. In der digitalen Debatte ist die Aufbruchstimmung allerdings vorüber, aus der man eine

utopische oder dystopische Zukunft

herauslesen konnte. Frank Schirrmacher tat beides. Andrian Kreye (SZ 10./11.2.18) verweist in dem Zusammenhang auf John Brockmans Internetforum

edge.org.

Schirrmachers früh begonnene und steile journalistische Karriere begann 1984 bei der FAZ. Bereits 1994 wurde Schirrmacher dort Herausgeber. Und das, obwohl seine 1988 an der Gesamthochschule Siegen vorgelegte Dissertation („Schrift als Tradition – die Dekonstruktion des literarischen Kanons bei Franz Kafka und Harold Bloom“, 180 S.) wohl starke Überschneidungen mit seiner inzwischen nicht mehr greifbaren Magisterarbeit (in Heidelberg) und einem bei Suhrkamp veröffentlichten Buch hatte.

Schirrmachers Arbeit war reich an Höhepunkten. 2002 bezichtigte er Martin Walser wegen seines Romans „Tod eines Kritikers“ des Antisemitismus. 2006 bekannte Günter Grass in einem Interview mit Schirrmacher, dass er sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hatte. In mehreren sehr kontrovers diskutierten Büchern thematisierte Schirrmacher wichtige Gegenwarts- und Zukunftsfragen.

So 2004 in „Der Methusalem-Komplex“ die Vergreisung der Gesellschaft. 2006 in „Minimum“ den Zerfall der Familie. 2009 in „Payback“ die Digitalisierung und das Informationszeitalter. 2013 in „Ego“ das Problem des freien Willens. Schirrmacher erwarb sich dabei den Ruf eines

neokonservativen Propheten und Cheftheoretikers.

Bei seinen Kritikern gilt er als ordinärer Kulturpessimist.

In der autobiografischen Romantrilogie („Das Mädchen“ 2011, „April“ 2014, „Jahre später“ 2018) von Schirrmachers erster Frau, Angelika Klüssendorf , kommt der Journalist als „Ludwig“ im dritten Teil nicht besonders gut weg.

 

1875: „Handelsblatt“-Herausgeber Gabor Steingart entlassen

Samstag, Februar 10th, 2018

2008 kam Gabor Steingart vom „Spiegel“ zum „Handelsblatt“. Die Zeitung gehört zur Holtzbrinck-Gruppe, in der z.B. noch das „Handelsblatt“-Schwesterblatt „Wirtschaftswoche“, der Berliner „Tagesspiegel“ und „Die Zeit“ (zur Hälfte) erscheinen. Steingart machte bei Holtzbrinck schnell Karriere. 2010 wurde er Chefredakteur (was ihm beim „Spiegel“ nicht gelungen war), 2013 stieg er in die Geschäftsführung auf, wurde schließlich Anteilseigner. Mit dem eher scheuen Verleger

Dieter von Holtzbrinck

soll er befreundet gewesen sein. In Zeiten der Digitalisierung baute Steingart die Holtzbrinck-Gruppe erkennbar um. 2011 feuerte Steingart den noch weit konservativeren

Roland Tichy.

Seine Stelle bekam die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel, die aber nicht reüssierte, sondern Herausgeberin wurde. 2012 stellte Gruner & Jahr den „Handelsblatt“-Konkurrenten „Financial Times Deutschland“ ein.

Neben seinen vielen Funktionen schrieb Steingart noch ein „Morning Briefing“, eine Mischung aus süffisanter Kommentierung und Marketing für „Handelsblatt“-Inhalte. Dabei trug er recht dick auf, wie Caspar Busse und Claudia Tieschky schreiben (SZ 10./11.2.18). Michael Hanfeld (FAZ 10.2.18) meint sogar, dass Steingart „stets mit dem Vorschlaghammer“ schreibe, maßlos übertreibe, gezielt überziehe, „keine Gefangenen“ mache und „kein Hehl daraus, dass er sich für wichtig hält“. Christian Meier (Die Welt, 10.2.18) schreibt: „Wenn man so will, ist Steingart eine der wenigen wirklich interessanten, weil polarisierenden Figuren der Verlagsbranche.“

Am 7. Februar 2018 ist Steingart wohl über das Ziel hinausgesochossen. Da schrieb er im „Morning Briefing“ über

Martin Schulz‘

„perfekten Mord“ an Sigmar Gabriel: „Der Tathergang wird in diesen Tagen minutiös geplant. Der andere soll stolpern, ohne dass ein Stoß erkennbar ist. Er soll am Boden aufschlagen, scheinbar ohne Fremdeinwirkung. Wenn kein Zucken der Gesichtszüge mehr erkennbar ist, will Schulz den Tod des Freundes aus Goslar erst feststellen und dann beklagen. Die Tränen der Schlussszene sind dabei die größte Herausforderung für jeden Schauspieler und so auch für Schulz, der nichts Geringeres plant als den perfekten Mord.“

Dieter von Holtzbrinck haben diese Sätze anscheinend so aufgebracht, dass er Martin Schulz unmittelbar eine Entschuldigungs-Depesche sandte. Am 9. Februar informierte Holtzbrinck persönlich auf einer Mitarbeiterversammlung der „Handelsblatt“-Gruppe über die Entlassung Gabor Steingarts. Daraufhin schrieben der „Handelsblatt“-Chefredakteur, der „Wirtschaftswoche“-Chefredakteur und deren Herausgeberin an Holtzbrinck, dass sie hinter Steingart stünden und dass sie die Entlassung als „Bestrafung für eine – wengleich unbequeme – Meinung“ kritisierten.

1873: SPD – außer Rand und Band

Samstag, Februar 10th, 2018

Die SPD bleibt führend in der Selbstdemontage. Und im Kleinreden eigener politischer Erfolge. Die Partei ist tief gespalten. Nicht nur einmal. Der Sturz von Schulz freut viele Genossen. Manche reiben sich klammheimlich die Hände und denken an ihre nun beschleunigte Karriere.

Ob das für künftige Wahlergebnisse gut ist?

1870: Monika Grütters bleibt Kulturstaatsministerin.

Donnerstag, Februar 8th, 2018

Monika Grütters (CDU) bleibt wahrscheinlich Kulturstaatsministerin. Das Amt bleibt im Kanzleramt angesiedelt. Damit gilt Grütters (56) als gesetzt. Die geborene Münsteranerin ist seit 2013 in der Bundesregierung für Kultur und Medien verantwortlich (SZ/dpa 8.2.18)

1869: Kritik an der Regierungsbildung

Donnerstag, Februar 8th, 2018

Der SZ-Chefredakteur Kurt Kister schreibt zur Regierungsbildung (SZ 8.2.18):

„Nichts fällt leichter, als die Regierung, so wie sie sich abzeichnet, zu kritisieren, egal wo man politisch steht. Und dennoch ist sie das Beste, was unter den gegebenen Umständen möglich war. Diese Umstände sehen so aus: Die Jamaika-Koalition ist an der FDP gescheitert, auch wenn man das in der FDP anders sieht. Eine Minderheitsregierung ist keine Option, weil Angela Merkel und die CDU dieses Experiment nicht eingehen würden. Neuwahlen schließlich wären falsch, denn Wahlen dürfen nicht nur deswegen wiederholt werden, weil sich Parteien nicht auf politisch durchaus mögliche Koalitionen einigen wollen.“

1868: Die neue Groko kann kommen.

Mittwoch, Februar 7th, 2018

Für die Regierungsbildung in Berlin sind wir auf die Folter gespannt worden. Aber machen wir uns klar, woran das lag.

1. an den 12,6 Prozent für die AfD, die nur für eines bürgt, für eine reaktionäre Politik und die eine Mehrheitsbildung im Bundestag sehr schwer macht.

2. an der Verantwortungslosigkeit der FDP.

3. an der schwierigen Lage, in der die SPD sich befindet. Viele ihrer Mitglieder haben noch nicht begriffen, dass die alten von der Industriearbeiterschaft geprägten sozialen Strukturen allmählich verschwinden. Sie nehmen an, dass die Partei sich in der Opposition besser regenerieren kann als in der Regierung. Das ist nachweislich falsch. Aber die SPD braucht eine starke Führung.

Wir wissen ebenso, dass einige der wichtigsten politischen Fragen im Koalitionsvertrag nicht ausreichend behandelt worden sind:

1. Digitalisierung, 2. Integration von Migranten, 3. Klimawandel. Hätte man hier weiterkommen wollen, hätte es noch viel länger gedauert. Was bringt also der Koalitionsvertrag?

„Für den Alltag vieler Menschen .. würden die Vereinbarungen in einer Reihe von Punkten echten Fortschritt bedeuten, sie würden handfeste Erleichterungen mit sich bringen. Und nicht selten tragen sie genau dort die Handschrift der Sozialdemokraten. Die Eingung will

Geringverdiener entlasten,

Sozialleistungen ausbauen,

Familien unter die Arme greifen,

Rentner unterstützen,

ein – wenn auch zu kleines – Zeichen gegen die Wohnungsnot setzen,

kräftig in Kitas und Ganztagsschulen investieren.

Die möglichen Koalitionspartner machen sich um EUROPA verdient,

indem sie es ausbauen möchten und indem auf Distanz zur bisherigen rigiden Sparpolitik Berlins gehen.“ (Ferdos Forudastan, SZ 7.2.18)

 

1867: Gabriel sollte Außenminister bleiben.

Dienstag, Februar 6th, 2018

Sigmar Gabriel (SPD) hat in seiner kurzen Zeit als Außenminister eine gute Figur gemacht. Selbst Jacques Schuster, einer der Sozi-Verächter der „Welt“ (3.2.18), schreibt:

„In nur wenigen Monaten hat es Gabriel verstanden, einen eigenen Ton zu setzen und der Außenpolitik neben dem alles an sich ziehenden Kanzleramt wieder eine eigene Berechtigung zu verschaffen. Die abgewetzte Diplomatenphrase ist ihm genau so fremd wie die Heißluftballons, die Westerwelle und Steinmeier aufsteigen ließen.

Gabriel redet so weit wie möglich offen. Auch scheute er nicht den Konflikt, weder mit selbstbewussten Mächten wie China noch mit Verbündeten wie Israel. Dabei ist er kein Nörgler, Krakeeler und kleinlicher Besserwisser. Eher ein lernbereiter streitbarer Geist. Der Schaden, den er angeblich durch seine Art etwa im deutsch-israelischen Verhältnis anrichtet, wie einige seiner Kritiker glauben, ist kaum zu messen, und wenn doch, dann hält er sich im Gleichgewicht zu der gewachsenen Glaubwürdigkeit, die er der deutschen Außenpolitik mit seiner Gradlinigkeit verschafft. Man kann nicht Ungarns Victor Orban und Polens PiS-Regierung kritisieren, aber ähnlich illiberale Züge der israelischen Regierung übergehen. Jedenfalls nicht, ohne die eigene Linientreue zu verspielen.

Gabriel würde gern Außenminister bleiben. Sein bisheriges Wirken zeigt, wie schade es wäre, würde er im Sommer wie geplant einen Lehrauftrag an der Bonner Universität übernehmen.“

Der zweite SPD-Minister müsste Martin Schulz sein.

1866: Bild in Manchester abgehängt

Freitag, Februar 2nd, 2018

1. Im „Pursuit of Beauty“-Raum der Manchester Art Gallery ist das 1896 von John William Waterhouse geschaffene Gemälde

„Hylas und die Nymphen“

abgehängt worden. Hylas, der Gefährte von Herkules, wird von Nymphen in einen Teich gezogen. Die Nymphen sind als nackte, pubertierende Mädchen dargestellt. An Stelle des Bildes hängt ein Zettel an der Wand, der erklärt, das Bild sei abgehängt worden, um „Gespräche darüber anzuregen, wie wir Kunst aus der öffentlichen Sammlung von Manchester ausstellen und interpretieren“. Die Museumsbesucher werden ermutigt, ihre Gedanken dazu auf Klebezetteln danebenzuhängen. Laut der Kuratorin für zeitgenössische Kunst geht es nicht darum, „die Existenz bestimmter Kunstwerke zu leugnen“. Vielmehr sei der Präsentationszusammenhang überholt, in dem männliche Künstler weibliche Körper als passiv-dekorativ oder als Femme fatale zeigten. Das Konzept „Pursuit of Beauty“ sei zu lange nicht überdacht worden.

2. Das New York Museum of Modern Art sollte kürzlich mit einer Unterschriftensammlung dazu bewogen werden, das Bild „Thérèse, träumend“ des polnisch-französischen Malers Balthus abzuhängen. Es zeigt ein minderjähriges Mädchen in zweideutiger Pose. Das Museum romantisiere, „die Darstellung von Kindern als Objekt“. Das Gemälde hängt bisher noch.

3. Anders ein Selbstporträt des US-Fotorealisten Chuck Close in einem Gebäude der Universität von Seattle. Es wurde abgehängt, als Models Close beschuldigten, sich sexuell „anzüglich“ verhalten zu haben.

4. Eine für den Herbst geplante Hamburger Bruce-Weber-Ausstellung wurde nach Belästigungsvorwürfen gegen den Modefotografen vorläufig abgesagt.

5. Philipp Demandt, der Leiter des Städel Museums in Frankfurt und der Kunsthalle Schirn, gab zu bedenken, dass „die Museen bald leer“ wären, mache man „die Tugendhaftigkeit des Künstlers zum Maßstab“ (Alexander Menden, SZ 2.2.18).

6. Jedes Museum, in dem ein Picasso hängt, müsste dann geschlosssen werden.

W.S.: Zensur marsch! Gute Nacht Kunst und Kunstfreiheit!