Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1909: SPD will zurück zur Vernunft

Montag, März 5th, 2018

Der mit 66 Prozent positive SPD-Mitgliedernentscheid ist gut. Am 14. März wird die Kanzlerin gewählt. Wir dürfen der neuen Regierung die Daumen drücken. Gespannt sind wir darauf, wer neben Horst Seehofer aus den Reihen der CSU Minister wird.

1908: Antisemitismus heute

Freitag, März 2nd, 2018

Samuel Salzborn, geb. 1977, ist Politikwissenschaftler und Antisemitismusforscher. Sein letztes Buch hat den Titel „Angriff der Antidemokraten – Die völkische Rebellion der Neuen Rechten“. Er ist Gastprofessor an der TU Berlin. In einem Interview mit Alex Rühle (SZ 2.3.18) beschreibt er den gegenwärtigen Antisemitismus.

Über den Antisemitismus der AfD:

„Man findet offen antisemitische Äußerungen auf allen Ebenen der Partei. Der baden-württembergische Landtagsabgeordnete Wolfgang Gedeon, der sich immer wieder antisemitisch geäußert hat, wurde nicht ausgeschlossen. Es gibt auch keine Kritik an antisemitischen Äußerungen. Dazu kommen der Geschichtsrevisionismus von Björn Höcke und Alexander Gaulands extrem verharmlosende Äußerungen über die Wehrmacht, die ja immerhin den antisemitischen Vernichtungskrieg geführt hat. Das alles wird in der Partei toleriert. Jede förmlich Distanzierung der AfD vom Antisemitismus ist das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben steht, weil sie in eklatantem Widerspruch zur Praxis der Partei steht.“

Über den Kern des Antisemitismus:

„Antisemiten vertreten ihre antisemitischen Vorstellungen nicht neben anderen Vorstellungen, denen man mit Argumenten noch beikommen könnte. Der Antisemitismus hat in der Moderne für viele Menschen die Funktion, scheinbar die gesamte Welt zu erklären. Er wird nicht geglaubt, obwohl, sondern weil er falsch ist. Er liefert ein allumfassendes Erklärungssystem, mit dem die unübersichtliche, fragmentierte Welt sortier- und erklärbar scheint, gerade auch in ihren Widersprüchlichkeiten.“

1907: Vertrauen in den Journalismus ?

Donnerstag, März 1st, 2018

Es ist wohl kein Zufall, dass „Die Welt“ (24.2.18) zwei Journalisten (Adrian Arab und Klaus Geiger) den Deutschland-Chef von „Reporter ohne Grenzen“, Christian Mihr, nach dem Vertrauen in den Journalismus in Deutschland befragen lässt.

Welt: … Der Medienwissenschaftler Michael Haller sagt in einer Studie, die Medien hätten zu unkritisch über Zuwanderung geschrieben.

Mihr: Es ist schon so, dass die Journalistenszene mehrheitlich eher linksliberal ausgerichtet ist, das hat zuletzt wieder die „Journalismus in Deutschland“-Studie offenbart. Die meisten Journalisten sind Akademiker und haben keinen Migrationshintergrund.

Welt: Schwindet also das Vertrauen, weil die meisten Journalisten eine ähnliche Denkweise haben?

Mihr: Der Beruf ist immer akademischer geworden. Viel zu viele Journalisten nehmen die Welt durch dieselbe Brille wahr. Die Vielfalt in den Redaktionen sollte die Vielfalt der Wirklichkeit abbilden. Alles andere führt zu einer eindimensionalen Wahrnehmung der Wirklichkeit. Wenn alle Journalisten ähnlich sozialisiert sind, ist das letztlich eine Gefahr für die ausgewogene Berichterstattung.

Welt: Seit der Flüchtlingskrise grassiert der Vorwurf der Fake News und der Lügenpresse …

Mihr: Ja, beides unsägliche Begriffe. Gemeint ist ein anhaltendes Misstrauen in den Journalismus. Aber die Zahl der Menschen, die den Medien misstrauen, ist nicht größer geworden. Sie liegt in unterschiedlichen Studien seit vielen Jahren zwischen 20 und 30 Prozent, mit Schwankungen von Jahr zu Jahr. … Es gibt keinen dramatischen Vertrauensschwund.

Welt: Die neun Landesrundfunkanstalten (W.S.: NDR, RBB, RB, MDR, WDR, HR, BR, SR, SWR) machen neun Fernsehangebote und 60 Hörfunkprogramme. Würde die Pressefreiheit eine Halbierung des Angebots verkraften?

Mihr: Ein starker öffentlicher Rundfunk ist wichtig, weil die Medienvielfalt eine wichtige Säule von Pressefreiheit ist. Je unterschiedlicher die Medien sind, desto vielfältiger sind die Sichtweisen. Insofern ist eine gesunde Balance von privaten und öffentlich-rechtlichen Medien wichtig.

 

1906: Jerofejew/Schneider: Wie wir Russland sehen.

Donnerstag, März 1st, 2018

Bedauerlicherweise bestehen über Russland sehr viele Vorurteile. Die Schriftsteller Viktor Jerofejew und Peter Schneider legen in einem Gespräch mit der FAZ-Russland-Korrespondentin Kerstin Holm vor den Präsidentenwahlen ihre Sicht der Dinge dar (FAZ 17.2.18). Ich fasse die Aussagen zusammen:

1. Seit der Oktoberrevolution 1917 haben bei politischen Auseinandersetzungen in Russland 60 Millionen Menschen gewaltsam ihr Leben verloren.

2. Putin ist das Ergebnis des Misserfolgs der russischen Demokratie in den Neunzigern.

3. Seine derzeitige Popularität beruht auf der Annexion der Krim und dem unerklärten Krieg in der Ukraine. Dafür schätzen ihn die weitaus meisten Russen.

4. Warum sollte Putin den baltischen Staaten (Estland, Lettland, Litauen) gegenüber nicht eine ähnliche Strategie verfolgen?

5. Putin schreckt nicht davor zurück, in Syrien Giftgasattacken und Folterungen zu decken und im Weltsicherheitsrat jede Lösung zu torpedieren.

6. „Russland-Versteher“ gibt es in Deutschland traditionell auf der deutsch-nationalen Rechten (heute: AfD), bei den Linken und auch bei den Globalisierungskritikern von Attac.

7. Die EU hat Angst vor Russland.

8. Bei freien Wahlen in Russland hätte der Ultranationalist Wladimir Schirinowski sehr gute Chancen. Auch der tschetschenische Despot Ramsan Kadyrow. Die Liberalen kämen wohl auf ca. 15 Prozent, Aleksej Nawalnyj auf etwa acht (8) Prozent. Machen wir uns also nichts vor.

9. Mehr als 55 Prozent der Russen halten Stalin für den Haupthelden des 20. Jahrhunderts.

10. Putin selbst ist liberaler als die russische Bevölkerung. Diese würde gerne die Todesstrafe wieder einführen und das Recht, untreue Frauen zu verprügeln.

11. Der Oppositionelle Aleksej Nawalnyj hat für Putin die Funktion, dass er seinetwegen seine Minister an der Kandare halten kann.

12. Ein vorsichtiger Blick in die Zukunft lässt erkennen, dass der kalte Krieg mit Russland noch kälter werden wird.

1905: Hohe Gehälter für Auto-Vorstände

Mittwoch, Februar 28th, 2018

In der Autoindustrie bekommen die Vorstände im Durchschnitt pro Jahr

1,1 Millionen Euro brutto.

Im Durchschnitt aller Branchen sind es nur 451.000 Euro. Das geht aus einer Untersuchung der Managementberatung Kienbaum hervor, bei der rund 3.500 Vorstandsmitglieder in mehr als 1.100 Unternehmen befragt worden sind (FAZ 24.2.18).

1904: Entscheidung zum Fahrverbot musste kommen.

Mittwoch, Februar 28th, 2018

Die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts für Fahrverbote in den Städten musste kommen. Weil die Bundesregierung nicht genug getan hat (hieß der Verkehrsminister nicht Alexander Dobrindt von der CSU, diese schwarze Null). Vor allem aber, weil die Autoindustrie in dieser Hinsicht wohl unfähig ist. Was machen die ganzen sehr hoch bezahlten Auto-Vorstände eigentlich, außer uns wie beim Diesel zu betrügen?

Umzusetzen ist ein Fahrverbot aus vielen verschiedenen Gründen kaum. Was soll das Handwerk tun, wenn es nicht mehr in die Stadt fahren kann? Das geht gar nicht.

Die Autoindustrie ist am Zug.

1903: Essener Tafel: dazu ist die Union gespalten.

Mittwoch, Februar 28th, 2018

Die Union (CDU und CSU) war gut gestartet in die hoffentlich bald kommende Regierungsbildung: mit dem CDU-Parteitag, mit der Ernennung Annegret Kramp-Karrenbauers zur Generalsekretärin, mit der Nominierung Jens Spahns als Gesundheitsminister. Aber lange hielt der schöne Schein nicht. Denn bei der Beurteilung der Aussperrung von Ausländern bei der Essener Tafel ist die Union tief gespalten.

Und das ist symptomatisch für die Politik der Union in der ganzen letzten Zeit seit der Flüchtlingskrise 2015.

Während CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt (der Ex-Minister mit der Ausländermaut) die Entscheidung der Tafel begrüßte und sagte, es sei „richtig, dafür zu sorgen, dass es nicht zu einer Verdrängung kommt“; meinte Angela Merkel, die Entscheidung sei „nicht gut“. Sie hoffe, dass „man da auch gute Lösungen findet, die nicht Gruppen ausschließen“ (Robert Rossmann/Christian Wernicke SZ 28.2.18).

Trennungsgrund bei der Union ist sind stets die Ausländer und Flüchtlinge. Auf der einen Seite diejenigen wie Dobrindt, die das Fremde, die Ausländer und Flüchtlinge fürchten, die sie ablehnen und aus dem Land haben möchten (das geht Richtung AfD). Auf der anderen Seite diejenigen, die wie Angela Merkel Liberalität, Offenheit und Toleranz in den Vordergrund stellen (das geht in Richtung eines geeinigten Europa).

Eine Einigung gibt es dabei nicht.

Schade für Deutschland.

1902: Ärzte verdienen am meisten.

Dienstag, Februar 27th, 2018

Beim Einkommen der Fach- und Führungskräfte in Deutschland gibt es große Unterschiede. Das ergibt eine Umfrage der Job-Plattform Stepstone unter 50.000 Fach- und Führungskräften. Je nach

– Beruf,

– Branche,

– Größe des Unternehmens und

– Region.

Während Führungskräfte im Schnitt

– 56.000 Euro

brutto verdienen, liegt das Durchschnittseinkommen von

– Ärzten bei 84.000,

– Bankern bei 71.000,

– Ingenieuren bei 67.000 Euro.

Jeder dritte Arzt hat ein Gehalt von über 100.000 Euro, bei Bankern ist es nur jeder siebte. Am unteren Ende rangieren Fachkräfte in Pflege- und Therapieberufen mit durchschnittlich 38.500 und im Handwerk mit 39.000 Euro. Angeblich ist Führungskräften die Höhe ihres Gehalts weniger wichtig als die Sicherheit des Arbeitsplatzes und ein gutes Betriebsklima (SZ 27.2.18).

1901: Günter Rohrbach gruselt es.

Dienstag, Februar 27th, 2018

Günter Rohrbach, geb. 1928, ist wohl der erfolgreichste deutsche Fim- und Fernsehproduzent (z.B. „Das Boot“). Er war WDR-Fernsehspiel-Chef und Geschäftsführer der Bavaria. Er hat Katja Nicodemus (Die Zeit 15.2.18) ein Interview zur #MeToo-Debatte gegeben.

Zeit: Es geht ja nicht nur um Wedel, sondern um Firmen und Sender, die ihn gewähren ließen.

Rohrbach: Natürlich ist die Diskussion um #MeToo absolut notwendig. Und natürlich steckt mehr dahinter als bloß der böse Wedel. Trotzdem müssen wir aufpassen, dass wir uns nicht in absurde Situationen hineintreiben lassen. Wenn ich zum Beispiel lese, dass ein oder zwei Sexismus-Beauftragte in die Produktionen hineingesetzt werden sollen, dann gruselt es mich. Und neben vielem anderen stört mich an der jetzigen Diskussion das Klischee, dass Regisseure ihre Frauen nach sexuellen Bedürfnissen casten. Es steht für die Regisseure viel zu viel auf dem Spiel, als dass sie sich das leisten könnten. Im übrigen sind Rollenbesetzungen Kollektiventscheidungen. Da reden die Produzenten mit und oft auch die Fernsehredakteurinnen.

1900: Werner Herzog verurteilt Woody Allen.

Dienstag, Februar 27th, 2018

Der deutsche Regisseur Werner Herzog („Fitzcarraldo“) verurteilt Woody Allen in einem Interview mit Hannes Roß und Stephan Maus (Stern 8.2.18):

Stern: Inzwischen spenden sogar Schauspieler aus Woody-Allen-Filmen ihre gesamt Gage und sagen, ich bereue, mit ihm gedreht zu haben.

Herzog: Bei Woody Allen wusste man schon lange, dass er nicht ganz koscher ist.

Stern: Vor Gericht wurde Woody Allen allerdings freigesprochen.

Herzog: Es spielt keine Rolle, ob er freigesprochen wurde oder nicht. Harvey Weinstein wird vielleicht auch freigesprochen werden.