Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1961: Lit-Verleger zieht Unterschrift zurück.

Donnerstag, April 12th, 2018

Der Verleger des Lit-Verlags, Wilhelm Hopf, hat seine Unterschrift unter die „Gemeinsame Erklärung 2018“ zurückgezogen, nachdem die Lektoren und Programmgestalter des Verlags und viele Autoren sich von seiner Unterschrift distanziert hatten. Die Unterschrift sei ein Fehler gewesen, heißt es in einer „Stellungnahme“. Er habe „ohne Prüfung“ der Initiatorin vertraut und „nicht genügend wahrgenommen, dass die Erklärung zu vereinfachenden populistischen Folgerungen verleitet“.

Seine Haltung zur Migrationspolitik komme in der Erklärung „nicht in der für die Debatte notwendigen Differenziertheit zum Ausdruck“. Er habe nicht berücksichtigt, dass er immer im Zusammenhang mit Autoren und Lektoren gesehen werde. Die „Gemeinsame Erklärung 2018“ entspreche „in keiner Weise der Programm-Pluralität des Verlags“. Der Lit-Verlag versteht sich als einer der führenden deutschsprachigen Wissenschaftsverlage mit interdisziplinärer, internationaler Ausrichtung (SZ 12.4.18).

1960: „Nicht zur Veröffentlichung bestimmt“

Mittwoch, April 11th, 2018

Wenn eine posthum erscheinende Publikation den Titel trägt „Nicht zur Veröffentlichung bestimmt“, dann kann es sich um Koketterie handeln. So im Fall der langjährigen Suhrkamp-Lektorin

Elisabeth Borchers,

die 2013 im Alter von 87 Jahren gestorben ist. „Nach nahezu 40 Jahren ein rücksichtsloser Blick auf Verlag, Autoren, Bücher, Manuskripte. Kein Pardon soll gegeben werden.“ (Julia Encke, FAS 8.4.18) Und wir, die wir den Literaturklatsch so mögen, erwarten viel. Wir werden kaum enttäuscht.

Vor allem die Rezensentin Encke, die Borchers sichtlich nicht mag, liefert uns manches, von dem wir noch lange zehren werden. „Handke klingelte bei ihr und fragte ihren Lebensgefährten, ob er, Handke, mit ihr schlafen dürfte.“ Etc.

„Der Verleger Siegfried Unseld war bekannt dafür, einen Satz von Peter Suhrkamp zu zitieren:

‚Der Autor ist uns turmhoch überlegen.‘

Er kannte die Demut vor der schriftstellerischen Existenz, begriff sich als Ermöglicher. Die Lektorin Elisabeth Borchers wollte eine Ermöglicherin offenbar nicht sein, sondern einfach nur bedeutend.“

Borchers hatte 1961 ihren ersten Gedichtband veröffentlicht. Sie kam als Lektorin zu Luchterhand, 1971 zu Suhrkamp nach Frankfurt. Mit ihrem Ruhestand 1998 begann sie die hier zugrundeliegenden Aufzeichnungen. Mit ihren Urteilen hielt sie nicht hinter dem Berg. „Wohin man auch schaut und liest, Hochstapelei.“ (Sandra Kegel, FAS 7.4.18)

Bösartigkeit reiht sich an Bösartigkeit. Ihr Chef, Siegfried Unseld, sei schon immer scharf gewesen auf den Professorentitel. „Ohne ihr Lektorat waren Johnsons ‚Jahrestage‘ eine ‚Farce‘. Frisch war ‚hellhörig‘ genug, auf ihren Rat hin ein Manuskript zurückzuziehen, das später in einer anderen Fassung als

‚Montauk‘

erschien.“ Ja, dann!

1959: Freiheit, die ich meine.

Dienstag, April 10th, 2018

Tim Reiss liefert uns in der „Zeit“ (28.3.18) ein Brevier über den Freiheitsbegriff:

1. Thomas Hobbes (1588-1679) verstand unter Freiheit Willkürfreiheit: Frei ist, wer tun kann, was er will, und daran von anderen nicht gehindert wird.

2. Das war für Immanuel Kant (1724-1804) unzureichend. Er nahm an, dass wir auch von innen und durch uns selbst unfrei sein können. Unfrei handelt danach auch, wer stets allen Eingebungen des Augenblicks folgt. Für Kant bestand Freiheit nicht nur in Willkürfreiheit, sondern als Autonomie oder Selbstgesetzgebung. Die höchste Form der Freiheit ist bei ihm ein Handeln nach solchen Regeln, von dem wir wollen können, dass sie allgemeines Gesetz wären. Der berühmte

kategorische Imperativ.

3. Der moderne Freiheitsbegriff ist ein dritter. Er zielt weder auf die bloße Abwesenheit äußerer Zwänge noch auf vernünftige Selbstgesetzgebung. Dieser individualistische Freiheitsbegriff fasst Freiheit als Selbstverwirklichung und Selbsterfüllung. Zum ersten Mal kam er vor im Liberalismus bei John Stuart Mill (1806-1873).

4. Heute nehmen wir an, dass wahre Freiheit durch die Internalisierung von Motiven beschädigt werden kann, die nicht zu dem passen, was uns eigentlich als Individuen ausmacht. Das beruht auf zwei Annahmen: dass es erstens einen Unterschied zwischen selbstbestimmten und frembestimmten Handlungen gibt, und zweitens auch einen Unterschied zwischen authentischen Wünschen und solchen, die uns von unserem „wahren Selbst“ entfremden.

1958: Auch die Psychoanalyse rechts ?

Montag, April 9th, 2018

Die vielen Unterzeichner der „Gemeinsamen Erklärung 2018“ gegen die Solidarität mit Flüchtlingen sind naturgemäß von Journalisten bereits auf ihre Gesinnung hin analysiert worden. Dabei kommt heraus, was nicht anders zu erwarten war. Dass auch Psychoanalytiker nicht davor gefeit sind, fremdenfeindliche Ressentiments zu schüren. So der Psychoanalytiker aus der DDR, Hans-Joachim Maaz, der uns ursprünglich über die Mentalität der DDR-Bevölkerung aufklären wollte:

Der Gefühlsstau. 1990,

Die Liebesfalle. 2007,

Das falsche Leben. 2017.

Wir sehen, dass auch Hans-Joachim Maaz seine DDR-Behinderung noch nicht überwunden hat. Wie auch? (Martin Machowecz, Die Zeit 28.3.18)

1957: Felix Klein: erster Antisemitismus-Beauftragter

Montag, April 9th, 2018

Der Diplomat Felix Klein wird der erste „Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus“. Bisher ist er der diesbezügliche Sonderbeauftragte des Auswärtigen Amtes. Insofern ist er bereits jetzt Hauptansprechpartner des Außenministeriums für international tätige jüdische Organisationen. Er koordiniert die außenpolitischen Maßnahmen der Bundesregierung bei der Antisemitismusbekämpfung (SZ 9.4.18).

1956: Orban-Kritikerin Agnes Heller über Ungarn

Sonntag, April 8th, 2018

Die 88-jährige Holocaust-Überlebende Agnes Heller wurde nach dem ungarischen Aufstand 1956 aus der KP Ungarns ausgeschlossen und ist 1977 emigriert. Sie war Professorin für Philosophie in Budapest und New York. Mittlerweile lebt sie wieder in Budapest. Peter Münch hat sie für die SZ (6.4.18) interviewt:

SZ: Sie gelten als scharfe Kritikerin von Ministerpräsiden Victor Orban. Was hat er in den vergangenen acht Jahren aus Ungarn gemacht?

Heller: Einen Scheiterhaufen hat er aus Ungarn gemacht. Er hat das Land ganz und gar zugrundegerichtet.

SZ: Wirtschaftlich oder politisch?

Heller: Beides. Politisch hat er die Freiheiten eingeschränkt, vor allem haben wir keine Pressefreiheit mehr. Und von dem Geld, das Ungarn von der Europäischen Union bekommen hat, sind nach der Rechnung von Ökonomen 20 bis 30 Prozent in den Taschen von Orban und seinen Leuten gelandet. Das heißt: die stehlen. Außerdem ist seine ganze Politik auf Lügen aufgebaut.

SZ: Ist die EU in den verganenen Jahren zu vorsichtig und großzügig mit Victor Orban umgegangen?

Heller: Sie hat sicherlich weniger getan, als sie hätte tun können. Aber ich glaube nicht, dass dies das eigentliche Problem ist. Ungarn hat 1990 die Freiheit als Geschenk erhalten. Wir haben dafür nicht bezahlt, wie zum Beispiel die Rumänen, und wir konnten mit dieser Freiheit nichts anfangen. Unsere Politiker waren tödlich naiv – und deswegen haben wir Orban bekommen, der überhaupt nicht naiv ist. Er ist ein Machtmensch, und nichts anderes als die Macht interessiert ihn. Mit Orban zahlen wir nun die unbezahlte Schuld von damals ab.

SZ: Was könnte denn passieren, wenn Orban nun die Wahl verliert?

Heller: Er würde den eigenen Untergang nicht tolerieren. Er hat schließlich schon gesagt, dass alle Oppositionskräfte Spione sind oder Soldaten von George Soros. Wir wissen nicht, ob er Gewalt einsetzen würde, aber das ist auch eine Möglichkeit. Man kann sich bei ihm alles vorstellen.

SZ: Und was, wenn er noch einmal gewinnt? Wohin wird er dann das Land führen?

Heller: Ungarn ist unter ihm doch schon eine Diktatur.

SZ: Diktatur? Es wird frei gewählt und jeder kann seine Meinung frei sagen.

Heller: Das sagt überhaupt nichts, das ist heute immer der Fall. Wir leben nicht mehr in einer Klassengesellschaft, in der man ein Einparteiensystem erreichten muss, um eine Diktatur zu haben. Heute leben wir in einer Massengesellschaft, da hat man freie Wahlen und es wird immer derselbe Mann gewählt. Auch Putin und Erdogan lassen wählen. Der einzige Unterschied in Ungarn ist, dass die Bevölkerung jetzt die Möglichkeit hat – vielleicht die letzte Möglichkeit – sich gegen die Dikatatur zu entscheiden.

SZ: Und wenn es nicht gelingt?

Heller: Dann werden wir alle Hoffnung verlieren.

1955: Manfred Jenke gestorben

Samstag, April 7th, 2018

Im Alter von 86 Jahren ist der langjährige, sehr erfolgreiche Hörfunkdirektor des WDR, Manfred Jenke, gestorben. Vorher war er Leiter der Hauptabteilung Information beim NDR. Bis zu seiner Pensionierung 1993 hat er mit großem journalistischen und rundfunkpolitischen Weitblick gearbeitet. Unter seiner Leitung wurden der Hörfunk regionalisiert und neue Magazinformen entwickelt. Vorbildlich in der Informationsgebung (SZ 7./8.4.18).

1954: Brumlik: Juden dürfen sich nicht den Mund verbieten lassen.

Samstag, April 7th, 2018

In einer Rezension des Buches „Muslimischer Antisemitismus – eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland“ von David Ranan begründet Micha Brumlik, dass auch deutsche Juden sich nicht den Mund verbieten lassen dürfen:

„Nein, wir selbstbewussten Jüdinnen und Juden der Diaspora lassen uns weder von Vertretern der völkerrechtswidrigen israelischen Annektionspolitik den Mund verbieten, schon gar nicht angesichts der Sorge, dass die Politik der iranischen Regierung und ihrer Hilfstruppen zur Zerstörung Israels und seiner multikulturellen Bevölkerung führen könnte: ein geplanter nuklearer Genozid, dem keineswegs nur Jüdinnen und Juden zum Opfer fallen würden. Wie heißt es schon in Adornos ‚Minima Moralia‘? ‚Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zulassen‘ oder – so ließe sich das für uns Diasporajuden zeitgemäß ergänzen: ‚den Mund verbieten zu lassen‘.“ (taz 3.4.18)

1953: Carl („Charlie“) Weiß ist tot.

Samstag, April 7th, 2018

Die meisten von uns kannten ihn als kenntnisreichen Auslandskorrespondenten des ZDF in Ostasien, in London und Washington. 1978 wurde er Programmkoordinator Politik der ARD. Danach Korrespondent in Brüssel (bis 1988). Charlie Weiß wurde 1925 in Schlesien geboren und startete nach 1945 seine journalistische Karriere in München bei der „Neuen Zeitung“, dann der „Süddeutschen Zeitung“. In den Sechzigern war er Presseattaché an der deutschen Botschaft in Indien. Er hat uns das Ausland erklärt. Er war 1963 der erste Redakteur im Studio bei der seinerzeit neuen ZDF-Nachrichtensendung „Heute“. Jetzt ist Charlie Weiß gestorben (SZ 5.4.18).

1952: Die Gegenerklärung

Freitag, April 6th, 2018

Die Gegenerklärung zur „Gemeinsamen Erklärung 2018“ ist unter dem Titel „Unsere Antwort für Demokratie und Menschenrechte“ erschienen. Sie lautet:

„Die Menschenrechte enden an keiner Grenze dieser Welt. Wir solidarisieren uns mit allen Menschen, die vor Krieg, Verfolgung und Armut in unserem Land Zuflucht suchen, und wenden uns gegen jede Ausgrenzung.“

Unterschrieben ist sie u.a. von

dem Verleger Christoph Links,

dem Schriftsteller Jakob Hein,

dem Menschenrechtler Bahman Nirumand,

dem Philosophen Klaus Theweleit.

Sie können sich anschließen unter:

antwort2018.hirnkost.de.