Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1981: Robert Habeck (Grüne) will kein moralischer Streber sein.

Dienstag, Mai 15th, 2018

Der neue Grünen-Vorsitzende Robert Habeck erläutert in einem Gespräch mit Giovanni di  Lorenzo (Die Zeit, 3.5.18) seine Leitlinien:

„Wir wollen mehr in die Breite der Gesellschaft wirken. Wir wollen mehr sein als eine qualifizierte Minderheit. Zu der zählen im Zweifel nur die, die ein Parteibuch haben oder die schon einmal die Grünen gewählt haben. Alle anderen werden nicht angesprochen und sagen folglich: Na gut, dann redet halt untereinander, wenn ihr nicht mit uns reden wollt!“

„Es gibt diesen Spruch, dass wir die Menschen erreichen müssen, die grün denken – 30 Prozent oder so. Aber diese Vorstellung, dass man erst grün denken muss, um die Grünen wählen zu können, widerstrebt mir. Ehrlich gesagt ist mir im Grunde egal, was die Menschen denken. Hauptsache, wir einigen uns auf politische Projekte, die uns verbinden und mit denen wir die Zukunft in die Hand nehmen. Die Gedanken dürfen gerne frei bleiben.“

„Europa pumpt Miliardenbeträge in die Landwirtschaft, ohne für dieses öffentliche Geld öffentliche Leistungen zu fordern. Der Appell an den einzelnen hat in den vergangenen Jahren immer wieder politische Maßnahmen ersetzt: Man kann doch nicht den Verbrauchern vorwerfen, dass sie Facebook nutzen. Selbst den Reichen nicht, dass sie versuchen, Steuern zu sparen, und legale Schlupflöcher nutzen. Sondern es ist Job der Politik, die Löcher zu schließen. In den letzten Jahren wurden die Debatten aber entpolitisiert und ins Private verschoben. Wir müssen die Prozesse in die Poilitik zurückholen, statt darauf zu vertrauen, dass sich alle engelhaft verhalten. Wir leben in einem demokratischen Staat. Und der Sinn davon ist, dass er uns entlastet von privatem vorbildhaftem Verhalten. Wir müssen keine moralischen Streber sein, dafür haben wir die Politik. Aber die muss dann natürlich auch liefern.“

„Heimat ist da, habe ich mal gelesen, wo man doof sein kann. Das klingt zunächst so lächerlich, aber es meint etwas sehr Ernstes: nicht immer jedes Wort auf die Goldwaage legen zu müssen, sich nicht immer rechtfertigen zu müssen. Das gelingt am ehesten im Kreis von vertrauten Menschen. Ich liebe meine Söhne ja auch, wenn sie dumme Sachen erzählen. An Weihnachten macht nicht der Tannenbaum Heimat aus, sondern die Gespräche, wenn die Familie zusammen ist, die Bindung – und auch von dem Anspruch abzulassen, sich immer korrekt artikulieren und rechtfertigen zu müssen.“

1980: Im Zentrum: Hajo Seppelt

Montag, Mai 14th, 2018

Hajo Seppelt, 55, gehört seit Jahrzehnten zu den renommiertesten deutschen Sportjournalisten.  Seit etwa 20 Jahren ist er führend in der Doping-Aufklärung. Er hat 2014 das russische Staatsdoping ans Licht gebracht. Das Sportministerium dirigierte, Mitarbeiter des Geheimdienstes FSB, der nationalen Anti-Doping-Agentur (Rusada) und das Moskauer Kontroll-Labor waren an der Täuschung beteiligt. Die von der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) eingesetzte McLaren-Kommission hat Seppelts Ergebnisse voll bestätigt. Da ist es in einem so rückständigen politischen System wie dem russischen nur schlüssig, dass Hajo Seppelt auf die Liste der bei der Fußball-WM „unerwünschten Personen“ gesetzt wird. Das ist in Russland nichts Besonderes. Dort gibt es keine Pressefreiheit.

Seppelt selbst sagt dazu: „Das liegt natürlich daran, dass wir kritisch über Russland berichtet haben, dass wir das russische Staatsdoping 2014 aufgedeckt haben. Es sieht ganz so aus, als ob das eine der Konsequenzen ist.“

Gegen die Maßnahme protestiert haben der parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Stephan Mayer (CSU), und die Grünen-Chefin Annalena Baerbock. Auch das Auswärtige Amt hat sich eingeschaltet. Die Vorsitzende des Sportausschusses des Deutschen Bundestags, Dagmar Freitag (SPD), bezeichnete das Einreiseverbot als skandalös. Pflaumenweich wie immer der DFB. Sein Vorsitzender Reinhard Grindel: „Ich habe volles Vertrauen, dass die FIFA jetzt ihren Einfluss geltend macht, damit Herr Seppelt ungehindert aus Russland berichten kann.“

Auf Grund von Seppelts Recherchen ergab sich der Verdacht, dass 34 russische Fußballspieler gedopt waren. Darunter der komplette Kader der russischen Nationalelf, der 2014 an der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien teilnahm.

Den Höhepunkt an Verkommenheit drückte der Vorsitzende des russischen Journalistenverbands, Wladimir Solowkow, aus, als er sagte: „Seppelt muss unbedingt ein russisches Visum bekommen, er sollte unsere Weltmeisterschaft besuchen.“ Er fügte dann hinzu: „Allerdings sollte man ihn unbedingt unter Schutz stellen, damit er nicht zufällig von einem Kenner seines ‚journalistischen Talents‘ verprügelt wird.“

Herr Solowjow kündigt öffentlich russische Stammtisch-Prügel an. So wird dort regiert (Jens Schneider, SZ 14.5.18; Claudio Catuogno, SZ 14.5.18; FAS 13.5.18).

1979: Amos Oz: Die Besatzung zerstört die Seelen.

Freitag, Mai 11th, 2018

Thorsten Schmitz (SZ 11.5.18) hat den israelischen Erfolgsschriftsteller Amos Oz in Tel Aviv interviewt. Der ist in Jerusalem aufgewachsen (geb. 1939), hat dann 30 Jahre im Kibbuz Hulda und 20 Jahre in der Wüste von Arad gelebt. Seit einiger Zeit wohnt er in Tel Aviv.

SZ: Sie haben die Friedensbewegung „Peace Now“ mitbegründet und kritisieren seit Jahrzehnten die Besatzung. Aber nicht immer waren Sie so friedensbewegt.

Amos Oz: Ich bin in einer sehr rechten Familie in einer sehr militanten Umgebung in den Vierzigerjahren aufgewachsen. Die Welt in Jerusalem war damals geteilt in „sie oder wir“. Wir hatten recht, die anderen nicht. Erst haben sie uns aus Europa geworfen, jetzt wollen sie auch noch unser Liliputland nehmen. Diese Weltsicht besaß auch ich, bis ich einen britischen Polizisten kennengelernt habe. Meine Freunde schimpften mich einen Verräter, weil ich mich mit unserem Feind angefreundet hatte. Das war das erste Mal, dass man mich so nannte, mit acht Jahren. Seitdem werde ich bis heute in meinem Land so bezeichnet, inzwischen betrachte ich es als Kompliment. Ich weiß, dass man die Welt nicht nur mit einem Paar Augen betrachten kann.

SZ: Israels Premierminister Benjamin Netanjahu scheint an einer Heilung der Narben nicht interessiert zu sein.

Amos Oz: Netanjahu sät Hass zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Lagern, auch um von den Korruptionsermittlungen gegen ihn abzulenken. Ich würde mich freuen,

wenn seine Regierung zur Hölle fährt.

Er sät Hass zwischen Juden und Arabern, zwischen Aschkenasen und Sepharden, zwischen Säkularen und Religiösen. Er strickt am Mythos „entweder wir oder sie“. Sie, das ist die ganze muslimische Welt. Wir sind die Guten, Europa, der Westen.

SZ: Was macht die Besatzung mit Israelis?

Amos Oz: Die Besatzung ist schrecklich, sie ist eine einzige große Katastrophe. Wenn du einen 18-jährigen jungen Mann, aus gutem Elternhaus, humanistisch erzogen, geduldig, weltoffen, Dienst schieben lässt in den besetzten Gebieten und ihm sagst, du bist jetzt der Chef des Dorfes, du sagst den Palästinensern, wer heraus und wer hinein darf, dann zerstörst du das Kind. Es ist viel zu jung, um alten Männern die Ausreise zu verweigern. Diese schreckliche Erfahrung ist Gift für junge Menschen. Sie können sie nicht verarbeiten. Ein Mensch wird doch nicht geboren, um über einen anderen Menschen zu herrschen.

SZ: Haben es nicht viele Israelis längst aufgegeben, sich mit dem Nahostkonflikt zu beschäftigen?

Amos Oz: So ist es. Ich sehe diese Gleichgültigkeit, und manchmal habe auch ich traurige Momente. Der Konflikt dauert schon viel zu lange, er zerstört die Seelen, und eine Folge dieser Zerstörung ist Gleichgültigkeit. Die Menschen wollen ihr Leben genießen, nicht eine Lösung finden für einen Konflikt, mit dem sie aufgewachsen sind. Gut möglich, dass die Palästinenser die einmalige Chance verpasst haben, dass sie einen Staat nach ihrem Gusto bekommen. Israelischen Politikern kommt der islamistische Fundamentalismus gerade recht, sie stellen das Streben der Palästinenser in eine Reihe mit Bewegungen des IS etwa. Aber ich war schon immer störrisch und möchte mich nicht selbst entmutigen.

1978: Milos Forman ist tot.

Donnerstag, Mai 10th, 2018

Mit Milos Forman (geb. 1932) ist einer der großen Filmregisseure unserer Zeit gestorben. In „Einer flog über das Kuckucksnest“ (1975) floh Chief Bromden (der hünenhafte Will Sampson) aus der Psychiatrie in die Freiheit, nachdem er eine Armaturen-Konsole aus der Verankerung gerissen und durchs Fenster geschleudert hatte. Inspiriert von Randle McMurphy (Jack Nicholson). Der Film bekam fünf Oscars. Repression, Autoritätsgläubigkeit und unterdrückte Sexualität waren Formans Themen. 1985 bekam sein Film „Amadeus“ (nach Peter Shaffers Bühnenstück) acht Oscars. International aufgefallen war Forman erstmals mit „Der Feuerwehrball“ (1967), den ich im deutschen Fernsehen gesehen habe und in dem Forman eine vernichtende Kritik an einem kommunistischen System formuliert. Der Film wurde 1969 in der Tschechoslowakei verboten.

Der 1932 im tschechischen Caslav geborene Forman durchlebte eine Kindheit in der Nazizeit und verlor früh seine Eltern Anna und Rudolf Forman, die im Untergrund gegen Hitler aktiv waren und in Konzentrationslagern starben. Spät erst erfuhr Formann, dass der jüdische Architekt und Holocaust-Überlebende Otto Kohn sein leiblicher Vater war. Forman wurde auf ein Elitegymnasium geschickt, wo der spätere Staatspräsident Vaclav Havel und der nachmalige Filmregisseur Jerzy Skolimowski seine Mitschüler waren. Nach dem Studium an der Filmakademie wurde Formann schnell einer der führenden Vertreter der neuen tschechischen Filmschule. Seine Filme waren latent systemkritisch. Er bekam Probleme mit der Zensur. 1975 kam er in die USA. Dort hatte er mit „Hair“ (1979) und „Larry Flynt – Die nackte Wahrheit“ (1996) Welterfolge (Tobias Kniebe, SZ 16.4.18).

1977: Deutschland ist noch sicherer geworden.

Donnerstag, Mai 10th, 2018

Deutschland ist noch sicherer geworden. Das ergibt die polizeiliche Kriminalstatistik 2017. Sie beruht auf der Zahl der bei der Polizei angezeigten Delikte. „Es sank auch die von Geflüchteten ausgehende Kriminalität.“ Die Kriminalität ist seit 1992 nicht mehr so niedrig gewesen wie 2017. Die Zahl der Diebstähle sank um 11,8 Prozent. Bei Autodiebstählen betrug der Rückgang 8,6 Prozent, bei Taschendiebstählen 22,7 Prozent, bei Wohungseinbrüchen um 23 Prozent. Bei der Gewaltkriminalität (Mord, Totschlag, schwere und leichte Körperverletzung usw.) gibt es einen Rückgang von 2,4 Prozent. Dies gab Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) bekannt.

Wie schon immer nimmt die Bevölkerung dies bei weitem nicht angemessen zur Kenntnis, sondern verharrt vielfach in ihrer Kriminalitätsangst. Diese lässt sich verkoppeln mit der Angst vor Flüchtlingen. Geschürt wird die Angst von der Sicherheits-Industrie und von großen Teilen der Politik (insbesondere CSU, CDU, FDP und AfD).

Der Anteil der Täter ohne deutschen Pass an der Statistik ist gesunken.

Zugenommen haben Kinderpornografie, Computerbetrug, Leistungskreditbetrug, Drogendelikte, Verstöße gegen das Waffengesetz, islamistische Delikte und Antisemitismus. Im linken Spektrum stiegen die Gewaltdelikte um 15,6 Prozent besonders wegen der Gewaltdelikte beim G-20-Gipfel in Hamburg (Constanze von Bullion, SZ 9./10.5.18).

1976: Die Funktion von Feiertagen

Donnerstag, Mai 10th, 2018

An Christi Himmelfahrt fährt Christus auf zum Vater im Himmel, die irdischen Väter fahren mit dem Bollerwagen voll Bier ins Grüne. Unter anderem das nehmen manche verbitterten Atheisten zum Anlass, die Abschaffung der christlichen Feiertage zu verlangen. Aber dadurch würde man nur den Arbeitnehmern ihren freien Tag nehmen.

Wie beim Buß- und Bettag.

Das war für die Arbeitnehmer eine ziemliche Enteignung. Sie wollen seit langem die Feiertage so nutzen, wie es ihnen geboten erscheint, und nehmen weder von Atheisten noch von Kirchen Anweisungen entgegen.

Feiertage sind Freiraum. Sie schützen den Menschen vor pausenlosem Schaffen. Dies ist die Ur-Idee des Ur-Feiertags, des jüdischen Sabbats und des christlichen Sonntags. Der Mensch soll Ruhe haben vor der Arbeit. Eine grandiose soziale Erfindung (Silke Niemeyer, SZ 9./10.5.18).

1975: Athletinnen müssen Testosteronspiegel senken.

Donnerstag, Mai 10th, 2018

Im Hochleistungssport gibt es Athletinnen, deren Körper mehr von dem männlichen Sexualhormon

Testosteron

produziert als für Frauen gewöhnlich. Das bringt ihnen nach einer neuen Studie des Internationalen Leichtathletikverbands (IAAF) im Wettkampf einen signifikanten Vorteil von bis zu neun Prozent. Der Leichtathletikverband hat beschlossen, dass diese Athletinnen ab November 2018 ihren Testosteronspiegel auf

unter fünf Nanomol pro Liter

senken müssen, damit sie bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften starten dürfen. Athletinnen, die ihren Spiegel nicht senken, müssen bei den Männern starten. Oder in einer noch zu schaffenden Startklasse für „intersexuelle Athleten“ (Johannes Knuth, SZ 3.5.18).

1974: Amos Oz: Für eine Zwei-Staaten-Lösung

Donnerstag, Mai 10th, 2018

In meinen Augen ist die Zwei-Staaten-Lösung eine Gründungsbedingung für Israel. Denn sonst wäre die Staatsgründung 1948 bloß eine gewalttätige Landnahme von den Palästinensern gewesen. Heute muss um die Zwei-Staaten-Lösung gekämpft werden. Das tut auch der berühmte und internatinal hoch angesehene Schriftsteller Amos Oz (geboren als Amos Klausener 1939 in Jerusalem). Der sehr erfolgreiche Verfasser von Kinderbüchern, Erzählungen und Romanen hat mit seinem Roman

„Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ (2004)

eine fulminante Familiengeschichte der Klauseners und zugleich eine Geschichte Israels geschrieben. Er ist in einem Atemzug zu nennen mit David Grossmann, geb. 1954 („Eine Frau flieht vor einer Nachricht“, 2002). Beide haben viele Leser und Bewunderer in Deutschland. Sie sind keine Pazifisten, gehören aber der Friedensbwegung „Peace Now“ an.

Amos Oz sagt: „Mein zionistischer Ansatz ist schon seit Jahren ganz einfach. Wir sind nicht allein in diesem Land. Wir sind nicht allein in Jerusalem. Das sage ich auch zu meinen palästinensischen Freunden. Ihr seid nicht allein in diesem Land. Es gibt keinen anderen Weg, als dieses kleine Haus in zwei noch kleinere Wohnungen aufzuteilen.“

Neugier und Fantasie, die Akzeptanz von Unterschieden und die unbedingte Bereitschaft zum Kompromiss – das sind die Tugenden, die Amos Oz den Fanatikern der Welt entgegenhält (Meike Fessmann, SZ 21./22.4.18).

1973: Gewerkschafter gegen bedingungsloses Grundeinkommen

Dienstag, Mai 8th, 2018

Der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann hat sich gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen ausgesprochen. „Menschen mit einer Stillhalteprämie aufs Abstellgleis zu stellen, weil ihnen keine Perspektive in der Erwerbsarbeit angeboten werden kann, ist keine Lösung.“ (Vgl. hier Nr. 1735 vom 1.11.17)

Ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre eine staatliche Leistung, die jeder unabhängig von seiner wirtschaftlichen Lage und ohne Gegenleistung erhält. Nicht zu verwechseln mit dem solidarischen Grundeinkommen, das Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) vorgeschlagen hat und bei dem Leistungsempfänger gemeinnützige Arbeiten verrichten sollen.

Auch IG-Metall-Chef Jörg Hofmann sprach sich gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen aus. Die Menschen seien „nicht glücklich, wenn sie daheim sitzen und alimentiert werden.“ (taz 2.5.18)

1972: Thea Dorns Patriotismus

Montag, Mai 7th, 2018

Die Schriftstellerin und Moderatorin Thea Dorn, geb. 1970, ist mittlerweile ständige Teilnehmerin des „Literarischen Quartetts“. Dort hat sie hier und da schon für neue Perspektiven gesorgt. Sie beschäftigt sich u.a. mit dem deutschen Patriotismus. Dazu hat sie ein Buch vorgelegt:

Deutsch, nicht dumpf. Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten. München (Knaus) 2018, 336 Seiten, 24,00 Euro.

Iris Radisch und Adam Soboczynski haben nachgefragt. Hier einige Antworten Thea Dorns:

„Ich halte es beispielsweise für richtiger, wenn im Theater Goethes ‚Faust‘ als wenn eine Flüchtlingsperformance gegeben wird. Glaubt man der gängigen Sortierung, gehört eine solche Auffassung doch eher ins Portefeuille einer Konservativen. Mein zentrales Anliegen ist, das zu verteidigen, was in Europa in den letzten zweieinhalbtausend Jahren entstanden ist: die Idee eines mündigen, gebildeten, freien, emanzipierten Individuums. Und wenn wir uns klarmachen, dass diese großartige Idee weltweit immer noch eine Minderheitenidee ist und dass wir selbst dabei sind, sie zu verscherzen, dann stellt sich die Frage nach links und rechts plötzlich neu.

Der Verfassungspatriotismus, der letzlich ein gesamtwestlicher ist, stellt auch für mich das Fundament dar. Aber er allein reicht nicht. Deswegen suche ich ein Plus X. Da kommt etwas Deutsches ins Spiel. Solange Europa für die meisten Bürger ein lästiges Abstraktum ist, muss das Europäertum mit nationalen Patriotismen verschränkt bleiben. Ich halte es für verkehrt und gefährlich, die Idee des Nationalstaats gegen den europäischen Gedanken auszuspielen.

Ich halte es für ein Problem, dass in Deutschland ganze Generationen aufwachsen, die von deutscher Kultur keine Ahnung haben.

Der flache Egozentrismus unserer Gesellschaft hat doch auch damit zu tun, dass Leute keine Zusammenhänge mehr herstellen können.

Die Welt hat sich dramatisch verändert. Wir können nicht sagen, Europa und Deutschland müssen politisch wieder in den Ring steigen, und gleichzeitig derart defensiv auftreten. Deutschland hat sich mit seiner verbrecherischen Vergangenheit glaubhaft auseinandergesetzt. Dies war nur möglich, weil seit den Auschwitzprozessen die deutsche Schuld im Mittelpunkt der deutschen Selbstverständigung stand. In aller Deutlichkeit: Ich halte dies uneingeschränkt für richtig. Aber es bringt nichts, die Diskurse der sechziger und siebziger jahre ewig nachzuspielen. Wenn wir das tun, überlassen wir Themen wie ‚Nation‘ oder ‚Patriotismus‘ den Rechten bis Rechtsradikalen.“ (Die Zeit, 26.4.18)

Kommentar W.S.: damit beschreibt Thea Dorn sehr gut die Lage.

Hinzuweisen ist auf das Buch

Thea Dorn/Richard Wagner: Die deutsche Seele. München (Knaus) 2017, 560 Seiten, in dem von „Abendbrot“ über „Gemütlichkeit“ bis hin zu „Zerrissenheit“ in 64 Stichwörtern dem deutschen Wesen nachgespürt wird.