Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

1989: Kafka wollte von einer Bettlerin Wechselgeld.

Montag, Mai 21st, 2018

Viele Fachleute halten Franz Kafka (1883-1924) für den größten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Reiner Stach, 67, hat 18 Jahre an seiner dreibändigen Kafka-Biografie gearbeitet und darf als der beste Kafka-Kenner gelten. Er wird von Harald Freiberger und Verena Mayer in der SZ-Reihe (11.5.18) interviewt, in der „über Geld geredet“ wird.

SZ: Konnte Kafka mit Geld umgehen?

Stach: Er hatte ein paradoxes Verhältnis zum Geld, er war zugleich geizig und großzügig. Er bot einer Frau an, sie zu ernähren, als er sie noch kaum kannte. Wenn er aber das Gefühl hatte, er sei verpflichtet, etwas zu geben, bekam er schlechte Laune. Einmal wollte er von einer Bettlerin Wechselgeld.

1988: SZ arbeitet nicht mehr mit Dieter Hanitzsch zusammen.

Sonntag, Mai 20th, 2018

Die SZ arbeitet nicht mehr mit ihrem langjährigen Karikaturisten Dieter Hanitzsch zusammen. Der Grund dafür ist eine Karikatur vom 15.5.18 auf S. 4 mit dem Titel „Nächstes Jahr in Jerusalem“. Darin wird nach der Auffassung vieler Benjamin Netanjahu, der israelische Ministerpräsident, antisemitisch dargestellt. Ilsetraud Ix aus Pulheim schreibt beispielsweise: “ Sie (die Karikatur) zeigt Benjamin Netanjahu in der typischen Weise antisemitischer Hetze, der mit der Kombination von Riesenohren, dicken Lippen, übergroßer Nase und starken Augenbrauen als Jude kenntlich gemacht werden soll. Dieter Hanitzsch greift auf das Klischee zurück, dessen sich die Nazipropaganda im ‚Stürmer‘ und anderswo laufend bedient hat.“ (SZ 19./20.21.5.18)

Der Chefredakteur der SZ, Kurt Kister, schreibt dazu: „Ich kenne Dieter Hanitzsch lange genug, um zu wissen, dass er weder Rassist ist noch Antisemit. Das aber ändert nichts daran, dass die Art der karikaturistischen Überzeichnung der Netanjahu-Figur physiognomische Merkmale hat, die auch heute noch in vielen Ländern dieser Erde benutzt werden, wenn ‚der‘ Jude in Karikaturen oder politisch gemeinten Plakaten symbolisiert werden soll. Stereotype können, auch wenn sie nicht in jedem Fall so gemeint sind, Rassismus unterstützen oder selbst rassistisch sein.“

„Auch ich glaube nicht, dass ‚die‘ Zeichnung antisemitisch ist. Aber sie enthält eindeutige Stereotype, die auch von Antisemiten benutzt wurden und werden. Das ist bedauerlich, und deswegen hat mein Kollege Wolfgang Krach vor Tagen für den Abdruck der Karikatur um Entschuldigung gebeten.“

„Und warum haben wir uns nun von Dieter Hanitzsch getrennt? … Das Entscheidende .. war, dass der Gang der Gespräche zu einem Vertrauensverlust führte. Wenn sich Menschen über einen Text, eine Zeichnung oder andere Dinge zerstreiten, kann man dies oft durch Debatten, manchmal durch Kompromisse und hin und wieder durch eine Trennung lösen.“ (SZ 19./20.21.518)

In der „Welt“ (19.5.18) meint Richard Herzinger, die Entschuldigung der SZ reiche nicht. Die Karikatur stehe für den Antisemitismus im „linksliberalen“ Milieu.

1987: Humboldt-Forum – ein Test für Deutschland

Freitag, Mai 18th, 2018

Der neue Generalintendant des Humboldt-Forums, Hartmut Dorgerloh, geb. 1962, tritt sein Amt am 1. Juni 2018 an. Zugleich endet die Arbeit der „Gründungsintendanten“ Neil McGregor, Hermann Parzinger und Horst Bredekamp. Jörg Häntzschel hat Hartmut Dorgerloh interviewt (SZ 18.5.18).

SZ: Ende nächsten Jahres soll das Humboldt-Forum eröffnen. Bis heute fehlt dem Projekt die Idee. Was ist ihre Idee?

Dorgerloh: Es soll nicht nur ein Museum sein, sondern eine „internationale Dialogplattform für globale kulturelle Ideen“. So steht es im Koalitionsvertrag, und das fasst es gut zusammen. Statt Dialogplattform könnte man auch sagen: Resonanzraum, offenes Forum für Debatten, für Multiperspektivität, für kulturelle und gesellschaftlich relevante Fragen.

SZ: Das Humboldt-Forum hat in Deutschland eine Debatte um den Umgang mit Sammlungen aus der Kolonialzeit ausgelöst. Kurz darauf kündigte Emmanuel Macron an, die Raubkunst aus den französischen Kolonien zurückzugeben. In Deutschland gab es keine vergleichbare Geste. Jetzt wird das Humboldt-Forum zu einer Art Test für Deutschlands Position in dieser Sache.

Dorgerloh: Macrons Ankündigung war ein starkes Signal, auch für andere ehemalige Kolonialmächte. Es gibt bei uns sicherlich Nachholbedarf, aber es ist auch schon viel passiert. Das Humboldt-Forum muss selber eine starke Antwort sein. Das ist aber nicht mit einer Grundsatzerklärung getan, das ist ein längerer Prozess.

SZ: Das Humboldt-Forum hat ein so schlechtes Image, dass viele es nicht einmal der Kritik für würdig halten. Wie wollen sie die Stimmung bis zur Eröffnung noch drehen?

Dorgerloh: Erstens muss man gute Nachrichten produzieren, zweitens guten Content. Es ist doch verrückt, wenn in der Mitte dieses Landes für mehr als eine halbe Milliarde Euro eine öffentlich Kunst- und Kulturinstitution mit Zehntausenden Quadratmetern entsteht – und dann kriegt man das nicht gerissen! Es müsste doch gelingen, klarzumachen, dass das eine großartige Verwendung von Steuergeldern ist.

1986: Ergebnis Sonntagsfrage vom 17.5.2018

Freitag, Mai 18th, 2018

Das Ergebnis der Sonntagsfrage vom 17.5.2018 bei Infratest dimap lautet:

CDU/CSU 33, SPD 17, AfD 14, Grüne 13, Linke 10, FDP 8, Sonstige 5 Prozent.

1985: Christian Kracht berichtet von sexuellem Missbrauch.

Donnerstag, Mai 17th, 2018

Der Schweizer Schriftsteller Christian Kracht, geb. 1966, las 2017 in der Zeitung, dass der englische Prinz Andrew nach Kanada gereist war, um an der Lakefield College School im Namen des verstorbenen Schulpastors

Keith Gleed

ein Taufbecken einzuweihen. Daraufhin meldeten sich ehemalige Schüler des Internats und gaben an, von Keith Gleed vergewaltigt worden zu sein. Erst drei, dann zehn, dann dreißig ehemalige Mitschüler von Christian Kracht, der das Internat auch besucht hatte.

„Kracht erinnerte sich nun beim Lesen des Artikels, dass Pastor Keith Gleed ihn einmal in sein Holzhaus auf dem Campus gerufen und dort aufgefordert hatte, sich nackt auszuziehen. Er musste sich umdrehen, seinen Oberkörper nach vorne über eine Couch beugen. Hinter sich konnte er hören, wie Gleed seine Hose öffnete, die Schnalle des Gürtels öffnete und den Gürtel aus den Schlaufen zog. Dann peitschte er den zwölfjährigen Jungen aus, sieben, acht Schläge. Als er fertig war, wies er den Knaben an, sich nicht umzudrehen. Christian Kracht verharrte in der Position, die ihm vorgegeben worden war, und hörte nur das Schnaufen des Pastors, der allem Anschein nach hinter ihm masturbierte.“

Davon berichtete Kracht nun in seiner ersten Frankfurter Poetikvorlesung im vollbesetzten Audimax der Goethe-Universität. In Lakefield war Kracht damals ein schmaler, blonder Junge aus den Schweizer Bergen gewesen. Seine Mitschüler hatten ihm den Spitznamen „Heidi“ gegeben und sich einen Spaß daraus gemacht, ihn zu quälen. Seine Eltern hatten Christian Kracht nicht geglaubt, sondern angenommen, seine Schilderungen seien seiner lebhaften Fantasie entsprungen.

In seinem Frankfurter Vortrag mit dem Titel „Emigration“ hat Kracht seine eigene Emigration beschrieben als lebenslangen Versuch,

„der Sprache Adolf Eichmanns“

zu entkommen. Deutsch ertrage er nur noch aus der Ferne und in den Romanen W.G. Sebalds, Erich Kästners, Clemens Setz‘ und Christoph Ransmayrs und einigen anderen. Die deutsche Literaturkritik habe ihn zwanzig Jahre lang nur als Popkünstler, Dandy und Faschisten gesehen. Und tatsächlich taten sich viele von uns mit den Romanen Christian Krachts schwer:

Faserland. 1995; 1979. 2001; Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. 2008; Imperium. 2012; Die Toten. 2016.

Die Texte wirkten auf viele sperrig und verstörend. In seiner Frankfurter Vorlesung erschien Kracht sehr zornig. Es gelinge ihm nicht, den Weg von Nabokov einzuschlagen und einfach auf Englisch zu schreiben.

„Ich komme von ihr (der Sprache, W.S.) nicht los, von meinem geliebten Deutsch.“

Das Trauma des Missbrauchs zieht sich durch Krachts gesamtes Werk. Es zeigt sich in der Beziehungsunfähigkeit seiner Protagonisten, in ihrem Solipsismus, ihrer „ausschweifenden Unbarmherzigkeit“. Seine Charaktere erklärte Kracht in Frankfurt vor allem mit dem Vokabular, das der Kulturwissenschaftler

Klaus Theweleit

1977 in seiner bahnbrechenden Untersuchung „Männerphantasien“ entwickelt hat, um das faschistische Subjekt zu beschreiben.

Pastor Gleed habe sich die Kinder, die ihm anvertraut worden waren, geradezu herangezüchtet. Es lag wohl, so Kracht, an der Freude daran, nackte Macht auszuüben, und an einem gewissen Ästhetizismus. Sein eigenes Leben beschrieb Kracht als eine „Suche nach Empfindlichkeit dem Ephemeren gegenüber, der Erkenntnis, dass das die Realität unseres Lebens ist.“ Er sprach vom Gewicht der Wackersteine, die Virginia Woolf sich in die Taschen gesteckt hat, bevor sie in den Fluss gestiegen ist.

„Das Verhältnis der deutschen Öffentlichkeit zu diesem Künstler war lange von der Frage geprägt, ob es sich bei seinen Texten und Auftritten lediglich um postmoderne Sprachspiele handelt, ernst konnte das schließlich niemand meinen: dieses Pathos, dieser hohe Ton. Kracht wurde als souveräner Dompteur aufgefasst, der das Publikum am hermeneutischen Zirkel durch die Manege führt. In Frankfurt stellte sich jetzt heraus:

Ein Spiel ist es nie gewesen.

Der Christian Kracht, der dort am Pult stand, hat noch nie einen ironischen Satz geschrieben. Es ging immer um alles, um den Menschen, den Humanismus. Jeder Roman, jede Erzählung war, so sieht es nach dieser großen Rede aus, einer einzigen Frage gewidmet: Der Frage, wie eine Kultur, die so viel Schönes hervorgebracht hat, gleichzeitig so grausam sein kann.“ (Felix Stephan, SZ 17.5.18)

1984: Joseph Beuys‘ völkisches Denken

Mittwoch, Mai 16th, 2018

In seiner neuen Biografie

Beuys. Die Biographie. Band 2. Erweiterte Neuausgabe. Zürich (Riverside), 412 Seiten, 38,50 Euro,

bezichtigt Hans Peter Riegel Joseph Beuys erneut des völkischen Denkens (SZ 9./10.5.18). Es liegt auf der Hand, dass sich sogleich mehrere Beuys-Adepten wie Klaus Staeck und Johannes Stüttgen daran machen, den Maler, Aktionskünstler und Kunstprofessor von solchen Zuschreibungen zu befreien (SZ 16.5.18). Aber das gelingt nicht.

Von Beuys war seit langem bekannt, dass er eine große Nähe zu ehemaligen Nationalsozialisten und Vertretern völkischen Denkens pflegte. Er bewegte sich gerne im Kreise von Stuka-Kameraden. Das Kriegsende hatte er als persönliche Niederlage erlebt. Einen neuen Halt fand er bei dem Lebensreformer und Anthroposophen

Rudolf Steiner (1861-1925),

der ihm mit seiner verschwurbelten Esoterik dazu diente, das, was er erlebt hatte, so hinzudrehen, dass es in einen „fortschrittlichen“ Lebensentwurf hineinpasste. Beuys Schwiegervater, Hermann Wurmbach, war nicht nur Nationalsozialist und Funktionär der Partei, sondern auch Vertreter der NS-Rassenlehre. In Rudolf Steiners Lehre ist der Begriff „völkisch“ an einen Rassismus gekoppelt, bei dem es um die Identität einer Volksgruppe geht.

Der von Beuys gepflegte „Germanenkult“ rief noch bei der Gründung der Grünen Proteste hervor, als Altnazis wie

August Haußleitner, Georg Haverbeck und der Waldschrat Baldur Springmann

mitmischten. Davon haben sich die Grünen seit sehr langem vollständig gelöst. Das von den Genannten gegründete „Collegium Humanum“, in dem die Grünen häufig tagten, ist mittlerweile wegen Holocaust-Leugung verboten. Selbst Rudi Dutschke, der 1979 gestorbene Studentenführer, kam in Kontakt mit Joseph Beuys und traf dann manchmal in Hinterzimmern mit alten Nazis zusammen.

1983: Gündogan und Özil sollten zu Hause bleiben.

Mittwoch, Mai 16th, 2018

Die deutschen Fußballnationalspieler Ilkay Gündogan (Manchester City) und Mesut Özil (FC Arsenal London) haben sich von der Propaganda des türkischen Despoten Erdogan miss- bzw. gebrauchen lassen. Sie sollten nicht mit zur Fußball-Weltmeisterschaft fahren. Entweder sie haben nicht gewusst, was sie taten, dann handelte es sich um den üblichen Haufen politischer Unbildung, der nicht hinzunehmen ist, oder sie wussten, was sie taten, dann wären sie Erdogan-Propagandisten.

1982: Wolfgang Beltracchis Arroganz

Dienstag, Mai 15th, 2018

Der in meinen Augen geniale Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi, 67, ist für seine Fälschungen verurteilt worden. Seine Arroganz hat er – zum Glück – nicht verloren. Jana Gioia Baurmann und Jens Tönnesmann von der „Zeit“ hat er ein Interview gegeben (3.5.18).

Zeit: Werden bei Ihnen noch Fälschungen angefragt?

Beltracchi: Ja. Noch als ich im offenen Vollzug war, hat mir jemand 25 Millionen Dollar für zwei Bilder geben wollen.

Zeit: Sind alle Künstler gleich leicht zu imitieren?

Beltracchi: Ich imitiere nicht, ich nutze die Handschrift der Künstler. Einen Fernand Léger zu malen ist keine Sache, ein Hieronymus Bosch ist reine Fleißarbeit, Caravaggio hingegen projizierte Motive auf seine Leinwand – das zu malen ist schwer.

Zeit: Bescheidenheit ist nicht ihre Stärke?

Beltracchi: Kunst ist nicht bescheiden.

Zeit: … Sie durften die Strafe im offenen Vollzug verbüßen. Das ist doch nett angesichts des Schadens, den Sie angerichtet haben.

Beltracchi: Nein, die Strafe war zu hoch. Bei prominenten Steuerhinterziehern geht es oft um mehr Geld, und die kommen mit einer niedrigeren Strafe davon. Und auch mancher Vergewaltiger oder Totschläger kommt besser weg.

Zeit: Sie wurden wegen 14 Fälschungen verurteilt. Wie viele haben Sie tatsächlich angefertigt?

Beltracchi: Bestimmt um die 300.

Zeit: Eine Idee von Strafe ist auch, dass man bereut. Bereuen Sie?

Beltracchi: Natürlich. Auch wenn ich eigentlich nur Unterschriften gefälscht habe, nicht Bilder.

Zeit: Der Kunst haben Sie damit geschadet.

Beltracchi: Im Gegenteil! ich habe gezeigt, wie absurd der Kunstmarkt funktioniert, wie leicht dort Betrug möglich ist. Hauptsache, es fließt Geld. Und wir haben bewiesen, wie wenig selbst erklärte Experten von ihrem Fach verstehen. Scheiße für die. Gut für die Kunst.

Zeit: Was war ihr teuerstes Bild später?

Beltracchi: Ein Campendonk, glaube ich.

Zeit: Die Fälschung ‚Rotes Bild mit Pferden‘?

Beltracchi: Zwei Millionen haben wir dafür bekommen! Sonst war es aber meistens weniger.

Zeit: Warum haben Sie .. nicht versucht, ehrlich Geld zu verdienen?

Beltracchi: 1978 habe ich tatsächlich 10.000 Mark für ein Bild bekommen, das ich in meinem Namen gemalt hatte. Vielleicht hätte ich an der Kunsthochschule bleiben sollen, wäre Jungprofessor geworden, hätte ein Verdienstkreuz, den ganzen Müll. Aber ich wäre immer eingesperrt gewesen in ein Leben voller Regeln und falscher Moral.

1981: Robert Habeck (Grüne) will kein moralischer Streber sein.

Dienstag, Mai 15th, 2018

Der neue Grünen-Vorsitzende Robert Habeck erläutert in einem Gespräch mit Giovanni di  Lorenzo (Die Zeit, 3.5.18) seine Leitlinien:

„Wir wollen mehr in die Breite der Gesellschaft wirken. Wir wollen mehr sein als eine qualifizierte Minderheit. Zu der zählen im Zweifel nur die, die ein Parteibuch haben oder die schon einmal die Grünen gewählt haben. Alle anderen werden nicht angesprochen und sagen folglich: Na gut, dann redet halt untereinander, wenn ihr nicht mit uns reden wollt!“

„Es gibt diesen Spruch, dass wir die Menschen erreichen müssen, die grün denken – 30 Prozent oder so. Aber diese Vorstellung, dass man erst grün denken muss, um die Grünen wählen zu können, widerstrebt mir. Ehrlich gesagt ist mir im Grunde egal, was die Menschen denken. Hauptsache, wir einigen uns auf politische Projekte, die uns verbinden und mit denen wir die Zukunft in die Hand nehmen. Die Gedanken dürfen gerne frei bleiben.“

„Europa pumpt Miliardenbeträge in die Landwirtschaft, ohne für dieses öffentliche Geld öffentliche Leistungen zu fordern. Der Appell an den einzelnen hat in den vergangenen Jahren immer wieder politische Maßnahmen ersetzt: Man kann doch nicht den Verbrauchern vorwerfen, dass sie Facebook nutzen. Selbst den Reichen nicht, dass sie versuchen, Steuern zu sparen, und legale Schlupflöcher nutzen. Sondern es ist Job der Politik, die Löcher zu schließen. In den letzten Jahren wurden die Debatten aber entpolitisiert und ins Private verschoben. Wir müssen die Prozesse in die Poilitik zurückholen, statt darauf zu vertrauen, dass sich alle engelhaft verhalten. Wir leben in einem demokratischen Staat. Und der Sinn davon ist, dass er uns entlastet von privatem vorbildhaftem Verhalten. Wir müssen keine moralischen Streber sein, dafür haben wir die Politik. Aber die muss dann natürlich auch liefern.“

„Heimat ist da, habe ich mal gelesen, wo man doof sein kann. Das klingt zunächst so lächerlich, aber es meint etwas sehr Ernstes: nicht immer jedes Wort auf die Goldwaage legen zu müssen, sich nicht immer rechtfertigen zu müssen. Das gelingt am ehesten im Kreis von vertrauten Menschen. Ich liebe meine Söhne ja auch, wenn sie dumme Sachen erzählen. An Weihnachten macht nicht der Tannenbaum Heimat aus, sondern die Gespräche, wenn die Familie zusammen ist, die Bindung – und auch von dem Anspruch abzulassen, sich immer korrekt artikulieren und rechtfertigen zu müssen.“

1980: Im Zentrum: Hajo Seppelt

Montag, Mai 14th, 2018

Hajo Seppelt, 55, gehört seit Jahrzehnten zu den renommiertesten deutschen Sportjournalisten.  Seit etwa 20 Jahren ist er führend in der Doping-Aufklärung. Er hat 2014 das russische Staatsdoping ans Licht gebracht. Das Sportministerium dirigierte, Mitarbeiter des Geheimdienstes FSB, der nationalen Anti-Doping-Agentur (Rusada) und das Moskauer Kontroll-Labor waren an der Täuschung beteiligt. Die von der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) eingesetzte McLaren-Kommission hat Seppelts Ergebnisse voll bestätigt. Da ist es in einem so rückständigen politischen System wie dem russischen nur schlüssig, dass Hajo Seppelt auf die Liste der bei der Fußball-WM „unerwünschten Personen“ gesetzt wird. Das ist in Russland nichts Besonderes. Dort gibt es keine Pressefreiheit.

Seppelt selbst sagt dazu: „Das liegt natürlich daran, dass wir kritisch über Russland berichtet haben, dass wir das russische Staatsdoping 2014 aufgedeckt haben. Es sieht ganz so aus, als ob das eine der Konsequenzen ist.“

Gegen die Maßnahme protestiert haben der parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Stephan Mayer (CSU), und die Grünen-Chefin Annalena Baerbock. Auch das Auswärtige Amt hat sich eingeschaltet. Die Vorsitzende des Sportausschusses des Deutschen Bundestags, Dagmar Freitag (SPD), bezeichnete das Einreiseverbot als skandalös. Pflaumenweich wie immer der DFB. Sein Vorsitzender Reinhard Grindel: „Ich habe volles Vertrauen, dass die FIFA jetzt ihren Einfluss geltend macht, damit Herr Seppelt ungehindert aus Russland berichten kann.“

Auf Grund von Seppelts Recherchen ergab sich der Verdacht, dass 34 russische Fußballspieler gedopt waren. Darunter der komplette Kader der russischen Nationalelf, der 2014 an der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien teilnahm.

Den Höhepunkt an Verkommenheit drückte der Vorsitzende des russischen Journalistenverbands, Wladimir Solowkow, aus, als er sagte: „Seppelt muss unbedingt ein russisches Visum bekommen, er sollte unsere Weltmeisterschaft besuchen.“ Er fügte dann hinzu: „Allerdings sollte man ihn unbedingt unter Schutz stellen, damit er nicht zufällig von einem Kenner seines ‚journalistischen Talents‘ verprügelt wird.“

Herr Solowjow kündigt öffentlich russische Stammtisch-Prügel an. So wird dort regiert (Jens Schneider, SZ 14.5.18; Claudio Catuogno, SZ 14.5.18; FAS 13.5.18).