Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2010: Ein Italien funktioniert, das andere nicht.

Dienstag, Juni 5th, 2018

Winand von Petersdorff hat für die FAS (3.6.18) den in Harvard lehrenden italienischen Ökonomen Alberto Alesina zu den Problemen Italiens befragt:

FAS: Was sind Italiens wahre Probleme?

Alesina: Kurzfristig sind das die hohen Schulden. Das Land türmt seit den sechziger Jahren Schulden auf und hat selbst in Wachstumsphasen damit nicht aufgehört. Dazu kommt, dass die Bevölkerung vergreist und der Anteil der Arbeitnehmer an der Bevölkerung schrumpft. Teile der Exportwirtschaft haben sich nach der Einführung des Euros ziemlich gut geschlagen, andere Sektoren nicht. Italiens Firmen sind oft zu klein für den internationalen Wettbewerb, dazu kommen die Probleme im Süden des Landes. Es gibt ein Italien, das funktioniert, und ein Italien, das nicht funktioniert. Im Vergleich zu diesen Schwierigkeiten sind die Wirkungen der Austeritätspolitik gering. Trotzdem sollten sich die Deutschen lieber zurückhalten.

2009: Bundespräsident bittet Homosexuelle um Vergebung.

Montag, Juni 4th, 2018

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Homosexuellen in Deutschland um Vergebung für erlittenes staatliches Unrecht gebeten. Beim Festakt zum zehnjährigen Bestehen des Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Schwulen und Lesben sagte Steinmeier, auch nach dem Ende der NS-Zeit seien Homosexuelle verfolgt worden. „Unter dem Grundgesetz“ wie auch in der DDR seien sie weiterhin der Diskriminierung durch den Paragraphen 175 ausgeliefert gewesen. In der Bundesrepublik habe der Paragraf „sogar – ganz bewusst, ganz mit Absicht – noch mehr als zwanzig Jahre in der gleichen scharfen Form“ fortgegolten, die ihm die Nationalsozialisten 1935 gegeben hatten. Zehntausende von Männern seien in der Bundesrepublik noch nach dem Paragrafen verhaftet, verurteilt und eingesperrt worden. Sie mussten „sich weiter verstecken, wurden weiterhin bloßgestellt, haben weiterhin ihre wirtschaftliche Existenz riskiert“.

Die freiheitlich-demokratische Grundordnung sei über viele Jahre unvollkommen geblieben. Zu lange habe es gedauert, “ bis auch ihre Würde etwas gezählt habe in Deutschland“. Der deutsche Staat habe all diesen Menschen schweres Leid zugefügt. Der Bundespräsident sagte, er bitte „heute um Vergebung – für all das geschehene Leid und Unrecht, und für das lange Schweigen, das darauf folgte“.

Der Bundespräsident verwies auf das Lebenspartnerschaftsgesetz, das vor 17 Jahren in Kraft trat, sowie auf die Ehe für alle im vergangenen Jahr. Steinmeier sagte, er rufe „allen Schwulen, Lesben und Bisexuellen, allen Queers, Trans- und Intersexuellen in unserem Land“ zu: „Auch ihre sexuelle Orientierung, auch ihre sexuelle Identität stehen selbstverständlich unter dem Schutz unseres Staates.“ (Robert Rossmann, SZ 4.6.18).

Der Bundespräsident hat sehr richtig und sehr gut gesprochen.

2008: Irenäus Eibl-Eibesfeldt gestorben

Montag, Juni 4th, 2018

Der 1928 in Wien geborene Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt ist gestorben. Er hatte Zoologie und Botanik studiert und war 1950 Mitarbeiter von Konrad Lorenz geworden. Seine Forschung erstreckte sich zunächst auf Zackenbarsche und Putzerfische, Provokationspotential bekam es vor allem, als Eibl-Eibesfeldt sich den Grundlagen menschlichen Verhaltens zuwandte. Im Zentrum stand dabei die Frage, ob es angeboren ist oder kulturell geprägt. Heute wissen wir dank Eibl-Eibesfeldt: es ist auch und vor allem angeboren. Das empfinden viele als verstörend und politisch unsympathisch. In den Sozialwissenschaften ist Eibl-Eibesfeldt deswegen nicht beliebt. Einige politische Äußerungen von Lorenz und Eibl-Eibesfeldt sind tatsächlich nicht leicht zu verdauen.

Eibl-Eibesfeldt nahm an der berühmten Galapagos- Expedition teil, bei der gemeinsam mit dem Meeresforscher Hans Hass hauptsächlich der Artenreichtum des damals noch weithin unerforschten Archipels erforscht wurde. Später engagierte sich der Forscher für dessen Erhalt. Seit 1956 arbeitete Eibl-Eibesfeldt am neu gegründeten Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie und wurde Ordinarius an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Sein Hauptinteresse galt nunmehr den

Universalien menschlichen Verhaltens.

Zudem erhärtete er seine Erkenntnisse über das menschliche Verhalten anhand von Forschungen über die Rituale, Sitten und Gebräuche von Völkern in Südamerika, Afrika und Neuguinea. Wieder ging es um die Gemeinsamkeiten im Verhalten von Menschen, deren Lebenswelten vollkommen voneinander getrennt sind. Es gibt solche Gemeinsamkeiten (Sebastian Herrmann, SZ 4.6.18). Eibl-Eibesfeldts These, im Menschen stecke eine angeborene Furcht vor Fremden, war der Grund dafür, dass er bei politisch Fortschrittlichen weithin geächtet wurde.

Eibl-Eibesfeldt wird einerseits zur Begründung des Artenschutzes ins Feld geführt, andererseits für Fremdenfeindlichkeit.

2007: Hilmar Hoffmann ist tot.

Montag, Juni 4th, 2018

Mit 26 Jahren wurde Hilmar Hoffmann in Oberhausen zum Direktor der Volkshochschule ernannt. Dort begründete er die bald weltweit bekannten Internationalen Kurzfilmtage, die in den Jahrzehnten danach Filmkultur nach Deutschland brachten. Von 1970 bis 1990 war Hoffmann Kulturdezernent der Stadt Frankfurt. Das war seine große Zeit. Es wurden 15 neue Museen gegründet. Darunter das Museum für moderne Kunst, das Filmmuseum, das deutsche Architekturmuseum und die Schirn-Kunsthalle. In diese Zeit fällt der Wiederaufbau der Alten Oper. Wer wie ich am letzten Wochenende mit Christine und ehemaligen Klassenkameraden und deren Frauen am Frankfurter Museumsufer den Main entlang spaziert ist, passiert einen großen Teil von Hilmar Hoffmanns Lebenswerk. Außerordentlich sehens- und besuchenswert. Hoffmanns Arbeitsmotto war

Kultur für alle.

Er hat uns gezeigt, dass dies nicht Verflachung, Banalisierung und Kommerzialisierung bedeutet, sondern Öffnung. Von 1993 bis 2001 war Hoffmann Direktor des Goethe-Instituts. In dieser Zeit hatte er gegen die Sparpolitik von Bundesaußenminister Joschka Fischer zu kämpfen. Hilmar Hoffmann ist in Frankfurt gestorben (Thomas Steinfeld, SZ 4.6.18).

2006: Eduard Geyer bei der Stasi

Montag, Juni 4th, 2018

Der ehemalige Trainer von Dynamo Dresden und Energie Cottbus, Eduard Geyer, war bei der Stasi. Das nehmen die Vereinsidole von Dynamo Dresden Hans-Jürgen Kreische, Dieter Riedel und Klaus Sammer zum Anlass, zu beantragen, dass Geyer die Ehrenspielfüher-Würde aberkannt wird. Zudem bezweifeln sie seine sportlichen Verdienste (FAZ 2.6.18).

2005: Vielfalt unter Europas Christen

Mittwoch, Mai 30th, 2018

Nur noch 18 Prozent der Westeuropäer praktizieren ihr Christentum. 46 Prozent betrachten sich als Christen. Als religions- oder kofessionslos bezeichnen sich 24 Prozent. Das ergab eine Studie des PEW Research Center, bei der 25.000 Menschen aus 15 Ländern von Finnland bis Portugal befragt worden sind. Die regionalen Unterschiede sind groß: 83 der Portugiesen und 80 Prozent der Italiener sehen sich als Christen. Aber nur 41 Prozent der Niederländer.

In signifikanter Weise neigen Christen weit eher als Konfessionslose zu der Aussage, dass der Islam nicht mit den Werten des Staates vereinbar sei, und befürworten, dass die Einwanderung verringert werden müsse. Das ist für Kirchenvertreter nicht leicht, die ganz überwiegend für Toleranz gegenüber Andersgläubigen werben. In Österreich sind 61 Prozent der praktizierenden und 45 Prozent der nicht praktizierenden Christen skeptisch gegenüber dem Islam. In Deutschland sind das 55 der praktizierenden und 45 Prozent der nicht praktizierenden Christen.

Überraschend offen sind Westeuropas Christen, was die Ehe für alle und die Abtreibung angeht: 52 Prozent der praktizierenden und 85 Prozent der passiven Christen finden, es müsse legale Abtreibungsmöglichkeiten geben (Deutschland: 54 und 84 Prozent). 58 Prozent der engagierten und 80 Prozent der nicht praktizierenden Christen sind dafür, dass Lesben und Schwule heiraten dürfen (SZ 30./31.5.18).

2004: Philip Roth aktuell

Mittwoch, Mai 30th, 2018

Philip Roth wird auf dem Friedhof des Bard College beerdigt. Aber, wie er seinem Feund Norman Manea sagte, nicht zu dicht bei

Hannah Arendt,

damit sie sich nicht durch ihr Gelächter gestört fühle (Michael Krüger, Die Zeit 30.5.18). Manea schreibt zum Tod seines Freundes Philip Roth:

„Die Literatur, Amerika und die Welt verlieren einen ihrer brillantesten Köpfe und eine unvergleichliche schöpferische Kraft. In diesem finsteren Augenblick der planetarischen Krise, der heftigen Angriffe auf unser geistiges Umfeld, der Gefahren und Perversionen werden sein leuchtender Humor, seine Menschlichkeit so sehr fehlen.“

2003: AfD-Wähler haben am meisten Angst.

Dienstag, Mai 29th, 2018

Von den AfD-Wählern stimmen 83 Prozent dem Satz zu:

„Wenn das so weitergeht, sehe ich schwarz für Deutschland.“

In der Gesamtbevölkerung stimmt nur ein Drittel dem Satz zu. Bei den Linken stimmen immerhin 53 Prozent dem zu. Das ergab eine Untersuchung der Konrad-Adenauer-Stiftung vom November/Dezember 2017 und Januar/Februar 2018 (zwei Wellen). 59 Prozent der AfD-Wähler haben häufig Angst vor der Zukunft. Das ist bei der Gesamtbevölkerung in 34 Prozent der Fall. Die meisten Optimisten gab es bei der CDU. Sie löst positive Gefühle aus und wurde mit Stabilität, Sicherheit, Vertrauen und Zuversicht in Verbindung gebracht. Ähnliche Gefühle löst die SPD aus. Sie wurde von der Gesamtbevölkerung aber auch mit Aufregung, Resignation und Verzweiflung verbunden (Ulrich Schulte, taz 25.5.18).

Bei aller begründeten Ablehnung der AfD ist hier der Punkt

innezuhalten.

Denn wahrscheinlich wollen die AfD-Wähler nicht nur eine ganz unbegründete und falsche, teils rassistische und fremdenfeindliche Politik, sondern sie haben wirklich viel mehr Angst vor der Zukunft als andere Menschen.

2002: Mahmud Abbas: der gescheiterte Präsident

Montag, Mai 28th, 2018

Mahmud Abbas, 83, ist Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde, er ist Vorsitzender der PLO und Chef von deren stärkster Partei, der Fatah. Zur Zeit ist Mahmud Abbas krank. Er hat Lungenentzündung. Das ist ein einschneidendes Faktum. Denn dann wird darauf geachtet, dass der Präsident wenigstens im Fernsehen zu sehen ist. Damit erkennbar wird, dass er noch am Leben ist. Beim Sterben von Yassir Arafat haben wir ja bizarre Szenen erlebt.

Eigentlich endete die Amtszeit von Mahmud Abbas bereits 2009. Weil aber sein Wahlsieg nicht sicher war, hat er kurzerhand das Parlament aufgelöst und regiert seither per Dekret. Seinen stärksten politischen Rivalen, die Hamas, verfolgt Abbas mit Zorn seit deren Wahlsieg im Gaza-Streifen. Im Westjordanland gehen die palästinensischen Sicherheitskräfte unerbittlich gegen die Hamas vor und stehen oft Seite an Seite mit den israelischen Sicherheitskräften. Abbas setzt den Gaza-Streifen unter Druck, der schon unter der israelischen Blockade leidet, der sich Ägypten angeschlossen hat. Abbas hat Stromlieferungen reduziert, provoziert Engpässe bei der medizinischen Versorgung und hat die Bezahlung von Beamtengehältern gestoppt. Er will die Hamas dort in die Knie zwingen.

Über seine Nachfolge hat Mahmud Abbas noch keine Entscheidung getroffen. Die Kandidaten müssen untereinander klären, wer was wird. Die Plätze sind begehrt. Weil sie Geld und Reisefreiheit mit sich bringen. Das gilt für Abbas‘ Stellvertreter, Mahmud Al-Aloul, und den Geheimdienstchef Madschid Farradsch. Der beliebteste Palästinenser sitzt in einem israelischen Gefängnis: Marwan Barghuti. Dass die Verfassung angewandt wird, ist auszuschließen. Denn dann müssten binnen 60 Tagen Neuwahlen anberaumt werden. Und in der Übergangszeit würde der Parlamentssprecher Asis Duek die Geschäfte leiten. Er ist Hamas-Mitglied.

Der Friedensprozess ist schon seit langem zum Erliegen gekommen. Eine palästinensische Strategie ist nicht erkennbar. Israel setzt seit Jahren den Bau jüdischer Siedlungen ungebremst fort. Trotzdem hielt Abbas am Prinzip des gewaltlosen Widerstands fest. Damit setzte er die im Volk verhasste Zusammenarbeit mit den Besatzern fort. Abbas hat die Palästinenser weiter gespalten. Das ist schlimm für die effektive Vertretung ihrer Interessen. Die Palästinenser werden zunehmend von allen verlassen (Alexandra Föderl-Schmid, SZ 23.5.18).

2001: Lanzmann verkauft de Beauvoirs Liebesbriefe.

Montag, Mai 28th, 2018

Sylvie Le Bon des Beauvoir, geb. 1941, war 26 Jahre lang die Geliebte Simone de Beauvoirs, ehe sie 1980 adoptiert wurde, um als Nachlassverwalterin der Schriftstellerin zu fungieren. Martina Meister interviewt sie in der „Literarischen Welt“ (26.5.18) zu Simone de Beauvoir.

Welt: Vor wenigen Monaten hat Claude Lanzmann die Liebesbriefe, die Simone de Beauvoir ihm geschrieben hat, an die Yale University verkauft. Stimmt es, dass sie der Veröffentlichung nicht zugestimmt haben?

Le Bon: Nein, das ist von vorne bis hinten eine falsche und ganz erbärmliche Geschichte. Zum 100. Geburtstag der Beauvoir habe ich in aller Öffentlichkeit gesagt und es ihm schriftlich gegeben, dass ich bereit sei, die Briefe herauszubringen. Aber das ist zehn Jahre her, und ich habe nie einen einzigen Brief zu Gesicht bekommen. Er hat das alles erfunden. Ich werde mich hüten, für sein Verhalten eine Erklärung zu finden. Fest steht: Simone de Beauvoir wollte ihre Manuskripte der französischen Nationalbibliothek übertragen. Er hat es vorgezogen, sie an eine reiche, amerikanische Universität zu verkaufen.