Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2051: Zaimoglu: Offensive für die deutsche Sprache

Sonntag, Juli 1st, 2018

Feridun Zaimoglu hält in diesem Jahr die Eröffnungsrede zum Ingeborg-Bachmann-Preis. „Ich werde in Klagenfurt eine harte Rede halten wider die Rechten und wider die Journalisten, die um diese Rechten scharwenzeln.“ Richard Kämmerlings (Literarische Welt 30.6.18) hat Zaimoglu interviewt.

Literarische Welt: Jetzt wird viel darüber geredet, wie man Menschen davon abhält nach Europa und nach Deutschland zu kommen. Die, wie mir scheint, eigentlich brennendere Frage ist aber, was tun mit denen, die schon da sind. Was wäre Feridun Zaimoglus Masterplan für Integration?

Zaimoglu: Ich mag das Wort nicht, weil es mir zu wenig ist. Integration ist ein Fremdwort. Und wie jedes Fremdwort klingt es wie ein Begriff aus der Arbeitswelt. Hier geht es aber um mehr, um das Leben, um die Veränderung der Lebenswelt. Was wir brauchen, ist eine

große Offensive für die deutsche Sprache.

Ich erinnere mich an eine dieser öden Debatten, die sich an diesem Berliner Schuldirektor entzündete, der, Gott segne ihn, beschlossen hatte, dass auf seinem Pausenhof Deutsch gesprochen werden soll. Was war die Folge? Er wurde attackiert als einer, der die Zwangsgermanisierung vorantreibt. Von einer Multikulti-Industrie sogenannter Betreuer, die ein falsches Bild von Deutschland vermitteln. Die eher den Hass auf Deutschland, auf die deutsche Mehrheitsgesellschaft vermitteln, als zu versuchen, Menschen in die deutschen Lebenswelten einzuführen.

2050: Schafft die Privatschulen ab !

Samstag, Juni 30th, 2018

Immer einmal wieder kommen Privatschulen groß raus. Aktuell in der Migrationskrise. Dann nämlich, wenn das Bildungssystem krisenhafte Züge zeigt. Und das tut es in kurzen Abständen ja regelmäßig. Mir ist klar, dass Privatschulen nach dem Grundgesetz erlaubt sind (Art 7,3): „Das Recht zur Errichtung von privaten Schulen wird gewährleistet. Private Schulen als Ersatz für öffentliche Schulen bedürfen der Genehmigung des Staates und unterstehen den Landesgesetzen.“ Usw.

Aber ich bin dafür, dass die Privatschulen in Deutschland abgeschafft werden.

1. Sie sind unsozial, weil sie nur Reichen zugänglich sind, und vertiefen die soziale Spaltung unserer Gesellschaft.

2. Sie gründen sich häufig auf die abstrusen Thesen von Außenseitern, dubiosen Ideologen und Esoterikern wie Rudolf Steiner (1861-1925).

3. Religion und Philosophie werden dort häufig in abwegigen Inhalten und Formen gelehrt.

4. Sie pflegen partiell völkisches Denken.

5. Sie sind als Internate Brutstätten für Pädophilie und sexuellen Missbrauch (z.B. Salem, Odenwald-Schule, Canisius-Kolleg).

6. Sie fördern ein verfehltes Elitedenken, dass nicht auf Leistung gegründet ist.

7. Sie verfehlen ein Hauptziel von Schulen: nämlich Integration!

2049: Wirtschaftsverbände ergreifen Partei für Angela Merkel.

Samstag, Juni 30th, 2018

Die Wirtschaftsverbände Bundesverband der Industrie (BDI), Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA), Deutscher Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH) ergreifen in der Migrationspolitik Partei für Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Und das nicht zum ersten Mal. In einem anderthalbseitigen Schreiben der jeweiligen Präsidenten heißt es: „Mit Sorge blickt die deutsche Wirtschaft auf die Auseinandersetzungen der vergangenen Wochen innerhalb der Bundesregierung.“

„Die deutsche Wirtschaft ist überzeugt, dass nationale Alleingänge mehr Schaden als Nutzen anrichten. Renationalisierung als Antwort auf globale Herausforderungen ist wirkungslos.“

Dass Flüchtlinge in Deutschland berufliche Perspektiven haben, ist den kleineren und mittleren Betrieben zu verdanken. Besonders im deutschen Handwerk. Es gibt inzwischen mehr als 11.000 Auszubildende, die als Asylbewerber aus den wichtigsten acht Herkunftsländern kamen. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit waren zuletzt 229.000 Flüchtlinge sozialversicherungspflichtig beschäftigt, also jeder Vierte aus dieser Gruppe (FAZ 30.6.18).

2048: Meine Prognose: Die CSU verlässt Koalition und Regierung nicht.

Samstag, Juni 30th, 2018

Wie wir die Ergebnisse des EU-Migrations-Gipfels auch bewerten, als „wirkungsgleich“, mehr als das, „faulen Kompromiss“ oder was immer, meine Prognose:

Die CSU verlässt die Koalition mit der CDU und die Regierung nicht.

Sie hat dafür keinen Plan, keinen Kanzlerkandidaten, sie hat alles versucht, auf den Anti-Flüchtlingszug aufzuspringen und Angela Merkel zu demontieren.

Das ist ihr misslungen.

Festzuhalten ist aber: die beschlossenen Maßnahmen kommen sehr, sehr spät, zurückhaltend formuliert. Und sie werden noch von zu wenigen EU-Mitgliedern gewollt und angesteuert.

2047: Vom Gipfeltreffen USA-Russland in Helsinki droht Europa Gefahr.

Freitag, Juni 29th, 2018

Vom Gipfeltreffen Trump-Putin Mitte Juli in Helsinki droht der EU und ganz Europa Gefahr, weil der US-Präsident sich nicht mehr als Vertreter des gesamten Westens betrachtet. Seine nationalistische Wirtschaftspolitik ist nicht zuletzt gegen die EU gerichtet. Das zeigen die Aufkündigung des Pariser Klimaabkommens und des Iran-Deals. Trumps Bekenntnisse zur NATO klingen gequält. Kürzlich hat er Militärmanöver mit Verbündeten (Südkorea) abgeblasen, um einem Diktator (Kim Jong-un) zu gefallen. Trumps Verhältnis zu Russland ist ungeklärt. Warum hat er die Wiederaufnahme Russlands in die G 7-Gruppe gefordert? Hat sich Russland in den US-Wahlkampf eingemischt? Hat Trump als Geschäftsmann von Finanzzuwendungen russischer Geschäftsleute profitiert (Stefan Ulrich, SZ 29.6.18)?

Es ist nicht ausgeschlossen, dass Trump heimlich den Westen verrät und mit Russland paktiert!

Europa muss sich vom US-amerikanischen Einfluss befreien. Wir brauchen eine eigene Außen- und Verteidigungspolitik.

Auf die USA ist kein Verlass mehr.

2046: Volker Beck: Religionsunterricht nach der Verfassung

Freitag, Juni 29th, 2018

Volker Beck war religionspolitischer Sprecher der Grünen und Vorsitzender der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe im Bundestag. Er ist ein Experte für das Desaster in der Politik der Islamverbände in Deutschland. Jetzt lehrt er Religionspolitik am Zentrum für religionswissenschaftliche Studien in Bochum. Christine Brinck hat ihn für die „Zeit“ (14.6.18) interviewt.

Zeit: Der Religionsunterricht fällt auch in das Feld der Religionspolitik. Wie stehen Sie dazu?

Beck: Ich bin ein Anwalt unseres verfassungsrechtlichen Modells: dass Religionsunterricht an staatlichen Schulen stattfindet statt in Hinterhöfen; dass Religion von Lehrern unterrichtet wird, die Theologie nicht an irgendeiner privaten Bibel- oder Koranschule gelernt haben, sondern an einer staatlichen Hochschule. Die universitäre Theologie muss sich im geistigen Kosmos einer Universität mit Historikern und Philosophen auseinandersetzen. Das tut ihr gut. Insgesamt fördert das kooperative Verhältnis von Religion und Staat die Glaubensgemeinschaften: Es holt sie in die Mitte der Gesellschaft und bietet ihnen Ressourcen. Dieser Deal nützt dem gesellschaftlichen Zusammenhalt.

2045: Das Geschäft mit der Angst

Freitag, Juni 29th, 2018

In München findet zur Zeit die „SicherheitsExpo“ statt, die „Firmen, Private und den öffentlichen Bereich vor kriminellen Angriffen von innen und außen schützt“. Hier wird das Geschäft mit der Angst betrieben und befeuert. Die „Kunden“ zeigen ein gestiegenes Sicherheitsbedürfnis. Dafür gibt es zwar keine Gründe außer der Tatsache, dass die Branche und einige Parteien wie die CSU und die AfD die Angst schüren. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann war auch schon da, der sich gerne mal bei den Zahlen der Kriminalstatistik vertut. Alles für den „Sieg“ bei ber bayerischen Landtagswahl am 14. Oktober 2018. Renner bei der Sicherheitshysterie ist in diesem Jahr

die Drohne.

Die Branche rechnet damit, dass es bei uns bald wie in den USA „Gated Communities“ geben wird (SZ 28.6.18). Da wird dann richtig ausgegrenzt.

 

2044: Innenminister droht mit Entzug des Polizeischutzes.

Donnerstag, Juni 28th, 2018

Der italienische Autor und Journalist

Roberto Saviano

steht seit 2006 unter Polizeischutz. Er hatte das Buch „Gomorrha“ veröffentlicht, in dem er die enge Verflechtung der organisierten Kriminalität (Mafia, Camorra, N’drangheta) mit legalen Wirtschaftsstrukturen und der Politik gezeigt hatte. Saviano steht seither auf der Todesliste der Camorra. Nachdem er in der vergangenen Woche die Flüchtlingspolitik der neuen italienischen Regierung (Lega und Cinque Stelle) im „Guardian“ scharf kritisiert hatte, reagierte der stellvertretende italienische Regierungschef und Innenminister Matteo Salvini (Lega), ein Rassist und Rechtsextremist, mit der Drohung, Saviano den Polizeischutz zu entziehen.

2016 wurden in Italien 412 Journalisten und Blogger körperlich angegriffen, bedroht oder in ihrer Arbeit behindert. 2017 standen 196 Journalisten unter Polizeischutz (Roberto Saviano, FAZ 23.6.18; Interview mit Alex Rühle, SZ 25.6.18; Roberto Saviano, Die Zeit 28.6.18).

Im Interview mit Alex Rühle sagt Saviano: „Mein Leben sieht seit zwölf Jahren so aus: Wenn ich rausgehe, kann ich nicht einfach die Tür hinter mir zumachen. Ich muss erst die Carabinieri informieren, die sich um meine Sicherheit kümmern. Ich muss ihnen sagen, wen ich treffe und wo, weil sie dann erst mal den Ort genau inspizieren müssen. Ich kann nie sagen: ‚Wart auf mich, ich bin in zehn Minuten da.‘ Bevor ich losgehen darf, vergehen mindestens zwei Stunden. Fahrten durch Italien werden noch viel länger im voraus geplant, weil jeweils lokale Sicherheitskräfte bereitgestellt werden müssen. Wenn ich ein neues Buch vorstelle, werde ich zu einer Art Paket, das von einem Auto ins nächste gereicht wird. Ich kenne Dutzende von Polizisten, die mich jeweils in Gewahrsam nehmen, wenn ich in ihre Stadt komme. Wenn ich ins Ausland fahre, muss ich vorab jeden einzelnen Ort angeben, an dem ich mich wann genau aufhalten werde, die Hotels, die Lesungsorte, die Restaurants, in denen ich essen werde. Wer von Ihnen weiß, was er am Abend des fünften Tages einer Urlaubsreise abends um 21 Uhr machen wird? Ich muss so was wissen. Einige tun so, als sei es ein Privileg, so leben zu müssen. Ich bin noch nicht mal 40 und lebe so seit meinem 26. Lebensjahr. Ich kann Ihnen versichern, dass nichts an diesem Leben unterhaltsam oder angenehm ist.“

2043: Europa darf kein Vasall der USA bleiben.

Dienstag, Juni 26th, 2018

1. Der Westen, das ist die Wertegemeinschaft, die, alles in allem genommen,

1776

mit der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika und der Erklärung der Menschenrechte begründet worden ist. Geografisch erstreckt er sich heute (noch) auf die USA und Kanada, die EU, das restliche Europa (einige Balkanstaaten kommen in die entsprechenden Bündnisse) und Israel. Wichtig für ihn ist auch die französische Revolution (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) von 1789.

2. Mit dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg 1917, der den Kampf zugunsten der westlichen Mächte entschied, begann das amerikanische Zeitalter. Deutschland hatte sich in der Auseinandersetzung, die es verlor, überwiegend als Macht der Mitte verstanden.

3. Die USA sind eine Seemacht, von zwei weiten Ozeanen begrenzt. Sie haben es nicht gelernt, auf unmittelbare Nachbarn Rücksicht zu nehmen (Trump will eine Mauer zu Mexiko bauen lassen).

4. Die Globalisierung bringt es mit sich, dass wirtschaftliche Entscheidungen in fernen Ländern schwerwiegende Folgen bei uns entfalten können.

5. Viele Menschen empfinden das so, als ob wir nicht mehr Herren im eigenen Hause seien.

6. Die USA haben alle Kriege nach 1945 militärisch verloren (Vietnam, Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien).

7. Führend sind die USA auf dem Gebiet der „Soft Power“ (ein Begriff nach dem Politikwissenschaftler Joseph Nye): Englisch ist Weltsprache, der Dollar die Leitwährung. Die USA sind führend bei den Kommunikationstechnologien (Facebook, Microsoft, Google, Amazon et alii). Sie sind Teilhaber der größten Anwaltskanzleien, Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, Werbe- und PR-Agenturen.

8. Falls Russland, das heute nicht annähernd mehr so mächtig ist wie zu Zeiten der Sowjetunion,  durch die Sanktionspolitik des Westens destabilisiert würde, wäre das für die unmittelbaren europäischen Nachbarn schlimm, die USA blieben davon weithin unberührt.

9. Die Globalisierung und deren Folgen haben die geopolitischen Interessengegensätze zwischen den USA und Europa schonungslos offengelegt. Hauptsächlich aus militärischen Gründen sind wir aber – nolens volens – Vasallen der USA. Das darf so nicht bleiben. Aber die europäische Linke hat ein traumatisch schlechtes Verhältnis zur Rüstung. Sie behindert dadurch Europas Autonomie.

10. In der NATO haben sich die Partner zu gegenseitiger militärischer Hilfe verpflichtet. Im Vorfeld von Konflikten gibt es aber keine Regelung für eine wirksame außenpolitische Abstimmung. So kommt es immer wieder zu verhängnisvollen Alleingängen der USA. Die Probleme der EU resultieren aus dem Defizit an politischer Geschlossenheit (auch im Auftreten gegenüber den USA).

11. Dem US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump ist es binnen kurzem gelungen, die gesamte positive Ausstrahlung des Westens (Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaat, Freihandel etc.) zu dekonstruieren. Er hat die Axt an die westliche Gemeinschaft gelegt.

12. Die Methode dabei stammt aus der Digitalwirtschaft und heißt „Disruption“, etwas radikal Neues, ein Systembruch. Verlässlich ist dabei nur die Nicht-Verlässlichkeit. Das können die EU und Europa insgesamt nicht gebrauchen.

13. Ein US-amerikanischer Wissenschaftler schreibt an seinen deutschen Kollegen: „Während unser Präsident sein Bestes tut, um zu zerstören, was aufzubauen Jahrzehnte gedauert hat, dränge ich in Ihre Mailbox, um zu sagen, dass unsere Gemeinschaft von Gelehrten wichtiger ist denn je, und dass es besonders wichtig ist, in Kontakt zu bleiben.“

14. Europa braucht eine eigene handlungsfähige Verteidigungsgemeinschaft. Wobei es durch den Brexit noch die britische Atommacht verliert.

15. Der Euro muss weiter gestärkt werden, damit er auch ohne Berührung des Dollarraumes eingesetzt werden kann.

16. Europäische Unternehmen müssen mit Investitionen in den USA vorsichtiger sein, weil sie dort Sanktionsgefahren ausgesetzt sind. Die Zollerhöhung für deutsche Autos kommt.

17. Europa muss auf dem Feld der Internetunternehmen versuchen, mit den USA gleichzuziehen, deren Konzerne in Deutschland bekanntlich keine Steuern zahlen.

18. „Wenn Europa kein Vasall der Vereinigten Staaten bleiben will, dann müssen wir uns mit gelassenem Mut, ohne emotionalen Antiamerikanismus, aber mit entschlossenem Handeln von der Vorherrschaft der Vereinigten Staaten befreien.“ (Klaus von Dohnanyi)

(Herfried Münkler, Die Zeit 14.6.18; Norbert Frei, SZ 23./24.6.18; Klaus von Dohnanyi, FAZ 23.6.18).

Der ehemalige Bundesminister (1972-1974) und Erste Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg (1981-1988), Klaus von Dohnanyi (SPD), ist gerade 90 Jahre alt geworden. Als politischen Analytiker verehren wir ihn.

 

2042: David Grossmann über Israel

Montag, Juni 25th, 2018

Der israelische Schriftsteller David Grossmann („Eine Frau flieht vor einer Nachricht“), geb. 1954, ist in diesem Jahr „Writer in Residence“ beim Literaturfestival Potsdam. Julia Encke hat ihn für die FAS (24.6.18) und Thorsten Schmitz für die SZ (23./24.6.18) interviewt. Ich gebe gekürzt Auszüge aus dem letzten Interview wieder:

SZ: Im Hebräischen gibt es den Begriff (…) die Lage. Wenn man sich in Israel begrüßt, fragt man gerne: (…) wie ist die Lage? Wie ist sie denn?

Grossmann: Ohne zu krasse Wörter zu verwenden, die Lage ist gar nicht gut. Eigentlich müsste sie sehr gut sein. Wer Israel besucht, sieht ein modernes Land, überall neue Autobahnen, eine Skyline in Tel Aviv voller Hochhäuser, neue Stadtteile werden aus dem Boden gestampft, die Hightech-Industrie blüht. Man sollte meinen, wie lebten in einem Paradies. Aber seit 51 Jahren herrschen wir über das Volk der Palästinenser. Das ist eine Katastrophe für sie wie für uns. Der Nachhall der Zahl macht mich verrückt. Es ist unfassbar, dass Israel seit 51 Jahren ein Volk besetzt. Das Schöne, das ich eben gezeichnet habe, ist eine Illusion.

SZ: Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas wirken nicht, als seien sie an einem Frieden interessiert. Sie reden ja noch nicht einmal miteinander.

Grossmann: Netanjahu ist sehr klug, aber leider besitzt er keine einzige Vision. Ich kann mich nicht erinnern, dass er in den letzten zwanzig Jahren auch nur einen Satz ausgesprochen hätte, der eine Vision enthielt, wie Frieden aussehen könnte. Netanjahu spielt mit den Ängsten der Menschen, und er spielt dieses Spiel mit großer Perfektion. Bald ist Netanjahu länger Premierminister als es unser Staatsgründer David Ben Gurion war, und wenn ich mir anschaue, was Ben Gurion geschaffen hat und was Netanjahu, kann ich nur in tiefe Depression verfallen.

SZ: Auf einer alternativen 70 Jahr-Feier in Tel Aviv haben sie gesagt: Israel ist noch nicht zu Hause angekommen. Was haben Sie damit gemeint?

Grossmann: Israel wird zusehends zu einer Trutzburg, es ist immer weniger ein gemütliches Zuhause. Ich möchte aber nicht in einer Trutzburg leben. Die gigantische Kraft unserer Armee könnte unser Leben verbessern helfen, stattdessen wird die Armee dazu missbraucht, ein Besatzungsregime aufrecht zu halten.

SZ: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat womöglich genau das geleitet, Empathie mit den Flüchtlingen. Jetzt droht ihre Regierung darüber zu stürzen.

Grossmann: Es mag in deutschen Ohren nicht sehr populär klingen, aber ich bewundere Merkel sehr dafür, was sie getan hat. Ich weiß, dass mit den vielen Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind, auch Antisemitismus und Gewalt zugenommen haben. Aber Merkels Entscheidung, die Grenzen nicht zu schließen, ist die einzig richtige.