Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2061: Emmanuelle Seigner sagt ab.

Montag, Juli 9th, 2018

Die französische Schauspielerin Emmanuelle Seigner, 52, hat es in einem Brief mit scharfen Worten abgelehnt, in Hollywood der Osacar-Akademie beizutreten. Ihr Brief erschien in der französischen Zeitung „Journal du Dimanche“. Die Akademie hatte Polanski wegen eines Verstoßes gegen ihre Verhaltensrichtlinien ausgeschlossen. Gegen ihn läuft in den USA seit 40 Jahren ein Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs (SZ 9.7.18).

2060: Widerstand gegen Beirat des HU-Islam-Instituts

Sonntag, Juli 8th, 2018

In den Beirat des neuen Islam-Instituts der Humboldt-Univerität Berlin sind nur Vertreter von konservativen – und Scharia-Islamverbänden berufen worden. Die Studentenvertreter im akademischen Senat haben dagegen ein Gruppenveto eingelegt. Das Studentenparlament beschloss einstimmig, dass es kein Islam-Institut geben solle. „Ein Institut, an dessen Gründung reaktionär-konservative Islamverbände beteiligt sind, in diesem Fall sogar ausschließlich, ist inakzeptabel …“ Besonders gelte dies für eine Universität, die sich mit ihrem Leitbild „gegen jede Form von Diskriminierung, Intoleranz und kulturelle Selbstüberhöhung“ wendet und für die eine „Gleichstellung von Frauen und Männern in Wissenschaft und Gesellschaft ein vorrangiges hochschulpolitisches Anliegen“ ist.

Der zuständige Politiker ist Berlins Regierender Bürgermeister und Wissenschaftssenator Michael Müller (SPD).

Die bekannte Moschee-Gründerin Seyran Ates erinnert ihn daran, dass in diesem Beirat „Verbände am Tisch sitzen werden, die für ihre Arbeit gegen unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung vom Verfassungsschutz beobachtet werden und die offen Antisemitismus in Deutschland verbreiten …“ (Regina Mönch, FAZ 7.7.18)

2059: Thomas Glavinic: Über den Holocaust in der Literatur

Sonntag, Juli 8th, 2018

Der österreichische Schriftsteller Thomas Glavinic, geb. 1972, schreibt in der „Literarischen Welt“ (7.7.18) über den vor vierzehn Tagen dort erschienenen großen Essay über Literatur von

Maxim Biller.

Auch Glavinic unterstellt Biller die Sehnsucht, irgendwo dazugehören zu wollen. Er schreibt dann: „Biller hat über viele Jahre hinweg die Realitätsferne, Phantasielosigkeit und Streberhaftigkeit der deutschsprachigen Literatur kritisiert, deren Verfasser außer Seminarräumen nicht viel von der Wirklichkeit gesehen hätten. Sein Vorwurf an die deutschsprachige Literatur, sie sei geschichtsvergessen bzw. auf unproduktive Weise besessen von der deutschen Schuld (‚ schuldlos Schuldige‘, Selbstinszenierung als Opfer der Geschichte) ist massiv, aber nicht aus der Luft gegriffen.“

Gegen die Wortführer der Gruppe 47 tritt auch Glavinic nochmals nach (das ist ein bisschen billig, W.S.): „überschätzte, skrupellose Karrieristen, poesiearme Blender und künstlerische Feiglinge.“

Und dann kommt sein Fazit: „Für eine gewisse Elite in Deutschland ist der Holocaust ein Thema, das niemals an Aktualität verlieren wird. Für die Menschen in der Mitte der Gesellschaft ist er bloß lästig.“

2058: Claude Lanzmann gestorben

Samstag, Juli 7th, 2018

Claude Lanzmanns (1925-2018) Film „Shoah“ (1985) war und ist etwas ganz Besonderes. Eine Dokumentation, über neun Stunden lang. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mich mit meinen Mitarbeitern am Institut für Publizistik für ein Wochenende verabredet hatte, um diesen Film zu sehen und zu besprechen. Das Nachdenken und Sprechen über diesen Film hat dann noch viel länger gedauert. Es hält bis heute an. Was an diesem Film manche (es ist kein Film für jedermann) fasziniert und überzeugt, ist neben allen filmästhetischen und ideologischen Gedanken die Tatsache, dass er schlicht nach dem Prinzip vorgeht, Ross und Reiter zu nennen und zu Wort kommen zu lassen, bei den Tätern und den Opfern. Und nicht alles in Strukturen und Funktionen verschwinden zu lassen. Damit macht man sich nicht beliebt.

Dass der Regisseur tatsächlich nicht wusste, was er tat, geht aus folgendem Zitat hervor: „Ich wollte keine Gefühle hören, ich wollte so genau wie möglich erfahren, wie alles ablief. Ich wollte Beschreibungen. Räumliche und zeitliche Präzision. Dafür habe ich alles getan. Meine Gefühle haben mich dabei ganz und gar nicht interessiert.“ Ein solch großer Regisseur darf seine Gefühle verkennen. In seinem Film faszinieren einzelne Personen wie Abraham Bomba, der Friseur von Treblinka: „Er hat den Frauen und Kindern, die in die Gaskammer kamen, die Haare abgeschnitten, zwei Minuten pro Frau, vier Scherenschnitte, mehr Zeit war nicht.“

Claude Lanzmann, geboren am 27. November 1925, war ein Kraftkerl. Er gehörte zur kommunistischen Jugend und ging mit 18 Jahren in die Resistance. In dem Alter gingen andere in die Waffen-SS. Nach dem Krieg arbeitete er relativ kurz an der Freien Universität Berlin. Er lebte mit Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre in einer denkwürdigen Ménage-à-trois. Wurde Chefredakteur der „Temps Modernes“. Die Liebesbriefe zwischen de Beauvoir und Lanzmann wurden kürzlich verkauft, sie sind bislang nicht gedruckt. Lanzmann überwarf sich mit Sartre 1967, weil er sich nach dem Sechstagekrieg ganz auf die Seite Israels stellte.

Er blieb ein sehr streitbarer Publizist und Filmemacher. Darüber hat er uns in seiner Autobiografie „Der patagonische Hase“ (2010), 682 Seiten, ausführlich informiert. Der „Karski-Bericht“ ist Jan Karski gewidmet, der sich bemüht hatte, Präsident Roosevelt von der Judenvernichtung der Nazis zu berichten. „Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr“ erzählt vom Aufstand in Sobibor, geführt von dem Häftling Jehuda Lerner. Und schließlich 2o15 „Der letzte Ungerechte“ referiert über Benjamin Murmelstein, den letzten Vorsitzenden des Judenrats von Theresienstadt. Er kam schon in „Shoah“ vor. Claude Lanzmann hat sich um die Aufklärung über den Holocaust sehr verdient gemacht. Nun ist er im Alter von 92 Jahren in Paris gestorben (Fritz Göttler, SZ 6.7.18).

2057: CSU-Migrationspolitik vollständig gescheitert

Freitag, Juli 6th, 2018

Österreichs Zurückweisung von Horst Seehofers (CSU) Vorschlägen zur Grenzregelung zeigt eindeutig, dass die CSU-Migrationspolitik vollständig gescheitert ist. Es überrascht ja nicht, dass Nationalisten wie Sebastian Kurz (Österreich) , Matteo Salvini  (Italien), Victor Orban (Ungarn) und andere gerade keine Migranten aufnehmen wollen, sondern die Grenzen schließen. CDU und CSU haben in den letzten Wochen viele faule Kompromisse geschlossen, die alle untauglich waren und das deutsche Ansehen in Europa und der Welt schwer beschädigt haben. Der Schaden ist kaum wieder gutzumachen. Gestiegen ist die Politikverdrossenheit in Deutschland, die am Ende nur der AfD nutzt.

Das ist die Schuld der CSU.

Wenn wir Rechtspopulisten und Nationalisten nach dem Munde reden, werden bei der nächsten Wahl mehr Menschen das Original wählen. Horst Seehofer kann uns leidtun. Seine Karriere neigt sich dem unrühmlichen Ende zu. Sein Rücktritt passte nur noch nicht in das Timing von Alexander Dobrindt (der mit der Maut) und Markus Söder (der mit den Kreuzen) hinein.

2056: David Hume: Über den Freitod und Über die Unsterblichkeit der Seele

Mittwoch, Juli 4th, 2018

Der schottische Ökonom und Philosoph David Hume (1711-1776) ist ein Vorläufer der Aufklärung. Mit seinem „Traktat über die menschliche Natur“ (1740) hat er Immanuel Kants (1724-1804) „Kritik der reinen Vernunft“ (1781) angeregt. Das allein schon sollte uns bewegen, ihn besser zu kennen, als es anscheinend der Fall ist.

Hume hat zudem Gedanken zu anderen wichtigen Fragen unserer Existenz gestellt. Gerade erschienen ist David Humes

Über den Freitod und Über die Unsterblichkeit der Seele. Stuttgart (Reclam) 2018, 64 S.; 6 Euro.

„Ein beträchltlicher Vorteil, den die Philosophie bietet, besteht in dem unübertrefflichen Gegengift, das sie gegen Aberglaube und falsche Religion an die Hand zu geben vermag. Sämtliche anderen Heilmittel gegen diese schädliche Krankheit sind vergeblich oder zumindest in ihrer Wirkung ungewiss.“

Mit normalem Verstand und mit Lebenserfahrung komme man gegen falsche Religion und Aberglauben nicht an. Ihr Gift sei tödlich. Erst wenn „die gesunde Philosophie“ vom Verstand Besitz ergriffen habe, sei man dagegen immunisiert. Hume argumentiert nicht als Atheist, sondern als Theologe. Der Mensch wird doch von der Macht, die ihm die Natur verliehen hat, Gebrauch machen, also auch Hand an sich legen können. Außerdem gilt: „Das Leben eines Menschen hat für das Universum (…) keine größere Bedeutung als eine Auster.“ (Franz Schuh, Die Zeit 21. 6.18)

 

2055: Zur Lage von CDU und CSU

Dienstag, Juli 3rd, 2018

Zur Lage von CDU und CSU vgl. meinen Eintrag 2048 vom 30.6.18 „Die CSU verlässt Koalition und Regierung nicht.“.

2054: Fritz Bauers 50. Todestag

Montag, Juli 2nd, 2018

Am 1. Juli 1968 wurde der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer tot in seiner Wohnung aufgefunden. Der 1903 in Stuttgart geborene Bauer war in der deutschen Justiz eine Ausnahmefigur von großer Durchsetzungskraft und starkem Willen. In der Justiz und in der Gesellschaft nach 1945 war er weithin verhasst. Er steht für die positive Neubewertung der Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944, die Entführung Adolf Eichmanns nach Israel 1960 und die Frankfurter Auschwitzprozesse 1963-1981.

Der Jude Fritz Bauer hat sich Zeit seines Lebens als Atheist begriffen. 1928 wurde er Gerichtsassessor in Stuttgart, 1930 Amtsrichter. 1920 trat er der SPD bei und übernahm 1931 den Vorsitz der Ortsgruppe Stuttgart des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold. 1933 saß Fritz Bauer acht Monate im KZ Heuberg. Er wurde von den Nazis aus dem Dienst entlassen. 1936 emigirierte er nach Dänemark. Die dänische Polizei kategorisierte ihn als Homosexuellen. 1943 floh Bauer vor den Nazis nach Schweden.

1949 kam Fritz Bauer nach Deutschland zurück. 1952 war er Ankläger im Remer-Prozess. Als hessischer Generalstaatsanwalt nahm er Kontakt zu israelischen Dienststellen und dem israelischen Geheimdienst auf, um darauf hinzuwirken, dass der in Argentinien versteckt lebende Adolf Eichmann nach Israel verbracht wurde, wo die Israelis ihm den Prozess machten. Fritz Bauer sorgte für den ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963-1965.

Fritz Bauer hat zahlreiche juristische und politische Fachbücher veröffentlicht, hauptsächlich zur Entstehung des deutschen Faschismus, zu den Naziverbrechen und zur Humanisierung der Justiz. In der deutschen Justiz nach 1945 wurde Bauer häufig hintergangen, ausgebootet und sabotiert. Er hatte Erfolg als Einzelner. Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, hat Fritz Bauer vor einigen Jahren „vorbildlich“ genannt. Ebenso Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD). An seinem Todestag, dem 1. Juli, hat nun Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Fritz Bauer gewürdigt. „Es war Bauers Beispiel, sein Widerstand gegen ein Fortwirken des Personals und der Ideologie des NS-Regimes, das maßgeblich dazu beitrug, dass aus dieser Republik der demokratische Rechtsstaat wurde, der er heute ist.“ (Ronen Steinke, SZ 2.7.18)

Inzwischen pflegt und erforscht das 1995 in Frankfurt gegründete Fritz-Bauer-Institut (Geschichte und Wirkung des Holocaust) das Erbe des Juristen. Vielfältige, wissenschaftlich fundierte Veranstaltungen und Publikationen sorgen dafür, dass Fritz Bauer nicht vergessen wird. Sein Vorbild sollte jungen Juristen bekannt sein. Regelmäßig erscheint das Bulletin des Fritz-Bauer-Instituts „Einsicht“ (zuletzt Nr. 18 vom Herbst 2017).

 

2053: Biermann lobt Merkel.

Sonntag, Juli 1st, 2018

In einem großen, pathetischen Essay für die Wochenend-Ausgabe der „New York Times“ nennt Wolf Biermann, 81, Angela Merkel eine tragische Heldin, gleichsam einer Tragödie von William Shakespeare entsprungen. Der tragische Held könne nicht zwischen Gut und Böse wählen, sondern nur den einen oder den anderen Fehler machen. Merkels Entscheidung im Sommer 2015, die Flüchtlinge nach Deutschland hereinzulassen, sei ein Fehler gewesen, aber ein „richtiger Fehler“ („the right mistake“) (ank, FAS 1.7.18).

2052: Der Unterschied zwischen konservativ und rechts ?

Sonntag, Juli 1st, 2018

Die Juristin und Publizistin Liane Bednarz, geb. 1974, macht einen Unterschied zwischen konservativ und rechts. In einem Interview mit Patricia Hecht (taz 19.6.18) sagt sie:

„Konservative glauben an die westliche Gesellschaftsordnung, stehen für Pluralismus und denken liberal und nicht in ethnokulturellen Kategorien. Letzteres bedeutet etwa, dass eine Law-&-Order-Haltung so lange konservativ ist, wie sie sich nicht gegen ‚Fremde‘ richtet. Rechtes Denken hingegen ist illiberal, antipluralistisch und oft völkisch. Es ist kulturpessimistisch und bedient sich einer Verfallsrhetorik, die sich auch im christlichen Bereich findet, wo die Gesellschaft als übersexualisiert, verkommen und dekadent wahrgenommen wird. Das hat etwas Politreligiöses, das sehen wir gerade in Ungarn und Polen.