Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2073: BVerfG: Der Rundfunkbeitrag ist verfassungsgemäß.

Freitag, Juli 20th, 2018

Der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts unter dem Vorsitz von Ferdinand Kirchhoff  hat festgestellt, dass der Rundfunkbeitrag mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Der seit 2013 gültige Beitrag, der gegenwärtig 17,50 Euro beträgt, wird erhoben von allen Wohnungsinhabern unabhängig davon, ob sie Rundfunk (Radio und Fernsehen) tatsächlich nutzen. Er ist keine Steuer.

In einem Punkt gab das Bundesverfassungsgericht den Beschwerdeführern recht: für eine Zweitwohnung ist kein Beitrag zu entrichten. Die Vielfalt des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (90 Kanäle) rechtfertige es aber, die potenziellen Nutzer zur Finanzierung heranzuziehen und die Sender nicht als „allgemeine Staatsaufgabe“ über eine „Demokratiesteuer“ zu finanzieren. Da bei der aktuellen Regelung Einzelhaushalte schlechter wegkommen, stünde es dem Gesetzgeber frei, das durch eine Pro-Kopf-Abgabe auszugleichen. Verfassungsrechtlich zwingend sei das aber nicht.

Der Erste Senat hob unerwartet deutlich hervor, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk in einer von Monopoltendenzen, Filterblasen und mangelnder Faktentreue geprägten digitalen Welt besonders bedeutend sei. Der Auftrag der Sender sei es, „ohne den Druck zu Marktgewinnen die Wirklichkeit unverzerrt darzustellen, das Sensationelle nicht in den Vordergrund zu stellen und professionell die Vielfalt der Meinungen abzubilden“ (Wolfgang Janisch, SZ 19.7.18).

2072: Größtes politisches Problem: die Mieten

Dienstag, Juli 17th, 2018

Eine Befragung der SZ von 57.000 Bürgern bestätigt die Annahmen von kundigen Experten über den Mietmarkt in Deutschland.

Die Mieten sind zu hoch.

Jedenfalls können viele sie sich nicht mehr leisten. Insbesondere in Großstädten. Hauptbetroffene: Geringverdiener, Alleinerziehende et alii. Die Mieten sind nicht nur ein finanzielles Problem, sondern beeinträchtigen auch die Lebensplanung insgesamt. Alte wohnen oft in zu großen Wohnungen, weil ein Umzug nicht mehr in Frage kommt. Junge Menschen und Familien leiden erheblich unter dem Kostendruck (H.Beitzer, S. Fritsch, C. Endt, W. Jaschensky, T. Öchsner, SZ 16.7.18).

2071: Nelson Mandela 100

Dienstag, Juli 17th, 2018

Nelson Mandela (1918-2013) war der Glücksfall für den friedlichen Übergang von einem rassistischen und undemokratischen Apartheidssystem zu einer afrikanischen Demokratie. Von 1963 bis 1990 (27 Jahre lang) hatte er wegen Widerstands gegen den Rassismus seit 1944 als politischer Gefangener in Haft verbracht. Von 1994 bis 1999 war er der erste schwarze Präsident seines Landes. Für die Organisation des Übergangs zu einem demokratischen Staatswesen in Südafrika erhielt er 1993 den Friedensnobelpreis. Seinetwegen konnten größere Gewaltexzesse vermieden werden.

Heute wächst die Kritik an Mandela. Hauptsächlich weil die ehemaligen Unterdrücker bei dem versöhnlichen Übergang gut weggekommen sind. Sie taten ein bisschen Buße, durften aber alles behalten, was sie mit dem Blut und Schweiß der Unterdrückten erwirtschaftet hatten. Ausgerechnet auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos 1992 stimmte Mandela einer kapitalistischen Lösung der sozialen Ungleichheit zu. Nach Angaben der Weltbank ist Südafrika 2018 das ungleichste Land der Erde.

Mandelas große Leistung war die Versöhnung nach dem rassistischen Terror. Auf Kritik am ANC reagierte er allerdings unnachsichtig. Schon unter seiner Führung begann die Korruption und die Unfähigkeit der ANC-Kader. Mandela sah großzügig weg, wenn sich die Genossen die Taschen vollstopften. Mandela ließ reiche weiße Geschäftsleute in einen Fonds einzahlen, der nur für ihn bestimmt war. Davon profitierten die Weißen. Die moralische Instanz nahm es mit der Moral nicht so genau (Bernd Dörries, SZ 14./15.7.18).

Wir Menschen sind alle aus krummem Holz gemacht.

2070: „Des Glückes Unterpfand“

Sonntag, Juli 15th, 2018

Unter das Motto „Des Glückes Unterpfand“, drei Wörtern aus unserer Nationalhymne, hat der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck seine Sommerreise 2018 gestellt. Eine Sommerreise eines Grünen? Habeck will sich mit Heimat und Identität auseinandersetzen. „Wie schaffen wir Leidenschaft für das Versöhnende, nicht das Trennende?“

Habeck war schon beim Hermannsdenkmal. Er will noch zum Hambacher Schloss, in die Paulskirche, zur Wartburg, zum Freiheitsmuseum in Rastatt (wo die preußischen Truppen 1849 die Revolution niederschlugen), nach Leipzig (wegen der Montagsdemonstrationen 1989). Habeck besucht Orte, die sehr deutsch sind und bisher wenig mit seiner Partei zu tun haben. Er will bestimmte Orte nicht preisgeben. Er sucht nach dem Versöhnenden. Deutschland erscheint ihm zur Zeit hypernervös, gereizt und orientierungslos.

Aber zu Recht sagt Sebastian Gubernator (Die Welt 14.7.18) etwa zum Hermannsdenkmal: „Es ist schwer, dieses Denkmal mit etwas Positivem in Verbindung zu bringen.“ Habeck versucht es trotzdem. Er spricht mit Soldaten (auch über ihre Auslandseinsätze), obwohl er selbst Zivildienst in einem Heim für Schwerstbehindert abgeleistet hat. „Auslandseinsätze muss man differenziert betrachten. Manchmal können militärische Einsätze die Bedingung für Frieden sein.“

Manche Aussagen von Habeck zu seiner Reise wirken schwammig. Das liegt daran, dass solch ein Vorhaben für einen Grünen schwierig sein könnte. Dann weicht Habeck, der rhetorisch versiert ist, ins Akademische aus. Hoffentlich spucken Ökospießer nicht in die Suppe. Mir ganz persönlich gefällt Habecks Versuch. Aber ich kann mir sehr bedachte Menschen vorstellen, die eher Vorbehalte haben. Geben Sie Robert Habeck dennoch eine Chance.

2069: Putins Propaganda potent

Samstag, Juli 14th, 2018

Dass die Fußballweltmeisterschaft 2018 in Russland eine riesige Propagandainszenierung  werden würde, war von Anfang an klar. Genauso wie die Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014. Aber dabei hat Hajo Seppelt immerhin das

russische Staatsdoping

entlarvt. Propaganda nicht nur wegen Putin und so unseriösen Verbänden wie der Fifa oder Figuren wie Gianni Infantino und Lothar Matthäus. Sondern weil die Menschen angesichts von solch gut inszenierten Großveranstaltungen den Überblick verlieren. Wir erinnern uns nur zu gut an die Olympischen Sommerspiele in Berlin 1936.

Holger Gertz hat sich in der SZ (14./15.7.18) weitergehende Gedanken gemacht: „.. Menschen, die gesellschaftliches Bewusstsein und so etwas wie die Kraft des Widerstands wichtiger finden als besinnungslose Taumelei wegen eines Ballspiels, muss das Kotzen kommen angesichts der politischen Blindheit des Fußballbetriebs.“

„Wer äußert sich zu den politischen Gefangenen in Russland? Wer dächte, wenn er im Milliardenstadion von St. Petersburg spielt, an Korruption und Stadionarbeiter? Null, null und null. Es ist alles noch schlimmer geworden, die Störgeräusche werden bei dieser WM vom Apparat noch restloser und konsequenter geschluckt als früher.“

Und dann erklärt Gertz den Unterschied zwischen dem klugen und raffinierten Putin, der genau weiß, dass man dann die Öffentlichkeit am besten beherrscht und manipuliert, wenn man sich rar macht, und dem Trampel Trump, bei dessen Kabinettssitzungen die Anwesenden ihn manchmal am Anfang loben müssen. „Der Unterschied: Trump sah man die Genugtuung an, der Sabber der Selbstliebe lief ihm zu beiden Hosenbeinen raus. Putin schien die vorsätzliche Arschkriecherei seiner Gäste unangenehm zu sein.“

„Und in der Nachspielzeit am Montag trifft Wladimir Putin sich mit Donald Trump, der für ihn kein Gegner ist.“ (Vgl. hier Nr. 2047 vom 29.6.18 „Vom Gipfeltreffen USA – Russland droht Europa Gefahr.“)

2068: Stefan George 150 – der „Meister“ des „geheimen Deutschland“

Freitag, Juli 13th, 2018

Der Lyriker Stefan George (1868-1933) („Komm in den totgesagten park und schau;“, „Die grauen buchen sich die hände reichen“, „Ich bin der bogen, bin der bolz“) wird in der Literaturwissenschaft häufig geschätzt und von der Kritik gelobt (Gustav Seibt, SZ 12.7.18; Jens Bisky, SZ 12.7.18; Steffen Martus, SZ 12.7.18; Volker Breidecker, SZ 12.7.18). Manchmal wird er in einem Atemzug mit Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) und Rainer Maria Rilke (1875-1926) genannt, also mit Größen der deutschen Lyrik. In der „Welt“ feierte Tilman Krause 2012 noch den „Geist der Freundschaft und der Vermittlung spiritueller Werte“, der im „Kreise Stefan Georges“ geherrscht habe. Und nicht zuletzt war es die Tatsache, dass der Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944, Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907-1944), genau wie sein Bruder Berthold zum Kreis um den „Meister“ George (dem „geheimen Deutschland“) gehört hatte. Da erschien es so, als habe Georges Ideologie den Widerstandsgeist befördert. Das stimmt wohl nicht.

Der in Bingen geborene George führte das Leben eines Außenseiters, ungesichert, ohne Brotberuf, ohne festen Wohnsitz, viel auf Reisen. Er war ein Gegner der demokratischen Moderne. Er hat die Massen verworfen, die Geschäfte und die Geschäftigkeit, die großen Städte und die Presse, die Zerstreuung, den Fortschritt. Typisch für seinen Kreis war das „Raunen“, das kunstvoll gefeiert wurde, unklare Aussagen, die tatsächlich vieles offen ließen. Einer der Gründe dafür war anscheinend der § 175 StGB, der den Homosexuellen Stefan George und die Schwulen in seinem Kreis permanent bedrohte.

Der Direktor des Literaturarchivs in Marbach, Ulrich Raulff, geb. 1950, der 2009 bei C.H. Beck das Buch „Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben“ herausbrachte, sagt:

„Es gibt gute Gründe zu der Annahme, dass Stefan George ein praktizierender Homosexueller und Päderast war.“

„Anfang der dreißiger Jahre war er ein alter Schwuler mit schweren gesundheitlichen Problemen und Angst vor der Einsamkeit. Er fand die Nazis zum Kotzen, ordinär, weit unter seiner Spielklasse, aber seine Jungs drohten überzulaufen oder waren es bereits, weshalb er viel mehr tolerierte, als ihm selber geheuer war. Vieles von dem Geheimnis, mit dem er sich umgab, diente der Tarnung vor dem Paragraphen 175.“ Es ging um die Verheimlichung eines kriminellen Systems.

Dies wurde virulent, als 2010 die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule (der Hochburg der Reformpädagogik) bekannt wurden, wo zwischen 1960 und 1990 mehr als hundert Kinder, meistens Jungen, zum Opfer wurden. Täter waren der Schulleiter Gerold Becker und 15 weitere Lehrer. An der Schule herrschte der „pädagogische Eros“ Stefan Georgeschen Geistes. So wie Stefan George und seine Jünger die Jungs, die ihnen gefielen, in Heidelberg auf der Straße angesprochen hatten oder zur Fahndung nach „Süßschaften“ auch an die Odenwaldschule gegangen waren.

Der Autor der wichtigsten George-Biografie („Stefan George. Die Entdeckung des Charisma“ 2007), Thomas Karlauf, geb. 1955, sagte 2010 in der FAS: „Wenn Sie George als denjenigen identifizieren, der das Urbild Meister-Schüler-Beziehung im 20. Jahrhundert neu etabliert hat, inklusive sexueller Handlungen, dann ist Ihre Vermutung richtig. Es handelt sich durchaus um eine Ableitung, die für die einzelnen Opfer schreckliche Folgen gehabt hat. Einem solchen Opfer sollte man heute keine George-Gedichte mehr vorlesen.“

Thomas Karlauf hatte nach dem Abitur 1974 zehn Jahre in dem vom Deutschen Wolfgang Frommel betriebenen George-Kreis „Castrum Peregrini“ in Amsterdam gelebt, wo die gleiche Geheimnistuerei und Verschwiegenheit herrschte wie in Georges (gestorben 1933) Kreisen selbst. Dieser Bund diente dem Geist Georges, obwohl Wolfgang Frommel Stefan George nie kennengelernt hatte (was wiederum verschwiegen wurde). Karlauf verglich die Ablösung von diesem Kreis mit dem Ausstieg aus einer Sekte. Es habe dort viele gegeben, die damit nicht zurande gekommen seien. Das waren die „Verschollenen und Gescheiterten“, über die man wenig wisse. Wolfgang Frommel war ein Schwuler, der aber auch mit Frauen schlief, wie jetzt bekannt geworden ist (durch Christiane Kuby).

In seinem Kreis in Amsterdam ist es nachgewiesenermaßen zu sexuellem Missbrauch wieder überwiegend von Jungen (bzw. jungen Männern) gekommen. Das berichtet Nanne Dekking, dessen Mann, Frank Ligtvoet, ebenfalls seit 1974 im „Castrum Peregrini“ lebte. Die beiden Männer hatten sich verliebt, weshalb auch Dekking in das Haus in Amsterdam zog. „Ich musste mit meinem Erzieher also Gedichte lesen, aber es ging überhaupt nicht um Gedichte. Er fing sofort an, mich anzufassen und mir zu sagen, wie unglaublich ich sei. Er war wie besessen davon, an sein Ziel zu kommen. Als ich initiiert wurde, war ich 22, da hatten wir Sex. Und ich frage mich bis heute, warum ich ihn nicht rausgeschmissen oder ihm in die Eier getreten habe. Habe ich nicht. Ich ließ es geschehen. Von dem Moment an war klar, dass ich da nicht mehr mitmachen wollte.“

Thomas Karlauf hat beschrieben, dass der George-Band „Stern des Bundes“ zentral für das System Frommel war. Das „war der ungeheuerliche Versuch, die Päderastie mit pädagogischem Eifer zur höchsten geistigen Daseinsform zu erklären.“ Initiiert wurden im Kreise Wolfgang Frommels auch nicht-homosexuelle junge Männer. „Ich stand auf Mädchen und wollte das nicht, andererseits wollte ich dazugehören und dachte, wenn mein Vater das will, dann sollte ich es tun.“ Eltern als Mitwisser kamen in diesem System häufig vor. Eine besonders verachtungswürdige Tatsache. Thomas Karlauf schreibt dazu: „Missbrauch ist die eine Viertelstunde in Ihrem Leben, in der sie entscheiden müssen, ob sie dazugehören wollen oder nicht, ob Sie gehen oder ob Sie bleiben. Und in der Sie auf Grund des Machtgefälles nicht in der Lage sind, eigenverantwortlich zu handeln.“

Als Stefan George 1923 Claus und Berthold von Stauffenberg kennenlernte, war die zunächst besorgte Mutter nach Heidelberg gefahren und hatte lange mit ihm gesprochen. „George muss auf die Gräfin einen solchen Eindruck gemacht haben, dass sie sich sagte: Wenn meine Jungs mit diesem Mann Umgang haben, ist das eine gute Sache.“

(Julia Encke, FAS 13.5.18; Alexander Cammann; Die Zeit 17.5.18; Adam Soboczynski; Die Zeit 17.5.18; Mara Delius, Interview mit Melchior Frommel, Literarische Welt 19.5.18; Thomas Karlauf, Die Zeit 12.7.18)

2067: NSU-Prozess: viele Fragen bleiben.

Donnerstag, Juli 12th, 2018

Der NSU-Prozess ist nach 437 Verhandlungstagen (in über fünf Jahren), der Vernehmung von mehr als 600 Zeugen und 263 Anträgen in München zu Ende gegangen. Strafrechtlich korrekt. Das Gericht hat sich nicht zu Fehlern verleiten lassen.

Trotzdem bleiben Fragen, wovon allerdings einige nicht vom Gericht zu beantworten waren. Wie wurden die Opfer ausgesucht? Wie viele Unterstützer in der rechtsextremen Szene hat es gegeben? Wie konnte es zu dem

Versagen der deutschen Verfassungsschutzbehörden

kommen? Etc.

Heribert Prantl fasst den Prozess treffend in dem Bertolt-Brecht-Satz zusammen: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

„Aus dem Schoß, aus dem die Verbrechen des NS-Staats gekrochen sind, krochen 55 Jahre nach dessen Ende neuer Hass und neuer Mord. Das ist die Erkenntnis dieses Verfahrens. Die Täter waren keine Einzeltäter, sie waren Teil eines braunen Netzwerks, sie gehörten zu einem giftigen Milieu, in dem sie sich aufgehoben fühlen konnten. Bestraft wurden aber letztendlich nur eine Einzeltäterin und ein paar Gehilfen. Zwei der Mittäter haben sich umgebracht; das braune Netzwerk aber – es war und ist nicht angeklagt.“ (SZ 12.7.18)

Außenminister Heiko Maas (SPD): „Gegen rassistische Gewalt setzen wir nicht nur die Stärke des Rechts. Gegen Intoleranz und Hass braucht es die Kraft der Vielfalt unserer offenen Gesellschaften – überall auf der Welt. Das Leid, das die Täter angerichtet haben, ist durch nichts wieder gutzumachen. Die Opfer bleiben unvergessen.“

Edgar Franke (Opferbeauftragter der Bundesregierung): „Die menschenverachtende Gesinnung, die in den Taten zum Ausdruck kam, erfordert eine klare gesellschaftliche Reaktion als Zeichen der Solidarität mit den Opfern dieser zynischen Verbrechen.“

Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke): „Fragen nach einem möglichen Unterstützernetzwerk des NSU und der Mitverantwortung der Geheimdienste sind in diesem Prozess nicht oder nur sehr verengt thematisiert worden.“

Josef Schuster (Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland): „Das Umfeld des NSU liegt weiterhin im Dunkeln. Es ist höchste Aufmerksamkeit von Politik und Strafverfolgungsbehörden notwendig. Einen Schlussstrich unter das Kapitel NSU darf es nicht geben.“

Anetta Kahane (Amadeo Antonio Stiftung): „Die offengebliebenen Fragen schmerzen Betroffene und Angehörige. Das Versprechen der Bundeskanzlerin nach vollständiger Aufklärung wurde nicht eingelöst.“

Amnesty International: „Die Ermittlungsbehörden haben elf Jahre lang die rassistischen Tatmotive verkannt und durch eine teilweise offen rassistische Vorgehensweise eine rasche und umfassende Aufklärung des NSU-Komplexes verhindert.“

 

2066: Giegold fordert „klare Worte“ von den Kirchen.

Donnerstag, Juli 12th, 2018

Gemeinsam mit Präsidiumsmitgliedern des Deutschen Evangelischen Kirchentags hat der EU-Abgeordnete

Sven Giegold (Die Grünen)

eine Petition zur europäischen Flüchtlingspolitik verfasst. Darin verlangt er „klare Worte“ von den Kirchen. „Von unseren Kirchen in Europa erwarten wir die Verteidigung der Menschenwürde ohne politische Rücksichtnahme.“ In den letzten Wochen sei Abschottung zum Hauptziel der europäischen Politik geworden. Auch bei der Bundesregierung. „Dazu fehlen uns klare Worte von der Spitze unserer Kirchen.“ (KNA, SZ 11.7.18)

Anscheinend sieht Giegold die Kirchen fast als einzige Institution an, die gegen den populistischen Abschottungstrend (u.a. von Nationalisten und Rassisten) erfolgreich vorgehen kann. Giegold ist ein Optimist.

2065: Deutschlands NATO-Beitrag

Mittwoch, Juli 11th, 2018

1. Es steht fest, dass die deutsche rot-grüne Bundesregierung 2002 der Erhöhung des Wehretats in den NATO-Staaten auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zugestimmt hat. 2014 wurde das in Wales bekräftigt.

2. Damit haben Linke und Grüne in Deutschland Probleme. Die Linken, weil sie wie die AfD eher mit dem russischen Despoten Putin verbunden sind, die Grünen, weil sie an die Subventionen für neue Energien und die Energiewende denken.

3. Die nationalistische, falsche und unberechenbare Politik von Donald Trump darf (noch) nicht zu einer Abkehr von den USA seitens von EU und NATO führen.

4. Trump verlangt so unnachgiebig die Erhöhung auf zwei Prozent nicht, weil er damit die NATO stärken, sondern weil er die ökonomischen Konkurrenten (auch in der EU) schwächen will (das ist so ähnlich wie in der Iran-Politik).

5. Putin versteht nur die Politik der Stärke. Er arbeitet im Westen massiv mit Desinformation und der digitalen Beeinflussung von Wahlen.

6. Die NATO wird Trumps Politik nur überstehen, wenn es so etwas wie ein Bündnis im Bündnis gibt. Zwischen der immer noch starken politisch-militärischen NATO-Lobby in den USA und den Europäern und Kanadiern.

7. Deutschland hat die Wehrausgaben im letzten Jahr bereits erhöht und will sie im aktuellen Haushalt weiter erhöhen. Das ist im Bundestag umstritten. Für Angela Merkel (CDU) geht es um „Ausrüstung, nicht um Aufrüstung“. Für das Ressort von Ministerin Ursula von der Leyen (CDU) sind 42,9 Milliarden Euro vorgesehen.

8. Die NATO-Militärausgaben (Anteil am Bruttoinlandsprodukt) sehen folgendermaßen aus: USA 3,6; Griechenland 2,4; Großbritannien 2,1; Estland 2,1; Frankreich 1,8; Norwegen 1,6; Türkei 1,5; Deutschland 1,2; Dänemark 1,2; Luxemburg 0,5.

9. Die Beteiligung von Truppen an NATO-Missionen 2018 (Anteil der eigenen aktiven Truppen) in Afghanistan und dem Kosovo ist folgendermaßen verteilt: Slowenien 3,64; Ungarn 2,64; Deutschland 0,97; USA 0,7; Großbritannien 0,42; Türkei 0,21; Griechenland 0,12; Spanien 0,03; Kanada 0,01; Frankreich 0.

10. Es gibt vier „Lager“ zur Begründung der Militärausgaben: a) Planung und Ausrüstung, b) Einsätze und Entsendungen, c) Quantifizierung der Risiken, d) Beitrag zu Sicherheit und Verteidigung in Europa. Der Bundesregierung ist d) am wichtigsten.

11. Der NATO-Generalsekretär von 2009 bis 2014, der Däne Anders Fogh Rasmussen, fragt: „Wäre die strategische Autonomie Europas angesichts der Instabilität an den Grenzen der EU und der vielen Brände rund um den Globus wirklich ausreichend?“ Die Antwort lautet: Nein, wir brauchen die USA.

12. Fogh Rasmussen: „Das Narrativ der transatlantischen Allianz, die auf unseren gemeinsamen Werten beruht, ist kein naives Märchen: Es ist die Lebensversicherungspolitik für unsere liberalen Demokratien.“

(Daniel Brössler, SZ 9.7.18; AFP, DPA 9.7.18; Stefan Kornelius, SZ 10.7.18; Anders Fogh Rasmussen, SZ 11.7.18)

 

 

2062: von Trotta: Dokumentarfilm über Ingmar Bergman

Dienstag, Juli 10th, 2018

Am 12. Juli 2018 kommt Margarethe von Trottas Dokumentarfilm

„Auf der Suche nach Ingmar Bergman“

in die Kinos. Wir dürfen gespannt sein, wie die bekannte und erfolgreiche deutsche Schauspielerin und Regisseurin, geb. 1942, („Die bleierne Zeit“ 1981, „Rosa Luxemburg“ 1986, „Jahrestage“ nach Uwe Johnson 2000, Hannah Arendt“ 2012) ihr Vorbild Ingmar Bergman porträtiert.

Der große schwedische Regisseur Ingmar Bergman (1918-2007) kann als der autobiografisch arbeitende, erzprotestantische Seelensucher gelten, der die Themen Gott, Tod, Einsamkeit und Liebe problembewusst und virtuos inszenierte („Sehnsucht der Frauen“ 1952, „Die Zeit mit Monika“ 1953, „Abend der Gaukler“ 1953, „Das siebente Siegel“ 1957, „Wilde Erdbeeren“ 1957, „Die Jungfrauenquelle“ 1959, „Das Schweigen“ 1963, „Persona“ 1966, „Szenen einer Ehe“ 1973, „Von Angesicht zu Angesicht“ 1976, „Herbstsonate“ 1978. „Fanny und Alexander“ 1982). Ich hätte die größte Lust, hier noch viel mehr über Bergman zu schreiben. Er war das große Vorbild für Woody Allen, geb. 1935. Wie Bergman bei neun Kindern von sechs Frauen in der „Me too“-Debatte „abgeschnitten“ hätte, muss hier offen bleiben.

Margarethe von Trotta ist von Katja Nicodemus und Adam Soboczynski für „Die Zeit“ (28.6.18) interviewt worden:

Zeit: Glauben Sie, dass eine Überfigur wie Ingmar Bergman heute noch denkbar ist?

Trotta: Diese quasireligiöse Verehrung und Ikonisierung ist, glaube ich, Vergangenheit. Heute fühlt man sich einem Künstler nicht mehr so überschwänglich verpflichtet.

Zeit: Bergman nahm Ihren Film „Die bleierne Zeit“ in die Liste seiner Lieblingsfilme auf.

Trotta: Als wir einmal gemeinsam in einer Jury waren, erzählte er mir, dass er „Die bleierne Zeit“ gesehen habe, als er in einer schweren Krise steckte. Danach habe er wieder den Mut gefasst, Filme zu machen, und drehte „Fanny und Alexander“. …