Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2093: Neu: AGF Videoforschung

Montag, August 13th, 2018

Als die Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF) gegründet wurde, war sie eine Einrichtung von ARD und ZDF. Das hat sich geändert, weil Dokumentationen, Serien und Filme nicht mehr nur im Fernsehen laufen, sondern auch im Internet (Streamingdienste, Videoplattformen). Deshalb hat sich die AGF in AGF Videoforschung umbenannt. Bei ihren 11.000 Probanden aus 5.000 Haushalten nimmt sie ab 2019 neue Abfragekriterien hinzu. Die Zielgruppen sind nicht mehr so leicht zu bestimmen. Als Kriterium reicht das Alter nicht mehr. Die AGF interessiert sich für die soziale Situation und den Beruf der Befragten. Das Medienangebot wird immer größer und differenziert sich aus.

Neue Eigner neben ARD und ZDF sind dazugekommen: die RTL-Gruppe, Pro Sieben Sat 1, Tele 5, Discovery, Viacom, WeltN24 und seit 2017 auch Sky. Dadurch wird genau unterschieden, ob der Käufer etwa Filme abonniert oder Sport. Die als GmbH organisierte AGF Videoforschung arbeitet neuerdings auch mit Youtube zusammen. Es werden Daten mit der zu Google gehörenden Internetplattform ausgetauscht. Das entspricht dem Nutzungsverhalten der Rezipienten. Es soll künftig noch genauer erfasst werden. Dabei geht es hauptsächlich um die Werbepreise (Tobias Müller, FAZ 10.8.18).

2092: Historische Kommission der SPD: ihre Abschaffung ist ein Fehler.

Sonntag, August 12th, 2018

Jürgen Kocka war Professor für Geschichte in Bielefeld und an der FU Berlin. Früher war er an mehreren geschichtspolitischen Debatten beteiligt (z.B. Historikerstreit). Er ist Mitglied im Beirat der Historischen Kommission der SPD. Deren Abschaffung hält er für einen Fehler. Ich fasse seine Argumente hier in 20 Punkten zusammen.

1. Die SPD befindet sich in der Defensive. Bei der Bundestagswahl 2017 erhielt sie knapp mehr als 20 Prozent.

2. Den Sozialdemokraten in anderen Ländern Europas geht es noch schlechter.

3. Mit den Grünen und der Linken hat die SPD Konkurrenz von zwei anderen Linksparteien. Und die gesellschaftlichen Probleme werden immer komplexer.

4. Soziales und demokratisches Gedankengut ist längst auch in anderen Parteien verbreitet.

5. SPD, Grüne und Linke haben der Bundestagswahl 2017 nur noch ein gutes Drittel der Stimmen bekommen.

6. Hauptverantwortlich dafür ist die AfD, die für nationalistischen, antiliberalen, aber nicht unbedingt antisozialen Populismus steht.

7. Ursache für die Entwicklung sind die beschleunigten Globalisierungsschübe der letzten Zeit, welche die transnationalen Verflechtungen wesentlich verstärkt haben.

8. Der Sozialstaat kann nicht alle Folgen davon abfedern, so dass neue Gräben zwischen Gewinnern und Verlieren der Globalisierung entstanden sind.

9. Die Digitalisierung hat einen neuen dramatischen

Strukturwandel der Öffentlichkeit

mit sich gebracht. U. a. untergräbt sie die liberaldemokratischen, sich rechtsstaatlich begrenzenden Politikformen und Institutionen.

10. „Der aus der Arbeiterbewegung hervorgegangenen Sozialdemokratie ist mehr als ein Jahrhundert lang das Kunststück gelungen, einerseits die handfesten Interessen der kleinen und benachteiligten Leute, insbesondere der Arbeiterschaft resolut zu vertreten und andererseits wachsende Teil der liberalen, oft kosmopolitisch gesinnten Mittel- und Oberschichten zu binden. Dieser Spagat gelingt ihr derzeit kaum.“

11. Mit der Auflösung ihrer 1982 gegründeten Historischen Kommission demonstriert die SPD, dass sie nicht mehr die Kraft zur Interpretation der eigenen Geschichte hat.

12. Dazu sind nur Parteien und Bewegungen fähig, die von sich glauben, dass sie die Zukunft gestalten können.

13. Die Historische Kommission der SPD hat sich in die großen geschichtspolitischen Debatten der Vergangenheit eingeschaltet.

14. Ihre Auflösung ist ein Fehler.

15. Die Historische Kommission der SPD hat an der Enquetekommission des Bundestags zu den Folgen der SED-Diktatur und an der Neugestaltung der KZ-Gedenkstätten mitgewirkt.

16. Sie war ein attraktives Forum für Historiker.

17. Die Geschichte der SPD bleibt eine wichtige politische Ressource für die Partei.

18. Es kann leicht wieder zu neuen geschichtspolitischen Debatten kommen. Etwa zu Verbrechen in unserer Geschichte oder zur nationalen Identität.

19. Eine Historische Kommission wäre wichtig bei der Neubestimmung des Platzes Deutschlands in der Welt.

20. „Das Interesse an Digitalisierung ersetzt den Sinn für Geschichte nicht. Wenn sich die Partei wirklich erneuern und den Mut zur umfassenden Gestaltung von Gesellschaft und Politik zurückgewinnen will, geht das nicht ohne Geschichte als Fundament neuer Ideen.“

(FAZ 10.8.18)

2091: Enno Patalas gestorben

Samstag, August 11th, 2018

Im Alter von 88 Jahren ist in München der Filmhistoriker, Filmkritiker und Filmeditor Enno Patalas gestorben. Er war dort 21 Jahre lang Direktor des Filmmuseumns gewesen. Für uns Nachkommenden war Patalas so wichtig, wie man es sich heute kaum noch vorstellen kann. Allein seine mit Ulrich Gregor veröffentlichte „Geschichte des Films“ gab uns einen Begriff von Kino, auch von deutschem Kino, der so ganz anders war als der Film, der als „Opas Kino“ nach 1945 gerade auf den Hund gekommen war. Dieser Begriff zielte nicht auf Hollywood.

Patalas orientierte sich am italienischen Neorealismus (Rosselini, Visconti, de Sica), den der Student als jene existentielle Reaktion auf die Erschütterungen durch den Faschismus empfand, die er im deutschen Nachkriegsfilm schmerzlich vermisste. Sein Vorbild war der Stummfilm eines Friedrich Wilhelm Murnau. Filmkritik als Gesellschaftskritik und die filmhistorischen Vorarbeiten von Siegfried Kracauer prägten Enno Patalas‘ Perspektive. Er begründete 1957 die Zeitschrift „Filmkritik“ mit nach dem Vorbild der Pariser „Cahiers du Cinéma“. Und er hat uns Alfred Hitchcock ganz gezeigt. Der deutsche Titel von Francois Truffauts Buch „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ stammte von Enno Patalas.

2090: DDR-Opferverbände driften nach rechts.

Donnerstag, August 9th, 2018

Der Direktor der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, hat dem ehemaligen DDR-Bürgerrechtler Siegmar Faust bis auf Weiteres verboten, Besucher durch die Stasi-Gedenkstätte zu führen. Grund dafür war ein Artikel Fausts in der „Berliner Zeitung“, in dem er schrieb, „dass die Verbrechen der Nazizeit noch weiter wirken. Aber irgendwann muss das mal ein bissel aufhören. Man darf es nicht übertreiben.“ Der Stiftungsratsvorsitzende der Gedenkstätte, Berlins Kultursenator Lederer, hat Knabes Entscheidung ausdrücklich begrüsst.

Faust ist allerdings eine Legende unter den Stasi-Opfern. Sein Engagement für die Freiheit brachte ihm eine langjährige Haftstrafe in Cottbus ein. Auch durch tagelange Einzelhaft im „Tigerkäfig“ ließ er sich nicht brechen. Nach seinem Freikauf aus der DDR war Faust eine Zeit lang Assistent des Dissidenten und Sängers Wolf Biermann. Faus spricht manchmal die Sprache der Rechtspopulisten: die Medien manipulieren, die Regierenden hören nicht aufs Volk. Überhaupt leben wir angeblich wieder in Verhältnissen, die denen in der DDR nicht fern sind.

Die Rechtsdrift in der DDR-Opferszene gibt es überall. Der Dachverband UOKG zählt fast 40 Mitgliedsvereine, deren Anhänger in die Zehntausende gehen. Dabei ist doch klar, dass ein Teil der DDR-Kritik rechts motiviert war. Die AfD nutzt das für sich. Was sie allerdings als angeblichen „linksliberalen Meinungsterror“ bezeichnet, finden wir in den alten Bundesländern hinein bis in die CDU (Christian Booß; taz 17.7.18).

Christian Booß ist seit 2001 Forschungskoordinator der Stasi-Unterlagenbehörde, außerdem Vorsitzender des Vereins Bürgerkomitee 15. Januar. Kürzlich erschien seine Dissertation über Rechtsanwälte und politische Justiz in der DDR: „Im goldenen Käfig“. Göttingen 2017.

 

2089: „Neue kommentierte Gesamtausgabe“ Paul Celan

Donnerstag, August 9th, 2018

Die Tübinger Privatdozentin Barbara Wiedemann ist früh von der Familie Celan beauftragt worden, den Celan-Nachlass für den deutschsprachigen Raum auszuwerten. Bereits 2003 kam ein erster Kommentarband heraus. Nun ist erschienen:

Paul Celan: Die Gedichte. Neue kommentierte Gesamtausgabe. Hrsg. von Barbara Wiedemann. Berlin (Suhrkamp) 2018, 1.261 S., 78 Euro.

Celan ist der am häufigsten interpretierte und am umfassendsten edierte Lyriker des 20. Jahrhunderts. Er hat mit der „Todesfuge“ das berühmteste Gedicht deutscher Sprache im 20. Jahrhundert geschrieben. Vielfach hat man ihn mit diesem Gedicht zum Opfer, Heiligen und Märtyrer gemacht, was Celan meistens nicht gefiel.

Der Dichter ist zum Zankapfel von Wissenschaftsinteressen geworden. Es gibt zwei historisch-kritische Gesamtausgaben. Die Bonner von 1990 und die Tübinger von 1999. In der neuen Gesamtausgabe wird jedes einzelne Gedicht mit Anmerkungen versehen. Jedes nicht sofort durchschaubare Wort wird erklärt. 58 Gedichte sind neu hinzugekommen.

Paul Celan hat mit großer Wahrscheinlichkeit ein Leben (1920-1970) geführt, das 2018 nicht mehr ganz PC ist. Persönliche Erinnerungen und die Briefwechsel mit Ingeborg Bachmann und Ilana Shmueli sind erschienen. 2010 erschien Das Buch der langjährigen geheimen Geliebten Brigitta Eisenreich. Darin werden Wörter wie „Schuttkahn“ erläutert. Im Briefwechsel mit Ingeborg Bachmann erscheint etwa das Gedicht „Köln, Am Hof“ als Reflex auf eine ungestüme Liebesnacht bei der zufälligen Wiederbegegnung nach einer langen Trennung. Sogar der alte Peter Rühmkorf, der in den fünfziger Jahren als junger Wilder auftrat, musste sich gegen manche Insinuationen der Herausgeberin wehren. Helmut Böttinger meint, dass der Band trotzdem auf jeden Fall von praktischem Nutzen ist (Helmut Böttinger; SZ 27.7.18).

2088: Jaron Lanier kritisiert Mark Zuckerberg deutlich.

Mittwoch, August 8th, 2018

Der Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels von 2014 und Internet-Pionier Jaron Lanier, von dem der Begriff der „virtuellen Realität“ stammt, hat den Facebook-Chef Mark Zuckerberg hart dafür kritisiert, dass dieser Einträge von Holocaust-Leugnern auf Facebook aus Gründen der Meinungsfreiheit nicht löschen wolle. Lanier: „Wie konnte es passieren, dass ein Unternehmen zur Hauptquelle für Informationen, soziale Kontakte und die Lebensplanung von Milliarden von Menschen auf der ganzen Welt geworden ist, welches gleichzeitig erwiesenermaßen Falschinformationen verbreitet, die Leben ruinieren und zu Blutvergießen führen?“

Das Geschäftsmodell des Konzerns sei es, Institutionen, die Normen und Ideale vertreten, zu schwächen. Es habe die unabhängige Presse zu einem Wettbewerb um Klickzahlen gezwungen. Das reduziere die Selbstbestimmtheit der Journalisten. Die unabhängige Presse leiste „mehr Gutes für die Welt als all das Gute, das durch tausende Facebooks zusammengenommen jemals entstehen könnte“. Man müsse einen Weg finden, „um den Schaden rückgängig zu machen, der dem Journalismus und anderen Institutionen, die für Anstand einstehen, zugefügt würde“.

Im Juni 2018 erschien Jaron Laniers Buch

„Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst.“

(Katharina Koser, FAZ 3.8.18)

2087: Die nächste Bildungskatastrophe

Donnerstag, Juli 26th, 2018

1. Der Australier John Hattie hat umfassend gezeigt, dass es für die Qualität des Bildungssystems auf die Lehrer ankommt. Er hatte 800 Meta-Studien ausgewertet, um festzustellen, was guten Unterricht ausmacht. Andere vermeintliche Förderbedingungen werden überschätzt (kleine Klassen usw.).

2. In Deutschland fehlen demnächst 50.000 Lehrer. Sie können nicht durch Seiteneinsteiger ersetzt werden. In unserem BIldungssystem gibt es heute bereits eine Abwärtsspirale, die über kurz oder lang alle Diskussionen über Unterrichtsqualität, kulturelle Basistechniken und grundelegende Handlungsfähigkeit im Keim ersticken wird.

3. Lehrer werden in Deutschland nicht genug wertgeschätzt. Sie gelten als faul.

4. Es herrscht das irreführende Bild, das man ein Lehrer-Studium nur dann ergreift, wenn es zu „mehr“ nicht gereicht hat.

5. Viele Menschen nehmen an, dass man Lehrer werden will, weil man ein Medizinstudium nicht geschafft hat. Wie lächerlich!

6. Josef Kraus, der langjährige Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbands, beschreibt einen guten Lehrer: „Ein Lehrer muss seine Fächer souverän beherrschen und lieben. Er muss junge Leute mögen, ohne deren Kumpel sein zu wollen. Er muss gerecht sein. Er darf sich nicht auf der Nase herumtanzen lassen. Und er braucht ein solides Nervenkostüm.“

7. Zur Förderung der Digitalisierung brauchen wir ein mit vielen Kompetenzen ausgestattetes Digitalisierungsministerium.

8. Der Unterricht muss hinsichtlich der Methodik und des Verständnisses von Technik anders werden – nicht nur bezüglich der Hardware.

9. Wer gute Lehrer haben will, muss sie verbeamten.

10. Lehrer müssen nach Leistung befördert werden können.

(Christoph Schäfer, FAS 8.7.18; Manuel J. Hartung/Lisa Nienhaus, Die Zeit 12.7.18; Heike Schmoll, FAZ 21.7.18)

 

2086: Russischer Lobbyist kritisiert Maas.

Donnerstag, Juli 26th, 2018

Der ehemalige Bundeskanzler und gegenwärtige Aufsichtsratsvorsitzende von Rosneft und Nordstream, Gerhard Schröder (SPD), ein russischer Lobbyist, kritisiert Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) für dessen Bemerkungen zu Mesut Özil. Diese seien „schlicht und einfach unerträglich“.

Liebe Leserinnen und Leser, Ihnen ist gewiss klar, wie Sie das Beurteilungsvermögen eines Mannes einzuschätzen haben, der Wladimir Putin als „lupenreinen Demokraten“ bezeichnet hat (SZ 26.7.18).

2085: Wir können etwas tun !

Mittwoch, Juli 25th, 2018

Die beiden Harvard-Politologen Steven Levitsky und Daniel Ziblatt stellen in ihrem

Buch „Wie Demokratien sterben“

die These auf, dass Demokratien nicht durch Waffengewalt zugrunde gehen, sondern durch gewählte Autokraten. Ziblatt war im letzten Semester Gastprofessor an der LMU München. Pia Ratzesberger hat ihn für die SZ (24.7.18) interviewt.

SZ: Wie können Bürger ihre Demokratie denn retten, wenn sie bedroht ist?

Ziblatt: Wenn Sie mich fragen, sollte man wählen gehen: Ja. Sollte man sich in Organisationen engagieren: Auch ja. Ich glaube aber, die Leute vergessen, dass man im Alltag viel tun kann, zum Beispiel im Job. Sei es als Anwalt, Lehrer oder Journalist. Grundlegend ist, dass man die ungeschriebenen Regeln der Demokratie respektiert – und sich im eigenen Leben daran hält.

(W.S.): Also: liebe Freunde und Kupferstecher, machen Sie den Mund auf. Gegen die AfD, gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Sie sind nicht allein. Am wichtigsten sind scheinbar private Anlässe und Gelegenheiten.

2084: Tuba Sarica: Ihr habt eine Chance. Ergreift sie!

Mittwoch, Juli 25th, 2018

Den widerwärtigen Rassismus hat es in Deutschland immer gegeben. Wegen der Erinnerungen an die Nazi-Zeit eventuell lange Zeit eher hinter vorgehaltener Hand. Das ist mit dem Rassismus der AfD, etwa bei Alexander Gauland, anders geworden. Die dreißigjährige Tuba Sarica, die Germanistik und Medienkulturwissenschaften studiert hat, setzt sich in ihrem Blog

„Weltbewohner“

mit dem Verhältnis der deutschtürkischen Community zur Demokratie auseinander. Nun hat sie ein Buch geschrieben:

„Ihr Scheinheiligen! Doppelmoral und falsche Toleranz. Die Parallelwelt der Deutschtürken und die Deutschen“. München (Heyne) 2018, 224 S., 14,99 Euro.

Dazu hat sie Jonathan Fischer (SZ 25.7.18) interviewt:

SZ: Sie haben also bisher kaum selbstkritische Stimmen aus der deutschtürkischen Community vernommen?

Sarica: Die modernen Muslime, die behaupten, sie seien integriert, stehen unter starkem Zwang, es den Religiösen recht zu machen. Ich habe das an meiner eigenen, eher fortschrittlich gesinnten Familie gesehen. Sobald die religiöseren und verschleierten Verwandten zu Besuch kamen, wurden oft frauenfeindliche und deutschfeindliche Ansichten geäußert. Ich wollte immer dagegen aufstehen. Aber meine Mutter bat mich, mir den Widerspruch zu verkneifen. Es gibt da eine weitverbreitete Ablehnung der liberalen Demokratie und ihrer Diskussionskultur – aber sie wird als „Loyalität“ verkauft.

SZ: Sie werfen der Community vor, es sich in der Opferrolle bequem einzurichten. Warum?

Sarica: Es ist einfacher, das Bild vom „bösen Deutschen“ aufrechtzuerhalten. Damit gibt man die eigene Verantwortung ab. Ich habe als Türkin, die Abitur macht, vielen deutschtürkischen Kindern Nachhilfe gegeben. Viele waren total demotiviert. Sie schoben es auf die deutschen Lehrer. Am Ende aber waren es ihre eigenen Eltern, die ihnen eingeredet hatten, dass sie als Deutschtürken sowieso benachteiligt würden. Mein Buch hat deswegen eine Botschaft an meine Landsleute:

Ihr lebt in einem Land, in dem ihr eine Chance habt. Ergreift sie! Und übernehmt endlich die Verantwortung für euch!

SZ: Sie schreiben: „Die Integration sollte nicht auf die Deutschen abgewälzt werden.“ Machen Sie es da den Deutschen nicht zu leicht?

Sarica: Nein, ganz im Gegenteil. Ich nehme die Deutschen in die Verantwortung, sich nicht bei jedem Rassismusvorwurf wegzuducken. Sie sollten kritisch nachfragen, die Intoleranz nicht tolerieren. Denn hinter dem modernen Äußeren, das viele quasi-integrierte Deutschtürken vor sich hertragen, herrschen immer noch undemokratische Zustände. Ein ehrlicher Dialog wäre besser. Integration scheitert in Deutschland nicht an der Diskriminierung. Sie scheitert da, wo Liebe und Individualität verhasst sind.