Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2103: Joseph Roth 1926 aus Paris an Benno Reifenberg

Sonntag, August 26th, 2018

Als Joseph Roth 1926 als Paris-Korrespondent der „Frankfurter Zeitung“ von Friedrich Sieburg abgelöst wurde, schrieb er bitterböse Briefe an den Feuilletonchef des Blattes, Benno Reifenberg. Das ist zu lesen in dem von Jan Bürger herausgegebenen Band

„Pariser Nächte“. München (C.H. Beck) 2018, 144 S., 16 Euro.

Da heißt es u.a.:

„Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass sich in Paris eine Clique bilden wird bestehend aus Frau Helen Hessel, Klaus Mann, Friedrich Sieburg, Dr. Benjamin, derselbe, der Ihnen die blödsinnigen Aphorismen geschrieben hat. Die werden Feuilletons durch Sieburg hinschicken.

Ich mache Sie dafür verantwortlich, weil ich, für den Fall, dass ich bleibe und der Verlag meine Bedingungen erfüllt, Paris noch nicht aufgegeben habe – für später. Ich möchte nicht plötzlich noch einen impotenten Kulturjuden mit Aphorismen haben.

Dr. Benjamin ist zwar Krac(cauer)s Liebling, aber ein schlechter Journalist und ein träger Jud. Krac, der liebe, gute Krac, überschätzt leicht die Abstrakten. Die fürchterlichsten Kerle.

Ich war entsetzt über Diebold’s Bericht über Klaus Mann.

Wir können dem Scheißbengel keine Reklame machen. Nur das ‚Weltblatt‘ die ‚F.Z.‘ fällt noch auf so was herein. Es hat auch den besten Kritiker und Literaturkenner.“ (FAS 26.8.18)

2102: Peter Handkes Feinde: Joschka Fischer, Marcel Reich-Ranicki, Daniel Cohn-Bendit

Sonntag, August 26th, 2018

Der „Freitag“ hat am 23. August Peter Handke interviewt („Ich habe keine Schublade“). Darin kommt zur Sprache, dass Handke in den neunziger Jahren „sehr hart“ für seine Berichte aus Serbien angegangen worden sei.

„Ja, das ist immer der Mechanismus. Man hat mich sogar mit Céline verglichen“, antwortete Peter Handke. War dieser Vergleich für ihn schlimm? „Joschka Fischer ist mir viel widerlicher als Céline.“ Warum Joschka Fischer?, fragten die Journalisten. Und dann holte Handke zu einer seiner Tiraden aus: „Joschka Fischer und Marcel Reich-Ranicki sind die schlimmsten Typen der Nachkriegszeit in Deutschland. Und Daniel Cohn-Bendit, das können Sie aufschreiben. Fischer hat überhaupt keine Ahnung von nichts. Essen vielleicht.“ (FAS 26.8.18)

W.S.: Anscheinend will der Schriftsteller hier nochmals unter Beweis stellen, dass er politisch nicht ganz bei Trost ist.

2101: Grüne Politik – staatsoffiziell

Samstag, August 25th, 2018

Thomas E. Schmidt hat in der „Zeit“ (2.8.18) ein Modell entwickelt, mit dem der Aufstieg der „neuen Mittelklasse“ und ihr Kampf gegen rechts ebenso erklärt werden kann wie der Aufstieg der Rechtspopulisten und Rassisten. Zugrunde liegt die „Drei-Drittel-Gesellschaft“ (Andreas Reckwitz, Frankfurt/Oder). Bestehend aus der neuen Mittelklasse, der alten Mittelklasse und der neuen Unterklasse (vgl. hier 1761 vom 18.11.17 und 1826 vom 4.1.18). Die letzteren beiden sind Absteiger.

Die alte Mittelklasse ist von mittleren Bildungsabschlüssen gekennzeichnet (Handwerker, Angestellte, Facharbeiter) und findet sich überwiegend in Kleinstädten.

Die neue Unterklasse besteht aus den Verlierern der Bildungsexpansion. Ihre Berufe sind unattraktiv, die Ernährung ungesund, die Körper dick, die Erziehung der Kinder anregungsarm.

Die neue Mittelklasse dagegen ist akademisch ausgebildet, polyglott, kosmopolitisch (Anhänger der Globalisierung), ökologisch eingestellt und vertritt die Werte der Selbstverwirklichung. Sie macht gegen rechts mobil. Hier finden sich viele Grüne.

Für Thomas E. Schmidt ist „der Kampf um Demokratie in Wirklichkeit ein Abwehr- und Selbstverteidigungsgefecht gegen die alte Mittelklasse, die sich noch daran erinnert, was ein Blaumann ist, und sich in einer gegenderten Sprache nicht ausdrücken kann.“ Die neue Mittelklasse lege die Zukunft in einem Sinn aus, der Zweifel, Angst und Melancholie ausschließt, „stattdessen noch mehr Integration und Partizipation fordert, mehr Europa und mehr Feminismus, eine noch gesündere Lebensführung, den korrekten Sex, mehr Plattform-Ökonomie, weniger Kohleverstromung.“

Laut Schmidt hat sich der Staat der grünen Erzählungen (Narrative) als Wahrheitsagentur angenommen und sich als Modernisierer positioniert. Das gehe heute weit über die Grünen hinaus und in mehrere Parteien hinein. „Seither ist der Kern grüner Politik staatsoffiziell – auch wenn das letztlich ganz andere Parteien verantworten, …“

„Dass sich die Grünen 1980 entschlossen, eine Partei zu werden, gehört zu den wirklich bedeutenden Zäsuren in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Grünen setzten ein Muster: Seither fließen Kritik und Protest, individualisierte Freiheitlichkeit und ökologische Sorge, das Achtundsechziger-Erbe und die Experimente mit Lebensformen, sämtliche Fermente kultureller Modernisierung ins parlamentarische System ein.“

„Es gibt darin kein kulturelles Außen mehr, und die Rechte bildete sich in einer Leere ohne Ideenregime, ohne Leitfiguren und Vorbilder, was ihr heute die Möglichkeit eröffnet, sich antiautoritär zu gerieren, die Protestformen von Achtundsechzig zu übernehmen und sich als eine Bereicherung des parlamentarischen Systems auszugeben. Ist jemand daran ’schuld‘? Eher ist es der Preis für eine ziemlich gute deutsche Politik.“

W.S.: Die Analyse von Thomas E. Schmidt stimmt.

2100: Christoph Hein erklärt uns die Ossis und die Russen.

Freitag, August 24th, 2018

Der ostdeutsche Erfolgsschriftsteller Christoph Hein (geb. 1944) („Der fremde Freund“ 1982, „Horns Ende“ 1985, „Willenbrock“ 2000, „Verwirrnis“ 2018), der auch als Dramatiker reüssiert und vor 1989 in westdeutschen Verlagen präsent war, gilt als Ossi-Versteher und unabhängiger Kritiker des Westens. Er lebt in Havelberg bei Berlin. Von ihm dürfen wir eigenständige Beurteilungen der Lage in Europa erwarten. Felix Stephan hat ihn für die SZ (24.8.18) interviewt. Ich bringe hier nur Auszüge aus den Antworten Christoph Heins:

„Auch der Antisemitismus ist 1945 nicht einfach verschwunden. Wie auch? Er hat nur länger als in anderen europäischen Ländern den Mund gehalten. Dass das jetzt alles wieder hochkommt, überrascht mich nicht. In meinem zweiten Roman ‚Horns Ende‘ aus dem Jahr 1985 ging es auch schon um diese Kontinuität. Dass ich da keinen Bruch gesehen habe, hat mir damals viel Ärger eingebracht. Aber wie sollte es anders sein? Es war ja die gleiche Bevölkerung.“

„Wir hatten 1968 den Prager Frühling, das hat das West-68 vollkommen überlagert. … Im Osten aber diskutierten damals alle die Frage, ob sich unsere Armee an der Niederschlagung des Aufstands in Prag beteiligte. Viele hatten die Truppenbewegungen Richtung Süden mit eigenen Augen gesehen. Aber der damalige sowjetische Staatschef Breschnew hat die Deutschen im letzten Moment gestoppt, sie mussten im Thüringer Wald halten. Man wollte keine deutschen Soldaten in Prag. Da hatte Breschnew mehr politisches Gespür als Walter Ulbricht, der unbedingt dabei sein wollte.“

„Später benutzte Barack Obama die dämliche Formulierung von der ‚Regionalmacht‘. Das führt eben dazu, dass 90 Prozent der Russen Putin heute verehren wie einst Väterchen Stalin, weil er etwas von dem zurückbringt, was sie gestern noch waren. … Wenn ich hier wissen will, ob es mir gut geht, schaue ich auf mein Konto. Da sehe ich: Diesen Monat geht es mir gut, nächsten wird es mir vielleicht nicht so gut gehen. Aber ich schaue doch nicht auf Deutschland. Die Russen haben das Bild des ‚heiligen großen Russlands‘, des Väterchens Russland, des ‚mit Blut getränkten russischen Bodens‘. Deshalb haben sie natürlich auch überhaupt kein Problem damit, die Krim zu annektieren. Das ist heiliger russischer Boden, ganz gleich, ob Nikita Chruschtschow das irgendwann irgendwem geschenkt hat. Die Krimtataren, die Kiewer Rus, das ist der Ursprung Russlands, das liegt alles dort. Deshalb verstehen sie auch gar nicht, was die Welt ihnen jetzt vorwirft.“

2099: Klaus Wildenhahn tot

Mittwoch, August 22nd, 2018

Der größte deutsche Dokumentarfilmer Klaus Wildenhahn ist tot. Im Alter von 88 Jahren starb er in Hamburg. Weil Wildenhahn auch als Lehrer (Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin, dffb, 1968-1972) und Buchautor größte Verdienste hatte, dürfen wir ihn als den größten Kenner des Dokumentarismus betrachten. In seinem Buch

„Über synthetischen und dokumentarischen Film. Zwölf Lesestunden.“ Berlin 1973, 231 S.,

explizierte er seine Begriffe von

synthetischem, poetischem und dokumentarischem Film.

„Objektivität hat seit Beginn der dokumentarischen Filmarbeit nie existiert. Jeder nennenswerte Dokumentarist ergreift Partei in seinem Produkt, durch sein Produkt“ (S. 71). Auch wenn die Konstruktivisten unter den Filmemachern wie Peter Krieg („Septemberweizen“) dies später weiterentwickelt haben, hat Klaus Wildenhahn die Grundlagen für das heute noch gültige Verständnis von Objektivität im Dokumentarismus gelegt. Er wäre heute ein klassischer Gegner der Rechtspopulisten.

Wildenhahn hatte sich an den Klassikern des Dokumentarismus Robert Flaherty („The Men of Aran“), John Grierson („Drifters“), Joris Ivens („Borinage“), Dsiga Vertov („Der Mann mit der Kamera“) und Jerzy Bossak („Requiem für 500.000“) geschult, den wir 1981 bei den polnischen Filmtagen in Göttingen hatten. Als Austauschstudent der FU Berlin (Soziologie, Politologie, Publizistik) in den USA hatte Wildenhahn dort sein Studium abgebrochen und in London einen Dokumentarfilm-Veteranen, Richard Leacock („Happy Mother’s Day“), kennengelernt. Der prägte ihn wie ähnlich die beiden US-Amerikaner Don Allan Pennbaker und Albert Maysles („Direct Cinema“). Ende der fünfziger Jahre war die bewegliche Kamera einsatzbereit, die den Dokumentarismus radikal veränderte. Die Filme wurden schneller und spontaner, was bei Wildenhahn nicht hieß, dass sie ohne eine seriöse Recherche und lange Anwesenheit „vor Ort“ möglich gewesen wären. Eine Rolle dabei spielte Henry David Thoreaus Buch „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“. Anregungen hat sich Wildenhahn auch bei dem Schriftsteller Martin Walser (damals noch ein Linker), dem Psychoanalytiker Erik H. Erikson und dem Autor Günter Wallraff geholt.

Wildenhahn war politisch ein Linker, woraus er nie einen Hehl machte, benahm sich aber nie dogmatisch oder fanatisch, was ihn so einflussreich machte und seine Filme so wirksam. Entwickeln konnte er sich beim NDR, also im Rahmen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Von 1960 bis 1964 war er Realisator bei „Panorama“. Damals machte er schon Filme oder „Beiträge“, die zu politischen Kontroversen führten. Manches von Wildenhahn wurde zwar gedreht, aber hinterher nicht gezeigt. Seine Vorgesetzten, die ihn deckten, waren etwa Egon Monk, Gert von Paczensky und Rüdiger Proske. Bald arbeitete Wildenhahn regelmäßig mit seiner Kamerafrau Gisela Tuchtenhagen zusammen, die seine Frau wurde. Zu seinem „Kreis“ damals gehörten auch Thomas Mitscherlich und Hans Helmut Prinzler.

Ausgewählte Filme von Klaus Wildenhahn: „Der merkwürdige Tod des Herrn Hammarskjöld“ (1961)/ „Zwischen drei und sieben Uhr morgens“ (1964)/ „Bayreuther Proben“ (1965)/ „John Cage“ (1966)/ „Heiligabend auf St. Pauli“ (1968)/ „Die Liebe zum Land“ (1974)/ „Emden geht nach USA“ (1975/76), wir hatten Protagonisten daraus bei uns im Göttinger Seminar./ „Was tun Pina Bausch und ihre Tänzer in Wuppertal?“ (1982)/ „Ein Film für Bossack und Leacock“ (1984)/ „Stillegung“ (1987)/ „Eine Reise nach Mostar“ (1995). Im Anschluss an den Vierteiler „Emden geht nach USA“ (1975/76) gelang Klaus Wildenhahn mit „Im Norden das Meer, im Westen der Fluss, im Süden das Moor, im Osten Vorurteile. Annäherungen an eine norddeutsche Provinz“ (1976) ein wunderbarer poetischer Film über Ostfriesland.

„Das Kriterium für Wahrheit und Würde des Dokumentarfilms liegt Wildenhahn zufolge in einer besonderen Nähe des Filmenden zum Gefilmten. Sie ist nicht in erster Linie ästhetisch definiert, sondern moralisch und politisch. Die Tugend des Dokumentarfilmers zeigt sich in der behutsamen, gespannten und geduldigen Beobachtung von sozialen Prozessen und Menschen, die in der politischen und kulturellen Öffentlichkeit gewöhnlich nicht repräsentiert sind. Die Tugenden des Dokumentarfilm-Handwerks sind demnach: Langzeitbeobachtung, möglichst unauffälliges, der ‚Erzählung‘ des Protagonisten sich anpassendes Filmen, lange Kameraeinstellungen, selbstlose (wie) vom Rohmaterial selbst hervorgebrachte Montage, Eliminierung oder Minimalisierung der Kommentarebene, keine synthetischen, zwischen Zuschauer und ‚Erzähler‘ sich drängenden ’synthetischen‘ Filmelemente.“

2098: Uri Avnery ist gestorben.

Dienstag, August 21st, 2018

Als Helmut Ostermann kam der israelische Friedensaktivist Uri Avnery 1923 in Hannover zur Welt. 1933 ging er mit seinen Eltern nach Palästina. Anfangs durchaus unter zionistischen Vorzeichen. Mit 15 Jahren schloss er sich der Untergrundorganisation Irgun an, mit 19 nahm er den Namen Uri Avnery an und kämpfte als Soldat in dem Krieg, auf den 1948 die Staatsgründung Israels folgte. Dabei wurde er mehrmals schwer verwundet. Sein Kriegstagebuch „In den Feldern der Philister“ wurde sein erster Beststeller.

Dann seine Wandlung vom Saulus zum Paulus. Avnery wurde Befürworter einer Zweistaatenlösung mit der gemeinsamen Hauptstadt Jerusalem. Dabei überschritt er viele Grenzen. Vom Beobachter zum Aktivisten und vom Publizisten zum Politiker. Avnery arbeitete hauptsächlich journalistisch, saß aber zwischen 1965 und 1981 drei Legislaturperioden für linke Splitterparteien in der Knesseth. 1982 traf er sich mitten im Libanonkrieg mit Yassir Arafat in Beirut. Das haben ihm die meisten Israelis nie verziehen. Avnery genoss weithin den Ruf eines Verräters. Arafat galt und gilt als Terrorist. 1992 gründete Avnery die Friedensinitiative Gush Schalom.

1961 war Avnery beim Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem. Einige seiner Formulierungen sind tatsächlich irtritierend. Er fragte sich z.B., ob jemand wie Adolf Hitler überall an die Macht hätte kommen können. „Auch bei uns in Israel? Wenn die Umstände ähnlich sind, kann es überall passieren.“ Dass es in Israel kaum Kritik am Umzug der US-Botschaft nach Jerusalem gab, erklärt Avnery so: „Es war emotionale Begeisterung wie beim Einmarsch der Deutschen ins Sudetenland während des dritten Reichs. Das ist auch Ergebnis der Gehirnwäsche in Israel.“ Nach dem Nationalstaatsgesetz, nach dem in Israel nur Juden ein Selbstbestimmungsrecht genießen, fragte Avnery sich: „Wie kann ein normales Volk plötzlich ultranationalistisch werden?“ „Wir haben eine ekelhafte Regierung, die gar nicht daran denkt, Frieden zu schließen. Ein palästinensischer Staat neben unserem Territorium ist für Premierminister Nejamin Netanjahu total undenkbar. Frieden ist nicht erwünscht. Die Linke ist nur eine kleine Minderheit.“ (Alexandra Föderl-Schmid, SZ 21.8.18)

2097: Plebiszite sind nicht immer sehr demokratisch.

Dienstag, August 21st, 2018

Die EU-Kommission hat soeben ein Plebiszit zur Sommerzeit durchgeführt. 4,6 Millionen Bürger, Unternehmen und Verbände stimmten ab, ob sie die Sommerzeit abschaffen wollen oder nicht. Dem liegt die Überzeugung zu Grunde, dass dann, wenn die Menschen mehr Möglichkeiten hätten über die Geschicke Europas abzustimmen, weniger Politikverdrossenheit herrschen würde. Aber das ist nur eine Illusion. Eine Mehrheitsentscheidung schließt immer die Minderheit aus und stiftet so oft Unfrieden. Die Abstimmung verpflichtet die EU-Kommission zu nichts. Dass man so das Vertrauen in die Politik stärken könnte, ist eine romantische Vorstellung, wie Catherine Hoffmann (SZ 18./19.8.18) richtig schreibt.

In einer Zeit der Krisen ist Augenmaß gefragt. „Es braucht kundige Politiker, die sich mit schwer zu durchschauenden Problemen auseinandersetzen und die in der Lage sind, Kompromisse zu schließen und möglichst viele widerstreitende Interessen einzubeziehen.“

„Die simple Ja/Nein-Logik jeder Volksbefragung wird dem nicht gerecht. Sie taugt vielleicht für die Abschaffung der Sommerzeit, aber bestimmt nicht zur Lösung der Flüchtlingskrise. Dazu braucht es die fortlaufende Anhörung von Fachleuten, Wissenschaftlern, Betroffenen und Ethikräten. Dazu müssen die verschiedenen Länderinteressen austariert werden; es muss möglich sein, jeden Entscheidungsschritt juristisch zu kontrollieren. Das mag bisweilen quälend sein und lange dauern. Am Ende einer ausführlichen Debatte steht dann aber, hoffentlich, ein lebensfähiger Kompromiss.“

Das wird besonders deutlich, wenn wir an die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts denken.

„Plebiszite befrieden Nationen nicht, sie treiben die Spaltung voran. Deshalb sind sie auch bei Populisten so beliebt.“

2096: Menschen leben nicht aus sich selbst heraus.

Mittwoch, August 15th, 2018

Beatrice Durand hat sich 2003 an der Martin-Luther-Universität Halle habilitiert mit einer Arbeit, welche die Experimente und Gedankenexperimente untersucht, in denen Menschen von der Geburt an für sich und von der Gesellschaft isoliert aufwachsen. Ihr Arbeit ist 2005 in Paris plagiiert worden. Der Plagiator wurde von einem Pariser Gericht zu einer Geldstrafe verurteilt. Beatrice Durand hat ihre Erkenntnisse in einem langen Beitrag für die FAZ (3.8.18) zusammengefasst. Ich kompiliere ihn hier in 18 Punkten.

1. Seit der Geschichte von „Kaspar Hauser“ (1812-1833) (vgl. den Film von Werner Herzog) fragen wir uns, wie Menschen, die isoliert aufwachsen, überleben können.

2. Einschlägige Experimente und vor allem Gedankenexperimente sind zu „wissenschaftlichen Zwecken“ unternommen worden.

3. Der Stauferkaiser Friedrich II. (1192-1250) wollte feststellen lassen, welche „Ursprache“ es gab. Die Kinder im Experiment starben „mangels Liebe und Zuneigung“.

4. Noch der Preußenkönig Friedrich II. (1712-1786) spielte mit dem Gedanken, ein solches Experiment durchführen zu lassen.

5. In den Gedankenexperimenten wurden aus moralischen Gründen Ursachen für die Isolierung fingiert wie eine Sintflut oder Erdbeben.

6. Auf diese Weise sollte z.B. festgestellt werden, wer zuerst untreu wird, Frauen oder Männer.

7. Die Berliner Akademie stellte 1771 die Frage: „Würden Menschen, wenn sie ihren natürlichen Fähigkeiten überlassen wären, in der Lage sein, die Sprache zu erfinden?“

8. Bei Johann Gottfried Herder 1772 erfindet der „gemächlich und behaglich auf eine einsame Insel“ gesetzte Mensch die Sprache, selbst wenn er blind und stumm ist.

9. Stets wurde betont, dass solche Experimente zum Wohl und Glück der Kinder durchgeführt würden.

10. Bei dem österreichischen Reformpädagogen Theodor Sonnleitner werden die „Höhlenkinder“ (1918-1921) zwar in der Gesellschaft geboren, aber dann durch ein Erdbeben isoliert.

11. Alle wissenschaftlichen Untersuchungen widersprechen den Ergebnissen der Gedankenexperimente.

12. Die Gedankenexperimente dienten dazu, Natur und Kultur im Menschen auseinanderzusortieren.

13. „Bevor die Evolutionstheorie neue Möglichkeiten eröffnete, spielte das Gedankenexperiment so eine wichtige Rolle im Entstehen einer Wissenschaft vom Menschen.“

14. Alle wissenschaftlichen Modelle der Menschwerdung – mit der Ausnahme Rousseaus – gehen von der Natürlichkeit der Kultur aus: „Die Fähigkeit zur Kultur ist in der Natur des Menschen grundsätzlich angelegt.“

15. In der Aufklärung hat die Faszination für die Natur mit dem Fortschrittsgedanken koexistiert.

16. Die Entwicklung der Versuchskinder erscheint als ideale Verwirklichung zweier Grundwerte der Moderne: Rationalismus und Individualismus.

17. Die Fiktionen frühkindlichger Isolierung sind Metaphern der Befreiung von der Last und dem Bindungsgeflecht der Vergangenheit.

18. „Erschreckend ist an dem Gedankenexperiment frühkindlicher Isolierung .. nicht so sehr, dass es etwas durchdenkt, dessen Ausführung in der Wirklichkeit verbrecherisch wäre, sondern die Wut und Anmaßung, mit der es alles Tradierte verwirft und selbst die kognitive Bedeutung von Bindungen ignoriert, um das Ideal eines selbst erschaffenden Subjekts anzupreisen. Heute leistet die Evolutionstheorie das, wofür noch im 18. Jahrhundert das Gedankenexperiment notwendig war, und erst die Postmoderne hat uns davon geheilt, mit diesen Phantasien zu kokettieren.“

2095: Journalismus entschleunigen und versachlichen !

Dienstag, August 14th, 2018

Die freie Journalistin Andrea Röpke, geb. 1965, hat sich seit den neunziger Jahren auf die Recherche im rechtsextremen Feld spezialisiert. Von Ulrike Nimz (SZ 27.7.18) wurde sie dazu interviewt.

SZ: Wenn das rechte Lager ein Konzept hat, wie mit den Medien umzugehen ist – braucht der Journalismus auch eines?

Röpke: Die AfD ist keine normale Partei. Ihre Sympathisanten werden sich nicht mit Diskussionen in Parlamenten zufriedengeben. Sie wollen das Ende der sozialen und weltoffenen Gesellschaft. Trotzdem sitzen Gauland und Co in jeder zweiten Talkshow. Twittereien werden oft ohne Analyse zur Nachricht. Aus meiner Sicht muss die Berichterstattung entschleunigt und versachlicht werden. Dafür benötigen wir auch Solidarisierung untereinander, in Verbänden und Gewerkschaften. Wenn Kollegen angegriffen oder von Parteitagen ausgeschlossen werden, sollten alle anderen noch viel öfter sagen: Dann macht das halt ohne uns.

2094: Angst vor Digitalisierung übertrieben

Dienstag, August 14th, 2018

Vor vier Jahren hatte die Untersuchung von Carl Frey und Michael Osborne (Oxford) ergeben, dass durch die Digitalisierung in den USA

47 Prozent der Arbeitsplätze

gefährdet waren. Dabei wurde stets danach unterschieden, ob es sich um Routine-Arbeiten oder Nicht-Routine-Arbeiten handelt. Bei Routine-Arbeiten nimmt man an, dass sie leicht digital ersetzt werden können. Das sehen deutscher Forscher häufig anders. Beispielsweise die Arbeitssoziologin Sabine Pfeiffer aus Erlangen-Nürnberg. In der Automobilbranche etwa kommt es vor, dass ein Mann in einer normalen Schicht ohne jede Störung 20 bis 30 Mal präventiv in den Produktionsprozess eingreift. Forscher vom Europäischen Zentrum für Wirtschaftsforschung haben festgestellt, dass die Tätigkeiten von Menschen im gleichen Beruf von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz häufig stark variieren. Selbst Menschen in bedrohten Berufen haben oft schwer automatisierbare Aufgaben wie Präsentieren und Beraten. Nach dieser Studie sind nur

neun Prozent der Arbeitsplätze

durch die Digitalisierung gefährdet. 74 Prozent aller Beschäftigten haben täglich mit Herausforderungen durch die Digitalisierung zu tun. Das gilt gerade in Elektroberufen, für Ingenieure, Techniker uund IT-Berufe. Der Düsseldorfer Ökonom Jens Südekum betont in einer neuen Untersuchung: Selbst wenn Berufe unter Druck gerieten, würden nicht alle Stellen wegfallen. Auch die Produkte würden billiger. Südekum setzt ganz auf Bildung. Zusätzliche Fachhochschulen könnten für Ausbildung sorgen und gleichzeitig vielen Betrieben helfen, die Digitalisierung in die Praxis zu bringen (FAZ 3.8.18).