Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2144: Charles Aznavour gestorben

Sonntag, Oktober 7th, 2018

Charles Aznavour, der „Meister des französischen Chansons“, ist im Alter von 93 Jahren in Bordeaux gestorben. Die Eltern des gebürtigen Parisers waren 1915 vor dem Völkermord an den Armeniern nach Frankreich geflohen. Hier setzte sich Aznavour als Chanson-Sänger durch, der in seinen Liedern immer wieder Trauer, Liebe und Melancholie besang. Der Nonkonformist war auch als Filmschauspieler tätig. Etwa 1960 in Francois Truffauts „Schießen Sie nicht auf den Pianisten“ oder 1980 in Volker Schlöndorffs „Blechtrommel“. Auch im „Zauberberg“ 1982 (Franz Seitz) hatte er eine zentrale Rolle.

Sein Grab hat Aznavour im Invalidendom gefunden, wo sonst überwiegend nur Politiker bestattet werden. Staatspräsident Emmanuel Macron sagte, seine Lieder hätten den Alltag der Franzosen verschönert, „unser Leben süßer, unsere Tränen weniger bitter gemacht“. Aznavours Eltern, Misha und Knar Aznavourian, waren 2017 posthum in Israel geehrt worden, weil sie während der Schoa in ihrer Pariser Wohnung Juden vor der Gestapo versteckt hatten (Jan Feddersen, taz 2./3.10.18; Michaela Wiegel, FAZ 6.10.18).

2143: Gleichberechtigung stärkt die Unterschiede zwischen Frauen und Männern.

Samstag, Oktober 6th, 2018

Drei neue wissenschaftliche Studien zeigen, dass dann, wenn in einer Gesellschaft die Gleichberechtigung praktisch weithin gegeben ist, die Unterschiede zwischen Männern und Frauen wachsen. Es sind die Untersuchungen von Erik Giolla und Petri Kajonius (International Journal of Psychology), Suang Jiang (Plus One) und Gisbert Stoet und David Geary (Psychological Science). Chancengleichheit, so ein Fazit dieser Untersuchungen, könnte dazu führen, dass sich die Geschlechter erst recht unterscheiden.

Ihre gewonnenen Daten haben die Forscher in Beziehung gesetzt zum Global Gender Gap Index des Weltwirtschaftsforums. In China etwa zeigen die Persönlichkeitsprofile von Männern und Frauen eine Überlappung von 84 Prozent. In den Niederlanden nur zu 61 Prozent (Deutschland: 65 Prozent, Schweden: 63 Prozent). Die Frage ist seit längerem, wie groß dieser Effekt ausfällt.

Frauen erzielen in den Big Five (den wichtigsten Persönlichkeitsdimensionen) höhere Werte: – Neurotizismus, – Extraversion, – Offenheit für Erfahrungen, – Verträglichkeit, – Gewissenhaftigkeit. Der Unterschied fiel größer aus, je ausgeprägter die Geschlechtergerechtigkeit war. Es sieht so aus, als bewegten sich Männer und Frauen in Richtung klassischer Geschlechterrollen, wenn sich Gleichberechtigung verbessert. Wenn der soziale Druck auf Geschlechter nachlässt, reduziert sich der Zwang, Geschlechterrollen zu entsprechen.

In Staaten mit eher geringer Gleichberechtigung schreiben sich mehr Frauen in MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) ein als in Staaten mit hoher Gleichberechtigung. In Algerien, Tunesien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten sind mehr als 35 Prozent der Studierenden dieser Fächer Frauen. In Finnland, Norwegen und den Niederlanden nur um die 20 Prozent. Dazu können auch wirtschaftliche Zwänge führen. In Algerien und Tunesien ist ein Studium der Kunstgeschichte ein größeres ökonomisches Wagnis als in Europa.

In den MINT-Fächern sind Frauen weltweit genau so gut wie Männer, aber im Lesen besser. Die Wahrscheinlichkeit, dass Mathematik oder ein ähnliches Fach die persönliche Stärke ist, fällt bei Jungen infolgedessen höher aus, weil sie im Lesen im Verhältnis oft schlechter sind. Wenn die Interessen der jungen Menschen außerhalb der MINT-Fächer liegen, bedeutet das keineswegs, dass sie es nicht können. Sondern dass man etwas anderes noch besser kann oder lieber mag. So könnte es also ein Zeichen von Gleichberchtigung und Freiheit sein, wenn Frauen lieber etwas anderes studieren als ein MINT-Fach (Sebastian Herrmann, SZ 20.9.18).

Wann begreifen das die deutschen Bildungspolitiker endlich?

2142: Hubertus Knabe ist entlassen worden.

Freitag, Oktober 5th, 2018

Der Direktor der Gedenkstätte im ehemaligen Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, ist nach 17-jährigem Dienst von Kultursenator Klaus Lederer (Linkspartei) entlassen worden. Die Gedenkstätte gilt als einer der wichtigsten Orte der DDR-Erinnerungsarbeit. 450.000 Menschen werden pro Jahr von ehemaligen Häftlingen über das Gelände geführt. Bei mehrfachen Besuchen dort war ich stets sehr beeindruckt von der Gedenkstätte. Nicht einmal Knabes schärfste Kritiker bestreiten, dass der Historiker sich außergewöhnlich engagiert für die Belange der Opfer der SED-Diktatur eingesetzt hat. Viele DDR-Opfer sehen in ihm, der selbst aus dem Westen stammt, einen ihrer wichtigsten Fürsprecher.

Knabe galt und gilt als harter Hund und als Polarisierer. Er ist ein scharfer Kritiker der Linkspartei. Er war mit vielen ehemaligen Weggefährten über die Art und Weise in Streit geraten, wie die DDR aufgearbeitet werden soll. Offiziell ist der Grund für Knabes Kündigung, dass sein Stellvertreter Helmuth Frauendorfer über Jahre Mitarbeiterinnen sexuell belästigt haben soll. Dies soll Knabe seit 2016 bekannt gewesen sein. Mehrere Mitarbeiterinnen haben in einem offenen Brief „eine Regelhaftigkeit übergriffiger Verhaltensmuster“ und ein „Frauenbild der 50er Jahre“ in der Führungsetage beklagt. Nach erneuten Hinweisen Anfang dieses Jahres hatte Knabe die Staatsanwaltschaft eingeschaltet und Frauendorfer entlassen. Senator Lederer hatte sich mit Kritik an Knabe stets zurückgehalten. Noch im Sommer hatte er sich hinter ihn gestellt, als dieser den ehemaligen DDR-Bürgerrechtler Siegmar Faust gemaßregelt hatte, dem AfD-Nähe nachgesagt worden war.

Vier Frauen des wissenschaftlichen Beirats der Stiftung Gedenkstätte Hohenschönhausen haben in dieser Woche in einem offenen Brief gegen die Entlassung Knabes protestiert: die DDR-Oppositionelle Heidi Bohley, die Bürgerrechtlerin Freya Klier, die ehemalige DDR-Moderatorin Edda Schönherz und die Passauer Professorin Barbara Zehnpfennig. Sie vermuten eine „politische Strafaktion“. Sie werfen dem Stiftungsrat vor, Knabe nicht angehört zu haben.

Knabes Form der Erinnerungsarbeit war und ist nicht unumstritten. Einer der wichtigsten Kritikpunkte ist, dass Schüler nicht „überwältigt“werden dürfen. Eine Überwältigung aber sehen viele Kollegen darin, dass Zeitzeugen mit Besuchern Verhörsituationen nachspielen.

Nun soll die ehemalige Chefin der Stasi-Unterlagenbehörde, Marianne Birthler, mit der Knabe sich ebenfalls überworfen hatte, die Übergangszeit in Hohenschönhausen im Auftrag des Stiftungsrats gestalten. Ein Historiker: „Ich wünsche mir, dass unter einer neuen Leitung unterschiedliche Perspektiven der DDR-Aufarbeitung besser koexistieren und auch kooperieren können.“ (Hannah Beitzer, SZ 5.10.18) Hoffentlich führt das nicht zur Verwässerung der Aufarbeitung!

2141: Fischer: Brexit gefährdet die politische Ordnung Europas.

Freitag, Oktober 5th, 2018

Ex-Außenminister Joschka Fischer (Grüne) warnt vor dem Brexit am 29. März 2019 ohne Austrittsvertrag. Sollte es dazu kommen, gibt es chaotische Konsequenzen für den beidseitigen Handel und das Grenzregime. Mehr als um die Wirtschaft, die niemand von uns in ihrer Bedeutung verkennen wird, geht es dabei um die politische Ordnung Europas im 21. Jahrhundert. Mit dem Brexit sucht das Vereinigte Königreich die Wiedergewinnung seiner vollen Souveränität in der Vergangenheit. Heute ist Großbritannien eine europäische Mittelmacht und wird auch, ob mit oder ohne EU-Mitgliedschaft, keine Weltmacht mehr werden. Folgten andere europäische Staaten dem Vorbild des Vereinigten Königreichs, so würde Europa in eine Gruppe machtloser Nationalstaaten zerfallen, die von der Weltbühne abzudanken hätten. Europa würde zum Schauplatz nichteuropäischer Groß- und Weltmächte werden, die hier ihre Hegemonialkämpfe austrügen.

Mit dem Brexit kehrt die Irlandfrage zurück, die Großbritannien lange in Atem gehalten hat und die definitiv überwunden schien. Dank der Europäischern Union spielte die Grenze und die Frage der Wiedervereinigung keine Rolle mehr. Ein jahrzehntelanger Bürgerkrieg zwischen Katholiken und Protestanten in Nordirland konnte beendet werden.

Die neue Weltordnung wird einen pazifischen Schwerpunkt haben. Die meisten Trends sind gegen Europa gerichtet. Dieser neuen Konkurrenz werden die alten europäischen Nationalstaaten einzeln nicht gewachsen sein, wenn sie nicht schnell zusammenfinden. Selbst dann noch wird es riesiger Anstrengungen bedürfen. Und ein Zurück in die Vergangeheit ist so ziemlich das letzte, was den Europäern dabei helfen wird (SZ 1.10.18).

2140: Migranten wählen nicht mehr links.

Freitag, Oktober 5th, 2018

Einer Studie des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) zufolge wählen Bürger mit Wurzeln im Ausland zu 43,2 Prozent die CDU und die CSU. „Menschen mit Migrationshintergrund bevorzugen nicht länger mehrheitlich die Parteien links der Mitte.“ Im Jahr 2016 war die SPD noch die beliebteste Partei. Sie verlor 15,1 Prozent und liegt jetzt bei 25 Prozent. Die Grünen sanken in der Gunst der Befragten von 13,2 auf zehn (10) Prozent. Zugewinne konnte neben den Unionsparteien auch die AfD verbuchen (von 1,8 auf 4,8 Prozent). Auch die FDP verbesserte sich. Die Linke verlor.

Die Erhebung ist Teil des „Integrationsbarometers“ des SVR. Dafür waren zwischen Juli 2017 und Januar 2018 knapp 9.300 volljährige Menschen befragt worden. Davon rund 3.500 mit Migrationshintergrund. In Deutschland leben rund 19 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Das sind 23,6 Prozent der Gesamtbevölkerung. Bei der Bundestagswahl 2017 lag der Anteil der Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund bei 10,2 Prozent. Nach der Studie hat eine Person einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde (dpa, afp, GHE, SZ 28.9.18).

2139: Europa kann nicht mehr warten.

Donnerstag, Oktober 4th, 2018

Der französische Finanzminister Bruno Le Maire warnt die Bundesregierung davor, europäische Reformen weiter aufzuschieben. „Die Entscheidungen drängen. Wir können nicht mehr warten.“ Die innenpolitische Situation dürfe nicht „zum Vorwand  dafür genommen werden, dringende europäische Entscheidungen hinauszuzögern“. Le Maire meint zwei Vorhaben:

1. die umstrittene EU-Digitalsteuer,

2. ein Euro-Zonen-Budget.

Die Steuer, die Internetkonzerne treffen würde, müsste bis Ende 2018 beschlossen werden. Le Maire warnt vor einem Ende der Währungsunion. „Es wird eine Euro-Zonen-Budget geben oder es gibt irgendwann keine Eurozone mehr.“ (AM, LKL; SZ 4.10.18)

2138: Missbrauch in der katholischen Kirche

Samstag, September 22nd, 2018

Unfassbar, bedrückend und deprimierend

sind die Erkenntnisse, die eine Studie über sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche durch Priester und Ordensleute in der deutschen katholischen Kirche präsentiert. Sie drücken uns zu Boden und führen dazu, dass wir kaum glauben können, dass es je zu einer umfassenden Aufklärung geschweige zu einer Verbesserung des Verhaltens kommen kann. Die katholische Kirche hat ein riesiges Problem mit der Aufarbeitung der Fakten. Ihre Glaubwürdigkeit leidet hier stärker als irgendwo sonst.

Zwischen 1946 und 1994 haben mindestens 1670 Priester und Ordensleute an mindestens 3677 Betroffenen sexualisierte Gewalttaten begangen. Die Opfer sind meist männlich, die Hälfte von ihnen zum Tatzeitpunkt jünger als 14 Jahre. In jedem sechsten Fall kam es zu einer Form von Vergewaltigung. Nur in jedem dritten Fall hatten die Bistümer zumindest ein kirchenrechtliches Verfahren eingeleitet. Von diesen 566 Verfahren endeten 154 ohne Strafe. Lediglich in 122 Fällen schaltete die Kirche die Justiz ein. In zwei Bistümern (von 27) gibt es explizit die Information, dass „Akten oder Aktenbestandteile mit Bezug auf sexuellen Missbrauch Minderjähriger in früherer Zeit vernichtet wurden“. Nur neun der 27 Bistümer bzw. Erzbistümer hatten ihre Akten seit 1946 untersuchen lassen. Die anderen öffneten ihre Bestände erst ab 2000. Zudem hatten die Forscher keinen direkten Zugriff auf die Aktenbestände. Sie wurden von Kirchenmitarbeitern durchsucht.

Die Bischofskonferenz hatte im März 2014 ein aus einer Professorin und sechs Professoren bestehendes Forschungskonsortium aus Mannheim, Heidelberg und Gießen mit der Aufklärung der Missbrauchsfälle beauftragt, nachdem sich die Bischöfe und der Kriminologe Christian Pfeiffer im Streit getrennt hatten. Pfeiffer warf den Bischöfen Eingriffe in seine Forschungsfreiheit vor. Er hatte auch verlangt, dass unabhängige Juristen alle kirchlichen Personalakten einsehen können.

Aus allem ergibt sich die Frage, ob „für die katholische Kirche spezifische Strukturen und Dynamiken einen sexuellen Missbrauch begünstigen“.

Der Missbrauchsbeauftragte der deutschen katholischen Bischofskonferenz, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, nannte die Ergebnisse der Studie „bedrückend und beschämend“.

Dass sexualisierte Gewalt gegen Minderjährige ein Problem der katholischen Weltkirche ist, wurde dadurch deutlich, dass Papst Franziskus für den kommenden Februar die Vorsitzenden der nationalen Bischofskonferenzen zu einem Missbrauchsgipfel in den Vatikan eingeladen hat (Matthias Drobinski, SZ 13.9.18).

2137: Russen-Doper wieder zugelassen

Samstag, September 22nd, 2018

Die Entscheidung der Welt-Antidoping-Agentur Wada, Russland wieder aufzunehmen und nach einem dreijährigen Ausschluss wegen flächendeckenden Dopings voll zu rehabilitieren, hat in der internationalen Sportler-Welt und bei den seriösen Doping-Bekämpfern Entsetzen ausgelöst. Selbst der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), Alfons Hörmann, äußert sich klar. In einem Interview mit Christoph Cöln (Welt 22.9.18) sagt er:

„Es ist bislang nicht erkennbar, dass Russland wirklich Einsicht zeigt. Die Verantwortlichen müssen endlich Verantwortung übernehmen und aufzeigen, dass der faire Wettkampf der Athletinnen und Athleten als verbindendes Element des Weltsports akzeptiert und aktiv umgesetzt wird.“

„Deutschland zählt mit der unabhängigen Nada zweifelsohne zu den Nationen mit einem hervorrragenden Anti-Doping-System – und das ist gut und wichtig so. Wir als DOSB können zur Prävention beitragen, indem wir unsere Athletinnen und Athleten des Teams Deutschland in ihrer klaren Haltung gegen Doping stärken und ihnen möglichst gute Rahmenbedingungen bieten, damit sie international konkurrenzfähig sind. Das tun wir unter anderem durch die derzeit laufende Reform der Leistungssportförderung und eine sehr klare Haltung zum Thema Fair Play mit allen Konsequenzen bei Verstößen.“

2136: Paul Virilio ist tot.

Samstag, September 22nd, 2018

Der 1932 geborene Paul Virilio war der Begründer der von ihm selbst erfundenen Wissenschaft von der Geschwindigkeit, der Dromologie. Der gelernte Stadtplaner publizierte 1977 „Geschwindigkeit und Politik“. In dem 1991 erschienenen

„Krieg und Fernsehen“

vertrat er die These, dass die Kriegsbilder dem Geschehen vorauseilten und es vorausbestimmten, wie es sich ereignen würde. Nicht alle verstanden Paul Virilio. Er war zugleich der Herold und der Warner vor der technophilen Moderne.

„Er kreiste mit Anmerkungen zur Relativitätstheorie, zum virtuell gewordenen Stadtraum, zum nicht mehr mit dem Auge, sondern direkt mental wahrgenommenen Bild bis zur ‚Ästhetik des Verschwindens‘ immer weiter und versprühte Funken, von denen manche wieder erloschen sind.“ Als Direktor der Pariser „École spéciale d’architecture“ hat Virilio Generationen von Architekten vorbei an den konventionellen Unterrichtsprogrammen auf neue Wege geschickt, die Bauen, Denken und Spekulieren eng miteinander verbinden. Nun  ist Paul Virilio gestorben (Joseph Hanimann, SZ 19.9.18).

2135: Geschwister-Scholl-Preis für Götz Aly

Freitag, September 21st, 2018

Der Historiker und Journalist Götz Aly (geb. 1947) ist für sein Buch „Europa gegen die Juden. 1880 – 1945“ (S. Fischer) mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet worden. Er ziehe darin, so die Jury, eine Art Summe seiner Forschungen zu den Verbrechen des Nationalsozialismus und belege eine „markante These zu den Möglichkeitsbedingungen des Holocaust“. Dabei habe er ganz Europa im Blick. Der

Antisemitismus

sei für Aly „nicht die Sache einer Minderheit von irrationalem Hass getriebener Fanatiker“, es gab erklärbare Gründe, etwa „den Neid auf die als besonders tüchtig wahrgenommenen Juden“. Götz Aly hat für die „taz“, die „Berliner Zeitung“ und als Gastprofessor gearbeitet. Mit seinen Büchern, etwa „Hitlers Volksstaat“ (2005) habe er als Außenseiter „ohne Lehrstuhl und Apparat“ die Forschung geprägt. Die Jury ehrt ihn als „Beispiel für geistige Unabhängigkeit und intellektuellen Mut“. (SZ 21.9.18)