Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2156: Georg Simmel (1858-1918) – der Außenseiter in der Soziologie

Dienstag, Oktober 16th, 2018

Als ich Sozialwissenschaften studiert habe (1968-1972), kam darin Georg Simmel nicht vor. Seinerzeit wurde alles vom Marxismus überlagert, nicht gelten gelassen, untergebuttert. Darunter leidet die Soziologie heute noch. Ich kannte Simmel aus den Schriften von Ludwig Marcuse (1894-1971): „Mein zwanzigstes Jahrhundert“ (1968) und „Nachruf auf Ludwig Marcuse“ (1969).

Georg Simmel stammte aus einer reichen Berliner jüdischen Familie und musste sich ein Leben lang nicht um ein Gehalt bemühen. Er hatte keine ordentliche Professur, anfangs hatte man ihm nicht einmal einen Doktortitel verleihen wollen. Darin kam nicht zuletzt der tiefe preußische, akademische Antisemitismus zum Ausdruck.

Simmel war der Soziologe des Alltags. Er schrieb über Mode, Alpentouristik, Essen, Psychologie des Schmucks, Koketterie und andere Themen, die ansonsten in der Soziologie eher selten behandelt werden. Er schrieb literarisch, weshalb sich vieles von ihm sehr gut und leicht liest und weithin ohne die Stützung auf Datensätze und Signifikanzberechnungen auskommt. Er kannte sich sehr gut aus in dem, worüber er schrieb. Und die Menschen tauchten darin als Individuen auf, als Einzelne. Die moderne Gesellschaft erzeugt ihre Einheit durch scharfe Gegensätze. Unterschiede trennen nicht, sie schaffen Zusammenhalt. Entsprechend fiel bei Simmel der Exkurs über die Fremden in seiner „Soziologie“ von 1908 aus.

Simmels Schlüsselwörter heißen „Seele“ und „Tragik“, was seine Aussagen lebensphilosophisch macht. Da fehlt manchmal die wissenschaftliche Präzision. In seiner „Philosophie des Geldes“ (1900) ersetzt der Kreislauf des Geldes den organischen Zyklus des Lebens. Die Geldverhältnisse sind der Urgrund der Moderne. Geld macht alles verfügbar und verbindet alles mit allem. Es ist Freiheit und Zwang zugleich. Und wenn es Zwang ist, dann dient das Geld nicht dem Leben, sondern das Leben dem Geld. Simmel suchte keinen Ausweg aus den Widersprüchen der Moderne, er plädierte für stoisches Ertragen. Im Ersten Weltkrieg allerdings feierte er plötzlich die Schlacht als Reinigung vom abstrakten Geld. Über solche mörderischen Sätze schrieb Ernst Bloch (1885-1977): „Ein Leben lang sind Sie der Entscheidung ausgewichen, und jetzt finden Sie das Absolute im Schützengraben.“

Georg Simmel entlarvte einen leerlaufenden Liberalismus, also eine Freiheit, die gar nicht mehr weiß, warum sie frei sein soll. Die Vermehrung des Bruttosozialprodukts allein stiftet keinen Sinn. Georg Simmel ist hoffnungslos, also möglicherweise realistisch. Dem zeitgenössischen Finanzkapitalismus wird er damit gerecht. Der Riss zwischen Bürgerseele und Politik kommt bei ihm vor. Und dann ist die Frage, wie er geschlossen werden soll: autoritär oder demokratisch.

Hans-Peter Müller und Tilman Reitz haben ein

Simmel-Handbuch. Begriffe, Hauptwerke, Aktualität. Berlin (Suhrkamp) 2018, 960 S.,

herausgegeben, das alles Wichtige von Georg Simmel enthält. Geschlossener erscheint mir

Georg Simmel: Abenteuer des Lebens. Philosophische Versuche. Berlin (Klaus Wagenbach) 2018, 158 S.

(Thomas Assheuer, Die Zeit 20.9.18; Jürgen Kaube, FAS 23.9.18; Florian Welle, SZ 16.10.18)

2155: Auf die Gene kommt es an.

Sonntag, Oktober 14th, 2018

Eigentlich wissen wir es schon seit langem, dass die Gene über die geistige Leistungsfähigkeit entscheiden, aber es ist weithin immer noch nicht politisch korrekt, dies auszusprechen. Ich erinnere mich an eine Publikation des US-amerikanischen Erziehungspsychologen Arthur R. Jensen aus dem Jahr 1969, in der er  – gestützt auf ausführliches Zahlenmaterial – die These vertrat, Intelligenz sei zu 80 Prozent erbbedingt (vgl. W.S. in Rasteder Brief 31, 1974, S. 6-12). Das löste seinerzeit einen Sturm der Entrüstung aus. In Deutschland war es lange Jahre so, dass in den Sozialwissenschaften die Erblichkeit von Begabung nicht angenommen werden durfte, weil die Nazis die Erbforschung missbraucht hatten. Damit dürfte es nun allmählich vorbei sein.

Zwei neue Publikationen liefern signifikante Belege für die These von der Erbbedingtheit der Intelligenz:

Kevin J. Mitchell: Innate. How the Wiring of Dur Brain Shapes Who We Are. Princeton University Press. 2018 und

Robert Plomin: Blueprint. How DNA Makes Us Who We Are. 2018.

„Die Genetik erklärt mehr von unseren psychologischen Unterschieden als alles andere zusammengenommen.“ (Robert Plomin) Für viele Eigenschaften sind zu 40 bis 60 Prozent die Gene verantwortlich. Das Milieu (Familie etc.) macht etwa zehn Prozent aus. In den letzten Jahren haben sich Studien angehäuft, welche beispielsweise die Schicksale von Adoptivkindern verfolgen, die nicht von ihren leiblichen Eltern erzogen werden. Seit langem liefert die Zwillingsforschung klare Ergebnisse: Geschwister, die in unterschiedlichen Familien aufgewachsen sind, unterscheiden sich als Erwachsene nicht stärker voneinander als Geschwister, die zusammen aufgewachsen sind.

Robert Plomin weist darauf hin, dass manchmal die Gene schon daran schuld sind, welche Umgebung die Kinder erleben. Wenn jemand in seiner Jugend viel Zeit im Sportverein verbringt, wird er wahrscheinlich ein besserer Sportler. Gut möglich aber, dass er dem Sportverein nur beitritt, weil er sportlicher veranlagt ist als andere Menschen. Intelligenz ist im Leben entscheidend. Intelligente Menschen sind im Durchschnitt glücklicher, leben länger und verdienen mehr.

Keiner der genannten Autoren liefert eine Rechtfertigung für Rassismus. Zwar gibt es Intelligenzunterschiede zwischen Staaten, doch die haben mit den Lebensbedingungen zu tun, nicht mit dem Erbgut. Beispiel Irland: Als das Land arm war, erreichten seine Bewohner in Intelligenztests nur etwa 85 Prozent der Punkte, die Briten erreichten. Das lag an den unterschiedlichen Lebensumständen. Heute, wo Irland reicher geworden ist, liegen beide Staaten gleichauf.

Die Intelligenzforschung hat gezeigt, dass Kinder hochintelligenter Eltern bei der Intelligenz meist näher am Durchschnitt sind als Mutter und Vater. Die Gehirne von Frauen und Männern unterscheiden sich relativ stark voneinander. Anhand der Größe unterschiedlicher Gehirnregionen kann man relativ sicher feststellen, ob ein Gehirn von einer Frau oder einem Mann stammt (Patrick Bernau, FAS 14.10.18).

2154: Putins Strategie

Samstag, Oktober 13th, 2018

Unter Bezug auf Timothy Snyders Buch „Der Weg in die Unfreiheit“  kommt Thomas Schmidt in der „Welt“ (13.10.18) auf Wladimir Putins Strategie zu sprechen. Er schreibt:

„Seit etwa einem Jahrzehnt verfolgt Putin eine klare Strategie. Er gab die Hoffnung auf, Russland könne wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch zu den westlichen Demokratien aufschließen und dadurch Weltmacht bleiben. Nun nahm er sich ein bescheideneres, aber realistisches Ziel vor. Er baute Russland zu einem destruktiven, zu einem Staat der Blockade um. Er brach in der Ukraine das Völkerrecht und erfuhr, dass das nahezu ungestraft möglich war. Und er begann, das Internet zu nutzen, um gezielt auf die Politik westlicher Demokratien Einfluss zu nehmen. Ohne seine freundliche Unterstützung wäre Trump nicht Präsident der USA geworden. Snyder schreibt: ‚Die einfachste Art, andere zu schwächen, ist, sie Russland ähnlicher zu machen.‘ Der politische Stil, den Trump einem Land aufgezwungen hat, zeigt, dass Putin hier durchaus erfolgreich ist. Ein Präsident, der täglich lügt und dabei auch noch zu erkennen gibt, dass er lügt, reißt die Wand zwischen Wahrheit und Fiktion ein. Ohne sie aber ist Politik als ein auf die Zukunft gerichtetes Handeln nicht möglich.“

2153: Franziskus‘ Fehler

Freitag, Oktober 12th, 2018

Als Papst Franziskus vor fünfeinhalb Jahren ins Amt kam, verkündete er sogleich, die katholische Kirche müsse das Leben der Menschen sehen und dürfe nicht länger narzisstisch um sich selbst kreisen. Ihre Lehre müsse sich immer wieder neu an der Menschenwirklichkeit messen lassen und dürfe nicht erstarren. Der Papst hat die Barmherzigkeit zum Leitmotiv seiner Amtsführung gemacht. Das beflügelt seine Anhänger und reizt seine Gegner. Doch wie der Papst jetzt dahergeredet hat, verhöhnt er seine eigenen Maßstäbe.

Er hat eine Abtreibung gleichgesetzt mit Auftragsmord. Und nach dem Willen der vatikanischen Bildungskongregation soll der Frankfurter Theologieprofessor Ansgar Wucherpfennig widerrufen, dass nach seiner Erkenntnis die Verurteilungen der Homosexualität in der Bibel zeitbedingt sind. Und sich gefälligst weniger in der Seelsorge für Lesben und Schwule engagieren.

„Das ist die Wortwahl, das sind die Handlungen einer autoritären Kirche, die von oben herab vermeintliche Abweichler bestraft und Frauen in Notlagen aburteilt, in ihrer Gebrochenheit und Ausweglosigkeit. Es zeigt sich jene Seite der Kirche, die Jorge Mario Bergoglio als krank beschrieben hat, erkrankt an der eigenen Unerbittlichkeit. Und das passiert ausgerechnet in einer Zeit, in der offenbar wird, wie sehr diese Unerbittlichkeit dazu beigetragen hat, dass in dieser Kirche Sexualverbrechen in großem Ausmaß geschehen und vertuscht werden konnten.“ Das System Vatikan mit seinen Seilschaften funktioniert noch immer.

Und Papst Franziskus wirkt in vielen Konflikten uneindeutig und schwankend. Oft will er seinen konservativen Gegnern keine Angriffsfläche bieten. Und immer wieder macht er sich durch unbedachte und unreflektierte Äußerungen angreifbar. „Will er seinen Maßstäben treu bleiben, muss Franziskus die Machtspiele der Bildungskongregation beenden, die das freie, wissenschaftliche Denken und Forschen unterbinden wollen. Vor allem aber muss er seinen unseligen Vergleich vom Auftragsmord zurücknehmen.“ (Matthias Drobinski, SZ 12.10.18)

2152: Beim Klimaschutz ist Deutschland Nachhut.

Donnerstag, Oktober 11th, 2018

„Das Murren in Europa über die Umweltpolitik der Bundesregierung wird lauter. Jahrelang hat sie sich als Vorreiterin der Energiewende aufgespielt. Doch wenn es um Maßnahmen gegen den Klimawandel geht, die vermeintliche deutsche Interessen tangieren, blockiert sie. Auch eine Form von Schizophrenie. Und sie ist industriepolitisch nicht einmal nötig. Der

CDU-Europaabgeordnete Peter Liese

weist darauf hin, dass ein CO2-Ziel von 40 Prozent nur 12.000 Arbeitsplätze in der Autobranche kosten würde. Gleichzeitig könnten 69.000 neue Jobs entstehen, etwa beim Ausbau der Ladeinfrastruktur für Elektroautos oder weil Europa weniger abhängig wäre von Erdölimporten.

Wie gut, dass das Europäische Parlament noch mitreden darf. Und zwar mehr als ein Wörtchen. Es wirkt gleichberechtigt an der europäischen Gesetzgebung mit, die Verhandlungen mit den Staaten und der wenig ambitionierten Kommission haben begonnen. Vielleicht gelingt es den Volksvertretern, den Kompromiss noch in Richtung ökologische Vernunft zu verändern. Die Macht dieser Institution wird immer wieder unterschätzt. Daran kann man vor den Europawahlen nicht oft genug erinnern.“ (Thomas Kirchner, SZ 11.10.18)

2151: Gewalt gegen Journalisten

Mittwoch, Oktober 10th, 2018

Es gibt keinen Grund, die Arbeit von Journalisten zu heroisieren, obwohl sie für das Funktionieren der Demokratie konstitutiv ist. Keinen Grund gibt es auch, den Journalismus mit dem Begriff „Lügenpresse“ zu diffamieren, als sei die Tätigleit von Journalisten Volksbetrug. Ein relativ neues Phänomen ist die Gewalt gegen Journalisten. Inzwischen hat das „European Centre for Press & Media Freedom“ (ECPMF) in Leipzig zum dritten Mal seit 2016 seinen Report „Feindbild ‚Lügenpresse'“ vorgelegt. Die Gewalt gegen Journalisten nimmt derzeit wieder zu. 2018 wurden bisher 22 Fälle registriert (2017: 5; 2016: 19; 2015: 43).

Der Deutsche Presserat, die gemeinsame Vertretung von Journalisten und Verlegern, hat gemeinsam mit dem Vorsitzenden der Innenministerkonferenz gefordert, dass die Polizei Journalisten besser schützen müsste. „Die Pressefreiheit gilt immer und überall. Die Polizei sollte Journalisten, wenn es die Lage erforderlich macht, bei Ausübung ihres Berufs schützen, denn ihre Arbeit ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Demokratie.“

Die Autoren der EPCMF-Studie, die Politikwissenschaftlerin Pauline Betche und der Journalist Martin Hoffmann, unterstreichen, dass der Begriff „Lügenpresse“ die Hemmschwelle zur Gewalt gegen Journalisten deutlich herabgesetzt habe. Das ECPMF stützt sich auf Medienberichte, Video- und Bildmaterial sowie Polizeiberichte. Diese Daten werden erst seit wenigen Jahren erhoben. Das Bundeskriminalamt führt seit Januar 2016 eine Statistik über Angriffe auf Journalisten (Julian Dörr, SZ 21.9.18).

Ohne die neuen Bundesländer verunglimpfen zu wollen, erinnern wir uns: Es war in Sachsen, wo die Polizei ein Fernsehteam des ZDF-Magazins „Frontal“ 45 Minuten an der Ausübung seiner Arbeit gehindert hat.

2150: Doppelte Staatsbürgerschaft: neu bedenken !

Dienstag, Oktober 9th, 2018

Angesichts der massiven Hetze des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gegen die Integration von türkischstämmigen Menschen in Deutschland, gehört die Frage der doppelten Staatsbürgerschaft wieder auf die Tagesordnung. So wie es die CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer auf dem Deutschlandtag der Jungen Union gefordert hat. Schon 2016 hatte Angela Merkel in dieser Frage bei der Jungen Union eine Niederlage erlitten (Robert Rossmann, SZ 9.10.18). Die Optionspflicht bei der doppelten Staatbürgerschaft sollte wieder eingeführt werden. Sonst verlieren die Menschen bei uns den Überblick.

2149: Kolonialismus-Forschung ohne Ziel

Dienstag, Oktober 9th, 2018

Im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD vom Februar 2018 wurde die deutsche Kolonialzeit zum ersten Mal in einem Atemzug genannt mit Nationalsozialismus und DDR als

dunkles Kapitel deutscher Geschichte.

Man versprach sich davon ein neues Verhältnis zu Afrika und ein anderes Denken über Migration und Globalisierung. Der französische Präsident hatte sogar angekündigt, dass Frankreich aus Kolonien geraubte Kunst zurückgeben werde.

Seither ist in Deutschland wenig geschehen. Weder der Bundespräsident noch  Bundesaußenminister Maas (SPD) haben eine deutsche Position dazu formuliert. Und die Staatsministerin für auswärtige Kultur Michelle Müntefering (SPD) hat es bei der Rückgabe von Gebeinen der Herero und Nama, den Opfern des deutschen Völkermords von 1915, vermieden, den Genozid einzugestehen. „Die damaligen im deutschen Namen begangenen Gräueltaten waren das, was heute als Völkermord bezeichnet würde, auch wenn dieser Begriff erst später mit rechtlichen Normen unterlegt wurde.“ Frankreichs Präsident Macron hat mittlerweile die Folterungen im Algerienkrieg als solche anerkannt.

Kulturstaatsminsterin Monika Grütters (CDU) hat immerhin einen „Leitfaden zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ erlassen. Die deutschen Museen sollten ihre aus dem 19. Jahrhundert stammenden Inventare aktualisieren. Ansonsten verzettelt Deutschland sich. Ohne ein Bekenntnis von der Spitze des Staates agiert die Forschung ohne Ziel (Jörg Häntzschel, SZ 22./23.9.18).

 

2146: Könnte „Lolita“ heute noch so erscheinen?

Montag, Oktober 8th, 2018

1. Angesichts des ersten Jahrestags der #MeToo-Debatte widmet die FAS ihr Feuilleton dem Schreiben über Sex (FAS 7.10.18).

2. Vor einigen Wochen hatte die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse beklagt, dass die Freiheit der Kunst heute kleiner sei als noch vor wenigen Jahren.

3. Menasse: „Heute wäre so gut wie undenkbar, dass Nabokovs ‚Lolita‘ veröffentlicht werden könnte, eines der großartigsten Kunstwerke der Literatur, obwohl und weil es um einen detailliert beschriebenen Kindesmissbrauch geht. … Die eigenen Leute, das eigene Lager, an ihrer Spitze die ganz Jungen, verlieren ihre Liberalität, die Offenheit und Neugier und vor allem den Humor, den wir den Rechten früher voraushatten. Sie geben das auf zugunsten von Forderungen nach literarischer Säuberung, von Denk- und Redeverboten, die aus falsch verstandener, aus auf die Spitze getriebener Rücksichtsnahme entstanden sind.“

4. Wie Tobias Rüther zeigt (FAS 7.10.18), macht „Lolita“ (1958 bei Putnam publiziert) gerade sichtbar, wie Machtverhältnisse sexuell ausgenutzt werden können.

5. Der Plot: ein pädophiler französischer Lehrer in Amerika, der eines Tages, durch Zufall, die zwölfjährige Dolores und deren Mutter kennenlernt, ins Haus der Familie Haze einzieht und die Mutter heiratet, um der Tochter nahe zu sein. Die Mutter entdeckt die pädophilen Neigungen ihres Mannes für ihre Tochter, stürzt aus dem Haus und läuft vor ein Auto. Humbert, verwitwet, nimmt das Mädchen, das gerade im Sommerlager ist, mit auf einen Roadtrip quer durch die Vereinigten Staaten, von Hotel zu Motel. Irgendwann ist er am Ziel, hat Sex mit dem Mädchen, Tag für Tag und so oft er will, er bezahlt sie auch dafür. Die Reise endet nach einem Jahr in Beardsley, wo Dolores kurz zur Schule geht. Die beiden brechen bald erneut auf, Richtung Westen, irgendwann wird Dolores krank, muss ins Spital, verschwindet von dort. Humbert, aufgelöst, verzweifelt, sucht und sucht und findet sie schließlich, drei jahre später. Da ist Dolores verheiratet und schwanger. Die beiden nehmen Abschied voneinander – und Humbert reist weiter und erschießt den Mann, zu dem Dolores gezogen war, nachdem sie aus dem Krankenhaus abgehauen war. Er wird von der Verkehrspolizei festgenommen, schreibt in der Haft jenen Text, aus dem ‚Lolita‘, der Roman, gemacht ist. Sein Arzt bringt ihn posthum heraus. Denn Humbert stirbt am Ende, genau wie Dolores, die er Lolita nannte. Humberts wahren Namen erfährt man nie.

6. „‚Lolita‘ ist das Psychogramm eines Täters, und das erzählerische Risiko, das Nabokov eingegangen ist, indem er die Tat von innen her zu beschreiben versucht, spürt man noch immer.“

7. „Was das Publikum von Dolores weiß, weiß es nur von ihm. Wenn es bei #MeToo darum geht, die Opfer zu Wort kommen zu lassen, dann ist ‚Lolita‘ das komplette Gegenteil davon, und mehr noch: Der Täter schildert auch sein Opfer und entrechtet es damit ein weiteres Mal.“

8. „Humbert … ist jederzeit im Vollbesitz dieser Erzählung. Sosehr er auch leidet, sosehr er sich selbst, in seiner Raserei und Verzweiflung und Geilheit, auch verachtet und diese Verachtung mit der Verachtung anderer, kleinerer Geister verbrämt: Er entscheidet, was er preisgibt. Eigentlich wissen wir gar nicht, was wirklich geschah, wir wissen nur, was Humbert uns zu wissen gegeben hat. ‚Lolita‘ ist ein Meisterwerk der Machtverhältnisse – auch der über seine Leserinnen und Leser.“

9. Zitat: „Wie süß war es, ihr den Kaffee zu bringen und ihn ihr dann zu verweigern, bis sie ihre Morgenpflicht erfüllt hatte.“

10. Die Tochter des Verlegers Walter Minton, Jenny, meint, dass es damals eine radikale Tat gewesen sei, das Buch zu drucken, und heute wäre es das immer noch.

2145: Die Fibel kehrt zurück.

Sonntag, Oktober 7th, 2018

Immer mehr Bundesländer kehren sich – zum Glück, wie ich finde, – vom „Schreiben nach Gehör“ ab. Und eine Studie mit 3.000 Grundschülern aus Nordrhein-Westfalen zeigt, dass Schüler, die nach der Fibel-Methode Schreiben lernen, in Rechtschreibung am besten sind. Dabei werden systematisch Buchstaben und erst einfache, dann schwierigere Wörter gelernt. In der Studie waren die Fibel-Kinder eindeutig den Kindern überlegen, die nach der Methode „Schreiben nach Gehör“ Schreiben gelernt hatten. In Schleswig-Holstein darf diese Methode seit diesem Schuljahr nicht mehr verwandt werden. Darunter hätten besonders schwächere Schüler gelitten, sagt Bildungsministerin Karin Prien (CDU). In Baden-Württemberg und Hamburg gelten ähnliche Verbote (FAZ 23.9.18).

Eine Rückkehr zur Vernunft!