Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2168: Günter Rohrbach 90

Mittwoch, Oktober 24th, 2018

Marvon Chomskys „Holocaust“ hat er ins deutsche Fernsehen gebracht. Vorher schon Rosa von Praunheims „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ und Rainer Werner Fassbinders „Acht Stunden sind kein Tag“. Er war vermutlich die entscheidende Figur bei der Entwicklung von Film und Fernsehen in Deutschland nach 1945. Als Programmdirektor des WDR und als Fernsehspiel-Chef der ARD. Er ist heute noch drahtig, neugierig und begeisterungsfähig: Günter Rohrbach wird 90.

Regisseure wie Klaus Lemke, Wim Wenders, Edgar Reitz, Margarete von Trotta und Volker Schlöndorff verdanken ihm sehr viel. Er verschaffte ihnen Freiräume. Wolfgang Petersen ermöglichte er das Schwulendrama „Die Konsequenz“. Günter Rohrbach war mutig und in der Lage, sich auf die Bürokratie des öffentlich-rechtlichen Rundfunks einzulassen.

Studiert hatte Günter Rohrbach Germanistik, Philosophie, Psychologie und Theaterwissenschaften in Bonn, München und Paris, fand das Studium seinerzeit aber schon ziemlich verstaubt. Rohrbach war unternehmungslustig und fand dabei immer wieder Mitstreiter. 1979 übernahm er die Geschäftsführung der Bavaria Studios in München. Helmut Dietl drehte mit ihm „Schtonk“, Dominik Graf „Die Katze“ und Wolfgang Petersen „Das Boot“. Über diesen so hochgelobten Film konnte man streiten. War er nicht auch eine Beschönigung des U-Boot-Kriegs und seiner Protagonisten. Hier liegt ein Hauptproblem von Rohrbachs Lebensthema, der deutschen Vergangenheitsbewältigung. Prägend war Rohrbach bei den „amphibischen Filmen“, die sowohl im Kino als auch im Fernsehen mit Erfolg gezeigt werden können.

2167: 37.000 Berliner ohne Wohnung

Dienstag, Oktober 23rd, 2018

Nach Zahlen des Berliner Senats haben 37.000 Berliner keine Wohnung. Sie wohnen in Not- und Gemeinschaftsunterkünften. Hinzu kommen 13.000 Menschen, die bei Freunden oder Verwandten wohnen. Experten befürchten wegen steigender Mieten, dass die Zahlen in den nächsten Jahren drastisch wachsen.

Caritas-Chefin Ulrike Kostka über die Wohnungslosen: „Sie werden zum Beispiel zwangsgeräumt, sie finden keine Wohnung und sind sogar in Notübernachtungen untergebracht. … Wir erleben auch immer mehr, dass es Familien schwerfällt, Wohnungen zu finden, die eigentlich einen ausreichenden Verdienst haben. … Ich bin eindeutig dafür, dass Familien und auch ältere Menschen nicht zwangsgeräumt werden dürfen.“ (epd, SZ 23.10.18)

2166: Demoskopen – Stimmungsmacher ?

Montag, Oktober 22nd, 2018

Unbeliebt sind die Demoskopen, die uns die Wahlumfragen und Sonntagsfragen präsentieren, bei den Parteien, denen sie keine guten Zahlen liefern. Von daher kommen Zweifel an der Demoskopie auf. Das macht gleich klar, dass es bei unserem Thema nicht nur um Objektivität und Falschmeldungen geht, sondern dass Interessen die Wahrnehmung der Demoskopie beeinflussen. Wie bei anderen Themen auch.

Ein paar Gegebenheiten gibt es tatsächlich, welche die Arbeit der Demoskopen erschweren:

1. hat die Bindung an Parteien nachgelassen.

2. ist die Zahl der Unentschlossenen und der bekennenden Nicht-Wähler gestiegen.

3. wirken demoskopische Zahlen durchaus auf die Stimmung der Wähler ein. So rechnen Demoskopen mit dem „Band-Waggon-Effect“, der Tatsache, dass Wähler dazu neigen, sich der vermeintlichen Mehrheit anzuschließen.

4. treffen immer mehr Wähler ihre Entscheidung erst in letzter Minute („Last-Minute-Swing“), so dass Einflussnahmen bis kurz vor der Wahl aussichtsreicher erscheinen.

5. können Wähler durch demoskopische Zahlen sowohl motiviert („jetzt erst recht“) als auch demotiviert („Wir haben schon gewonnen“) werden.

6. sind verschiedene Wählergruppen bei Telefonumfragen unterschiedlich erreichbar, ältere Menschen beispielsweise besser als jüngere, so dass die Demoskopen sich zu „Gewichtungen“ veranlasst sehen. Alte werden runtergewichtet, Junge hochgewichtet. Die Formel dafür verraten die demoskopischen Institute nicht.

7. die wichtigste Einstellung bei der Bewertung von demoskopischen Zahlen ist die Erkenntnis, dass es sich bei ihnen nicht um Prognosen, sondern um Momentaufnahmen handelt.

Im europäischen Ausland stärker als in Deutschland hatten es sich demoskopische Institute zur Gewohnheit gemacht, in den letzten vierzehn Tagen vor der Wahl keine Zahlen mehr zu veröffentlichen. Bei der ARD und infratest dimap ist das heute noch so. Beim ZDF und der Forschungsgruppe Wahlen seit 2013 nicht mehr. Begründung: Wähler entscheiden sich immer später. Sie sollten das nicht auf der Grundlage veralteter Umfragewerte tun.

Bei einem nüchternen Blick auf die von der Demoskopie gelieferten Zahlen stellen wir fest, dass sie bei fast allen Wahlen in der Bundesrepublik seit 1949 innerhalb einer Fehlertoleranz von zwei bis drei Prozentpunkten gelegen haben.

 

2165: „Feine Sahne Fischfilet“ soll in Dessau auftreten.

Montag, Oktober 22nd, 2018

Das Bauhaus Dessau hat ein vom ZDF dort geplantes Konzert der Punkband „Feine Sahne Fischfilet“ abgesagt, nachdem rechte Gruppierungen im Internet zum Protest gegen den Auftritt der linken Musiker aufgerufen hatten. Man wolle kein Austragungsort politischer Agitation und Aggression werden. Dagegen hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) protestiert. „Es darf niemals der Eindruck entstehen, dass der Druck der rechtsextremistsichen Szene ausreicht, um ein Konzert zu verhindern.“ Grütters sagte, die Kunstfreiheit genieße in Deutschland hohen Verfassungsrang. Dieser Stellenwert sei die Lehre aus der deutschen Geschichte. „Verwerfungen wie die aktuelle zeigen, wie dringend nötig auch in der Pop-Musik-Welt ein ethischer Kompass ist.“

Das gilt übrigens auch dann, wenn einige von uns oder sogar viele die Musik und das Gebaren von „Feine Sahne Fischfilet“ nicht goutieren.

Die Band selbst hat mitgeteilt: „Es ist doch wohl klar, dass wir am 6.11. in Dessau spielen werden.“ (dpa, SZ 22.10.18)

2164: Thomas Kerstans Bildungskanon

Montag, Oktober 22nd, 2018

Wir kennen ihn aus der „Zeit“, Thomas Kerstans Bildungskanon. Und nicht ganz zu Unrecht moniert Dorion Weickmann (SZ 22.10.18) die vertane Chance, mehr Frauen hier erscheinen zu lassen. Allerdings ist auch das Gegenargument, dass die „stilprägenden, typischen, populären Werke der Vergangeheit vorwiegend von Männern stammen“, nicht ganz von der Hand zu weisen. Aber Virginia Woolf darf nicht fehlen, wenn James Joyce zu den Top 100 gezählt wird. Hilary Mantels historische Erzählkunst kann mit Stefan Zweigs Biografistik mithalten. Und ob Chuck Berry wirklich bedeutender war als Ella Fitzgerald, das ist die Frage. Es fehlen Filme wie Stanley Kubricks „2001 – Odysee im Weltall“ oder Ridley Scotts „Blade Runner“. Und keine Spur von Baukunst, Tanz oder Mode. Immerhin gliedert der Autor seine Hitliste übersichtlich in

ästhetische, sprachliche, historische und mathematisch-naturwissenschaftliche Kategorien.

Tja!?

Thomas Kerstan: Was unsere Kinder wissen müssen. Ein Kanon für das 21. Jahrhundert. Hamburg (Edition Körber) 2018. 256 S., 20 Euro.

2163: Bayerische Grenzpolizei verfassungswidrig

Montag, Oktober 22nd, 2018

Ein von den Grünen in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten kommt zu dem Schluss, dass der Einsatz bayerischer Landespolizisten bei Grenzkontrollen zwischen Bayern und Österreich verfassungswidrig ist. „Der bayerische Grenzschutz verstößt nach seiner Konzeption im bayerischen Recht gegen das Grundgesetz“, schrieb die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt am Sonntag an Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU). Die Zusammenarbeit der Bundespolizei mit diesem unter Verstoß gegen die Verfassung konstruierten bayerischen Grenzschutz müsse „eingestellt werden“ (SZ 22.10.18).

2162: Briefwechsel Ingeborg Bachmann – Hans Magnus Enzensberger

Sonntag, Oktober 21st, 2018

Ingeborg Bachmann (1926-1973) fasziniert heute immer noch. Als Frau, als Lyrikerin, als Muse, als Partnerin berühmter Künstler und Schriftsteller. Schon im Briefwechsel mit Paul Celan (1920-1970), der vor zehn Jahren erschien (Suhrkamp, 399 S.), wurde klar, dass Bachmann den Zeitgeist genau reflektierte. Das war anscheinend auch in ihrer Arbeits- und Freundschaftsbeziehung zu Hans Werner Henze (1926-2012) und in ihrem intellektuellen Austausch mit Uwe Johnson (1934-1984) der Fall. Nun ist ihr Briefwechsel mit Hans Magnus Enzensberger (geb. 1929) erschienen:

Ingeborg Bachmann/Hans Magnus Enzensberger: „schreib alles was wahr ist auf“. Der Briefwechsel. Herausgegeben von Hubert Lengauer. Piper, Suhrkamp 2018, 479 S., 44 Euro.

Die Beiden waren zwei mit Ruhm überhäufte Lyriker der fünfziger und sechziger Jahre.  Sie sind sich auch menschlich sehr nahe gekommen („auf dem rückweg habe ich einen ort gesehen, da sollten wir uns ein haus kaufen … dort weiß niemand wer wir sind“/“grüße an deine wimpern“), haben es aber geschafft, dass sie Freunde bleiben konnten. Kennengelernt hatten sie sich 1955 bei der Gruppe 47. Sie hielten im Briefwechsel weithin Abstand. Er wirkt wie eine Folge präziser Momentaufnahmen, in denen aber auch Ingeborg Bachmanns Zauber, ihre Verspieltheit, ihr Alleinsein und ihre Angst vorkommen. Der Band ist der dritte der von Suhrkamp und Piper gemeinsam getragenen Werkausgabe, der „Salzburger Edition“. Der erste Band „Male oscuro“ war ein Paukenschlag, der zweite „Buch Goldmann“ eine editorische Preziose.

Max Frisch (1911-1991), mit dem Bachmann von 1958 bis 1962 zusammenlebte, der Buhmann ihrer Martyrologie, spielt hier keine Hauptrolle, er bleibt eine Randfigur. In „Mein Name sei Gantenbein“ (1964) hatte Frisch einige der Männer, auf die er in seinen vier Jahren eifersüchtig war, in literarische Figuren gekleidet. Der Roman hatte Ingeborg Bachmann zu Tode verletzt. Kann sein, dass auch Hans Magnus Enzensberger darin vorkommt. Etwa als Verfasser der „dänischen“ Briefe, welche die Schauspielerin Lila vor Gantenbein versteckt hält.

Ingeborg Bachmann hatte Hans Magnus Enzensberger verzaubert und durch eine einzige Begegnung lebenslänglich an sich gebunden. In dem Briefwechsel ist von Büchern die Rede, von Filmprojekten, dem gescheiterten Plan einer europäischen Literaturzeitschrift, von Bachmanns Tablettensucht, ihrer Trennung von Max Frisch, ihren Zusammenbrüchen. In Enzensbergers Zeitschrift „Kursbuch“, einer partiell sehr politischen Zeitschrift, konnten 1968 vier Gedichte von Ingeborg Bachmann erscheinen (Andreas Kilb, 21.10.18).

2161: Dorothea Siems: Cannabis nicht freigeben

Samstag, Oktober 20th, 2018

Gegen die Freigabe von Cannabis in Deutschland spricht sich in der „Welt“ (20.10.18) Dorothea Siems aus. Sie schreibt:

„Mit der Freigabe von Cannabis bescheinigt die Gesellschaft der Droge eine Unbedenklichkeit, die sie keineswegs hat. … Suchtmediziner weisen darauf hin, dass der Stoff heute um ein Vielfaches wirksamer ist, als dies zu den Hippie-Zeiten der Fall war, und deshalb von einer ‚leichten‘ Droge gar keine Rede sein kann. Schizophrenie, Depressionen und Angstpsychosen sind oft Spätfolgen des Drogenkonsums. Von der Gefahr, dass der gelegentliche Rausch zur Sucht wird, von der man nicht mehr lassen kann, ganz zu schweigen. Cannabis ist laut Bericht der Vereinten Nationen zudem die mit Abstand wichtigste Einstiegsdroge. Eine Legalisierung macht nicht nur den Kauf des Stoffs kommod, sondern drückt auch den Preis. Damit steigt nach den Regeln der Ökonomie der Konsumanreiz stark an. Und viele Personen, die zuvor nie auf die Idee gekommen wären, werden zu Neukunden.

… Die Diskussion, ob Cannabis oder Alkohol schlimmere soziale Schäden verursachen, ist müßig. Klar sollte aber sein, dass wir unser gesamtgesellschaftliches Suchtproblem vergrößern, wenn wir in Zukunft bei beiden Drogen gleichermaßen konsumfreudig sind. Der Staat mag von den damit verbundenen Steuereinnahmen profitieren. Doch für den Bürger ist die Rechnung eine andere: Hier schlagen die langfristigen Kosten des millionenfachen Missbrauchs extrem negativ zu Buche. … In Wirklichkeit geht es vielen Cannabis-Kämpfern wohl weniger um die Freiheit als um die späte Genugtuung, diesen jahrzehntelangen Kampf gegen die staatliche Autorität kurz vor der Rente doch noch zu gewinnen.“

2160: Protokoll des NSU-Prozesses

Samstag, Oktober 20th, 2018

„Das glaubt erst mal niemand: Es gibt kein offizielles Protokoll des wichtigsten Prozesses seit der Wiedervereinigung. Keine Homepage, auf der man nachlesen kann, was in den fünf Jahren des NSU-Prozesses geschah, keine Tonaufnahme, und auch kein Stenograf hat mitgeschrieben. Der Richter hat das abgelehnt. Deswegen haben die vier SZ-Autoren Annette Ramelsberger, Wiebke Ramm, Tanjev Schultz und Rainer Stadler die Mühe auf sich genommen und jeden einzelnen der 438 Tage mitgeschrieben, im Wortlaut.“ (SZ 20.10.18)

Annette Ramelsberger, Tanjev Schultz, Rainer Stadler, Wiebke Ramm: Der NSU-Prozess. Das Protokoll. München (Antje Kunstmann) 2018. Fünf Bände, zusammen 2020 Seiten, 80 Euro.

2157: Was würde die AfD tun, wenn …

Donnerstag, Oktober 18th, 2018

Was würde die AfD tun, wenn sie irgendwo in Deutschland an die Regierung käme:

„Bei uns bekannten Revolutionen wurden irgendwann die Funkhäuser sowie die Pressehäuser gestürmt und die Mitarbeiter auf die Straße gezerrt. Darüber sollten Medienvertreter hierzulande einmal nachdenken.“ (AfD-Fraktion Hochtaunuskreis im August 2018 auf ihrer Facebook-Seite)

„Linksextreme Lumpen sollen und müssen von deutschen Hochschulen verbannt und statt einem Studiumsplatz lieber praktischer Arbeit zugeführt werden.“ (André Poggenburg, ehemaliger AfD-Landeschef von Sachsen-Anhalt, in einer Rede im Magdeburger Landtag)

(Katharina Nocun, SZ 17.10.18)