Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2207: Merz vergaloppiert sich beim Asylrecht.

Sonntag, November 25th, 2018

Durch die Aufstellung von drei Kandidaten für den Parteivorsitz ist die CDU in Bewegung geraten. Es wird endlich diskutiert. Auf den acht Regionalkonferenzen sogar mit der Basis. Das sollte die CDU beibehalten. Es tut ihr nämlich gut. Was dabei auch herauskommen kann, ist, dass ein Kandidat seine Schwächen offenbart. Das ist für das Wahlvolk ebenfalls nicht schlecht, so kann es besser unterscheiden.

Friedrich Merz hat sich eine Blöße gegeben. Beim Asylrecht. Das stellte er in Frage und meinte, das müsse sein, wenn eine einheitliche EU-Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik gewollt werde. Damit hat er den entschiedenen Protest von drei journalistischen Experten auf den Plan gerufen: Wolfgang Janisch in der SZ vom 23. November, Thomas Gutschker in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 25. November und Heribert Prantl in der SZ vom 23. November.

Janisch zeigt, dass das deutsche Asylrecht einer europäischen Lösung nicht im Wege steht. Es ist weltweit nicht einzigartig und es bietet auch nicht mehr als die europäischen Regeln. Prantl, der bisweilen zur Sentimentaltät neigt, spricht davon, dass mit Merz‘ Forderung die Mahnung der Mütter und Väter des Grundgesetzes verraten und die Lehren aus der Nazi-Zeit gestrichen wären. Und Gutschker schreibt: „Merz hat sich blamiert. Und er zeigte seiner Partei seine Achillesferse. Es ist seine lange Abwesenheit von der Politik, er ist einfach nicht mehr im Film. Es mangelt ihm außerdem an Gespür für Fettnäpfchen und Empfindlichkeiten. Würde ein Vorsitzender Merz die Union in die nächste zerstörerische Debatte reiten?“

Annegret Kramp-Karrenbauer, die Rivalin von Merz, sagt im Interview mit Livia Gerster und Thomas Gutschker (FAS 25.11.18) zum Thema:

„Alles, was wir diskutieren, muss wirken. Wir haben bis Ende Oktober dieses Jahres rund 2.400 über das Grundgesetz anerkannte Asylbewerber und rund 61.000, die über die Genfer Flüchtlingskonvention oder europäisches Recht hier bleiben. Und auch bei einer Änderung des Grundgesetzes bleiben würden. Wir sollten uns auf das konzentrieren, was wirklich relevant ist.“

Die CDU hat mit Annegret Kramp-Karrenbauer eine kluge und als Ministerin und Ministerpräsidentin sehr erfahrene Kandidatin, die sich als Bundeskanzlerin eignet. Die Partei sollte sie deshalb auch zur Parteivorsitzenden wählen. Da schadet es auch nichts, dass sie die Ehe für alle nicht mag.

2206: Götz Aly bekommt den Geschwister-Scholl-Preis.

Mittwoch, November 21st, 2018

Götz Aly (geb. 1947) hat fast seine gesamte historiographische Arbeit mit all ihren Erkenntnissen und Überraschungen gegen die etablierte Geschichtswissenschaft, insbesondere gegen die „Strukturgeschichte“, durchgesetzt. Wir verdanken ihm viel. Nun hat er – wohlverdient – den Geschwister-Scholl-Preis bekommen (Götz Aly, SZ 20.11.18).

Im Kern lautet seine Erkenntnis über den Nationalsozialismus, dass er auf einer Mischung aus gemeinsamem Profit und gemeinsam zu verantwortenden Verbrechen der NS-Führung und der Bevölkerung beruhte. Die Deutschen haben den Nazis viel mehr zugestimmt, als es irgendwo anders als bei Götz Aly belegt ist. Deswegen haben sie in dieser Hinsicht keine Ausreden (Antje Weber, SZ 21.11.18).

Aly hat in seinem Buch über die Achtundsechziger (68er), ich (W.S.) zähle mich selbst dazu,

Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück. Frankfurt am Main 2008.

zum Entsetzen vieler gezeigt, dass es mehr Gemeinsamkeiten zwischen den Nazis (den Eltern) und den 68ern (ihren Kindern) gegeben hat, als für viele je vorstellbar war:

den antibürgerlichen Impetus, die Gewaltbereitschaft, den Antiamerikanismus, den latenten Antisemitismus, das Ausblenden von Kritik an anderen Despoten, u.a. Die 68er waren nicht die Lösung des Totalitarismus-Problems, sondern ein Teil davon. Der Aufbau der Zivilgesellschaft habe in der alten Bundesrepublik trotz der vielen alten Nazis viel früher begonnen als 1968.

Ich nenne Ihnen hier noch vier weitere relevante Bücher von Götz Aly:

– Warum die Deutschen? Warum die Juden? Frankfurt am Main 2011,

– Die Belasteten. „Euthanasie“ 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte. Frankurt am Main 2013,

– Volk ohne Mitte. Die Deutschen zwischen Freiheitsangst und Kollektivismus. Frankfurt am Main 2015,

– Europa gegen die Juden. 1890-1945. Frankfurt am Main 2017.

 

 

 

2205: Migrationspakt – die nächste Zerreissprobe für die CDU

Dienstag, November 20th, 2018

Europäische Staaten haben 2015 bei den Vereinten Nationen (UN) darauf gedrängt, globale Leitlinien für die Migrationspolitik zu entwickeln. Das Ergebnis ist der Migrationspakt („Globaler Pakt für eine sichere, geordnete und reguläre Migration“). Er erstreckt sich über 31 Seiten, hat 23 Zielvorgaben und soll im Dezember 2018 verabschiedet werden. Für die AfD ist er ein „Umsiedlungsprogramm, das in Europa keinen Stein mehr auf dem anderen lässt“.

Der Pakt soll die Migration eindämmen und lenken, ist also kein „Migrationsförderungsabkommen“. Er enthält Bestimmungen zur Familienzusammenführung, neue Visabestimmungen, ein Abkommen Arbeitskräfte und die Anerkennung von Schulabschlüssen. Die weltweite Migration umfasst gegenwärtig 250 Millionen Menschen. Der Pakt ist eine Absichtserklärung dazu, die der Bundestag nicht ratifizieren müsste. Das ist bislang gängige Praxis. Die Bundesregierung stimmt dem Pakt grundsätzlich zu, weil er einen politischen Rahmen dafür schafft, das Jahrhundertthema Migration

gemeinsam

zu bewältigen.

Ein Kandidat für den CDU-Parteivorsitz, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, hat sich dafür ausgesprochen, dass der Pakt auf dem CDU-Parteitag im Dezember 2018 diskutiert und dass über ihn dort abgestimmt werden soll. Das kommt daher, dass Spahn von den drei Kandidaten bisher auf Platz drei liegt. Er will mit seinem Vorschlag punkten. Und er ist nicht allein. Die CDU Sachsen-Anhalts hat den Migrationspakt bereits abgelehnt.

Für Bundeskanzlerin Angela Merkel wäre eine Abstimmung auf dem Parteitag die Vertrauensfrage. Würde der Migrationspakt abgelehnt, müsste Merkel sofort als Kanzlerin zurücktreten. Wir erinnern dabei daran, dass Jens Spahn sich auf dem CDU-Parteitag 2016 bereits bei der Optionspflicht für die

doppelte Staatsbürgerschaft

durchgesetzt hatte. Ein Nein des Parteitags zum Migrationspakt würde sich gegen die gesamte Philosophie Merkels richten, die Migrationspolitik als ein internationales Problem zu betrachten, das nur in multilateraler Zusammenarbeit zu lösen ist.

Was will die CDU?

In der CSU ist es merkwürdig ruhig. Ex-Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (der mit den Nummernschildern) lehnt den Migrationspakt glatt ab. Er würde der Migration nach Deutschland Tür und Tor öffnen. Ex-Bundesverkehrsminster Alexander Dobrindt (der mit der Maut für Ausländer), gegenwärtig CSU-Landesgruppenchef in Berlin, hat den Migrationspakt in der vergangenen Woche verteidigt.

Was will die Union?

(Mark Schieritz/Michael Thumann, Die Zeit 8.11.18; Jan Bielicki, SZ 20.11.18; Nico Fried, SZ 20.11.18)

2204: Stephan Lebert: Der Riss durch die deutsche Gesellschaft

Montag, November 19th, 2018

Der Schriftsteller Stephan Lebert, geb. 1961, spricht über sein Deutschland, das ihm heute sehr gespalten vorkommt (Die Zeit, 8.11.18). Ich fasse das in zehn Punkten zusammen:

1. Leberts Blick auf Deutschland war geprägt von „Unsicherheit und Misstrauen, von dem Gefühl, es liegt unter der Oberfläche etwas Böses und Gefährliches, und wenn man nicht aufpasst, kommt es wieder zum Vorschein.“

2. Solche Zweifel nennen Konservative „deutschen Selbsthass“.

3. „Wir waren anders als andere Länder. Wir waren geschichtsbewusster, vielleicht auch demokratischer. Wir waren vorsichtiger, distanzierter, vielleicht auch verklemmter.“

4. In seinem Freundeskreis registrierte Lebert, wie aus dem Zweifel „Selbstgefälligkeit“ wurde. „Mein Deutschland, schon ziemlich in Ordnung.“

5. „So entsteht das Gegenteil von Vielfalt, von Diversität, dem Zauberwort der modernen Welt.“

6. Auf einem „Rammstein“-Konzert beobachtete Lebert Fans. „Ihre Gesichter waren übervoll von Hass. Sie waren wütend – auf irgendetwas wütend, das mit ihrem Leben zu tun haben musste, und die Heavy-Metal-Musik von Rammstein mit den provokanten Texten war für sie ein Kanal, diese Wut, diesen Zorn endlich rauszulassen“.

7. Nach dem Leipziger Disput von Durs Grünbein und Uwe Tellkamp äußerte der Rechts-Verleger Götz Kubitschek, dass der Riss, der durch diese Gesellschaft gehe, nicht nur wichtig und richtig sei, „sondern dieser Riss müsse noch viel tiefer werden“.

8. Der ehemalige Kanzlerkandidat der SPD und nordrhein-westfälische Ministerpräsident Johannes Rau sagte 2004: „Wenn Sie ein Haus bauen würden auf Spiekeroog oder am Chiemsee und Sie würden nur Steine aufeinanderlegen, wunderbare Steine, und es kommt ein Sturm, ist das Haus weg. Sie brauchen Mörtel, der das Haus zusammenhält. So wie eine Gesellschaft mehr braucht als Kapital und Arbeit. Wir brauchen mehr als Bilanzen und Shareholder-Value, mehr als Gewinn-und-Verlust-Rechnungen. Wir brauchen etwas, was die Menschen zusammhält. Das nennen Christen Nächstenliebe. Das nennt die Arbeiterbewegung Solidarität. Das nennt Martin Luther King ‚compassion‘. Und ich nenne das den Mörtel, der das Haus zusammenhält. Und davon ist bei uns zu wenig vorhanden.“

9. „Angela Merkel hat denen den Weg bereitet, die heute verkünden, dass es doch egal ist, wer von den Apparatschiks im Bundestag regiert.“

10. „Es ist nicht egal, wer im Parlament regiert. Es ist gefährlich, das Zentrum der deutschen Politik als einen Ort abzustempeln, an dem die Macht sich nur noch selbst genügt. Der Blick zurück wird mein Gefährte bleiben, zur Erinnerung daran, wie fragil dieses Land ist. Und noch ein Puzzleteil: wie wichtig es ist, sich zu prüfen, wie weit es schon wieder mit der eigenen Selbstgefälligkeit gekommen ist, wenn man sich immer auf der richtigen Seite wähnt.“

2203: Schneller bestrafen !

Sonntag, November 18th, 2018

In der Einwanderungspolitik sind Hysterisierung und Bagatellisierung falsch und schädlich. Schauen wir also hin: die Verstöße gegen die sexuelle Selbstbestimmung nehmen zu – der Anteil nichtdeutscher Täter ebenso. Nach einer Freiburger Polizei-Prognose werden 2018 50 Prozent der Täter Nichtdeutsche sein, obwohl der Ausländeranteil in der Stadt nur 17 Prozent beträgt. Richtig ist auch, dass die Zahlen schwanken. So gab es in Freiburg im Jahr 1981 fast 100 Straftaten mehr als 2017.

Es geht um jugendliche Intensivtäter, die insbesondere in Großstädten in Gruppen von bis zu 50 gewaltbereiten, häufig in den Drogenhandel verstrickten Asylbewerbern agieren. Sie haben ein rückständiges Frauenbild, mangelnde Bildung und fehlende Sexualerziehung.

„Entscheidend für eine erfolgreich Strafverfolgung ist, dass schnell sanktioniert wird. Bei jungen männlichen Einwanderern ist das besonders wichtig, denn sie empfinden die deutsche Polizei und Gerichte häufig als lachhaft, und viele von ihen werden auch erst zu Drogendealern und Gewalttätern, nachdem sie nach ersten Bagatelltaten über Monate oder Jahre von deutschen Polizisten und Staatsanwälten nichts gehört haben.“ (Rüdiger Soldt, FAS 18.11.18)

2202: Rot-Rot-Grün: die neue Koalition ?

Sonntag, November 18th, 2018

Die Grünen wollen Hartz-IV hinter sich lassen, die SPD auch. Die Linke sowieso. Damit sind sie natürlich Konkurrenten bei den gleichen Wählern. Vor allem aber zeichnet sich hier eine von vielen herbeigesehnte neue Koalition ab, die den Bundeskanzler stellen möchte.

Als vor 15 Jahren Rot-Grün die Reform des Arbeitsmarkts schaffte mit der Agenda 20/10, war nicht abzusehen, dass SPD und Grüne sich nie wirklich zu diesem Erfolg bekennen würden. Heute lobt nur die Union dieses Projekt. Auch wenn sie über die Regeln nachdenkt, die Hartz IV-Beziehern nur einen geringen Zuverdienst erlauben. Seinerzeit gab es fünf Millionen Arbeitslose, heute herrscht auf vielen Jobcenter-Fluren gähnende Leere. Unser Problem sind die Aufstocker, die trotz Arbeit Leistungen beziehen müssen. Hauptkientel: alleinerziehende Mütter (Frank Pergande, FAS 18.11.18).

Sind die Kosten klar? Robert Habeck (Grüne) spricht von 30 Milliarden Euro pro Jahr. Ja, werden die Grünen dafür dann noch gewählt?

2201: Georg Mascolo über guten und schlechten Journalismus

Samstag, November 17th, 2018

Georg Mascolo war von 2008 bis 2013 Chefredakteur des „Spiegels“. heute leitet er den Rechercheverbund von SZ, NDR und WDR. In der SZ (17./18.11.18) beschäftigt er sich mit gutem und schlechtem Journalismus. Ich fasse seine Argumente in 16 Punkten zusammen, aber es handelt sich um die Meinung von Georg Mascolo.

1. Journalisten haben sich in Deutschland auch angesichts wachsender Kritik nicht ausreichend mit den Leistungen des Journalismus befasst.

2. Eingedenk des Satzes „Good news is bad news.“ nimmt die Skandalisierung im Journalismus zu.

3. Verantwortungsbewusste Chefredakteure verlangen von ihren Mitarbeitern unbequeme Recherchen.

4. So wenig, wie es „die Medien“ gibt, existieren „die Politiker“, „die Wirtschaft“ oder „die Banker“.

5. Schlechter Journalismus wird verkörpert von der „Yellow Press“ („Regenbogenpresse“), die, wie Walter Nutz uns gezeigt hat, meistens ohne Rücksicht auf irgendwelche Tatsachen agiert und Geschichten häufig erfindet. Man kann immer über eine Schwangerschaft im britischen Königshaus spekulieren.

6. Politiker vom Schlage Donald Trumps bauen darauf, Journalisten als „Feinde des Volkes“ oder „die Lügenpresse“ zu diffamieren.

7. Guter Journalismus fungiert als ständiges Verbindungs- und Kontrollorgan zwischen dem Volk und seinen Politikern.

8. Solange die Rezipienten (die Menschen) genötigt sind, bei einem Konflikt immer beide Seiten zur Kenntnis zu nehmen, besteht Grund zur Hoffnung.

9. Qualitätsmedien erkennt man daran, dass sie ihr Publikum informieren und nicht missionieren wollen. Sie trennen Nachricht und Kommentar.

10. Journalisten dürfen nicht einfach Vorurteilen nachrennen: der Euro war nicht so stabil wie versprochen, die Liberalisierung der Finanzmärkte war ein Unglück, die Silvesternacht in Köln 2015 verlief nicht „weitgehend friedlich“.

11. Ein Medium wie das Fernsehen ist besonders gefährdet, schrillen Kandidaten wie Donald Trump auf den Leim zu gehen, der aus der Unterhaltungsbranche stammt.

12. Journalismus in Deutschland arbeitet ohne staatliche Aufsicht. Unterworfen ist er den Entscheidungen der Gerichte (insbesondere des Bundesverfassungsgerichts) und dem zwischen Verlegern und Journalisten 1973 ausgehandelten (und dann immer weiter entwickelten) Pressecodex.

13. Dort heißt es in Ziffer 3: „Veröffentlichte Nachrichten oder Behauptungen, insbesondere personenbezogener Art, die sich nachtäglich als falsch herausstellen, hat das Publikationsorgan, das sie gebracht hat, unverzüglich von sich aus in angemessener Weise richtigzustellen.“

14. Die deutschen Massenmedien müssen Korrekturspalten einsetzen.

15. Guter Journalismus kostet Geld. Das kann der Rezipient berücksichtigen.

16. „Merken Sie sich, wer Ihnen vorausgesagt hat, dass Trump auf keinen Fall Präsident wird, dass die Jamaika-Regierung kommt, aber der Brexit nicht. Oder dass Brinkaus keine Chance gegen Kauder hat.“

2200: Friedrich Ebert – zu wenig gewürdigt

Freitag, November 16th, 2018

Die politische Stiftung der SPD heißt Friedrich-Ebert-Stiftung. Viele Straßen und Plätze sind nach dem Politiker benannt. Und doch ist das Bild des ersten Reichspräsidenten in der öffentlichen Wahrnehmung eher blass und unscharf. Wie ist das möglich? Einen ersten Hinweis bekommen wir, wenn wir uns vor Augen führen, dass Ebert von der deutsch-nationalen Rechten als „Landesverräter“ und von den Kommunisten als „Arbeiterverräter“ bezeichnet wird. Wen die Extremisten von rechts und links so verunglimpfen, der hat wahrscheinlich tatsächlich seinen Platz in der poltischen Mitte gehabt.

Eberts politische Karriere war kurz. Er rückte erst 1918 bei der Novemberrevolution ins Rampenlicht und starb bereits 1925, viel zu früh für die erste deutsche Demokratie. Der 1871 geborene Ebert war Sattler. Nach seiner Gesellen-Wanderschaft schloss er sich 1889 der SPD an. 1891 kam er für vierzehn Jahre nach Bremen, wo er seine politische Karriere startete. 1905 ging er in den Parteivorstand. Nach August Bebels Tod 1913 wurde er einer der beiden Parteivorsitzenden (neben Hugo Haase vom linken Parteiflügel). Als Haase während des Krieges zur USPD wechselte, wurde Friedrich Ebert die unumstrittene Nummer eins der SPD. Er musste nicht nur seine Partei, sondern auch das Land am Kriegsende und durch die Revolution führen. Er suchte dazu den Ausgleich mit der Reichswehr, was einige ihm bis heute vorwerfen.

Eberts noch verbliebener stärkster Konkurrent, der Fraktionsvorsitzende Philipp Scheidemann, ein brillanter Parlamentarier, unterschätzte Eberts Stärken. Sein organisatorisches Talent, sein taktisches Geschick und sein strategisches Kalkül, vor allem aber seinen ausgeprägten Machtinstinkt. Sie machten Ebert so erfolgreich. Er war nicht brillant und er war kein Freund der russischen Revolution von 1917. „Wer die Dinge in Russland erlebt hat, der kann im Interesse des Proletariats nicht wünschen, dass eine solche Entwicklung bei uns eintritt. Wir müssen uns im Gegenteil in die Bresche werfen, wir müssen sehen, ob wir genug Einfluss bekommen, unsere Forderungen durchzusetzen und, wenn es möglich ist, sie mit der Rettung des Landes zu verbinden, dann ist es unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit, das zu tun.“

Die Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann empfand Friedrich Ebert als verfrüht. Er selbst wurde Reichskanzler. Den Gedanken der Räterepublik bekämpfte er, wo er konnte. Es ist nicht klar, wie so intelligente und informierte Publizisten und Ebert-Kritiker wie

Sebastian Haffner: Der Verrat. 1979 (zuerst als „stern“-Serie 1969) und

Klaus Gietinger: Eine Leiche im Landwehrkanal. 1995,

nicht erkennen konnten, dass in Russland die Bolschewiki das Modell der Räte nur dazu genutzt hatten, um eine stalinistische Diktatur (1929-1956) zu errichten. Nach dem Ende der DDR ist die Kritik an Friedrich Ebert und seinem Pakt mit der Reichswehr leiser geworden. Die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles hat es bei dem Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs in diesem Jahr ausgesprochen, dass vermutlich der Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) verstrickt war in die Machenschaften, die Anfang 1919 zur Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts geführt hatten.

Im gemeinsamen Aufruf der revolutionären Obleute, der USPD und der KPD zum Generalstreik am 9. Januar 1919 hieß es, Ebert und Scheidemann gehörten „aufs Schafott“. „Gebraucht die Waffen gegen eure Todfeinde, die Ebert-Scheidemann!“

Tatsächlich ist es nach 1918 ja nicht zur Vergesellschaftung der Wirtschaft gekommen. Auch ein Wort der Entschuldigung von der Reichsregierung zum Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht blieb aus. Bis zur Weltwirtschaftskrise 1929 war die Weimarer Republik stabil. Dann haben ihre Gegner, die Nazis und die Deutsch-Nationalen, sie beseitigt. Friedrich Ebert war keine schillernde Persönlichkeit und kein Volkstribun. Er war „kein Liebling des Volkes, kein Begeisternder und ein spät Begeisterter“ (Joseph Roth). Er war ein seriöser Politiker und hat sich um die erste deutsche Demokratie verdient gemacht (Bernd Braun, Die Zeit 15.11.18).

2199: „Wohnen ist ein Menschenrecht.“

Donnerstag, November 15th, 2018

Heribert Prantl schreibt in der SZ (15.11.18):

„Immer mehr Menschen mit wenig Einkommen konkurrieren um immer weniger bezahlbare Wohnungen. Der Bundesgerichtshof hat jetzt ein soziales Fiasko abgewendet: Viele Kommunen hatten, von Geldnot und neoliberalem Zeitgeist getrieben, in den Nullerjahren hunderttausende Wohnungen an private Investoren verkauft. Privatisierung war das gefährlich falsche Zauberwort. Die Investoren wollten und wollen mehr Geld sehen – und daher die Altmieter loswerden.

Die Justiz hat den Privatisierungswahnsinn nicht abwenden können. Sie konnte aber jetzt die bittersten Folgen verhindern. Sie konnte verhindern, dass Investoren auf dem Rücken von Altmietern (etwa von früheren Bergleuten, die ein lebenslanges Wohnrecht hatten) ihren Reibach machen. Die Richter urteilten: Die Schutzklauseln für die Mieter, Sozialcharta genannt, die Kommunen in die Verkaufsverträge geschrieben haben, gelten; die Mieter können sich unmittelbar auf diese Klauseln berufen und Kündigungen damit abwehren. Gut so. Alles andere wäre ein Verbechen am Sozialstaat gewesen.

In den vergangenen dreißig Jahren hat sich der Bestand an Sozialwohnungen von gut vier Millionen auf weniger als 1,5 Millionen verringert. Geblieben sind die Menschen, die solche Wohnungen brauchen. Um sie sollten sich nicht nur die Gerichte kümmern.“

2198: Sexueller Missbrauch in der EKD

Mittwoch, November 14th, 2018

In zehn der 20 Landeskirchen innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sind inzwischen Aufarbeitungskommissionen für sexuellen Missbrauch gebildet worden. Ihnen wurden bisher

479 Fälle

aus den Jahren von 1950 bis 1970 gemeldet. Zwei Drittel davon haben in evangelischen Heimen stattgefunden. Nun hat die EKD eine zentrale, unabhängige Anlaufstelle für Betroffene und mehrere Studien über Ausmaß und Struktur der Gewalt und ihre Vertuschung beschlossen. Das Diakonische Werk hat eine eigene Studie angekündigt. Für die Durchführung eines Elf-Punkte-Plans zur individuellen und institutionellen Aufarbeitung will die EKD im kommenden Jahr rund eine Million Euro ausgeben.

Auf der Würzburger Synode der EKD hat die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs gesagt: „Eine Kirche, die solcher Gewalt nicht wehrt, ist keine Kirche mehr.“ Frau Fehrs ist die Sprecherin eines kurz vor der Synode gebildeten Beauftragtenrats zum Thema. Sie sprach von einem

„evangelischen Muster“ und

„begünstigenden Faktoren, die den Tätern zuspielen“.

Dazu gehören unklare Machtstrukturen, die Abschottung von Gruppen nach außen, die mangelnde Trennung von dienstlicher und privater Sphäre und eine falsch verstandene Liberalität (Matthias Drobinski, SZ 14.11.18).