Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2229: Qualitätsjournalismus in der Krise

Freitag, Dezember 21st, 2018

Wie wichtig Qualitätsjournalismus für das Funktionieren der Demokratie ist, sehen wir an Russland und China, wo es keine Pressefreiheit gibt. Dafür Propaganda. In den USA wird die Qualität des Journalismus permanent durch die hohe Medienkonzentration gefährdet. Da ist die Krise des „Spiegels“ nach 60 Betrugsgeschichten eine Katastrophe für den deutschen Qualitätsjournalismus. Das SZ-Magazin hat ebenfalls zwei gezinkte Interviews gebracht. Und Laura Hertreiter behauptet (SZ 21.12.18), dass der betrügerische Reporter auch bei der „taz“ und der „Welt“ gearbeitet hat. Das alles muss akribisch aufgeklärt werden. Die Krise trifft den „Spiegel“ im größten Umbau seiner Geschichte. Welche Verantwortung hatte die Redaktion? Welche die Chefredaktion? Der betrügerische Journalist hat inzwischen vier von ihm gewonnene Reporterpreise von sich aus zurückgegeben. Haben die deutschen Journalistenpreise das Fehlverhalten begünstigt? Fragen über Fragen. Alles muss auf den Tisch (David Denk/Angelika Slavik, SZ 20.12.18; David Denk, SZ 21.12.18; das Interview von Ralf Wiegand mit Juan Moreno in der SZ vom 21.12.18).

2228: Die Seele der Grünen

Donnerstag, Dezember 20th, 2018

Die Wahlerfolge der Grünen sind nicht zu übersehen. Und wir hoffen, dass die Grünen dann, wenn sich das in Regierungsverantwortung niederschlägt, erfolgreiche Politik machen. Da stört zackiger Abschiebungs-Rigorismus nur. Wie ihn Annalena Baerbock an den Tag gelegt hat, als sie verlangte, dass bei straffällig gewordenen Migranten „konsequent“ durchgegriffen werden müsse. Winfried Kretschmann will „junge Männerhorden“ aus den Städten verbannen. Und Boris Palmer fährt seinen eigenen Kurs.

„Wird aus dem moralischen Rigorismus, mit dem die Grünen groß geworden sind, nun ein grüner Anpassungsrigorismus? Anpassung an den Mainstream, Anpassung an die breiter gewordene Wählerbasis. Die Frage, die man den Grünen stellen muss, lautet deshalb: Was hilft es, wenn man noch einmal schnell drei Prozent gewinnt, damit aber auf Dauer Glaubwürdigkeit verspielt?“

„Wem soll hier nach dem Munde geredet werden? Es wird ja derzeit schon in Kriegsgebiete abgeschoben, nach Afghanistan und in den Irak. Ist es da gut, wenn nun auch die Grünen noch mehr und noch schnellere Abschiebungen fordern?“

Auf ihrem Weg an die Macht waren die Grünen bei den Jamaika-Verhandlungen im letzten Jahr schon bereit, einige Kröten zu schlucken: Rückführungszentren, massive Einschränkungen des Familiennachzugs, Algerien, Marokko und Tunesien als weitere sichere Herkunftsstaaten und eine Obergrenze für Flüchtlinge bei 200.000 Menschen (Heribert Prantl, SZ 20.12.18).

2227: Heinrich August Winkler 80

Donnerstag, Dezember 20th, 2018

Im „Historikerstreit“ 1986 sorgte nicht zuletzt Heinrich August Winkler dafür, dass die revisionistischen Thesen von Ernst Nolte sich in der Wissenschaft nicht durchsetzen konnten. Er bewirkte das mit historiografischer Präzision und Ironie. Heinrich August Winkler ist gerade 80 Jahre alt geworden. Er trat seinerzeit auch linken Thesen entgegen, etwa der, dass die Teilung Deutschlands eine Strafe für Auschwitz sei. Da war er mit Günter Grass nicht einig. Winkler war seit 1962 SPD-Mitglied. Er wandte sich gegen Oskar Lafontaines „Instrumentalisierung der Geschichte für tagespolitische Zwecke“.

Die größte wissenschaftliche Leistung des 1944 mit seiner Mutter aus Ostpreußen geflohenen Winkler war seine „Geschichte des Westens“. Ihn begreift der Historiker als normatives Projekt, zu dem zum Besten der Deutschen auch die Bundesrepublik endgültig gefunden hat. Winkler lehrte zwanzig Jahre Geschichte an der Universität Freiburg. Mit der Vereinigung Deutschlands ging er an die Berliner Humboldt-Universität und setzte dort gegen die DDR-Historiografie moderne professionelle Standards durch.

Heinrich August Winkler besticht in den wissenschaftlichen Diskursen durch Ruhe und Vernunft. Er mischt sich immer wieder ein und bezieht dabei einen aufklärerischen Standpunkt. Auslandseinsätze der Bundeswehr mit Auschwitz zu begründen, lehnt er ab. Die fehlende Kritik der deutschen Linken an Wladimir Putin und seiner Expansionspolitik ist ihm suspekt (Joachim Käppner, SZ 19.12.18).

2226: Das Faible der Rechtspopulisten für Russland

Dienstag, Dezember 18th, 2018

1. Viele meiner Bekannten verstehen nicht das Faible von Rechtspopulisten (etwa in der AfD) für Russland. Müssten sie nicht eigentlich als geborene Antikommunisten gegen Russlands illiberale Politik unter Putin sein (Annektion der Krim, Krieg in der Ukraine etc.)?

2. Tatsächlich war der Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion 1941 gespeist von Antikommunismus und dem rassistisch fundierten Glauben an die deutsche Mission im Osten. Gekoppelt mit der These vom „Volk ohne Raum“ (Hans Grimm).

3. Ein großer der Teil der wilhelminischen Intelligenz und ihrer Nachfolger in der Weimarer Republik war allerdings strikt antiwestlich (etwa gegen die Wallstreet und Hollywood). Das hat sich bei eingen Gruppen bis heute gehalten.

4. „Ursprünglichkeit“ und „Seele“ fanden viele deutsche Literaten attraktiv in der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts, insbesondere bei Fjodor Dostojewski (1821-1881).

5. Der Herausgeber der ersten großen deutschen Dostojewski-Ausgabe war Arthur Moeller van den Bruck (1876-1925), der später den Begriff vom „dritten Reich“ prägte.

6. Propagandist vom Licht im Osten war Dmitri Mereschkowski (1865-1941).

7. Er hatte Einfluss auf Thomas Mann (1875-1956) in dessen antiliberaler Phase und seine antiwestlichen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918).

8. Die Vorliebe für deutsche Sonderwege rührte her vom Hass auf den Liberalismus. Der habe aus Helden Händler gemacht.

9. Eine kleine Gruppe innerhalb der deutschen Rechten glaubte, den Diktator Wadimir I. Lenin (1870-1924) für ihre Politik der Niederringung des Westens einspannen zu können.

10. Autoren wie der Nationalbolschewist Ernst Niekisch (1884-1967) und der an der Ermordung Walther Rathenaus beteiligte Ernst von Salomon (1902-1972; „Der Fragebogen“ 1948) präferierten Russland.

11. Es gab eine enge Rüstungskooperation zwischen Deutschland und der Sowjetunion, um den Versailler Vertrag zu umgehen („Schwarze Reichswehr“).

12. Der Hitler-Stalin-Pakt von 1939 war der perverse Höhepunkt der deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit. Er lief hinaus auf die vielen Millionen sowjetischer und deutscher Opfer im Zweiten Weltkrieg.

13. Die DDR war von 1949 bis 1990 ein Vasall der Sowjetunion.

14. Heute bewundern viele Rechtspopulisten die energische und aggressive Machtpolitik Wladimir Putins.

(Volker Weiss, Die Zeit 6.12.18)

2225: CDU/CSU gegen Bots

Montag, Dezember 17th, 2018

Besorgt zeigt sich der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende im deutschen Bundestag, Ralph Brinkhaus, darüber, dass immer mehr politische Debatten über soziale Netzwerke manipuliert werden. „Vor allem im Netz und in sozialen Medien wurde eine Welle von Unwahrheiten und Diffamierungen ausgelöst. … Diese ganze Entwicklung macht mir große Sorgen“, weil sie den Kern der Demokratie angreife,

die freie Meinungsbildung.

„Es ist allerhöchste Zeit, hier aufzuwachen. 2019 ist in Deutschland ein Superwahljahr.“

Bots ist eine Abkürzung von Roboter. Diese Bots sind computergesteuerte Accounts, die sich in sozialen Netzwerken zum Teil als reale Nutzer ausgeben. Solche Bots verbreiten in hoher Frequenz programmierte Botschaften und können schnell die Themen- oder gar die Meinungshoheit erlangen (FAS 16.12.18).

2224: Wie Sigmund Freud zum Frauenfeind wurde.

Sonntag, Dezember 16th, 2018

Über Sigmund Freud sind unzählige Bücher geschrieben worden. Zuletzt 2016 von André Alt. Nun legt der US-amerikanische Psychoanalytiker Joel Whitebook eine neue Biografie vor:

Freud. Sein Leben und Denken. Klett-Cotta, 559 S., 32 Euro.

Als Nicht-Analytiker kann ich möglicherweise nicht alles beurteilen, stelle aber fest, dass Whitebook unterhaltsam sein möchte, er formuliert meistens zupackend. Und er bezieht sich häufig auf die „kritische Theorie“ (Horkheimer/Adorno). Alan Posener hat ihn für die „Literarische Welt“ (8.12.18) interviewt.

Lit W: Jeder kennt das Zitat. „Wenn man der unbestrittene Liebling seiner Mutter gewesen ist, so behält man fürs Leben jenes Eroberungsgefühl, jene Zuversicht des Erfolgs, welche nicht selten den Erfolg nach sich zieht.“ So Sigmund Freud. Und jeder glaubt, er spreche von sich.

Whitebook: Freud hat ein idealisiertes Bild seiner Mutter überliefert, das seine Anhänger unkritisch übernommen haben. Er war aber nicht der ‚Gold-Sigi‘ dieser warmherzigen, schönen Mutter, sondern hatte ein schwieriges Verhältnis zu ihr. Sie war eine schwierige, fordernde, narzisstische Frau.

Lit W: Sie schreiben sogar: depressiv.

Whitebook: Nach dem Tod des jüngeren Bruders, Sigmund war da erst 18 Monate alt, zieht sie sich völlig zurück. Damals hat Freud die Mutter verloren, psychologisch gesehen. Wenig später wird seine geliebte tschechische Kinderfrau gefeuert. Das sind zwei schwere Verluste in früher Kindheit.

Lit W: Sie charakterisieren Freud als phallogozentrisch.

Whitebook: Das ist ein etwas preziöser französischer Begriff, der von

Jacques Derrida

stammt und von den psychoanalytischen Feministinnen übernommen wurde. Aber er ist zutreffend. Wie reagiert Freud auf die Traumata seiner frühen Kindheit? Mit einer verfrühten Ichentwicklung. Das ist oft der Fall bei Kindern, die in einer traumatisierenden Kindheit leben: Sie müssen zu schnell erwachsen werden. Sie müssen die Zauberjahre hinter sich lassen und werden zu rational, zu vernünftig, zu verantwortlich. Bei Freud war das so. Phallogozentrisch also, weil er Werte hochielt, die wir oft als männlich bezeichnen: Rationalität, Selbstbeherrschung, Mangel an Emotionalität und vor allem Unabhängigkeit, aus der Freud fast einen Fetisch machte. Im Umkehrschluss hat er Eigenschaften abgewertet, die er für weiblich hielt: Emotionalität, Charakterschwäche, Abhängigkeit, blablabla – all die Stereotypen, die seine Frauenpsychologie durchziehen. …

Freud hat die Erfahrungen seiner ersten drei Lebensjahre verdrängt, ja abgespalten. Die klassische ödipale Theorie gründete also auf der Erfahrung von Kindern, die älter als drei Jahre sind, die bereits ein Ichgefühl haben, Mutter und Vater und die Unterschiede der Geschlechter kennen, sexuelles Verlangen, Schuld, Aggression und so weiter erleben. Da gibt es allerlei Fantasien des Loslassen: den Vater töten und mit der Mutter schlafen etwa. Nach dem Ersten Weltkrieg kommen mit der „präödipalen Wende“ der Psychoanalyse die ersten drei Jahre in den Blick. Das sind die Jahre der Ichentwicklung. Da geht es um Trennung und Verlust, Herausbildung des Sebstgefühls und so weiter. Die Art des Loslassens in der Musik – etwa bei Richard Wagners „Tristan“ – ist aber Auflösung des Selbst, Sirenengesang, Illusion, Narkose.

Adorno und Horkheimer

sagen in der „Dialektik der Aufklärung“, dass wir uns durch die gesamte Zivilisation hindurch nach dieser Glückseligkeit sehnen und doch vor dieser Aufgabe des Selbst eine Höllenangst haben.

Lit W: Wenn aber der Begründer der Psychoanalyse ein phallogozentrischer Neurotiker ist, der die schmutzigen Geheimnisse des bürgerlichen Lebens als schmutzige Frauenfantasien ausgibt – was sagt er uns, die wir nicht zuletzt die Kinder der sexuellen Revolution von 1968 sind, im sexuell emanzipierten Berlin des Jahres 2018?

Whitebook: Ohne Freud hätte es weder 68 gegeben, noch gäbe es ihr Berlin 2018. Bei allem Respekt: Ich kenne die Argumente gegen Freud besser als Sie. Es gibt Dinge bei Freud, über die man sich als Analytiker fremdschämt. Ich könnte Ihnen auch die Begrenztheit und Problematik Kants und Platons aufzählen. Es geht nicht darum, dass Freud begrenzt war, sondern darum, wie weit er trotzdem ging. Große Denker sind nicht einfach im Recht oder im Unrecht. Sie geben uns eine Schatzkammer von Bedeutungen, zu der wir immer wieder zurückkehren. …

Lit W: Eine letzte Frage: Es gibt bei den Psychpathologien Wellen. In Freuds Jugend war die

Hysterie

die Krankheit der Wahl, nach Freud waren es die

Neurosen.

Was ist die Krankheit unserer Ära?

Whitebook: … Die Veränderung der Familienstruktur weg von der klassischen autoritären, bourgeoisen Familie hin zu eher permissiven Strukturen und die direkte Formung des Über-Ich durch die Medien, von der die Frankfurter Schule sprach: Das muss doch andere Charaktertypen hervorrufen und damit auch andere Pathologien. Wir reden also heute viel vom

Narzissmus.

Lit W: Wie man es macht, ist es falsch. Ist man zu streng, zieht man kleine Neurotiker heran, ist man zu lasch, kommen Michael Winterhoffs narzisstische „kleine Tyrannen“ heraus.

Whitebook: Freud hat ja gesagt, dass die Elternschaft ein unmöglicher Beruf sei. Es ist nun einmal so, dass man den Mittelweg zwischen Bedürfnisbefriedigung und Grenzsetzung finden muss. Die Leute haben ja auch deshalb so viele Probleme mit Freud, weil er weder autoritär noch libertär ist. Die Autoritären hassen ihn, weil sie ihn für einen Befürworter der Libertinage halten, und die Antiautoritären mögen ihn nicht, weil sie ihn für einen autoritären Patriarchen halten. Ihn zu verstehen verlangt eine gewisse Toleranz gegenüber der Komplexität und der Unbestimmtheit. Unsere Gesellschaft fördert aber nicht gerade das komplexe Denken. Das ist ein Grund, warum die Psychoanalyse in Verruf geraten ist.

 

2223: „Alter weißer Mann“

Sonntag, Dezember 16th, 2018

Felix Stephan diskutiert, warum die Dominanz des „alten weißen Mannes“, der als Wurzel vieler Übel identifiziert und beschrieben wurde, nicht schneller zu Ende geht (SZ 12.12.18). Als Protagonisten führt er ins Feld

Martin Walser,

Harald Martenstein und

Frank Castorf.

„Womöglich hat das mit dem Begriff selbst zu tun: Die Konjunktur des ‚alten weißen Mannes‘ markiert nicht nur eine demografische Machtverschiebung, sondern auch eine neue Wissenskultur. Die Theorie lautet: Wissen ist niemals unpolitisch oder gar objektiv, sondern stets abhängig von der Position seines Trägers. Deshalb liegt der Unterschied schon darin, ob das Wort von einem weißen Mann erhoben wird oder von einer türkischstämmigen Frau.“

„Der Begriff ‚alter weißer Mann‘ bezeichnet deshalb nicht nur ein demografisches Phänomen, er ist vor allem ein Slogan, eine Chiffre für

Rassismus, Patriarchat und Sexismus.

Er ist aber auch eine Chiffre für

Eurozentrismus und Imperialismus,

sogar für Aufklärung, Idealismus und Rationalismus.

Er meint alles, was irgendjemandem schon mal auf die Nerven gegangen ist und bietet damit Potenzial. Kaum ein Missstand, der sich nicht durch ihn begründen ließe.“

„Die pluralistische, feministische, postkoloniale Kulturrevolution hat ihren Gegenspieler, wie der Zauberlehrling, der von seiner eigenen Kreatur fast erschlagen wird, auf gewisse Weise erst erfunden.“

„Der Kampfbegriff ‚alter weißer mann‘ hat seine Verdienste, wenn es darum geht, Koalitionen zu schmieden und Reihen zu schließen. Eine Utopie, ein inspirierendes Gegenmodell zum Bestehenden deutet er eher nicht an. Gut möglich, dass die Diagnose, die der Historiker

Götz Aly

den Achtundsechzigern ausgestellt hat, auch auf die heutigen Kulturrevoltionäre zutrifft: Obwohl sie sich radikal anders begreifen als ihre Eltern, sind sie doch unverkennbar deren Kinder. Sobald man genauer hinschaut, wiederholen sich die Muster.“

Dies schreibt Ihnen ein alter weißer Mann. Mit Lust.

2222: Zeh Richterin am Landesverfassungsgericht

Sonntag, Dezember 16th, 2018

Die Schriftstellerin Juli Zeh („Unter Leuten“), eine promovierte Juristin, ist vom Brandenburger Landtag zur Richterin am Landesverfassungsgericht gewählt worden. Die 44-jährige war von der SPD vorgeschlagen worden und erhielt 71 von 86 abgegebenen Stimmen. Ihre Gegenkandidatin, die von der AfD vorgeschlagene Victoria Tuschik, erhielt 13 Stimmen. Zwei Abgeordnete enthielten sich (dpa 13.12.18).

2221: Thomas Bernhards 30. Todestag

Samstag, Dezember 15th, 2018

Demnächst jährt sich der Todestag des großen österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard zum 30. Mal. Er hat ein Werk hinterlassen, das in der deutschen Literatur einzigartig ist in seiner schonungslosen Kälte, seiner sprachlichen Virtuosität und seiner radikalen Weltanklage. Thomas Bärnthaler hat Peter Fabjan, den Halbbruder Bernhards und dessen Nachlassverwalter, einen 81-jährigen ehemaligen Internisten, zu dem Schriftsteller interviewt (SZ Magazin 7.12.18).

SZ Mag: Lässt sich Bernhards Werk, das eine große Weltanklage war, auch als Rache an der vermeintlich lieblosen Mutter lesen, wie die Literaturkritikerin Sigrid Löffler einmal nahelegte?

Fabjan: Sie sieht das zu einfach. Für die Mutter war der Thomas, vor allem in der Kriegszeit, wo sie mit uns Kindern allein war, zum Problemkind geworden. Ständig war er weg, schwänzte die Schule oder flüchtete zum Großvater ins benachbarte Ettendorf. Sie war mit ihm überfordert, nicht lieblos. Unsere Mutter hat wohl auch Angst gehabt, dass Thomas ihre Ehe mit ihrem zehn Jahre jüngeren Mann belastet. Unser Vater hätte früher begreifen müssen, dass der Bub mehr Zuwendung als seine eigenen Kinder braucht. Der Thomas hat sein ganzes Leben nach einem Vater gesucht.

SZ Mag: Sein leiblicher Vater, Alois Zuckerstätter, nahm sich 1940 in Berlin das Leben, da war Ihr Bruder neun Jahre alt. Hatte es vorher Versuche gegeben, die beiden zusammenzubringen?

Fabjan: Nein. Er hatte ja die Vaterschaft bestritten, weil er wusste, dass er sonst Unterhalt zahlen muss. Er ging nach Deutschland und wechselte ständig den Arbeitsplatz, zeitweise lebte er in Frankfurt an der Oder, wo er geheiratet hat und Vater einer Tochter wurde. Da war er aber schon Alkoholiker.

SZ Mag: Wie war Ihr Bruder, wenn er die Rolle des Misanthropen einmal beiseitelegte?

Fabjan: Er war in jeder Gesellschaft der Mittelpunkt. Er konnte, war er in Stimmung, blendend unterhalten. Einmal gab er eine Lesung, und hinterher stellte man fest: Das, was er gerade eine Stunde vorgelesen hatte, stand in keinem Buch, hatte er improvisiert. Das Blödeln und Assoziieren war auch so eine Art, sich die Gesellschaft vom Leib zu halten.

SZ Mag: Wie hat sein lebenslanges Kranksein sein Schreiben beeinflusst?

Fabjan: Die Todesgewissheit hat ihn getrieben. Elfriede Jelinek hat gesagt, man spüre beim Lesen seiner Bücher, dass ihm die Zeit davonläuft.

SZ Mag: 1988 kam es zur Premiere seines letzten Stückes ‚Heldenplatz‘, einer bitteren Abrechnung mit der Nazivergangenheit Österreichs, zu einem landesweiten Skandal.

Fabjan: Als ich damals mit ihm durch Wien gegangen bin, sind Leute auf uns zugekommen und haben ihn beschimpft. Frauen sind mit dem Schirm auf ihn los, andere haben ihn angespuckt, da war er schon so schwach, dass er kaum mehr gehen konnte. In dieser elenden Zeit, in der alle auf ihn eingeprügelt haben, vor allem die Regierung und der Boulevard, hat sich kein Vertreter des Staates schützend vor ihn gestellt.

2220: Liv Ullmann 80

Samstag, Dezember 15th, 2018

Die norwegische Schauspielerin Liv Ullmann wird 80. Dazu schreibt Andreas Kilb (FAZ 15.12.18):

„Ingmar Bergman war Liv Ullmanns Schicksal. Seine Filme haben sie zu dem gemacht, was sie in den sechziger und siebziger Jahren war: eine der größten Schauspielerinnen des Weltkinos. Als sie sich trafen, war Ullmann, geboren in Tokio als Tochter eines norwegischen Ingenieurs und aufgewachsen in Toronto, New York und Trondheim, siebenundzwanzig und Bergman zwanzig Jahre älter. Sie drehten ‚Persona‘ und ‚Passion‘ und ‚Die Stunde des Wolfs‘, Liv Ullmann bekam ein Kind, und Bergman baute für sie ein Haus auf der Ostseeinsel Farö. Fünf Jahre blieben sie zusammen, er nannte sie seine Stradivari, und sie nannte ihn, nach der Trennung, den Menschen, der ihr am meisten weh getan habe im Leben. Aber als sie selbst mit dem Regieführen anfing, verfilmte sie eines seiner Drehbücher, und am Tag vor seinem Tod flog sie nach Farö und dankte ihm für alles, was er ihr gegeben hatte. Es gibt solche Paare im Kino immer wieder, aber es ist selten, dass der eine dem anderen dabei auf Dauer gewachsen ist. Diese beiden waren es.“