Die Psychologen Prof. Dr. Heiner Keupp und Dr. Peter Mosser waren an der Aufklärung der Kriminalität an der Odenwaldschule beteiligt. Über ihr Forschungsprojekt haben sie ihr Buch
„Die Odenwaldschule als Leuchtturm der Reformpädagogik und Ort sexualisierter Gewalt“
veröffentlicht. In der „Zeit“ (17.1.19) berichten sie über die zentralen Ergebnisse:
In elitärer Selbsterhöhung sah sich die Odenwaldschule als Leuchtturm einer alternativen Pädagogik zur Untertanenerziehung. Das war nach 1945 verständlicherweise hochrelevant. Es handelte sich um ein reformpädagogisches Projekt. 2010 machten ehemalige Schüler und zugleich Opfer sexuellen Missbrauchs auf die wahren Verhältnisse aufmerksam. Vorher konnten sie lange Zeit in der Öffentlichkeit der Bundesrepublik nicht durchdringen. Im Forschungsprojekt zur Odenwaldschule wurden die strukturellen Bedingungen bilanziert, die sexualisierte Gewalt über eine so lange Zeit ermöglicht hatten.
Der Mythos der Odenwaldschule entstand nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus. Um den Kontrast zum staatlichen Schulsystem zu unterstreichen, bedurfte es engagierter Lehrkräfte. Ein differenziertes und strenges Regelsystem sollte das pädagogische Modell und seine kontinuierliche Weiterentwicklung absichern. In den 1970er Jahren übernahm
Gerold Becker
die Leitung der Schule. Der von ihm betriebene Liberalisierungsprozess überdeckte das Fehlen eines pädagogischen Konzepts. So wurde die Basis für ein System des sexuellen Missbrauchs gelegt. „Das ist die Paradoxie der Odenwaldschule. Die Instrumentalisierung des Reformbegehrens hat den reformpädagogischen Kern zerstört.“ Mit großem rhetorischem Einsatz gelang es Gerold Becker, in der Auseinandersetzung mit schulinternen Widersachern die Oberhand zu behalten. Kriminellem sexuellem Missbrauch wurden Tür und Tor geöffnet. Rückendeckung erhielt Becker vom Vorstand der Odenwaldschule, in dem so Prominente wie
Hellmuth Becker,
Georg Picht und
Hartmut von Hentig
saßen. Zonen sexualisierter Gewalt konnten sich ausbreiten und verfestigen. Beckers Zeit als Schulleiter ging zwar zu Ende, aber die Odenwaldschule als narzisstisch überhöhte Institution hielt sich weiterhin. So war es 2015 zu spät für jede Korrektur. Die Odenwaldschule wurde für immer geschlossen. Zum Glück.
Im Forschungsprojekt wurden 23 Szenarien identifiziert, in denen die Chance auf eine nachhaltige Aufdeckung sexualisierter Gewalt an der Odenwaldschule bestanden hätte. Sie wurde nicht genutzt. Auch nicht von den Lehrern. Die Eltern von Schülern, die sexueller Gewalt ausgesetzt waren, spielten ebenso keine überzeugende Rolle, sondern wurden von der Reputation der Schule geblendet. Das Höchste, das sie unternahmen, war, ihre Kinder von der Odenwaldschule zu nehmen und zu schweigen. Strafverfolgung gab es nicht. Die Odenwaldschule blieb ein Hort des Verbrechens. Sind wir angesichts aller Diskurse, gesetzlichen Veränderungen und Schutzkonzepte bis heute weitergekommen? Immerhin haben die Opfer, die sich öffentlich geäußert haben, der wissenschaftlichen Studie eine empirische Basis gegeben. Die Beanspruchung der Deutungshoheit über das Geschehene setzte massive Konflikte frei, welche die Odenwaldschule nicht hatte bewältigen können.