Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2273: Odenwaldschule – Ort des Verbrechens

Samstag, Februar 2nd, 2019

Die Psychologen Prof. Dr. Heiner Keupp und Dr. Peter Mosser waren an der Aufklärung der Kriminalität an der Odenwaldschule beteiligt. Über ihr Forschungsprojekt haben sie ihr Buch

„Die Odenwaldschule als Leuchtturm der Reformpädagogik und Ort sexualisierter Gewalt“

veröffentlicht. In der „Zeit“ (17.1.19) berichten sie über die zentralen Ergebnisse:

In elitärer Selbsterhöhung sah sich die Odenwaldschule als Leuchtturm einer alternativen Pädagogik zur Untertanenerziehung. Das war nach 1945 verständlicherweise hochrelevant. Es handelte sich um ein reformpädagogisches Projekt. 2010 machten ehemalige Schüler und zugleich Opfer sexuellen Missbrauchs auf die wahren Verhältnisse aufmerksam. Vorher konnten sie lange Zeit in der Öffentlichkeit der Bundesrepublik nicht durchdringen. Im Forschungsprojekt zur Odenwaldschule wurden die strukturellen Bedingungen bilanziert, die sexualisierte Gewalt über eine so lange Zeit ermöglicht hatten.

Der Mythos der Odenwaldschule entstand nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus. Um den Kontrast zum staatlichen Schulsystem zu unterstreichen, bedurfte es engagierter Lehrkräfte. Ein differenziertes und strenges Regelsystem sollte das pädagogische Modell und seine kontinuierliche Weiterentwicklung absichern. In den 1970er Jahren übernahm

Gerold Becker

die Leitung der Schule. Der von ihm betriebene Liberalisierungsprozess überdeckte das Fehlen eines pädagogischen Konzepts. So wurde die Basis für ein System des sexuellen Missbrauchs gelegt. „Das ist die Paradoxie der Odenwaldschule. Die Instrumentalisierung des Reformbegehrens hat den reformpädagogischen Kern zerstört.“ Mit großem rhetorischem Einsatz gelang es Gerold Becker, in der Auseinandersetzung mit schulinternen Widersachern die Oberhand zu behalten. Kriminellem sexuellem Missbrauch wurden Tür und Tor geöffnet. Rückendeckung erhielt Becker vom Vorstand der Odenwaldschule, in dem so Prominente wie

Hellmuth Becker,

Georg Picht und

Hartmut von Hentig

saßen. Zonen sexualisierter Gewalt konnten sich ausbreiten und verfestigen. Beckers Zeit als Schulleiter ging zwar zu Ende, aber die Odenwaldschule als narzisstisch überhöhte Institution hielt sich weiterhin. So war es 2015 zu spät für jede Korrektur. Die Odenwaldschule wurde für immer geschlossen. Zum Glück.

Im Forschungsprojekt wurden 23 Szenarien identifiziert, in denen die Chance auf eine nachhaltige Aufdeckung sexualisierter Gewalt an der Odenwaldschule bestanden hätte. Sie wurde nicht genutzt. Auch nicht von den Lehrern. Die Eltern von Schülern, die sexueller Gewalt ausgesetzt waren, spielten ebenso keine überzeugende Rolle, sondern wurden von der Reputation der Schule geblendet. Das Höchste, das sie unternahmen, war, ihre Kinder von der Odenwaldschule zu nehmen und zu schweigen. Strafverfolgung gab es nicht. Die Odenwaldschule blieb ein Hort des Verbrechens. Sind wir angesichts aller Diskurse, gesetzlichen Veränderungen und Schutzkonzepte bis heute weitergekommen? Immerhin haben die Opfer, die sich öffentlich geäußert haben, der wissenschaftlichen Studie eine empirische Basis gegeben. Die Beanspruchung der Deutungshoheit über das Geschehene setzte massive Konflikte frei, welche die Odenwaldschule nicht hatte bewältigen können.

2272: Neuberger: Der Zugang zur Realität

Montag, Januar 28th, 2019

Christoph Neuberger, 55, ist Professor für Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt „Medienwandel“ an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Harald Hordych hat ihn für die SZ (28.1.19) über Fälschungen (Claas Relotius, Tom Kummer et alii) im Journalismus befragt.

SZ: Gehen Sie davon aus, dass Journalisten die Wirklichkeit wiedergeben können?

Neuberger: So einfach würde ich es nicht formulieren. Ich vertrete die Position des kritischen Rationalismus nach Popper (Karl Raimund Popper 1902-1994; W.S.). Der sagt, dass wir über unsere Sinneswahrnehmungen hinaus keinen anderen Zugang zur Realität haben. Das heißt, wir können nie von einer absoluten Gewissheit ausgehen.

2271: George Soros greift China an.

Samstag, Januar 26th, 2019

Auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos hat der Multimilliardär George Soros, der sich mit seiner Stiftung „Open Society Fund“ der „offenen Gesellschaft“ verschrieben hat, China scharf angegriffen. Die Welt müsse vor einer beispiellosen Gefahr gewarnt werden. Chinas Staatschef Xi Jinping sei „der gefährlichste Gegner all jener, die an das Konzept einer offenen Gesellschaft“ glauben. Der chinesische Überwachungsstaat werde „das Schicksal des Individuums auf beispiellose Weise den Interessen des Einparteienstaats unterordnen“. Dabei sei China bei weitem „nicht das einzige autoritäre Regime der Welt“.

Wir können und sollten uns George Soros anschließen.

Mit seinem Vermögen unterstützt Soros etwa „Transparency International“, „Human Rights Watch“ und das „Internationale Konsortium investigativer Journalismus“. Dadurch zieht er den Hass von Rechtspopulisten auf sich. Kürzlich wurde vor seinem Haus in New York erst von der Polizei eine Rohrbombe entschärft. Bei den USA pocht Soros auf die Unterscheidung zwischen dem Staat und dem Präsidenten Donald Trump. Aus Ungarn wurde Soros‘ Stiftung von Victor Orban vertrieben.

In seiner Heimatstadt Budapest hat Soros am 19. März 1944 die Besetzung durch die Deutschen erlebt. An dem Haus, in dem er leben musste, prangte ein riesiger gelber Stern. Als die Kommunisten 1947 die Macht in Ungarn an sich rissen, floh George Soros nach London. Er studierte an der London School of Economics. Danach verdiente er ein Riesenvermögen als Wertpapierhändler mit Börsenspekulationen in New York und London. Er ist der klassische Vertreter des Großkapitals. Und er tut sehr viel Gutes. Zu seiner Klientel zählen Roma, Lesben, Schwule, Flüchtlinge. Soros steht auf der richtigen Seite. Hauptsächlich ist seine Stiftung in Ostmitteleuropa und Osteuropa tätig (Ungarn, Polen, Tschechien). Dort unterstützt er Dissidentengruppen. Das dient den dortigen Zivilgesellschaften.

Einer von Soros‘ akademischen Lehrern war der Philosoph Karl Raimund Popper (1902-1994), der 1946 gerade sein bis heute wegweisendes Buch

„Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“

geschrieben hatte. Popper, wie Soros ein Holocaust-Überlebender, wird von Faschisten, Kommunisten und Rechtspopulisten gehasst. Er hatte in Neuseeland den Zweiten Weltkrieg überstanden. Popper hat mit dem Totalitarismus und geschlossenen Weltbildern abgerechnet. Er gemahnt an die „Pflicht zur dauernden Selbstkritik, zu dauerndem Lernen, zu dauernden kleinen Verbesserungen unserer Urteile, unserer Theorien“. Sein Prinzip: „Trial and Error“.

(Thomas Zick, SZ 26./27.1.19; Holger Zschäpitz, Die Welt 26.1.19)

2270: „Stella“ in der Kontroverse

Donnerstag, Januar 24th, 2019

Wir haben eine neue große Literatur-Debatte. Sie geht um Takis Würgers „Stella“, einen Roman, der bei Hanser erschienen ist. In der Literaturkritik hat er neben Zustimmung vor allem wütende Ablehnung erfahren. So schreibt Thomas Assheuer in der „Zeit“ (24.1.19), die Literaturkritik sei

„entsetzt“

gewesen; „denn sie glaubte darin das Symptom für einen neuen Umgang mit der deutschen Vergangenheit zu erkennen: Die Wahrheit wird langweilig, es geht Autoren und Verlagen bald nur noch um große Gefühle und spektakuläre Geschichten“. „Dieser gedankenlose, literarisch unberatene Umgang mit den Dokumenten und Stimmen der Toten war der Hauptangriffspunkt der Verrisse.“ (Lothar Müller, SZ 19./20.1.19) Der vom Autor erfundene junge Schweizer Friedrich sei dazu da, „um beim Arrangement der historischen Kulissen möglichst frei schalten und walten zu können“. In dem Roman geht es um Friedrichs Verhältnis zu Stella, eine Berliner Jüdin, die 1942, um ihre Eltern vor dem KZ zu retten, viele Juden an die Gestapo verrät. Stella Goldschlag hat es tatsächlich gegeben. Für ihre „Arbeit“ ist sie rechtskräftig verurteilt worden.

Der Autor widmet den Roman seinem Urgroßvater Willi Wage, der 1941 während der Aktion T 4 vergast wurde. Daniel Kehlmann schreibt auf der Rückseite des Buchs: „Takis Würger hat sich etwas Aberwitziges vorgenommen: das Unerzählbare erzählbar zu machen.“ Der Autor formuliert am Schluss des Buchs eine lustig formulierte Danksagung: Dank an die Agentin, Dank an den Verlag, Dank an die Buchhändler. Und Dank „für die Goebbels-Zitate“.

Entspricht Takis Würgers „Stella“ einer postmodernen und neokonservativen Ideologie, in der Günter Grass‘ Literatur überholt ist und der Vergangenheit angehört? In „Stella“ kann der Leser Geschichte erleben, ohne dabeigewesen sein zu müssen. Solche Geschichten reichern die Vergangenheit mit Fiktionen an und erzeugen ein Gefühl von Gegenwärtigkeit und Selbstgefühl. In diesem Roman verdunkele sich die Weltgeschichte zu einem „anonymen Verhängnis“, schreibt Thomas Assheuer. Würgers Friedrich erkenne, „dass alle Menschen schuldig sind, jeder auf seine Weise, mal mehr und mal weniger. Schuld, so lernt der Künstler, ist die Signatur der Schöpfung, sie entspringt dem Leben selbst“. „Sinn entsteht, wenn Kunst die unvermeidliche Tragik der Menschheitsgeschichte ins Bild setzt und nebenbei noch das deutsche Publikum mit der Vergangenheit versöhnt.“ Nach Assheuer darf das nicht sein.

Er sieht in „Stella“ Parallelen zu Robert Menasses Fälschungen und in dem für den Oscar nominierten Film „Werk ohne Autor“ von Florian Henckel von Donnersmark. Dirk Knipphals geht noch weiter (taz 19./20.1.19). Er stellt eine Beziehung von Würger zu dem Fälscher Claas Relotius her. Ihre Arbeit hätte einen gemeinsamen Boden: „den Wunsch nach in sich kongruenten, übersichtlichen, ins Große tendierenden und dabei doch hübsch plausibel klingenden und eingängigen Geschichten“. „Stella“ sei zu perfekt, um wahr zu sein, „auch zu perfekt, um literarisch wahr zu sein“. Der Roman „behauptet die kongruente Erzählbarkeit von Schrecken, die eigentlich nicht auszuhalten sind.“

Ich, W.S., werde den Verdacht nicht los, dass hier, statt hauptsächlich Literaturkritik zu üben, andauernd politische Korrekheit verlangt wird. Viele Kritiker lehnen Würgers Roman politisch ab und suchen dann dafür nach literaturkritischen Argumenten. Das überzeugt wenig.

Anders geht Richard Kämmerlings in der „Literarischen Welt“ (19.1.19) vor. Als seine Zeugen für eine gelungene Literatur über den Holocaust ruft er Primo Levi und Ruth Klüger auf. Und Peter Weiss. Zu Recht nennt er als ein gelungenes Beispiel einer kritischen Auseinandersetzung auch Eberhard Fechners Dokumentation „Der Prozess“ (1984) über den dritten Maidanek-Prozess. Als einziges Beispiel für eine gelungene Ausnahme vom Fiktionalisierungsverbot bei Holocaust-Themen wird Edgar Hilsenraths „Der Nazi & der Friseur“ erwähnt. Die Vorwürfe, die heute Takis Würger gemacht würden, seien auch schon Jonathan Littel für seinen Roman „Die Wohlgesinnten“ gemacht worden: „das Leid der Opfer und die Schrecken des Holocaust lediglich zu benutzen, um damit die Toten gar ein zweites Mal zu bloßen Objekten, zu ‚Material‘ zu machen – diesmal für eine auf Verkaufserfolg zielende Geschichte“.

Heute gelte immer noch die mystifizierende Behauptung von der „Undarstellbarkeit“ des Holocaust-Grauens, so Kämmerlings. Sie verbinde sich mit der Tabuisierung der Tätersicht, der eine automatisch relativierende, schuldabwehrende Wirkung, wenn nicht gar Intention unterstellt werde. Das lehnt Kämmerlings ab. Würger begehe nicht den Fehler, sich in Stella tatsächlich hineinversetzen zu wollen. „Im Gegenteil wird durch die authentischen Aussagen der von ihr verratenen Juden die Distanz stets im Bewusstsein gehalten.“

„Natürlich sind es die Nazis, die Stella erst in diese ausweglose Lage bringen. Aber dass es Schuld gibt (und eben nicht nur äußere Zwänge), ist die Kernaussage des Romans. Ihre Schuld trennt Stella von ihren Opfern, die keine Wahl mehr haben. Takis Würger mag es manchmal an den richtigen Mitteln fehlen, aber der Sinn und Zweck seiner Geschichte sind nicht falsch.“

Das stimmt (W.S.).

(Lothar Müller, SZ 19./20.1.19; Dirk Knipphals, taz 19./20.1.19; Richard Kämmerlings, Literarische Welt 19.1.19; Thomas Assheuer, Die Zeit 24.1.19)

2269: Der Geist dient nicht der Erkenntnis, sondern der Rechthaberei.

Dienstag, Januar 22nd, 2019

Der Evolutionsbiologe

Leander Steinkopf

meint, dass Parteilichkeit in der Natur unseres Denkens liegt. Sogar Intelligenz und Bildung könnten daran nichts ändern (FAS 20.1.19). Ich fasse seine Thesen in 30 Punkten zusammen.

1. Mit einem Satz wie „Ich bin mir nicht sicher.“ kann man auf Twitter nicht die Massen mobilisieren.

2. Wir glauben, dass wir rechthaben. Die mit einer anderen Meinung erscheinen uns dumm, ungebildet, verbohrt und entfernt vom wahren Leben.

3. „Wer .. an die Vernunft glaubt, den muss die Psychologie enttäuschen.“

4. Der menschliche Geist ist durch die Evolution nicht für die reine Vernunft, sondern für die Drecksarbeit geformt.

5. Die Vernunft dient nicht der Erkenntnis, sondern der Rechthaberei.

6. In strittigen politischen Fragen wie der Zuwanderung, der Cannabislegalisierung und der Höhe von Hartz IV finden wir stets mehr Argumente für unsere Position als dagegen.

7. „Intelligenz und Bildung begünstigen also nicht Selbstkritik und Erkenntnisfähigkeit, sie verstärken nur, was ohnehin im menschlichen Gehirn steckt: kognitive Verbohrtheit.“

8. Gründe für unser Werturteil finden wir in der Regel, nachdem wir unsere Meinung gebildet haben.

9. Gerade in der Politik ist Vernunft unsere innere Public Relations-Abteilung, sie soll Gründe finden, die für unsere Position werben.

10. Es fällt uns leichter, die Gründe anderer zu bestreiten, als unsere eigenen Gründe zu benennen.

11. Was vor Gericht die Rollen von Staatsanwalt und Verteidiger sind und in der Wissenschaft die gegenseitige Kritik, das ist in einer funktionierenden Demokratie das System von Checks und Balances.

12. Wenn wir eine Person kennen, die sich durch Globuli geheilt fühlt, reicht das, um uns selbst den Glauben an Homöopathie zu gestatten.

13. „Ein Standardbeispiel .. sind natürlich die Skeptiker des menschengemachten Klimawandels, aber auch im anderen politischen Lager ist es ganz selbstverständlich, Glyphosat für krebserregend zu halten und Genfood für giftig, auch wenn das nicht dem Stand der Forschung entspricht.“

14. Pluralistinnen und Pluralisten sind nicht tolerant gegen Idioten, sondern erkennen die eigene Fehlbarkeit an.

15. Wenn die Vernunft unsere PR-Abteilung ist, wer ist dann die Geschäftsführung? Unser Egoismus.

16. „Der Mensch brauchte zu seiner Gutwerdung .. keine Moralphilosophen, stattdessen waren es die Vorzüge des Gruppenlebens, die ihn domestizierten und den eingehegten Egoismus in seine Gene einschrieben.“

17. „Nicht der Stärkste führt die Gruppe, sondern der sozial Geschickteste, denn auch der Kräftigste hat keine Macht über jene, die sich gegen ihn verbünden, schon bei Schimpansen ist das so.“

18. Die Waffennutzung ließ menschliche Auseinandersetzungen wahrscheinlicher mit dem Tod enden. Deswegen zog man den Anführer vor, der befriedete, um zu besseren Lösungen zu kommen.

19. Die Integration in die Gruppe beförderte bei den Individuen Loyalität einerseits und Hass auf Abweichler andererseits.

20. Tatsächlich gibt es Unterschiede in den Gehirnen von Konservativen und Liberalen. Offener für Neues sind die Liberalen, empfindlicher für Gefahren die Konservativen.

21. Wenn Sozialwissenschaften vor allem von Linksliberalen betrieben werden, dann beschäftigen sie sich verständlicherweise mit der Frage, was eigentlich an den Konservativen falsch ist.

22. Die Empfindlichkeit für Moral unterscheidet sich von Mensch zu Mensch und vor allem systematisch nach politischer Orientierung.

23. „De gustibus non est disputandum.“ Aber ich kann versuchen, mich in den anderen hineinzuversetzen. Empathie wird gebraucht.

24. Wenn Probanden aufgefordert wurden, soziale Sachverhalte zu bewerten, aber nicht nach der eigenen Moral, sondern nach einer fremden, dann zeigte sich stets relativ eindeutig: Probanden, die sich als konservativ bezeichneten oder in der Mitte ansiedelten, konnten sich gut in Linksliberale hineinversetzen, Linksliberale taten sich schwer damit.

25. Der Antrieb für Linksliberale ist die Solidarität mit den Unterdrückten. Konservative haben einen stärkeren Sinn für Leistungsgerechtigkeit, für Loyaltät, für Autorität sowie für die heilige Unantastbarkeit gewisser Dinge, etwa Ehe, Fahne, Kruzifix.

26. Eine nicht so feste Bindung an Traditionen können wir aber auch positiv bewerten. Nach dem Motto: Die alten Zöpfe sind abgeschnitten.

27. „Vermutlich ist etwa den Konservativen in Deutschland die Hymne längst nicht so heilig, wie es den Linksliberalen die Energiewende ist.“

28. Moralisches Handeln kann hochgradig schädlich sein. „Der Weg in die Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.“

29. Gibt es den Willen zur Erkenntnis der Position von anderen, dann sind Kommunikation und Verständigung möglich.

30. „Jenseits von Gut und Böse gibt es einen Ort, dort treffen wir uns.“

2268: Hacking ernst nehmen !

Montag, Januar 21st, 2019

Es ist erstaunlich, wie schnell nach der scheinbaren Aufklärung des Hacker-Angriffs auf die Accounts vieler Politiker, Prominenter und Künstler von Behördenseite abgewiegelt wurde. Man tat so, als sei hier ein „dummer Junge“ unterwegs gewesen. Carolin Emcke (SZ 19./20.1.19) macht uns darauf aufmerksam, dass noch nicht ausgemacht ist, dass der „Täter“ alleine handelte. Sie verweist auf Statements wie „Islam is Dreck“ und „So leute, jetzt wisst ihr wieso die NSDAP wiederkommen wird“.

„Als gäbe es national und international keine Akteure, die die so erbeuteten Informationen für ihre destabilisierenden Absichten instrumentalisieren könnten. Als gäbe es nicht den politischen Kontext rechter Einschüchterungsstrategien, in die dieses Daten-Leaking (von offenbar missliebigen Personen) sich reiht. Nun liegt inzwischen die Vermutung nahe, dass Johannes S. nicht über die technischen Mittel verfügt, um tatsächlich all die Daten ausgespäht zu haben.“

Bei der Selbstenttarnung des NSU 2011 entdeckten Ermittler Stadtpläne und Listen mit 10.000 Namen, die als „Feindeslisten“ dienten. Bei einer Anti-Terror-Razzia in Mecklenburg-Vorpommern im sogenannten Prepper-Milieu 2017 entdeckten Fahnder die Listen mit Namen von 25.000 politischen Gegnern. Das Bundesjustizministerium teilte mit, „der Zweck solcher Listen sei, die politischen Gegner im Krisenfall zu töten“.

Es sind nicht nur Politiker und Prominente, die auf solchen Listen als „Feinde“ deklariert werden. Sondern auch Buchhändler, die sich mit Lesungen gegen Hass und Gewalt wenden, Pastorinnen, die in ihren Gemeindehäusern Geflüchtete betreuen, Personen, die als „zu judenfreundlich gelten“ oder als „homo“. Manche von ihnen werden bedroht, einigen wird das Auto angezündet oder die Scheibe eingeschmissen.

Wir beruhigen uns angesichts all dessen gerne mit der Aussage, in Deutschland funktioniere die Verwaltung, Korruption gäbe es bei uns bekanntlich nicht. Aber spricht nicht das Behördenversagen in den folgenden Fällen eine andere Sprache:

– Berliner Flughafen,

– Silvesternacht in Köln 2015,

– Aufklärung der NSU-Morde und -Gewalttaten,

– der Fall Anis Amri,

– die Affäre um den Verfassungsschutz-Präsidenten,

– Korruption bei der Gorch Fock?

2267: Überlassen wir die Therapeuten denen, die sie brauchen.

Montag, Januar 21st, 2019

Christina Berndt, geb. 1969, ist seit 2000 Journalistin im Ressort „Wissen“ der SZ. Ihre Dissertation als Biochemikerin ist 2013 unter dem Titel

„Resilienz. Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft. Was stark macht gegen Stress, Depressionen und Burn-out“

erschienen. Es stand monatelang auf Nummer eins der Bestsellerliste Sachbuch. Frau Berndt ist eine vielfach ausgezeichnete Wissenschaftlerin und Journalistin. 2016 erschien ihr Buch über

Zufriedenheit.

Sie hat sich beschäftigt mit eingebildeten Krankheiten (SZ 19./20.1.19). Ich fasse hier ihre Argumente in 15 Punkten zusammen:

1. Wenn Prominente wie etwa die Royals von ihren psychischen Problemen berichten, dann sind in kurzer Zeit die Arztpraxen überlaufen, weil viele Menschen dann bei sich selbst Ähnliches zu entdecken glauben. „Viele Leute, die gar nicht krank sind, machen sich dann unnötig viele Sorgen.“

2. Es ist eine wirkliche Errungenschaft, dass Menschen gelernt haben, über ihre Seele zu sprechen.

3. Wer aber sein Wohlbefinden einer Dauerprüfung unterzieht, dem kann es dann gar nicht mehr gutgehen, der wird etwas finden, weshalb er sich sorgen könnte.

4. Christoph Dogs, Chefarzt einer Fachklinik für psychosomatische Medizin, sagt, dass viele Arztpraxen mit Leuten vollgestopt seien, die da gar nicht hingehörten. „40 Prozent von denen sind nicht krank.“

5. Die Zahl der Menschen, die zum Psychotherapeuten gehen, hat sich nach Angaben der Bundespsychotherapeutenkammer in den letzten zehn Jahren um 50 Prozent erhöht. Mit der Folge, dass viele Patienten ein halbes Jahr auf einen Platz warten müssen.

6. Zum Teil machen Psychiater und Psychotherapeuten mit ihren Richtlinien Patienten selbst krank. Früher war es „normal“, nach dem Tod eines nahen Angehörigen lange zu trauern. Heute kann man schon nach zwei Wochen als psychisch krank eingestuft werden.

7. Wer einmal traurig, schlecht gelaunt oder antriebslos ist, braucht noch keinen Psychotherapeuten. Besser einen Freund, der ihm abends beim Bier erzählen kann, dass auch er die Symptome kennt.

8. Für den Umgang mit seelischen Konflikten kommt es auf die Resilienz an, die Widerstandsfähigkeit gegen psychische Herausforderungen.

9. In einer Zeit der Internetdoktoren und Patientenforen sprechen wir manchmal von „Cyberchondrie“ und „Morbus Google“.

10. Noch vor kurzer Zeit hielten bei „Katastrophen“ Kriseninterventionsteams die Opfer an, sich mitzuteilen (Debriefing). Das hat viele Menschen erst in die Krise getrieben.

11. „Rennen Sie nicht sofort zum Therapeuten. Da bekommen Sie im Zweifel nur eingeredet, Ihre Befindlichkeitsstörungen seien eine Krankheit.“ (Christian Dogs)

12. Eine psychische Krankheit beginnt erst dann, wenn ein Mensch nicht nur in seiner Wahrnehmung, sondern auch in seiner Funktion beeinträchtigt ist.

13. Zehnmal in der Nacht aufzuwachen ist normal, wenn man die Murmeltierphase seiner Kindheit hinter sich gebracht hat. Schwierig wird es, wenn man nicht wieder einschlafen kann.

14. Es gibt Phasen im Leben, die es einem schwer machen. Die Midlife-Crisis gibt es wirklich.

15. „Überlassen wir die Therapeuten also denen, die sie dringend brauchen.“

2266: Berufliche Bildung verbessern !

Sonntag, Januar 20th, 2019

Vor fünf Jahren hat Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin, der auch einmal Hochschullehrer an der Georgia Augusta gewesen war, den „Akademisierungswahn“ kritisiert. Damit meinte er, dass zu viele junge Leute in eine akademische Bildung gedrängt würden, auch solche, die deren Anforderungen kaum gewachsen seien. Darüber werde die berufliche Bildung vernachlässigt, die genau so wichtig sei. Jetzt hat Nida-Rümelin im Interview mit Nadine Bös (FAZ 19./20.1.19) den „Wahn“ für beendet erklärt.

FAZ: An der Qualität der Berufsschulen gibt es aber auch einiges zu bemängeln.

Nida-Rümelin: Das stimmt. Die starke Fokussierung auf den tertiären Sektor, also auf Hochschulbildung, hat dazu geführt, dass wir der beruflichen Bildung nicht genug Aufmerksamkeit schenkten. Die berufliche Bildung in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist unbestreitbar die beste der Welt; die niedrige Jugendarbeitslosigkeit in diesen Ländern bezeugt das, und andere Länder versuchen, das nachzuahmen. Aber wir können nicht sagen: Alles gut, das kann einfach so bleiben.

2265: Dürrs Dopingbekenntnis macht Deutschen Probleme.

Sonntag, Januar 20th, 2019

Der österreichische Skilangläufer Johannes Dürr hat am 17. Januar bei Hajo Seppelt in der ARD offen sein Doping gestanden. Vor den Olympischen Spielen in Sotschi 2014, den Doping-Spielen, wurde er erwischt und gesperrt. Mittlerweile plant er ein Comeback.

Dürr berichtet von der Systemfalle des Spitzensports, wo schon in den Sportschulen die Nachttische mit Pillen übersät sind (Kultur des Schluckens). Bald werden immer mehr Spritzen diskret appliziert. Man bekommt eine „Ausnahmegenehmigung“ für Asthma-Mittel. Dürr sagt: „Mit der Summe an Wissen stieg die Frustration: Man wirft alles in die Wagschale, aber das nutzt nichts, wenn man nicht den letzten Schritt tut.“ Dürr tat ihn und dopte mit Epo, Eigenblut, Wachstumshormonen. In Sotschi konnte er nicht starten. Viele der dortigen Olympiasieger mussten ihre Medaillen wegen Dopings zurückgeben.

Dürrs Bekenntnis hat einen Sturm der Entrüstung vor allem in Deutschland entfacht, nicht zuletzt weil er einige deutsche Doping-Schauplätze (Ruhpolding, Oberhof, München) genannt hat. Bei der Biathlon-Ikone Magdalena Neuner, bei Skilangläufern, beim DSV. Dürr habe ja nur „seine Sicht der Dinge“ dargetan. Das zeigt, dass die Betreffenden immer noch nicht begriffen haben, worum es geht. Indirekt (und ungewollt) stützen sie das Doping-System. Von weitergehenden Verdachtsmomenten zu schweigen. Glauben die Betreffenden eigentlich, dass die Zuhörer und Zuschauer dämlich sind? Der Staatsanwaltschaft in München sowie der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) erscheinen Dürrs Aussagen klar genug, um zu ermitteln. Es besteht begründeter Anfangsverdacht. Johannes Dürr hat dem deutschen Wintersport ein Problem beschert. Mit all den schwarzen Schafen des Dopings könnte man ein Olympiastadion füllen (Thomas Kistner, SZ 19./20.1.19; Anno Hecker, FAS 20.1.19).

2264: SPD will Höchstpreis für Mieten in Berlin.

Samstag, Januar 19th, 2019

Die SPD-Abgeordneten Eva Högl, Julian Zado und Kilian Wegner schlagen angesichts der Tatsache, dass in Berlin bei neuen Mietverträgen der Quadratmeterpreis zwischen neun und elf Euro liegt, dem Berliner Senat einen staatlichen Mietendeckel vor. „Ziel sollte es sein, die durchschnittliche Nettokaltmiete bei etwa sechs bis sieben Euro zu halten.“

In Berlin regiert die SPD mit Linken und Grünen.

Gelten soll der Mietendeckel für alle Wohnungen im Innenstadtbereich, was ca. 40 Prozent des Berliner Mietmarkts entspricht. Derzeit liegen laut Auskunft des Berliner Mietervereins die Mieten in Altverträgen – vom Plattenbau bis zum sanierten Altbau – bei sieben bis acht Euro.

Högl, Zado und Wegner möchten an die Regelung anknüpfen, die in West-Berlin bis 1988 gegolten hat. Damals führten die Bezirksämter Buch darüber, wie sich die Mieten entwickelten. Erhöhungen bedurften der Zustimmung der Ämter. Nach 1989 gab es in Berlin zunächst sogar relativ viel Leerstand. Die aktuelle Mietpreisbremse auf Bundesebene ist weithin gescheitert, weil sie nicht für Neubauten gilt. „Ein beherztes Vorgehen der Regierungskoalition vorausgesetzt, könnte der Mietendeckel noch in dieser Legislaturperiode umgesetzt werden.“

Der Wohnfachmann der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Jan-Marco Luczak, sieht das anders. „Das ist der Versuch der Bundes-SPD, angesichts schwieriger Umfragewerte den Sozialismus salonfähig zu machen.“ (FAZ 19.1.19)

M.E. sind die Mieten ein zentrales Feld der Politik. Wichtiger als manche anderen politischen Problemfelder, so wichtig Ökologie und innere wie äußere Sicherheit sind. Auf dem Gebiet der Mieten könnten die angeblich so fortschrittlichen

Linken und Grünen

doch einmal zeigen, was sie bei der Deckelung der Mieten können. Oder sind sie auch mit dem Immobilienkapital und den Maklerverbänden liiert, die stets nach Mieterhöhungen streben?