Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2295: Cas entscheidet über Frauensport.

Donnerstag, Februar 21st, 2019

Der internationale Sportgerichtshof Cas in Lausanne (Schweiz) entscheidet gerade über den Frauensport. Geklagt hat die südafrikanische Läuferin

Caster Semenya.

Sie hatte 2009 als 18-Jährige bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Berlin den ersten Platz über 800 m belegt. Mit einer Zeit von 1:55, 45 Minuten. Semenya war zweimal Olympiasiegerin und drei Mal Weltmeisterin. Aufgefallen war sie durch eine klar erkennbare männliche Figur.

Die drei Richter des Cas müssen über die

Testosteron-Regel

entscheiden, welche der international Leichtathletikverband (IAAF) am 1. November 2018 einführen wollte. Danach sollten nur Frauen an internationalen Rennen zwischen 400 Metern und einer Meile (1609) teilnehmen, die nachweisen können, dass sie in den sechs vorangegangenen Monaten einen Grenzwert von 5 Nanomol körpereigenes Testosteron eingehalten haben. Dagegen hat Semenya geklagt, weil sie sich diskriminiert fühlt. Es geht also wohl um eine

„Lex Semenya“.

Es handelt sich hier also um genetisch bedingte Sonderfälle im Sport. 2011 hatte der IAAF nämlich eine Richtlinie zu weiblichem Hyperandrogenismus  verabschiedet. Darunter versteht man eine deutlich erhöhte Produktion von Androgenen, also von Sexualhormonen. In der Folge musste Semenya ihren Testosteronspiegel künstlich mit Medikamenten herunterpegeln. Ihre Leistungen sanken. Der Cas muss also feststellen, ob erhöhte Testosteronwerte tatsächlich zu besseren Leistungen führen. Am Ende wissen wir dann, ob der IAAF einen Testosterongrenzwert für Frauen einführen darf (Joachim Mölter, SZ 20.2.19).

2294: Der „Fall“ Carl Gustav Jung

Dienstag, Februar 19th, 2019

Noch bevor ich studiert habe, 1968-1972, hatte ich von Carl Gustav Jung (1875-1961) einiges gehört. Er galt seinerzeit wohl als bedeutender Psychoanalytiker. Dann lernte ich durch ein Fernseh-Interview Ludwig Marcuse (1894-1971) kennen. Mit ziemlicher Begeisterung las ich seine Bücher. Darunter:

Mein zwanzigstes Jahrhundert. Auf dem Weg zu einer Autobiographie. Frankfurt am Main/Hamburg 1968.

Darin finden sich auf den Seiten 140 bis 148 Anmerkungen über Carl Gustav Jung, die mich erschreckt haben. In ihnen ist erkennbar, dass Jung ein Nazi war. 1933, nach dem Rücktritt von Ernst Kretschmer als Präsident der Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychoanalyse wurde der Schweizer Jung Präsident der Internationalen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie. Marcuse zitiert Jung mit folgenden Sätzen:

– „Die tatsächlich bestehenden und einsichtigen Leuten schon längst bekannten Verschiedenheiten der germanischen und der jüdischen Psychologie sollen nicht mehr verwischt werden, was der Wissenschaft nur förderlich sein kann. Es gibt in der Psychologie vor allen anderen Wissenschaften eine persönliche Gleichung.“ Jung sprach von einer „semitischen Psychologie“.

– „Freud gründet sich mit fanatischer Einseitigkeit auf die Sexualität, die Begehrlichkeit, das ‚Lustprinzip‘ mit einem Wort.“

– Über „die“ Juden: „Als die physisch Schwächeren müssen sie auf die Lücken in der Rüstung des Gegners zielen.“

– Über das „arisch Unbewusste“: es enthalte „Spannkräfte und schöpferische Keime von noch zu erfüllender Zukunft, die man nicht ohne seelische Gefährdung als Kinderstubenromantik entwerten darf. Die noch jungen germanischen Völker sind durchaus imstande, neue Kulturformen zu schaffen, und diese Zukunft liegt noch im Dunkel des Unbewußten in jedem einzelnen, als energiegeladene Keime, fähig zu gewaltiger Flamme.“

– „Das arische Unbewußte hat ein höheres Potential als das jüdische.“

– „Meines Erachtens ist es ein schwerer Fehler der bisherigen medizinischen Psychologie gewesen, daß sie jüdische Kategorien … unbesehen auf den christlichen Germanen oder Slawen verwandte.“

– Bei Jung kannte Freud „die germanische Seele nicht, so wenig wie alle seine germanischen Nachbeter sie kannten. Hat sie die gewaltige Erscheinung des Nationalsozialismus, auf den eine ganze Welt mit erstaunten Augen blickt, eines Besseren belehrt? Wo war die unerhörte Spannung und Wucht, als es noch keinen Nationalsozialismus gab? Sie lag verborgen in der germanischen Seele, in jenem tiefen Grunde, der alles andere ist als Kehricht-Kübel unerfüllbarer Kinderwünsche und unerledigter Familienressentiments.“

– Was die Angelegenheit so ungeheuerlich macht, ist die Tatsache, dass der gleiche Carl Gustav Jung 1945 in der Zürcher „Weltwoche“ von der deutschen „Kollektivschuld“ sprach. Die Unterscheidung zwischen ehrenwerten und ehrlosen Deutschen sei naiv. Ludwig Marcuse: „Der führende hakenkreuzlerische Psychologe wurde nach 1945 zum Verkünder – der deutschen Kollektiv-Schuld.“

– Der bekannte deutsche Nationalökonom Wilhelm Röpke sagte: „Die Geschichte des Professors Jung ist gewiß ungewöhnlich in ihren ekelhaften Details.“

– Bestätigt werden Ludwig Marcuses Thesen in dem Buch von

Jeffrey M. Masson: Die Abschaffung der Psychotherapie. Ein Plädoyer. München 1991 (1988)

auf den Seiten 125 bis 155.

2293: Psychoanalyse im Nationalsozialismus

Dienstag, Februar 19th, 2019

Wie andere Theorien auch muss es sich die Psychoanalyse gefallen lassen, von Zeit zu Zeit kritisch überprüft, ja manchmal sogar hart kritisiert zu werden. Einen dieser Versuche hat der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt Salomon Korn unternommen („Die Zeit“ 7.2.19), der zugleich Mitglied im Kuratorium des Sigmund-Freud-Instituts ist. Für Korn hat im Nationalsozialismus im Gegensatz zur Legende vom Widerstand der Psychoanalyse eine „Arisierung“ und Selbstgleichschaltung stattgefunden. Die Psychoanalyse war nicht der natürliche Gegner der Nazis. Führende Analytiker wie

Felix Böhm,

Carl Müller-Braunschweig,

Werner Kemper und

Harald Schultz-Henke

betrieben Anpassung an den Faschismus. Sie spielten den Nazis beim brutalen Vollzug der Rassegesetze direkt in die Hände. Das ist nicht ganz neu, nur scheint Korn der Meinung zu sein, dass darauf heute wieder hingewiesen werden muss.

„Die Selbstgleichschaltung der Psychoanalyse beschädigt gewiss nicht die Lehre Freuds, aber sie wirft Fragen nach der fortan sogenannten ‚Seelenkunde‘ auf. Was ist von einer tiefenpsychologischen Therapie zu halten, die im Moment ihrer größten Bewährungsprobe alles Menschliche dem persönlichen Fortkommen opfert?“ Die Psychoanalytiker Hans-Martin Lohmann und Lutz Rosenkötter hatten schon 1982 geschrieben: „Die Chronik der Jahre zwischen 1933 und 1945 (wäre) viel leichter zu schreiben, wenn wir davon berichten könnten, dass die ‚arischen‘ Analytiker von einem bestimmten Punkt der Entwicklung an eindeutig ‚Nein‘ gesagt hätten.“

In dem berüchtigten Fernseh-Interview (1963) mit Günter Gaus hat die Philosophin Hannah Arendt, allerdings eine scharfe Kritikerin der Psychoanalyse, gesagt: „Das persönliche Problem war doch nicht etwa, was unsere Feinde taten, sondern was unsere Freunde taten, (…) das war, als ob sich ein leerer Raum bildet.“

Ich wundere mich nur, dass bei Salomen Korn nicht stärker der Groß-Analytiker Carl Gustav Jung (1875-1961) kritisiert wird, der tatsächlich faschistische Züge hatte. Ich werde das im nächsten Blog-Beitrag nachholen

2292: Bruno Ganz ist tot.

Montag, Februar 18th, 2019

Seine Weltkarriere  begann der 1941 in Zürich geborene Bruno Ganz Anfang der sechziger Jahre am Jungen Theater in Göttingen an der Geismarlandstraße. Zeit seines Lebens hat Ganz mit den größten Berühmtheiten des Theaters und Kinos zusammengearbeitet. Zunächst mit Kurt Hübner und Peter Zadek in Bremen, dann an der von ihm selbst mit begründeten Schaubühne in Berlin mit Peter Stein und Klaus Michael Grüber. Das waren künstlerische Aufbrüche ins höchste Format. Begleitet wurde er dabei von Schauspielern wie Edith Clever, Jutta Lampe und Michael König. Nie verlor er ganz seinen schweizerisch eingefärbten Tonfall (Jürgen Kaube, FAS 17.2.19).

Bald eroberte Bruno Ganz auch den internationalen Film. Wo er mit Regisseuren wie Ridley Scott, Wolfgang Petersen, Wim Wenders, Eric Rohmer, Francis Ford Coppola, Jonathan Demme und Alain Tanner zusammenarbeitete. 1996 bekam Ganz den Ifflandring als Zeichen für den besten deutschsprachigen Theaterschauspieler (nach dem Testament von Josef Meinrad). Er war der Lieblingsschauspieler von Botho Strauß. Thomas Bernhard widmete ihm 1974 „Die Jagdgesellschaft“ („Für Bruno Ganz, wen sonst?“). Christine Drössel (SZ 18.2.19) beschreibt, wie Ganz agierte: „begabt mit einer emotionalen Intelligenz, die seinen Figuren etwas sehr Menschliches, oft Zartes, Melancholisches gab und ihnen auch immer ein Geheimnis beließ.“ Zuletzt habe ich Bruno Ganz 2018 als Sigmund Freud in der Robert-Seethaler-Verfilmung von „Der Trafikant“ im „Lumière“ gesehen, dem ehemaligen Jungen Theater in Göttingen.

2290: Antisemitische Gelbwesten-Attacke auf Finkielkraut

Montag, Februar 18th, 2019

In der „Titel-Thesen-Temperamente“-Sendung am 17.2. habe ich gesehen, wie „Gelbwesten“ auf dem Boulevard Montparnasse in Paris den jüdischen Philosophen Alain Finkielkraut beleidigten und antisemitisch beschimpften. Bevor sie handgreiflich werden konnten, griff die Polizei ein. Finkielkraut erklärte, er habe ein „absolutes Hassgefühl“ ihm gegenüber gespürt.

Das sollten die linken Sympathisanten der Gelbwesten bedenken!

2289: Maxim Biller und die Deutschen

Samstag, Februar 16th, 2019

Maxim Biller hat es mit den Deutschen nicht leicht. Der 1960 in Prag geborene Schriftsteller versucht in einem Essay in der „Literarischen Welt“ (16.2.19) zu belegen, dass deutsche Intellektuelle, egal ob rechts oder links, in den Fallstricken der deutschen Schuld durch den Holocaust hängen bleiben. Er behauptet sogar eine Nähe zwischen rechts und links. Und, das verwundert manche gewiss, er hat recht.

Als Beispiele greift er so bekannte wie erfolgreiche Journalisten, Autoren, Regisseure, Produzenten und Wissenschaftler auf wie Frank Schirrmacher (1959-2014), Nico Hofmann (geb. 1959), Bernd Eichinger (1949-2011), Frank Castorf (geb. 1951), Botho Strauß (geb. 1944), Helmut Lethen (geb. 1939) und Harald Martenstein (geb.1953). Bei allen handelt es sich um in ihrer Branche höchst erfolgreiche Protagonisten.

Bei Schirrmacher nennt er neben seinen vielfältigen politisch korrekten publizistischen Aktionen (z.B. Walser, Reich-Ranicki etc.) dessen Lobpreis für Nico Hofmanns „Unsere Mütter, unsere Väter“. Bei Bernd Eichinger dessen „Bunker-Operette“ „Der Untergang“ (mit Bruno Ganz, gerade gestorben). „Und trotzdem war es von dort nie sehr weit zu einem Weltbild, in dem alles Westliche, Liberale und Jüdische als absolut fragwürdig, falsch und undeutsch galt, …“

„Anders kann ich mir jedenfalls nicht die anachronistische und völlig unlogische Schwäche so vieler moderner, scheinbar aufgeklärter Deutscher für

Ernst Jüngers eisigen Menschenhass erklären,

für Carl Schmitts Freund-Feind-Theorie,

für Martin Heideggers Zivilisationsparanoia,

für Gottfried Benns Emigrantenverachtung,

für Stefan Georges Verherrlichung tyrannischer Männlichkeit,

für Oswald Spenglers Untergangsträume,

für Richard Wagners gesungene und geschmetterte Deutschlandfantasien.“

„Sie alle verband nämlich neben ihrem oft sehr offenen, wütenden Antisemitismus, der interessanterweise heute niemand stört, so dass man fast denken muss, er ist sogar einer der Gründe für ihre immer weiter anschwellende Popularität – die Sehnsucht nach einer mythischen, vordemokratischen, urvolkhaften Zeit, die absolut nichts mit unserer globalen Twitter- und Foodora-Welt zu tun hat – und wahrscheinlich übt genau das auf viele der heute Dreißig- bis Fünfzigjährigen einen unwiderstehlichen Reiz aus.“

Biller sieht bei Frank Castorfs Theaterarbeit, wie an der „Volksbühne“ die Stoffe durch den „nationabolschewistischen Fleischwolf“ gedreht werden. Botho Strauß führt bei Biller einen „beleidigten Angriff auf die Heiligkeit und Liberalität unserer westlichen Lebensideen“. Von da ist es nicht weit zu Claas Relotius‘ Fälschungen. Dirk Kurbjuweit habe im „Spiegel“ 2014 Ernst Noltes „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ verteidigt, mit der der Historiker-Streit ausgelöst worden war.

Zentral ist bei Biller die Tisch- und Bettgemeinschaft des Ehepaars Helmut Lethen und Caroline Sommerfeld. Er gehörte in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts zur KPD-AO (ganz links), konnte dadurch nicht in den öffentlichen Dienst und wurde erst 1996 Germanistik-Professor in Rostock. Sie war dort seine Studentin und ist heute eine führende Publizistin der „Identitären“ (ganz rechts). In den „Verhaltenslehren der Kälte“ (1994) schrieb er über die Intellektuellen der Weimarer Republik. 2018 erschienen „Die Staatsräte“, wo er die Zusammenarbeit der Gustaf Gründgens, Wilhelm Furtwängler, Ferdinand Sauerbruch und Carl Schmitt mit den Nazis thematisiert und teilweise fiktionalisiert. Caroline Sommerfeld empfindet sich als die eigentliche Hüterin der Lehre Rudolf Steiners, von dessen offenem Rassismus sich der Bund der freien Waldorfschulen in seiner Stuttgarter Erklärung erst 2007 distanziert hatte (vgl. hierzu eigens: Volker Weiß, FAS 3.2.19). Die beiden Söhne Sommerfeld/Lethens waren kürzlich der Grund für ein Zerwürfnis des Paars mit der Wiener Waldorfschule.

Maxim Biller kritisiert, dass „Spiegel“-Mann Dirk Kurbjuweit sich unfrei fühlt durch „Jahrzehnte deutscher Geschichtserziehung in Schulen, durch Medien, Bücher, durch den Historikerstreit“. Er ist angeekelt von den Sympathien der Fernseh-Journalisten von „Kulturzeit“ für die „ultranationalistischen Gelbwesten-Antisemiten“. Und er zitiert Harald Martenstein mit dem Satz: „Als ich jung war, hatte ich es in der Familie noch mit einigen echten Nazis zu tun, einige von ihnen liebte ich.“

Was Maxim Biller also an vielen deutschen Intellektuellen von links bis rechts kritisiert, sind ihre antiwestlichen Affekte, ihr latenter Antisemitismus und ihr Antimodernismus. Damit hat er leider recht.

2288: Rhetorik der Macht

Freitag, Februar 15th, 2019

Möglichgerweise sind durch die Evolution einige Verhaltensmuster und Wahrnehmungsweisen auf uns gekommen, die wir heute gerne wieder loswerden würden. Das ist wohl nicht so einfach. Viola Schenz (SZ 2./3.2.19) führt das vor.

1. In drei Vierteln aller Hollywood-Filme sprechen Männer weit mehr als Frauen, in 15 Prozent aller Filme sogar 90 Prozent der Sätze.

2. Womöglich bildet Hollywood nur ab, was ohnehin geschieht.

3. Je größer eine Gruppe, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Männer das Wort ergreifen.

4. Verbreitet ist die Wahrnehmung, dass es angebracht ist, Männer zu Wort kommen zu lassen.

5. Wer viel redet, mit dem assoziieren andere einen hohen Status.

6. Frauen sprechen meistens leiser und fassen sich kürzer.

7. Männer fallen Frauen viel häufiger ins Wort als umgekehrt.

8. Machen sich Frauen durch viel Reden „männliches“ Verhalten zu eigen, werden sie als aggressiv empfunden.

9. Conclusio: Verhalten sich Frauen weiblich, haben sie verloren, verhalten sie sich „männlich“, ebenso.

10. In der Wahrnehmung von Frauen spielen Aussehen, Kleidung, Gestik, Mimik eine größere Rolle als bei Männern. Frauen werden kritischer beäugt, gerade von anderen Frauen.

11. Männliche Stimmen klingen tiefer, sonorer. Das wird weithin als angenehmer empfunden.

12. „Was tun? Einfach loslegen. Frauen, ergreift das Wort, nehmt euch die Redezeit, die euch zusteht, seid verbal präsent, gebt Laut! Worte bedeuten Wahrnehmung, Schweigen heißt Ignoranz. Es geht darum, ein überkommenes Rollenbild zu überwinden. Auch Frauen, die rauchen, Rad fahren, Hosen tragen oder Fernsehnachrichten moderieren, galten lange Zeit als Tabu. Offensichtlich muss sich eine Gesellschaft erst daran gewöhnen, dass Frauen so viel sagen dürfen, können, sollen wie Männer. Das kann nur gelingen mit: mehr sagen.“

2287: Die Bauhaus-Legende – dekonstruieren !

Mittwoch, Februar 13th, 2019

In der ihm eigenen kundigen, klugen und klaren Art nimmt sich Hanno Rauterberg anlässlich des hundertsten Jubiläums des Bauhauses dessen Mythos an („Die Zeit“ 17.1.19). In drei Schritten dekonstruiert er die wichtigsten Legenden der Hochschule für Gestaltung: 1. dass das Bauhaus innovativ, 2. ein Ort des Freisinns und 3. revolutionär gewesen sei. Die Werbung für das Jubiläum will es so, dass im Bauhaus der Traum vom besseren Leben für alle geträumt worden sei – hell, geräumig, hygienisch, einwandfrei, fortschrittlich und bezahlbar für alle. Im Bauhaus-Jubiläum feiert sich das kreative Deutschland.

Dabei war die „Kunst der Selbstverklärung“ wohl ein Markenzeichen des Bauhauses unter ihren Direktoren

Walter Gropius, Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe.

Der Name Bauhaus war von den gotischen Bauhütten des Mittelalters abgeleitet. Überwunden werden sollten die Übel der Zeit: die Weltangst nach dem Ersten Weltkrieg, die Entfremdungserfahrungen der Industrialisierung, der als peinvoll empfundene Pluralismus. Gedacht wurde die Einheit von Kunst, Handwerk und Gesellschaft. Manche Hervorbringungen des Bauhauses trugen skurrile Züge. Oder rassistische. So bei Johannes Itten, der von der „weißen Rasse“, dem „Haus des weißen Mannes“ und vom Geist der Überlegenheit sprach. Manchmal folgte das Bauhaus anderen Kunstschulen wie der De-Stijl-Bewegung in Amsterdam oder dem russischen Konstruktivismus. Sie verkündeten das Elementare, das Eigentliche und die schwebende Leichtigkeit. Im Gegensatz zur Aufklärung, die jede Vorstellung von einer ewigen Ordnung über den Haufen geworfen hatte, verfolgte das Bauhaus lange Jahre die Idee der Eigentlichkeit.

Die Zahl der Frauen im Bauhaus war bewusst begrenzt. Sie waren nicht gleichberechtigt, sondern galten weithin als „Webmädchen“. Rigide waren die Vorstellungen vom richtigen Bauen. Das Heil lag im rechten Winkel. Der Bauhaus-Meister Paul Klee selbst kritisierte die „Schablonengeistigkeit“. Für Hannes Meyer war Bauen nur Organisation: „soziale, technische, ökonomische, psychische organisation“. Die Last der Überlieferung sollte abgeworfen, die Zumutungen einer unübersichtlich gewordenen Zeit beseitigt werden.

Das Bauhaus pflegte die These, es sei ein Hort des Widerstands gewesen. Und tatsächlich sahen seine Gegner in der Reformschule „kommunistische Umsturzpläne“. Rechte und Rechtsextremisten waren gegen das Bauhaus. In der Tat bemühte sich die Schule unter seinem Direktor Mies van der Rohe ab 1930 dezidiert darum, sich aus tagespolitischen Konflikten herauszuhalten. Kritik am Kapitalismus war unerwünscht. Das Bauhaus setzte auf die Kräfte des Marktes. So kam es dazu, dass die Projekte von ihrer Produzierbarkeit her gedacht wurden. Die Studenten sollten wie Jungunternehmer agieren und sogar an den Gewinnen beteiligt werden. Dabei waren die meisten Sessel, Lampen und Teekannen für die breite Masse unerschwinglich. Der Hang zur Luxusproduktion nahm unter Mies ständig zu. So verlor sich jede Sozialkritik, sollte sie einmal beabsichtigt gewesen sein, in den Villen, die für die Reichen gebaut wurden. Herausgekommen war eine „Ästhetik renditegesteuerter Beliebigkeit“. Die Geschichte der Bauhäusler war eine „Geschichte des Selbstverrats“.

Walter Gropius beharrte darauf, dass sein Bauhaus nicht bolschewistisch und nicht jüdisch gewesen sei, sondern deutsch. Er beteiligte sich an Ausstellungen und Wettbewerben des NS-Regimes. Mies unterschrieb einen großen Aufruf zur Unterstützung Adolf Hitlers und bewarb sich dafür, die Reichsbank in Berlin bauen zu dürfen. Erst 1938 ging er in die USA, wo er seinen Weltruhm begründete. Dort, in der Emigration, brachten neben Mies auch Walter Gropius, Marcel Breuer und Josef Albers das Bauhaus erst zu seiner wahren Bedeutung. Andere Bauhäusler wie Ernst Neufert blieben in Deutschland. Er wurde einer der engsten Mitarbeiter von Albert Speer. Fritz Ertl agierte als stellvertretender Leiter der SS-Zentralbauleitung im Konzentrationslager Auschwitz. Er entwickelte die serielle Produktion von Baracken, in denen etliche andere vom NS-Regime verfolgte Bauhäusler eingesperrt wurden, bevor man sie ins Gas schickte.

Walter Gropius erwies sich auch nach 1945 als Meister der Eigenwerbung. Er organisierte viel beachtete Ausstellungen in New York und versuchte den Eindruck zu erwecken, der sogenannte International Style sei eigentlich in Weimar geboren worden. Vorläufer wie Adolf Loos und Frank Lloyd Wright unterschlug er oft. Die politische Linke in Deutschland übte hauptsächlich Kritik am Bauhaus. Ernst Bloch sprach über „Stahlmöbel, Betonkuben, Flachdachwesen“. Bertolt Brecht polemisierte gegen „Kasernen“ und Theodor W. Adorno erkannte „Konservenbüchsen“. Heute gilt das Bauhaus überwiegend als modern, innovativ, aufgeklärt und zeitgemäß. Und einige seiner Produkte sind es ja wirklich. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit.

„Denn genau das war ja die Bauhaus-Moderne: innerlich zerrissen, manchmal sentimental und konformistisch, gelegentlich wahnhaft in den eigenen Enthusiasmus verliebt.“

2286: Die SPD hat noch eine Chance.

Mittwoch, Februar 13th, 2019

Andrea Nahles ist besser als ihr Ruf. Das hatte sie schon als Ministerin bewiesen, sie zeigt es jetzt auch als Parteivorsitzende der SPD. Aber es gibt dort zu viele, die ihr keinen Erfolg gönnen. Dabei hat die Partei durch den Vorschlag eines verbesserten Sozialstaatsmodells die Chance, sich mit der Agenda-2010-Politik zu versöhnen. „Genauso ist das Konzept geeignet, die Partei mit Andrea Nahles als Chefin  zu versöhnen. Für beides wird es höchste Zeit.“ (Mike Szymanski, SZ 13.2.19). Die SPD dümpelt bei 15 Prozent. Und es ist kein „Erlöser“ in Sicht. Einmal ganz abgesehen davon, dass Frau Nahles als Frau zusätzliche Nachteile hat zwischen all den Machos. Vorsichtig formuliert.

Die relativ erfolgreichen Ministerpräsidenten Stephan Weil (Niedersachsen) und Manuela Schwesig (Mecklenburg-Vorpommern) wissen, dass sie an der Parteispitze keinen raschen Erfolg erreichen können. Sie halten sich zurück. Schwesig hat sich von Nahles in die Arbeit am Sozialstaatskonzept einbinden lassen. Auch Juso-Chef Kevin Kühnert gibt seit Wochen Ruhe. Sie alle sind am Erfolg von Andrea Nahles und der SPD interessiert.

Sigmar Gabriel geht es anscheinend darum nicht. Er will Nahles zu Fall bringen, koste es, was es wolle. Erst moniert er, dass die SPD nicht schon früher die Grundrente auf die Tagesordnung gesetzt hat. Dann übt er Kritik an der großen Koalition. Was war eigentlich zu seiner Zeit als Parteivorsitzender los? Gabriel ist sprunghaft und agiert wie ein Saboteur. Von dem bekannten russischen Lobbyisten zu schweigen.

2285: Heinz Fütterer ist tot.

Montag, Februar 11th, 2019

Heinz Fütterer (Karlsruher SC) egalisierte am 31. Oktober 1954 in Yokohama (Japan) mit 10,2 Sekunden den 100 m-Weltrekord, den Jesse Owens 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin aufgestellt hatte. Fütterer hielt auch den 200 m-Europarekord mit 20, 8 Sekunden und den 60 m-Hallenweltrekord mit 6,5 Sekunden. Von 1953 bis 1955 legte er eine Siegesserie hin. 1954 wurde er in Bern Doppeleuropameister im Sprint. Fütterer absolvierte seinerzeit bis zu 100 Läufe im Jahr. Er führte den Ehrennamen der „weiße Blitz“. Bei den Olympischen Sommerspielen 1956 in Melbourne (Australien) hatte er wegen einer Verletzung einen Trainingsrückstand. Mit der deutschen 4 x 100 m-Staffel errang er immerhin noch die Bronzemedaile. Im Alter von 87 Jahren ist Heinz Fütterer gestorben (Joachim Mölter, SZ 11.2.19).