Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2304: „Friedrich der Große“ – ein Schwuler

Mittwoch, Februar 27th, 2019

Wer es wissen wollte, wusste es. Friedrich II. von Preußen (1712-1786), genannt „der Große“, war homosexuell. In der Wissenschaft ist das kein Geheimnis. Aber der Mythos des „alten Fritzen“ lässt bis heute noch kein freies Räsonieren darüber zu. Das könnte sich ändern durch

Timothy C.W. Blanning: Friedrich der Große. König von Preußen. München (C.H. Beck) 2019, 718 S.; 34 Euro.

Zeit seines Lebens war Friedrich II. bedacht auf die Emanzipation von seinem Vater, dem bigotten und brutalen „Soldatenkönig“ (Friedrich Wilhelm I., 1688-1740). Friedrichs Militarismus und seine Kriegstreiberei lassen sich so erklären. Dadurch hat er unendliches Leid über Preußen gebracht.

Friedrich entledigte sich nach dem Tod seines Vaters sehr schnell seiner Ehefrau. Der exklusiv männliche Freundeskreis in Sanssouci kultivierte eine teils künstlerisch überhöhte, teils derbe und zotige Homoerotik. Das war keine politische Nebensache. Und was uns heute selbstverständlich ist (LGBTTI), musste damals in der höfischen Kultur der Libertinage, durch große Flexibilität und absichtsvolle Uneindeutigkeit versteckt werden. Friedrich II. legte Wert auf seinen Ruf als Feldherr. Als Bündnispartner war er unzuverlässig. Dass er in der Geschichte als Sieger erscheinen konnte, ist auf drei Faktoren gegründet. 1. die Stärke der eigenen Armee, 2. die mangelhafte Koordination der Gegner, 3. seinen rücksichtslosen Durchhaltewillen.

Er hatte das Glück, zwanzig Jahre vor dem Untergang des eigenen Systems bei Jena und Auerstedt zu sterben (Barabara Stollberg- Rilinger, Die Zeit 7.2.19).

2303: Odenwaldschule: Viel mehr Opfer

Dienstag, Februar 26th, 2019

An der 2015 endgültig geschlossenen reformpädagogischen Projektschule „Odenwaldschule“ hat es weit mehr Opfer sexuellen Missbrauchs gegeben, als 2010 bekannt war, als der Skandal aufgedeckt wurde. Seinerzeit war die Rede von 132 Opfern. Nach der Publikation zweier neuer Studien über die Odenwaldschule, einer aus München, einer aus Rostock, beziffert Adrian Koerfer, der Gründungsvorsitzende des Vereins „Glasbrechen“, die Opferzahl nunmehr auf

500 bis 900.

Die Schule nennt er ein „Verbrechernetzwerk“ und ein „potemkinsches reformpädagogisches Dorf“.

Zwei der Hauptäter leben noch. Ohne Einsicht oder Reue. Die Taten sind verjährt. Florian Straus, ein Mitautor der Münchener Studie: „Die Odenwaldschule war kein Ort der Reformpädagogik, sondern ein Ort der Verwahrlosung und des sexuellen Missbrauchs.“ Jens Brachmann, der Autor der Rostocker Studie: „Die Täter wussten voneinander, sie erkannten sich, und sie deckten sich auch gegenseitig.“ Begünstigt wurde der Missbrauch durch die „Familien“. Darin gerieten die Jugendlichen an alkoholabhängige, emotional bedürftige und sexuell übergriffige Erwachsene, deren Handeln „keinerlei Korrektiv“ unterworfen gewesen sei. Einige der Opfer seien an den Taten zugrunde gegangen (Julian Staib, FAZ 23.2.19).

2302: Die Voraussetzungen des freiheitlichen Rechtsstaats

Dienstag, Februar 26th, 2019

Im Alter von 88 Jahren ist der ehemalige Bundesverfassungsrichter (1983-1996) Ernst-Wolfgang Böckenförde gestorben. Von ihm stammt der berühmte Satz:

„Der freiheitliche, säkulare Rechtsstaat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“

In Kassel geboren, wurde der gläubige Katholik und Sozialdemokrat Böckenförde zu einem der herausragenden Verfassungsrechtler der Bundesrepublik. Die Kirche betrachtete er als Ort der Wertebildung und Wertevermittlung. Die Funktion des Verfassungsrechtlers sah er in der Begrenzung der Macht der Politik. Als die Kirche noch Wahlempfehlungen gab, verwies u.a. Böckenförde sie in die Schranken. Böckenförde war Professor für öffentliches Recht, Rechtsgeschichte, Verfassungsgeschichte und Rechtsphilosophie in Heidelberg, Bielefeld und Freiburg. Sein Faible für Carl Schmitt war unverständlich (Heribert Prantl, SZ 26.2.19).

2301: Der Zustand der Bundeswehr ist trostlos.

Montag, Februar 25th, 2019

1. Am Anfang des Jahres hat der Wehrbeauftragte der Bundeswehr, Hans-Peter Bartels (SPD), seinen Bericht abgegeben. Der Zustand der Bundeswehr ist trostlos.

2. Der Verteidigungsetat beträgt 43,2 Milliarden Euro pro Jahr.

3. Es mangelt an der persönlichen Ausstattung der Soldaten. Es fehlen etwa Helme, Stiefel, Schutzwesten, Fliegerkombis, Ganzjahresjacken, Pullover, Schirmmützen. So ist die geplante „Vollausstattung“ bis 2031 nicht zu schaffen.

4. Die Flugbereitschaft, die den Regierungs- und Staatsflugbetrieb abwickelt, ist nicht voll einsatzbereit.

5. Viele Soldatinnen und Soldaten, die ihren Dienst hauptsächlich im Sitzen ausüben, arbeiten auf Stühlen, die Rückenbeschwerden verursachen.

6. Bartels sieht das Hauptübel im „Bürokratielabyrinth“. „Wir verwalten uns zu Tode.“

7. Beide Tanker der Bundesmarine fallen mit Motorschäden aus.

8. Die U-Boote sind nicht voll einsatzbereit.

9. Das Desaster bei der Reparatur der „Gorch Fock“ ist symptomatisch. Dort hat sich der Preis von zehn auf 135 Millionen Euro verdreizehnfacht.

10. Im Berichtsjahr 2018 haben sich 2.534 Soldatinnen und Soldaten mit persönlichen Eingaben an den Wehrbeauftragten gewandt.

11. Es hat 170 meldepflichtige Ereignisse gegeben wie Rassismus und Hakenkreuzschmierereien.

12. 18 Soldatinnen und Soldaten sind wegen rechtsextremistischer Einstellung aus der Armee entlassen worden.

13. Die Zahl der Meldungen wegen sexueller Belästigung sind deutlich gestiegen.

14. Ein Gefreiter, der sich zu einer betrunkenen, schlafenden Soldatin ins Bett gelegt und an ihr gerieben hatte, wurde aus dem Dienst entfernt.

15. Viele Fälle von sexueller Belästigung lassen sich nicht aufklären, weil Zeugen fehlen.

16. Es fehlt der Bundeswehr an Attraktivität. Die Zahl der Neu-Eintritte ist 2018 um 3.000 gesunken auf 20.000 Frauen und Männer (Mike Szymanski, SZ 30.1.19).

Kurzkommentar W.S.: Es gibt gewiss einige, die sich über den desolaten Zustand der Bundeswehr freuen. Pazifisten und andere, über deren politische Verortung ich hier den Mantel des Schweigens breite. Insgesamt ist die Armee in einem Zustand, der Verantwortungsbewusstsein bei den dafür Zuständigen vermissen lässt. Auch Frau Ministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat sich nicht mit Ruhm bekleckert. Unhaltbar ist der Zustand der Bundeswehr insbesondere angesichts des verantwortungslosen Agierens der USA in der NATO. Auch darüber freuen sich einige. Wir müssen sie im Auge behalten.

2300: Gauland und Wagenknecht spielen sich die Bälle zu.

Montag, Februar 25th, 2019

Seit 1945 standen die Linken theoretisch immer auf tönernen Füßen (KPD, SED, DKP, KPD-AO, KPD-ML, SDS, SHB usw.). Zumindest aber waren sie Globalisten: „Proletarier alles Länder, vereinigt euch.“ Die grundsätzlich falsche Europapolitik der Linken („militaristisch“, „neoliberal“, „undemokratisch“) nimmt den Kontinent wenigstens noch hauptsächlich in den Blick. Das ist angesichts der Migration mit Sara Wagenknecht (Die Linke) anders geworden. Sie setzt wie die AfD auf Nationalismus und Grenzregimes. Seither spielen sich Alexander Gauland (AfD) und Sara Wagenknecht (Die Linke) gegenseitig die Bälle zu.

Beinahe prophetisch hatte Jörg Aufermann in unserem Rundfunkbuch „Fernsehen und Hörfunk für die Demokratie“. Opladen. 2. Auflage. 1981, auf S. 364 bereits den österreichischen Dichter Ernst Jandl zitiert:

„manche meinen lechts und rinks kann man nicht velwechsern. werch ein illtum“.

Gauland und Wagenknecht haben eine neue „Klasse“ entdeckt. Sie sitzt in internationalen Konzernen, spricht Englisch und findet beim Jobwechsel überall die gleichen Privatschulen. Diese Klasse ist heimatlos und haltlos. Dagegen identifizieren Gauland und Wagenknecht die „einfachen Menschen“, die „den Buckel krumm machen“, die Opfer der Entwicklung. Wie Konrad Schuller (FAS 24.2.19) zeigt, trifft das so nicht zu: „Die früher einmal armen Länder Osteuropas sind immer reicher geworden, seit sie sich der Welt geöffnet haben. In Polen verdient man heute so gut, dass Millionen von Ukrainern einwandern. Aber auch Deutschland gewinnt. Ohne die günstigen Lieferteile aus Tschechien oder aus der Slowakei wären deutsche Volkswagen heute so teuer, dass kein Mensch sie kaufen würde.“

2299: Entsetzen über den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche

Sonntag, Februar 24th, 2019

Nicht wenige von uns hat das helle Entsetzen gepackt angesichts des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche. Über sein hohes Ausmaß. Vor allem aber darüber, dass es anscheinend eine Struktur in der Kirche gibt, die den sexuellen Missbrauch nicht nur begünstigt, sondern auch auf Dauer gestellt und das Vertuschen (Versetzungen usw.) vorgesehen hat. Unter Papst Franziskus bemüht sich die Kirche nun erstmals ernsthaft darum, den Makel zu beseitigen.

Viele von uns scheuen sich, das Thema zu besprechen. Weil wir wissen, in welch starkem Maße die Kirche West- und Mittelosteuropa geprägt hat. Bis hin zu sozialpolitischem Fortschritt im Zeichen der katholischen Soziallehre (etwa Oswald von Nell-Breuning, 1890-1991). Es tröstet gar nicht, dass es auch bei anderen Religionen und bei den Indigenen nicht besser aussieht. Das ist nicht unser Thema.

Grund für die vollkommen verfahrene Situation ist anscheinend eine völlig verlogene Sexualmoral. Sie wird von den Katholikinnen und Katholiken, die ich kenne, weder geteilt noch praktiziert. Der Zwangs-Zölibat gehört abgeschafft. Die Sehnsucht nach körperlicher Liebe muss auch für Priester zulässig sein.

Der französische Journalist Frédéric Martel beschreibt in seinem Buch „Sodoma“ den Vatikan als eine klandestine homosexuelle Kultur, die sich nach außen homophob artikuliert.

Matthias Drobinski fordert (SZ 23./24.2.19): „Der Papst sollte klar regeln, wie er von Missbrauch Betroffenen helfen will, und verkünden, dass ein Täter kein Priester mehr sein kann. Das wären Schritte hin zu einem neuen Kirchenverständnis.“

(Bernd Deiniger, Die Zeit 7.2.19; Oliver Meiler, SZ 22.2.19; Ronen Steinke, SZ 22.2.19; Matthias Drobinski, SZ 22.2.19; Sascha Lehnartz, Die Welt 23.2.19; Mattias Rüb, FAZ 23.2.19; Matthias Rüb, FAS 24.2.19)

2298: Daniel Barenboim in der Kritik

Samstag, Februar 23rd, 2019

Daniel Barenboim ist ein Segen für uns alle. Durch seine Musik, seine Weltkarriere als Pianist, Dirigent und Musikdirektor. Er hat stets zum Teil auch das Leben eines Popstars geführt (u.a. durch seine Ehe mit Jacqueline du Pré). Seit 1992 ist Barenboim (geboren 1942 in Buenos Aires), der auch die israelische, palästinensische und spanische Staatbürgerschaft besitzt, künstlerischer Leiter und Genralmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden. Die ist ja gerade wieder hergestellt worden. Zum Glück für Berlin. Wir haben dort kürzlich mit großem Vergnügen „Don Giovanni“ gehört. Barenboim hat sich gemeinsam mit dem Literaturwissenschaftler Edward Said durch die Gründung des Orchesters des west-östlichen Divans 1999 verdient gemacht.

Nun wird Barenboim von einzelnen Musikern der Staatskapelle Berlin und Mitarbeitern der Staatsoper beschuldigt, sie erniedrigt, gedemütigt, beleidigt und persönlich vorgeführt zu haben. Vom Orchestervorstand und vom Personalrat hätten sie sich nicht genügend geschützt gefühlt. Anscheinend handelt es sich bei den Vorwürfen nicht um Missbrauch, Körperverletzung oder den Zwang zu vertragswidrigem Verhalten. Sondern: Baremboim habe von ihnen zu viel verlangt. Um den Preis der Zerrüttung der physischen und psychischen Gesundheit. Das wirft ein Licht auf die Härte des Musikbetriebs überall.

Barenboim, der anfangs die Vorwürfe wohl als Kampagne gegen seine Vertragsverlängerung über 2022 hinaus, das Jahr seines 80. Geburtstags, behandelt hatte, räumt mittlerweile ein: „Ein dummer Mensch würde jetzt sagen: Ich bin so, wie ich bin. Macht damit, was ihr wollt. Wenn das Orchester oder Sie mich zu dem Punkt bringen, dass ich meine Eigenschaften, meinen Charakter verbessern kann, bin ich nur dankbar.“ (Jan Brachmann, FAZ 23.2.19)

2297: Rechtspopulistischer Kampf gegen Theater

Freitag, Februar 22nd, 2019

Die Berliner Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus (MBR) unterstützt seit 18 Jahren Schulen und Kunstinstitutionen. In letzter Zeit widmet sie sich zunehmend Theatern, die den Angriffen von Rechtspopulisten ausgesetzt sind. Etwa bei Störungen von Aufführungen. Die MBR hat die Broschüre „Alles nur Theater? Zum Umgang mit dem Kulturkampf von rechts“ herausgegeben. Solche Störungen hat es schon gegeben beim Deutschen Theater Berlin, beim Wiener Burgtheater und beim Maxim Gorki Theater. Zum Arsenal der Störungen gehören Sachbeschädigungen, Provokationen, Hassmails, Strafanzeigen, Bombendrohungen, Einschüchterungsversuche bis hin zu Morddrohungen gegen Regisseure und Intendanten. Je mehr parlamentarischen Einfluss die AfD gewinnt, um so mehr Forderungen nach Kürzungen öffentlicher Leistungen für Theater gibt es.

Für die SZ (22.2.19) hat Peter Laudenbach interviewt den Intendanten des Deutschen Theaters Berlin

Ulrich Khuon

und die MBR-Geschäftsführerin

Bianca Klose.

SZ: Was versprechen sich Rechtspopulisten von einem Kulturkampf und Angriffen auf Kulturinstitutionen?

Khuon: Theater, Museen und andere Kultureinrichtunegn sind Orte, an denen diese Gesellschaft über ihr Selbstverständnis, ihre Werte nachdenkt. Sie anzugreifen, bedeutet eigentlich, die offene, liberale Gesellschaft anzugreifen.

Klose: Theater passen wunderbar ins rechte Feindbild der „liberalen Eliten“. Marc Jongen und andere Vertreter des rechtspopulistischen Spektrums wollen die gesellschaftlichen Folgen von

1968

am liebsten rückgängig machen. Theater sind ein Symbol für alles, was diese Leute an einer diversen, demokratischen Gesellschaft verachten. Sie sagen ganz offen, dass es ihnen um die kulturelle Hegemonie geht. In ihren Augen hat Kunst der nationalen Sinnstiftung, der völkischen Selbstfeier zu dienen. Theater ist gleichzeitig ein Feindbild und ein Schauplatz dieser Kämpfe um kulturelle Hegemonie.

SZ: Aber wenn in Theaterinszenierungen wie Volker Löschs „Das blaue Wunder“ in Dresden Pegida-Sympathisanten von der Bühne herab beschimpft werden, bewegt sich das Theater genau so in Feindbildern und Wir-gegen-die-Mustern wie Pegida.

Khuon: Das ist ja nicht alles, was das Schauspiel Dresden zeigt. Der Spielplan ist vielfältig, das ästhetische Spektrum ist breit gefächert. Jeder Regisseur hat seine eigenen Mittel. Manchmal ist der grobe Keil auf den groben Klotz vielleicht genau so richtig und wirkungsvoller als endlose Differenzierungen. …

Wenn die AfD nach den kommenden Landtags- und Kommunalwahlen bei entsprechenden Mehrheiten in Regierungsverantwortung kommen sollte, werden sie genau so handeln, wenn sie die Möglichkeit dazu haben. So funktioniert Zensur in Ungarn, in Polen, in Russland – man streicht unliebsamen Künstlern und Theatern das Geld. Im Dresdener Stadtrat haben CDU und FDP vor kurzem gemeinsam mit der AfD gegen die Erhöhung von Zuwendungen für die Freie Szene gestimmt, sie hatten bei dieser Abstimmung eine Mehrheit. Das ist für die Dresdener Kultur und die betroffenen Künstler ein Riesenproblem. … Sie (die Rechtspopulisten, W.S.) wollen ein völkisch nationales Theater. Dafür kämpfen sie. Im Kern geht es für uns um nichts weniger als um die Verteidigung der

Kunstfreiheit.

 

2296: „Katastrophe für das Ansehen der Polizei“

Freitag, Februar 22nd, 2019

Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) hat bekanntgegeben. dass im Fall des schweren Kindesmissbrauchs auf dem Campingplatz Lügde seit dem 30. Januar 2019 Beweismaterial fehlt. Es war bei der Kreispolizeibehörde Lippe eingelagert. Reul spricht von einem „Desaster“, einem „Polizeiskandal“ und „Polizeiversagen“. Es fehlen ein Koffer und eine Hülle mit 155 Datenträgern. Von denen seien erste drei ausgewertet worden. Reul wollte Vorsatz nicht ausschließen.

Bei den drei Tatverdächtigen, die sich in U-Haft befinden, waren etwa 15 Terabyte kinderpornografisches Material sichergestellt worden. Gegen drei weitere Tatverdächtige wird derzeit wegen Datenlöschung und Beihilfe ermittelt. Inzwischen sind von Herbert Reul vier Sonderermittler nach Detmold geschickt worden, um den Vorgang aufzuklären.

Es ist nicht der erste schwere Fehler der Behörden. Schon 2016 gab es bei der Polizei Hinweise auf den Hauptverdächtigen, einen 56-jährigen Dauercamper. Die Polizei hätte die Hinweise auf sexuellen Missbrauch zwar an das zuständige Jugendamt weitergeleitet, aber nicht, wie vorgeschrieben, an die Staatsanwaltschaft. Gegen einen mittlerweile pensionierten Polizisten und eine Polizistin wird wegen Strafvereitelung ermittelt. Es wird untersucht, ob die Beiden die drei Tatverdächtigen kannten. Das Jugendamt Hameln-Pyrmont, das 2017 dem Hauptverdächtigen eine Pflegetochter zugesprochen hatte, hat eingeräumt, dass ein Mitarbeiter nachträglich die Jugendamtsakte des Mädchens manipuliert hat. Die Gewerkschaft der Polizei spricht von einer „Katastrophe für das Ansehen der Polizei“ (Jana Stegemann, SZ 22.2.19).

2295: Cas entscheidet über Frauensport.

Donnerstag, Februar 21st, 2019

Der internationale Sportgerichtshof Cas in Lausanne (Schweiz) entscheidet gerade über den Frauensport. Geklagt hat die südafrikanische Läuferin

Caster Semenya.

Sie hatte 2009 als 18-Jährige bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Berlin den ersten Platz über 800 m belegt. Mit einer Zeit von 1:55, 45 Minuten. Semenya war zweimal Olympiasiegerin und drei Mal Weltmeisterin. Aufgefallen war sie durch eine klar erkennbare männliche Figur.

Die drei Richter des Cas müssen über die

Testosteron-Regel

entscheiden, welche der international Leichtathletikverband (IAAF) am 1. November 2018 einführen wollte. Danach sollten nur Frauen an internationalen Rennen zwischen 400 Metern und einer Meile (1609) teilnehmen, die nachweisen können, dass sie in den sechs vorangegangenen Monaten einen Grenzwert von 5 Nanomol körpereigenes Testosteron eingehalten haben. Dagegen hat Semenya geklagt, weil sie sich diskriminiert fühlt. Es geht also wohl um eine

„Lex Semenya“.

Es handelt sich hier also um genetisch bedingte Sonderfälle im Sport. 2011 hatte der IAAF nämlich eine Richtlinie zu weiblichem Hyperandrogenismus  verabschiedet. Darunter versteht man eine deutlich erhöhte Produktion von Androgenen, also von Sexualhormonen. In der Folge musste Semenya ihren Testosteronspiegel künstlich mit Medikamenten herunterpegeln. Ihre Leistungen sanken. Der Cas muss also feststellen, ob erhöhte Testosteronwerte tatsächlich zu besseren Leistungen führen. Am Ende wissen wir dann, ob der IAAF einen Testosterongrenzwert für Frauen einführen darf (Joachim Mölter, SZ 20.2.19).