Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2314: Sexueller Missbrauch in der DDR

Donnerstag, März 7th, 2019

Das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs von Kindern, Jugendliche und Nonnen in der katholischen Kirche ist verheerend (und noch nicht aufgearbeitet). Ebenso das System der Vertuschung. Und manchmal werden diese Tatsachen von Atheisten als Argumente gegen die Kirche verwandt. Verständlich, aber nicht voll schlüssig. Denn mit der Odenwaldschule ist ein ehemaliges Vorzeige-Projekt der Reformpädagogik auf Grund systematischen sexuellen Missbrauchs endgültig dekonstruiert worden. Nun wurde gezeigt, dass auch in der DDR systematischer sexueller Missbrauch betrieben wurde. Vor allem in den Familien, wie überall. Und in den mehr als 600 Heimen.

Das zeigt eine nicht repräsentative Fallstudie für die „Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“. Hierzu wurden 75 vertrauliche Anhörungen und 27 Berichte zu sexuellem Missbrauch ausgewertet. Im Zentrum des Ergebnisses:

Die systematische Tabuisierung und Leugnung sexueller Gewalt in der DDR.

„Sexualisierte Gewalt kann kein Teil einer sozialistischen Gesellschaft sein.“ Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Das System der DDR-Heime war gekennzeichnet dadurch, dass Individuen in immer restriktivere Heime verlegt werden konnten („Spezialheime“, „Durchgangsheime“, „Jugendwerkhöfe“). Dort gab es kollektives Verprügeln Einzelner, Putzstrafen, „Sauberkeitskontrollen“, öffentliche Beschämung und Demütigung und Missbrauch.

„Aus sexuellen Übergriffen wurden unter den Rahmenbedingungen der totalen Institution und dem Machtgefälle zwischen Erziehern und Zöglingen schnell massivere Übergriffe, die immer weiter eskalierten, da ihnen nicht Einhalt geboten wurde.“

Die Beauftragte der Bundesregierung zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, die ehemalige Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD), sieht Handlungsbedarf. Sie fordert Selbsthilfe- und Therapieangebote und Beratungsmöglichkeiten. Viele der Opfer wurden alleingelassen. Sie haben partiell sehr schwierige soziale Biografien. Auf ihre Schulbildung wurde kaum geachtet (Henrike Rossbach, SZ 7.3.19).

 

 

2313: Restitution kolonialer Raubkunst

Mittwoch, März 6th, 2019

Bénédicte Savoy ist Kunsthistorikerin. Sie forscht und lehrt an der TU Berlin und am Collège de France. Gemeinsam mit Felwine Sarr hat sie Präsident Macron umfassend wissenschaftlich berichtet über die Restitution afrikanischer Kulturgüter. Seither hat sich der Streit über die Restitution verschärft. Savoy berichtet in der SZ (4.3.19) darüber, dass es von 1978 bis 1982 schon eine Restitutions-Debatte gegeben hat, die aber im Sande verlief.

1. 1978 bis 1982 wurde schon über die Restitution kolonialer Raubkunst gestritten.

2. Pierre Quoniam, der Generalinspektor der staatlichen Museen in Frankreich, der 1972 bis 1978 Direktor des Louvre gewesen war, plädierte für eine geordnete Rückgabe.

3. Der damalige Generaldirektor der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz, Stephan Waetzoldt, meinte dagegen, es sei „unverantwortlich, dem Nationalismus der Entwicklungsländer nachzugeben“.

4. 1982 sprach sich die Staatssekretärin im Auswärtigen Amt, Hildegard Hamm-Brücher (FDP), für „Großzügigkeit bei der Rückgabe von Kulturgütern“ aus.

5. Anlässlich seines hundertjährigen Bestehens legte das Museum für Völkerkunde in Berlin 1973 eine Geschichte seiner Bestände vor. 30.000 afrikanische Artefakte waren im Zweiten Weltrkrieg verloren gegangen.

6. Am 1. Oktober 1982, anlässlich des Misstrauensvotums gegen Helmut Schmidt (SPD), hielt Hildegard Hamm-Brücher im Bundestag eine Rede, in der vom Vertrauensverlust der Politik die Rede war. Das war der Eintritt in unsere Gegenwart.

7. Der hochgelobte französische Kulturminister Jack Lang sah sich nur zu gewundenen Ausreden in der Restitutionsfrage in der Lage.

8. Anscheinend hat es eine starke Lobby- und Verhinderungsarbeit gegen die Restitution gegeben, die sich insgeheim vollzog.

9. Selbst Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, sagte noch 2017: „Die Provenienz völkerkundlicher Bestände ist ein relativ neues Thema.“

10. Die Wucht, mit der das Thema Restitution viele europäische Gesellschaften erschüttert, ist die Wucht eines Bumerangs bei der Rückkehr an seinen Ursprungsort.

Nachbemerkung W.S.: Es gibt keine tragfähigen Argumente gegen die Restitution.

2312: H. A. Winkler: Zur Geschichte der SPD

Montag, März 4th, 2019

Gegenwärtig wird viel darüber nachgedacht, wie es zu der Misere kommen konnte, in der sich die SPD befindet. Matthias Geis und Bernd Ulrich (Die Zeit, 14.2.19) hatten den Hang der SPD zur Anpassung an die herrschenden Verhältnisse genannt. Und die Bewilligung der Kriegskredite 1914 sowie die Niederschlagung der Revolution 1918. Prof. Dr. Heinrich August Winkler (geb. 1938) hat dem widersprochen (Die Zeit, 21.2.19). Er ist einer der besten Kenner der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert. Seine „Geschichte des Westens. Vier Bände. 2009-2015.“ ist ein Standardwerk. Ich fasse Winklers Argumente in zehn Thesen zusammen:

1. 1914 kam es für die SPD nicht in Frage, gegen die Kriegskredite zu stimmen, weil dadurch einem Vormarsch russischer Truppen Vorschub geleistet worden wäre.

2. 1918 war die SPD mehrheitlich anderer Meinung als Rosa Luxemburg, die den Gedanken, „den Sozialismus ohne Klassenkampf, durch parlamentarischen Mehrheitsbeschluss einführen zu können“, für eine „lächerliche, kleinbürgerliche Illusion“ hielt.

3. Die Bereitschaft zum Klassenkompromiss 1918 hat die Zusammenarbeit der gemäßigten Kräfte in der Arbeiterschaft und im Bürgertum in der „Weimarer Koalition“ ermöglicht.

4. Die Spaltung der Arbeiterbewegung im Ersten Weltkrieg war einerseits eine schwere Belastung der weiteren Geschichte und andererseits eine Vorbedingung für die Republik von Weimar.

5. Die Sozialdemokraten haben möglicherweise die erste deutsche Demokratie zu wenig befestigt, sie haben aber gegen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und ihre Parolen „Alle Macht den Räten“ und „Diktatur des Proletariats“ eine schnelle Wahl einer verfassungsgebenden Nationalversammlung durchgesetzt.

6. Hätte die SPD der linksradikalen Minderheit der Berliner Arbeiterschaft nicht Einhalt geboten, wären die Deutschen um die Ausübung ihres politischen Selbstbestimmungsrechts gebracht worden.

7. Der letzte sozialdemokratische Bundeskanzler, Gerhard Schröder, hat mit der Agenda 2010 die Wirtschaft in Schwung gebracht und seiner Partei die Krise beschert.

8. Die Agenda 2010 kann verbessert werden. 2003 scheiterte die Einführung eines Mindestlohns noch am Widerstand mehrerer Gewerkschaften.

9. Die SPD muss mit den Themen Migration und Integration ehrlich umgehen.

10. Wahlerfolge haben die Sozialdemokraten immer dann errungen, wenn es ihnen gelang, mit ihren Forderungen bis in die politische Mitte vorzustoßen.

Nachbemerkung W. S.: Nach 1945 hatten wir in Deutschland ja beide Modelle, das „linke“ = DDR, und das „rechte“ = Bundesrepublik.

2311: Arnulf Baring gestorben

Montag, März 4th, 2019

Er mischte sich ein und hat noch in mancher Fernseh-Talkshow für Aufregung gesorgt, weil er das untrügliche Gespür dafür hatte, womit man Aufmerksamkeit erregt: Arnulf Baring, geb. 1932. 1945 begriff er für Deutschland als Chance. Er hatte den Luftangriff auf Dresden und den Einmarsch der Roten Armee in Berlin erlebt. Er studierte Geschichte und Politikwissenschaft und hatte seine Anfänge im Journalismus (unter der Ägide von Walter Dirks). Nach einer rechtswissenschaftlichen Promotion entfaltete sich seine Karriere an der Freien Universität Berlin bei den Historikern.

Er beschrieb die Ära Adenauer, war aber ein Fan von Willy Brandt. Der mit Manfred Görtemaker verfasste „Machtwechsel“ kennzeichnete das Ende der Ära Brandt/Scheel. Baring entfernte sich immer mehr von der SPD und verließ sie. Wissenschaftliche Theorien und Methoden interessierten ihn nur begrenzt. Der gelernte Journalist hatte ein Auge für Menschen, repräsentative Details und bezeichnende Anekdoten. Seine Mitarbeiter und Studenten animierte er zum intellektuellen Austausch. Manchmal hat er sich unbeliebt gemacht. Nach dem Mauerfall prangerte er die Folgewirkungen von vierzig Jahren SED-Diktatur an. Das nahmen ihm viele als Missachtung von DDR-Biografien übel. Mit ihm war nicht gut Kirschen essen. Schließlich verteidigte er sogar Thilo Sarrazin (Dominik Geppert, SZ 4.3.19).

2310: Caritas warnt Grüne.

Montag, März 4th, 2019

Die Caritas-Führung warnt die Grünen, beim Klima- und Umweltschutz eine Politik nur für Besserverdienende zu verfolgen. Die Grünen hätten zu lange geglaubt, es reiche aus, sich mit neuen sozialen Bewegungen zu verbünden. „Sie gefielen sich in der Attitüde, modern zu sein, und haben deshalb die Zusammenarbeit mit den klassischen Institutionen wie

Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbänden oder Kirchen

vernachlässigt.“ Auch wenn sie nicht so sexy klängen, seien sie für nachhaltige Verbesserungen doch unverzichtbar. Gerade für ärmere Menschen seien die Herausforderungen durch den Klima- und Umweltschutz besonders hoch.

Die Caritas-Expertin Maria Welskop-Deffaa unterstreicht, dass sich Ärmere energieeffiziente, sparsame Geräte oft nicht leisten können. Sie will die Mittelschicht stärken und überall zur Tarifbindung zurückkehren. „Auch in Jobs, die nicht so großartig sind, sollen anständige Löhne gezahlt werden.“ Die Caritas lehnt Ge- und Verbote nicht grundsätzlich ab, verweist aber darauf, dass man in der individualisierten Welt der Gegenwart Gefahr laufe, das Gegenteil vom eigentlichen Ziel zu erreichen (Tempolimit auf Autobahnen, Veggie-Day) (Michael Bauchmüller, Stefan Braun, SZ 4.3.19).

2309: Günter Kunert 90

Samstag, März 2nd, 2019

Einer der letzten großen Männer der deutschen Literatur im 20. Jahrhundert wird 90, Günter Kunert. In Berlin geboren lebt er seit 1979 in Kaisbostel bei Itzehoe. Die DDR hat er hinter sich gelassen. Weil seine Mutter Jüdin war, konnte Günter Kunert in der Nazizeit keine höhere Schule besuchen. Die Familie erlebte die Sowjets 1945 als Befreier. Kunert trat 1948 der SED bei, erkannte sich alsbald aber als Dissident. 1976 gehörte er zu den Erstunterzeichnern der Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Daraufhin wurde ihm 1977 die SED-Mitgliedschaft entzogen. Mit einem Sondervisum konnte Kunert 1979 die DDR verlassen. Seit Mitte der sechziger Jahre hatte er eine Freundschaft mit dem bundesdeutschen Dichter Nicolas Born gepflegt, der im Wendland lebte. Günter Kunert hatte enge Beziehungen zu Bertolt Brecht und Johannes R. Becher.

Kunert ist in erster Linie Lyriker, hat aber auch in vielen anderen Textgattungen wie Kurzgeschichten, Erzählungen, Kinderbüchern und Essays reüssiert: z.B. „Abtötungsverfahren“ (1980), „Stilleben“ (1983), „Erwachsenenspiele. Autobiographie“ (1997), „Die Intellektuellen als Gefahr für die Demokratie“ (1999), „Die wunderbaren Frauen“ (2008). Seine Markenzeichen sind Nüchternheit und Skeptizismus, er erscheint in vielen Zusammenhängen lakonisch. Bei ihm ist alles klar und explizit. „Das führe ich auf zwei Gegebenheiten zurück. Erstens: Ich bin einfach kein DDR-Schriftsteller gewesen. Ich lebte da eine gewisse Zeit. Das war aber auch schon alles. Ich bin ein entheimateter Mensch. Auch meine Bindung an Berlin ist nicht doll. Ich hätte ja nach der Wiedervereinigung zurückgehen können. Immerhin besaß ich ein Haus in Buch. Aber ich wollte nicht. Das war abgetan. Zweitens: Die deutsche Tiefsinnstradition bedeutet mir nicht viel. Meine Idole waren amerikanische Lyriker wie Edgar Lee Masters oder Carl Sandberg. Die sind meine Heimat, wenn Sie das Wort unbedingt hören wollen, das heute wieder so hoch im Kurs steht. Ich halte aber nicht viel davon.“

Von Günter Kunert soll 2019 bei Wallstein der Roman „Die zweite Frau“ erscheinen, den der Schriftsteller nach vierzig Jahren „vor kurzem zufällig in einer Truhe entdeckt“ haben will (Tilman Krause, Die literarische Welt 2.3.19).

 

2308: Künstliche Intelligenz (KI) im Journalismus

Freitag, März 1st, 2019

John Micklethwait ist seit 2015 Chef beim Wirtschaftsnachrichtendienst „Bloomberg News“. Er hat sich dort als Pionier bei der Anwendung künstlicher Intelligen (KI) profiliert. Andrian Kreye hat ihn für die SZ interviewt (2./3.2.19).

SZ: Wird das den Journalismus auch inhaltlich verändern?

Micklethwait: Es wird sicherlich neue Arten geben zu berichten. Im Sport fasziniert mich das unendlich. Da kann man das jetzt schon beobachten. Bei der Übertragung von Fußballspielen sehen Sie jetzt schon am unteren Bildschirmrand diese ganzen Informationen, nicht nur den Ballbesitz, sondern auch die Zahl der Eckstöße, der Fouls, wie oft jemand einen Pass gespielt hat und wie oft das Erfolg hatte. Kein Mensch hätte die Zeit oder die Geduld, das alles mitzuzählen. Aber für die Zuschauer ist das sehr aufschlussreich. Und so richtig interessant wird es in Zukunft, wenn Sie mithilfe von KI Nachrichten personalisieren. Wenn die Verlage nicht nur dort Angebote machen, wo jemand lebt, sondern auch wissen, welche Interessen er hat, welche Mannschaft er mag, welche Aktien er besitzt et cetera.

SZ: Imitieren Sie da nicht soziale Medien? Schaffen Sie da nicht neue Filterblasen?

Micklethwait: Man braucht sicher eine Mischung. Für Zeitschriften ginge das auch nicht. Aber für Tageszeitungen geht es bis zu einem gewissen Grad. Vor allem für die Ausgaben auf mobilen Endgeräten. Da beginnen Sie mit allgemeinen Nachrichten aus Deutschland und der Welt, dann folgen die persönlich zugeschnittenen Berichte. Und dann mischen Sie noch Zufallsentdeckungen dazu. Es wird immer Geschichten geben, die Leute interessieren, obwohl sie vorher noch gar nicht wissen, dass sie sie interessieren. Letztlich vertrauen Leser und Nutzer einem Medium auch deshalb, weil sie der Redaktion vertrauen. Daran werden KI-gesteuerte Werkzeuge nichts ändern.

SZ: Funktioniert KI denn außerhalb eines begrenzten, messbaren Themenkreises? Bei Wirtschafts- und Sportergebnissen oder bei Wahlergebnissen gibt es eindeutige Daten, die man auswerten kann. Aber was ist mit der Berichterstattung über Konflikte? Oder über Kultur? Da gibt es selten Zahlen, die in ein Raster passen.

Micklethwait: Klar, das ist schwieriger. Aber auch da kann KI helfen. Nehmen Sie einen Reporter, der aus Aleppo berichtet. Das kann kein Computer ersetzen. Aber man könnte sich vorstellen, dass ihn KI-gesteuerte Drohnen unterstützen. Oder ein Kunstkritiker. Den kann eine KI darauf hinweisen, dass es in Japan eine Künstlerin gibt, die gerade enorm viel Aufmerksamkeit in sozialen Medien bekommt. Letztendlich wird es immer ein Mensch sein, der entscheidet, was interessant und relevant ist. Daran wird sich nichts ändern. Aber die Qualität des Journalismus wird steigen. Erinnern Sie sich noch an die Frühzeiten des Internets? Als man glaubte, man müsse die Regeln und ethischen Standards des Journalismus überarbeiten? So kam es dann aber nicht. Die virtuelle Welt und das echte Leben unterscheiden sich zwar, aber es gelten in beiden dieselben Regeln, was Privatsphäre und Qualitätsstandards betrifft. Je besser der Journalismus wird, desto besser kann man ihn auch verkaufen.

SZ: Das klingt erfrischend optimistisch für den Vertreter einer Branche, die in den vergangenen Jahren die digitale Welt sehr pessimistisch betrachtete.

Micklethwait: Es war sicherlich der schwerwiegendste Fehler, dass Medien in der Aufbruchstimmung der Digitalisierung ihre Inhalte verschenkt haben. Das hat anderen erlaubt, Angebote aufzubauen, die dem Journalismus finanziell geschadet haben. Aber wenn man sich heute in der Welt umschaut, verlangen viele doch wieder Geld und verdienen auch mit Journalismus. Jeff Bezos hat die „Washington Post“ ja ursprünglich gekauft, um die Politiker in Washington zur Verantwortung zu ziehen. Aber dann hat er die Redaktion besucht und innerhalb von einem Tag erkannt, dass man mit einer Zeitung sehr wohl Geld verdienen kann. Als erstes hat er dann mal eine Paywall einbauen lassen.

SZ: Sind das bei der „Washington Post“ und der „New York Times“ nicht vor allem Krisengewinne, weil die Ära Trump ihnen viele Leser gebracht hat?

Micklethwait: Nicht unbedingt. Ich glaube ja eher, dass die Leute Themen wie Brexit oder Trump langsam satthaben. Aber das Verhalten ändert sich gerade. Weltweit steigt die Zahl der Menschen, die aufs College gehen, die reisen, die Jobs haben, die auf Ideen und Analysen angewiesen sind. Solche Jobs der Wissensgesellschaft nehmen stetig zu. Und woher bekommen sie ihr Wissen? Aus Büchern oder aus dem Journalismus. Und Journalismus ist immer noch ziemlich billig. Die meisten Formen des Journalismus bekommen Sie für den Preis einer Tasse Capuccino. Dazu kommt, dass sich eine junge Generation an das digitale Abo-Modell gewöhnt. Die abonnieren Netflix und andere Dienste auf ihrem Telefon. Und deswegen werden sie auch für Informationen und Analysen bezahlen. Ich glaube nicht, dass alle Formen des Journalismus überleben werden. Aber für Qualitätsjournalismus gibt es immer noch eine Zukunft.

2307: Ines Geipels Familiengeschichte erklärt uns den Hass im Osten.

Freitag, März 1st, 2019

Ines Geipel ist bekannt als langjährige Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe, bei der ca. 2.000 Opfer über die Folgen des Zwangsdopingsystems der DDR beraten worden sind. Sie hat bereits 1999 Texte von vier Autorinnen herausgegeben, die in der frühen DDR zensiert und verfolgt wurden. Sie hat das Archiv „Unterdrückte Literatur in der DDR“ gegründet, in dessen Rahmen sie die „Verschwiegene Bibliothek“ herausgibt. Allein dafür wird sie gehasst und gemobbt. Von Kommunisten, von Linken, von „Fortschrittlichen“. Aber damit nicht genug.

Nun erklärt uns Ines Geipel den Hass im Osten anhand ihrer eigenen Familiengeschichte. Veranlasst durch den Krebstod ihres Bruders Anfang 2018:

Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass. Stuttgart (Klett-Cotta) 2019, 277 Seiten, 20 Euro.

Ein Buch, das seine theoretischen und schriftstellerischen Schwächen hat, es ist anscheinend sehr schnell geschrieben, das aber auf Grund seiner inhaltlichen Relevanz als Gesprächsanfang betrachtet werden kann in einem Jahr, in dem sich die AfD anschickt, drei östliche Landtage zu erobern. Schon in ihrem Buch „Generation Mauer“ (2014) hatte Geipel versucht, die Funktion ihrer Generation (geboren 1960) darin zu sehen, die Tabus und Lügen der Eltern zu entlarven, um eine freie Gesellschaft zu ermöglichen.

Geipel verbindet in plausibler Weise die Geschichte ihrer Familie mit der Geschichte der DDR. Dazu gehört die SS-Vergangenheit ihrer beiden Großväter (wie kann es anders sein) wie die Stasi-Tätigkeit des Vaters. Der gehörte zu der Abteilung, die im Westen Republikflüchtlinge bespitzelte. Dazu passt es gut, dass er in der eigenen Familie an den Kindern Gewalt übte. Geipel rekonstruiert die Schweigegebote, Lügen und das aggressive Angstsystem, auf das die DDR sich gründete. Und auf das der Osten der Republik heute mit Gedächtnisverlust reagiert. Geipel bespricht den „Buchenwaldmythos“, die so verlogene wie heroische Gründungserzählung der DDR, wonach kommunistische Insassen dort ein „Binnenregime“ errichtet hatten, das Widerstand leistete. Tatsächlich wurden so auch Kapos rekrutiert, die Mordgehilfen waren und so erpressbare Komplizen der SED wurden. Buchenwald ist bei Geipel ein Ort, „an dem sich rote und braune Gewaltwelten so nahe“ kamen, wie wohl nirgendwo sonst in Deutschland.

Geipel verfolgt die Entwicklung bis hinein in die Punk- und Skinhead-Szene am Ende der DDR. Sie ist sich bewusst, dass die Geschichte ihrer Familie extrem ist. Aber sie schafft eine Gegenerzählung zu den vielen Entlastungsgeschichten und zu den wutgetränkten Narrativen vom armen Osten, der ein Opfer der Wende, der Globalisierung und der Merkelschen Flüchtlingspolitik geworden sei. „Der Osten braucht einen guten, inneren Ort, ein eigenes Narrativ, er braucht die öffentliche Anerkennung seiner Schmerzgeschichte, er braucht Differenzierung, und seine Erfahrungen müssen nach draußen, in den politischen Raum, in die Bildung, vor allem aber an den Familientisch.“ (Alex Rühle, SZ 1.3.19).

 

2306: Im Zentrum der neuen Dopinglage: Erfurt

Freitag, März 1st, 2019

Der 2014 des Dopings überführte österreichische Skilangläufer Johannes Dürr hatte die Behörden informiert. Bei Hajo Seppelt in der ARD und in der SZ (23./24.2.19) hatte er sein Geständnis wiederholt. Nun haben die österreichischen Behörden zugegriffen. Mit Methoden, die ansonsten bei der Verfolgung der Mafia angewandt werden.

Als sie sein Zimmer betraten, hing der österreichische Langläufer Max Hauke noch an seiner Eigenblut-Infusion. Bei der Razzia in Seefeld wurde eine Zentrifuge und mehrere Dutzend Blutbeutel gefunden. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) verfügt über zehntausende von Blutprofilen. Insofern können die Beutel mittels DNA-Test ihren Besitzern zugeordnet werden.

Neben Hauke wurden in Seefeld verhaftet: Dominik Baldauf (Österreich), Karel Tammjarv und Andreas Verpalu (Estland) und Alexej Poltoranin (Kasachstan). Sie wissen, dass man ohne Doping im internationalen Spitzensport nicht vorne liegen kann. Gegenwärtig werden sie verhört. Bisher schien das Doping-Zentrum ja in Spanien (bei Eufemio Fuentes) zu liegen. Als dort herauskam, dass der neben Radsportlern auch Tennisspieler und Fußballer „betreut“ hatte, verhinderte die spanische Justiz jede weitere Aufklärung. Sie gilt als besonders korrupt.

Nunmehr liegt das Doping-Zentrum in Deutschland, im schönen thüringischen Erfurt. In der Praxis von Mark Schmidt. Er war schon vor Jahren von Radprofis beschuldigt worden, als Teamarzt von Gerolsteiner in Dopingpraktiken verwickelt gewesen zu sein. Es passierte: nichts! Natürlich hatte und hat Schmidt viele Helfer. Einige davon sind ebenfalls schon verhaftet worden. Vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), vom thüringischen Landessportbund (LSB Thüringen) und vom Österreichischen Skiverband (ÖSV) liegen bereits die üblichen Lippenbekenntnisse vor, andere Athleten aus dem eigenen Verband seien nicht betroffen (Thomas Kistner, SZ 1.3.19; Johannes Aumüller, SZ 1.3.19).

Der internationale Hochleistungssport ist insgesamt so korrupt, dass er moralisch nicht mehr zu retten ist. Seine Helfer: IOC-Präsident Thomas Bach (Deutschland) und der russische Präsident Wladimir Putin.

2305: Brumlik: Göttinger Friedenspreis angemessen vergeben

Donnerstag, Februar 28th, 2019

Der ehemalige Leiter des Fritz-Bauer-Instituts und „taz“-Kolumnist Micha Brumlik, der in Heildelberg und Frankfurt an der Universität Pädagogik gelehrt hat, findet die Vergabe des Göttinger Friedenspreises (durch die Stiftung Roland Röhl) an die „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ angemessen. Zwar unterstütze sie die Israel-Boykott-Bewegung BDS („Boycott, Divestment an Sanctions“) in Menschenrechtsfragen, was an den „Judenboykott“ von 1933 erinnere, aber sie stelle die Existenz Israels nicht in Frage. BDS wird durchaus kritisch bewertet (vgl. Thorsten Schmitz, SZ 28.1.19). Außerdem werde nicht der BDS ausgezeichnet, sondern die „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“, so Brumlik.

Micha Brumlik versteht nicht, wie liberale Personen wie die Göttinger Universitätspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Beisiegel und der Göttinger Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler ihre Unterstützung der Preisverleihung zurückziehen können. Ob die Forderung nach einem gerechten Frieden zwischen Juden und Palästinensern bereits als antisemitisch gelte? Der Zentralrat der Juden in Deutschland und einige FDP-Politiker hatten gegen die Preisverleihung protestiert. Die Preis-Jury unter ihrem Vorsitzenden Andreas Zumach, einem Genfer Korrespondenten, der selbst den Preis 2009 erhalten hatte, hatte an ihrer Entscheidung festgehalten.

Brumlik: Blieben Stadt und Universität bei ihrer Meinung, „stünde fest, dass sie sich vom niedersächsischen  Göttingen aus in den israelischen Wahlkampf einmischen – zugunsten des amtierenden Premiers Benjamin Netanjahu und seiner Verbündeten. Das kann nicht im Sinne von Stadt und Universität sein.“ (taz 25.2.19)