1944 entkam sie den Nazi-Mördern in Budapest. Sie studierte Philosophie und wurde Schülerin und Assistentin Georg Lukacs‘. 1956 war sie am ungarischen Aufstand beteiligt und wurde zum ersten Mal entlassen. 1968 protestierte sie gegen den Einmarsch des Warschauer Pakts in die CSSR, zweite Entlassung. 1977 ging sie nach Australien und übernahm 1986 den Lehrstuhl Hannah Arendts in New York. Heute lebt sie überwiegend wieder in Budapest und steht auf Seiten der Zivilgesellschaft gegen die „illiberale Demokratie“ Ungarns. Ihr Werk erstreckt sich auf das ganze Feld der Philosophie. Über 30 Bücher hat sie publiziert. Agnes Heller hat sich stets gegen die Ismen gewendet. „Philosophie hat immer kindliche Fragen gestellt. Bleiben wir dabei.“ Agnes Heller wird 90 Jahre alt (Lothar Müller, SZ 11./12.5.19; Josef Mitterer, FAZ 11.5.19).
Archive for the ‘Gesellschaft’ Category
2383: Agnes Heller 90
Montag, Mai 13th, 20192382: Lengsfeld, Tellkamp, Safranski und Co
Sonntag, Mai 12th, 2019Im Kampa-Verlag ist in der Interviewbuchreihe ein neuer Band erschienen: „Der unsichtbare Drache“. Darin unterhält sich der Göttinger Germanist Heinrich Detering mit dem Schriftsteller Daniel Kehlmann („Die Vermessung der Welt“). Sie kommen auch auf Politik zu sprechen. Dort schildert Kehlmann, dass die mit ihm bekannte Vera Lengsfeld seit längerem Intellektuelle und Schriftsteller zum neonationalistischen Diskurs eingeladen habe, ihn jedoch nie.
„Das hat mich wirklich verblüfft. Uns hat nie jemand eingeladen zu diesen Treffen, ich wusste nicht, dass sie stattfinden. Jemand muss also schon von vornherein entschieden haben, dass wir für diese Sache nicht zu gewinnen wären. Was ja auch zutrifft. Man muss aber natürlich differenzieren. Was zm Beispiel Safranski betrifft, da habe ich sehr aufgepasst und möglichst alles gelesen, was er in letzter Zeit gesagt hat, und ich finde alles, auch wenn ich anderer Meinung bin, intellektuell vertretbar. Nicht jede abweichende Meinung sollte man im persönlichen Umgang sanktionieren; ich respektiere Safranski kein bisschen weniger als früher. Aber wenn Tellkamp erklärt, neunzig Prozent der Flüchtlinge wollten nur in unser Sozialsystem eindringen, dann ist das nicht akzeptabel. Man könnte sogar sagen, das ist üble Propaganda.“ (jia, FAS 12.5.19)
2381: An Forsythien gehen Insekten nicht.
Sonntag, Mai 12th, 2019Anscheinend gibt es in Deutschland neuerdings das ernste und massenhafte Bemühen, den Artenschutz zu fördern und die Artenvielfalt zu erhalten. Das ist politisch sehr gut so. Wir müssen es aber können und dürfen dabei keine Fehler machen. Manche Pflanzen sind für Insekten gar nicht gut und nehmen nur insektengeeigneten Pflanzen den Platz weg. Etwa Forsythien. An die gehen Insekten nicht (fhau, FAS 12.5.19). Da können wir noch einiges lernen.
2380: Entwicklungsminister Müller (CSU): Plastiktüten verbieten !
Sonntag, Mai 12th, 2019Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) fordert ein schnelles Verbot von Plastiktüten. Nur mit einem solchen Verbot könne der Plastikexport in Entwicklungs- und Schwellenländer eingedämmt werden. „Deutschland sollte nicht auf Europa warten und Einwegplastiktüten sofort verbieten.“ Müller verwies auf afrikanische Länder wie Ruanda, Kenia und Uganda, wo Plastiktüten bereits verboten seien. Es könne nicht das Ziel sein, unseren Müll einfach in andere Staaten wie Malaysia zu schicken (Vivien Timmler, SZ 11./12.5.19).
2379: Heidegger hasste den Journalismus und das Feuilleton.
Freitag, Mai 10th, 2019Was eine Philosophie wie die Martin Heideggers (1889-1976) taugt, die zu dem Ergebnis kommt, „den Führer führen zu wollen“ (1933), ist (hoffentlich) bekannt. Aus seinen „Schwarzen Heften“ ist zu ersehen, dass Heidegger den Journalismus und speziell das Feuilleton hasste und der Meinung war, die Juden seien an allem schuld (Willi Winkler, SZ 10.5.19).
„Das Weltjudentum, aufgestachelt durch aus Deutschland hinausgelassenen Emigranten, ist überall unfassbar und braucht sich bei aller Machtentfaltung nirgends an kriegerischen Handlungen zu beteiligen, wogegen uns nur bleibt, das beste Blut der Besten des eigenen Volkes zu opfern.“
„Film und Funk enthüllen sich als die eigentlichen, weil technischen Instrumente des Journalismus. Dessen Wesen besteht nicht in der Zeitungsschreiberei, sondern in der Veralltäglichung des Täglichen im Weltalter des Gestells. Zeitung und Zeitschrift treten in die Dienstbarkeit zu Film und Funk. Das Wesen des Journalismus entspricht der im Gestell gewillten ständigen Zustellung der Bestandssicherung der je gerade gegenständigen Bestände der Öffentlichkeit.“
„Aber das Schlimmste an der Zeitung sind nicht die Mord- und Skandalgeschichten, sondern das Feuilleton, weil es sich ausgibt, als wahre es den Geist -; aber es ist nicht nur eine Historie über Morde und Skandale; es ist selber der Mord des Denkens und der Skandal des Geistes.“
Als diejenigen, die den Journalismus und gerade das Feuilleton schätzen, können wir stolz darauf sein, als Gegner Heideggers identifiziert zu werden. Sein kümmerlicher, verklemmter Stil lässt sehr tief blicken.
2378: Das Wohngeld wird erhöht.
Donnerstag, Mai 9th, 2019Das Bundeskabinett hat beschlossen, das Wohngeld zu erhöhen. Ab 2020 gibt es 30 Prozent mehr. Und ab 2022 wird das Wohngeld regelmäßig angepasst. Durch die Reform sollen künftig 660.000 Haushalte Anspruch auf Wohngeld bekommen. Derzeit sind es 480.000. Mieter- und Kommunalverbände begrüßten die geplante Novelle. Von den Grünen kam Kritik, weil keine Klimaaspekte berücksichtigt wurden. Bundesinnen- und Bauminister Horst Seehofer (CSU) unterstrich, das „Wohngeldstärkungsgesetz“ könne dazu beitragen, „dass die Menschen auch bei steigenden Mieten nicht gezwungen werden, ihr Lebensumfeld zu verlassen. Die Bundesregierung rechnet mit Gesamtkosten von jährlich 1,2 Milliarden Euro. Das entspricht Mehrausgaben von 214 Millionen Euro, die sich Bund und Länder paritätisch teilen (Constanze von Bullion, SZ 9.5.19).
2377: E-Scooter nicht auf Gehwegen !
Mittwoch, Mai 8th, 2019Der Bundesrat stimmt am 17. Mai 2019 über die Zulassung von E-Scootern ab. Mit diesen rollerähnlichen Fahrzeugen soll der städtische Verkehr entlastet werden. Die Fahrzeuge gelten als sehr gefährlich. Insbesondere ältere Menschen auf Gehwegen erscheinen gefährdet. Deswegen sollen auch die langsameren Scooter (bis 12 km/h) nicht für Gehwege zugelassen, sondern auf Fahrradwege und Straßen verwiesen werden. Erste Untersuchungen zur Sicherheit von E-Scootern (hauptsächlich aus den USA) zeigen, dass diejenigen, die einen Unfall mit einem Scooter erleiden, regelmäßig ungeübt sind. Weniger als ein Prozent der Fahrer trug einen Helm, aber die Hälfte aller Unfallopfer erlitten Kopfverletzungen. 37 Prozent der Verletzten gaben „überhöhte Geschwindigkeit“ als Ursache für ihren Unfall an (Christina Müller, SZ 8.5.19).
2376: Artenvielfalt erhalten !
Mittwoch, Mai 8th, 2019Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) hat eine „Forschungsinitiative zum Erhalt der Artenvielfalt“ gestartet. Mit 200 Millionen Euro für die nächsten fünf Jahre. Mehr wäre wahrscheinlich besser. Denn Geschwindigkeit und Umfang des Artenverlustes sind außergewöhnlich. Die Zahl der Fluginsekten hat in den letzten Jahrzehnten um 75 Prozent abgenommen. Vom Wiedehopf leben in Deutschland nur noch 400 Brutpaare. Jede dritte heimische Wildpflanze ist vom Aussterben bedroht. Aus Sicht des Karliczek-Ministeriums gibt es „einen dringlichen Bedarf von wissenschaftlich untermauerten Handlungsoptionen, um eine Trendwende beim anhaltenden Artenverlust einzuleiten“.
In den Blick genommen werden sollen auch solche Verhaltensfelder wie Konsum, Ernährung und Wohnen. Sind Insektizide und andere Agrochemikalien der modernen Landwirtschaft der zentrale
„Bienenkiller“?
Oder wiegt der Verlust an Lebensräumen durch Baugebiete und neue Straßen schwerer? Geplant ist auch die „Erarbeitung von Lösungskonzepten in Modellregionen unter Einbindung lokaler Akteure“.
Das wird ein sehr harter Kampf mit den Lobbyisten des „Status quo“.
2375: Woody Allens Film kommt in Deutschland ins Kino.
Mittwoch, Mai 8th, 2019Woody Allen ist in der US-Kultuindustrie mittlerweile eine „Persona non grata“. Das geht auf den behaupteten und nicht bewiesenen Missbrauch an seiner Adoptivtochter Dylan Farrow 1992 zurück. Allen wurde in allen Verfahren freigesprochen. Nun streitet sich Amazon als Produzent mit Woody Allen über den Verleih seines Films „A Rainy Day in New York“ in den USA. Die „New York Times“ berichtet, dass Allens Autobiografie dort keinen Verlag findet. Das verweist auf die bigotte Heuchelei in der US-amerikanischen Kultur. Gespeist aus einem christlichen Fundamentalismus.
In Deutschland wird der Film von der Firma „Filmwelt/NFP“ verliehen. Für Verleihchef Christoph Ott ist Woody Allen einer der herausragenden Regisseure unserer Zeit. Ein internationales Konsortium verleiht den Film in Europa, China, Japan, Korea, Russland sowie Latein- und Südamerika. Und die Zeitschrift „Variety“ spekuliert, dass ein französischer Verlag Allens Memoiren herausbringen könnte. Einer von Allens Stars aus „Vicky Cristina Barcelona“, Javier Bardem, hat erklärt, dass er „gleich morgen“ wieder mit dem Regisseur arbeiten würde. Allen selbst kommt als Jazz-Klarinettist im Sommer mit der „Eddy Davies New Orleans Jazz Band“ nach Europa. U.a. nach München (Tobias Kniebe, SZ 8.5.19).
2374: Deutsche Kommunisten nach 1945: vom Stalinismus geprägt
Dienstag, Mai 7th, 2019Deutsche Kommunisten waren 1933 in Deutschland aufs Äußerste gefährdet. Unter den Nazis drohte ihnen Ermordung. Nur 8.000 von ihnen wurden von der Sowjetunion unter Stalin (erster Fünf-Jahres-Plan 1929) aufgenommen. Dort wiederum kamen mehr deutsche Kommunisten ums Leben als unter Hitler. Nur 1.400 von ihnen kamen nach 1945 nach Deutschland zurück („Gruppe Ulbricht“ et alii). Aber sie bestimmten die Politik der KPD, ab 1946 der SED. Und sie waren geprägt von ihren Erfahrungen des Stalinismus. Dieser war nicht nur eine Herrschaftsform des Personenkults, sondern ein System der Willkür, der Denunziation und des Terrors. Es war ein System des Massenmords („Archipel Gulag“). Seine Logik war die des Polizei- und Terrorstaats. Es gab eine permanente Säuberungspraxis und die Vernichtung parteiinterner Konkurrenten Stalins in Schauprozessen („Tschistka“ 1935-1938). Das prägte gerade die deutschen Kommunisten.
Überleben unter Stalin hieß, korrumpiert zu sein. Keiner von Stalins Getreuen war unschuldig geblieben, niemand hatte kein Blut an den Händen. Das bestimmte die kommunistische Politik nach 1945 gerade in der DDR. Die Methode, mit diesen Erfahrungen fertig zu werden, hieß: Schweigen. Auch nach der Auflösung der Komintern 1943. Kommunisten fühlten sich als Befehlsempfänger Moskaus. Die Rituale von Unterwerfung, Kontrolle und – vor allem – Kritik und Selbstkritik bestimmten die Parteipraxis. Deutsche Emigranten in den Westen (insbesondere Großbritannien, USA und Mexiko) hatten nach 1945 in Deutschland kaum eine Chance, weil sie nicht so gut unter Kontrolle zu halten waren wie die Emigranten in die Sowjetunion. Und das endete noch nicht mit dem Tode Stalins am 5. März 1953.
Dies alles präsentiert auf dem neuesten Stand das Buch von
Andreas Petersen: Die Moskauer. Wie das Stalintrauma die DDR prägte. Frankfurt am Main (Fischer) 2019, 368 S., 24 Euro.
Petersen bezieht sich nicht zuletzt auf die Experten, von denen auch wir selbst vorher schon am meisten gelernt haben:
Ruth Fischer (1895-1961), Margarete Buber-Neumann (1901-1989), Wolfgang Leonhard (1925-2014), Carola Stern (1925-2006) und, nicht zuletzt, Hermann Weber (1928-2014).
Zweifellos mussten sie unter Beweis stellen, dass sie wirklich die Seiten gewechselt hatten. Aber weil das ja wirklich der Fall war, sind sie die für dieses Thema besten Experten (Ilko-Sascha Kowalczuk, SZ 15.4.19).