Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2404: Eva Menasse gibt die bürgerliche Öffentlichkeit verloren.

Dienstag, Mai 28th, 2019

In ihrer Dankesrede zur Verleihung des Ludwig-Börne-Preises hat Eva Menasse die bürgerliche Öffentlichkeit verabschiedet. „Die Digitalisierung, die wunderbare Effekte auf viele Lebensbereiche hat, hat auf ihrem Urgrund,

der menschlichen Kommunikation,

eine alles zerstörende Explosion verursacht.“ Ludwig Börne habe ihr stets viel bedeutet, sie habe aus ihm Energie und Kraft gezogen. „Nun aber sind wir überlebt, er und Sie und ich.“ „Wen wollen wir denn heute noch erreichen, wenn wir in der Paulskirche sprechen, wenn wir in der ‚Zeit‘ oder in der ‚FAZ‘ schreiben?“ Oder in der SZ (fragt W.S.)?

Aber, liebe Freunde, dort haben wir doch noch nie alle erreicht. Allenfalls Meinungsführer (Opinion Leader). Und das war und ist auch sehr wichtig (W.S.)!

Eva Menasse beschreibt durchaus, worauf sie sich bezieht. Nämlich auf „das Beste, das in der zusammenwachsenden Welt zu bekommen war. ‚Tagesschau‘, ‚Bild‘-Zeitung, die Samstagabendshow und der ‚Tatort‘, dazu die Feuilletons und die Radios. Wir hatten etwas gemeinsam, zumindestens in diesem Land, zumindestens in diesem Sprachraum, wir wussten so ungefähr voneinander, und wie es uns ging.“ (Marie Schmidt, SZ 28.5.19)

Das ist treffend. Und es war gut so!

Aber es ist ja nicht ganz weg. Seien wir also nicht so mutlos! Wir haben ja noch die FAZ, die SZ, die „Welt“, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk (einschließlich Deutschlandradio) mit seinen Nachrichten, Magazinen, Talks, Kommentaren usw. Einzelfälle aus dem privaten Rundfunk. Wir müssen sie nur nutzen. Ausreden gelten hier nicht. Wer sich der öffentlichen Kommunikation verweigert, darf sich nicht darüber beklagen, dass er nicht informiert ist.

2402: Ludwig Börne: politischer Wegweiser für die deutsche Publizistik

Sonntag, Mai 26th, 2019

Anlässlich der Verleihung des Ludwig-Börne-Preises 2019 an Eva Menasse interviewt Hubert Spiegel (FAZ 25.5.19) den Begründer der Börne-Stiftung, Michael Gotthelf. Der erläutert seine Motive für die Gründung der Stiftung. Er war Journalist bei der FAZ und Banker in New York gewesen. Und er wollte 1993 ein Zeichen setzen gegen den nach der Vereinigung Deutschlands wachsenden Rassismus und Rechtsextremismus insbesondere in Ostdeutschland. Seine Helfer waren der damalige Frankfurter Oberbürgermeister Andreas von Schöler und der Publizist Marcel Reich-Ranicki (1920-2013), der seit Jahrzehnten dominierende Literaturkritiker Deutschlands.

Im Zentrum stand der noch unmittelbar aus dem Frankfurter Ghetto stammende Ludwig Börne (Juda Löb Baruch) (1786-1837), der erste große deutsche Journalist. Er wurde in die Emigration gezwungen und starb im Pariser Exil. Mit Heinrich Heine (1797-1856) war er lange Zeit eng verbunden. Tatsächlich verkörperten die Beiden völlig verschiedene Seiten der deutschen demokratischen Publizistik. Auf der einen Seite der Schöngeist Heinrich Heine, der 1840, drei Jahre nach Börnes Tod, seine Kampfschrift „Ludwig Börne. Eine Denkschrift“ erscheinen ließ, eine Abrechnung mit Börne. Auf der anderen Seite der realpolitische Kämpfer für Demokratie und Freiheit Ludwig Börne, dem der deutsche Journalismus mehr verdankt, als den meisten bewusst ist. Ich war nur einmal mit meiner Frau zur Verleihung in die Paulskirche geladen. 2007, als Henryk M. Broder den Preis bekam. Laudator war Helmut Markwort.

2401: Judith Kerr gestorben

Freitag, Mai 24th, 2019

Im Alter von 95 Jahren ist die berühmte Kinderbuchautorin und -illustratorin Judith Kerr in London gestorben. Die Engländerin, eine scharfe Brexit-Gegnerin, war 1933 mit ihrer Familie aus Deutschland vor den Nazis geflohen. Darüber hat sie später das Buch „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ (1971) publiziert. Ihr Vater war der berühmte Theaterkritiker Alfred Kerr, der gleich bei der Machtübernahme nach Prag geflohen war. Ihr Haus musste die Familie im Grunewald zurücklassen. In die britische Literatur war Judith Kerr gekommen mit dem Buch „The tiger who came to tea“ (1968). Sie hatte bei der BBC gearbeitet. Zeit ihres öffentlichen Lebens stand Judith Kerr dafür, den deutschen Faschismus schonungslos zu kritisieren, ohne die Herkunftswelt ihrer Eltern im Berliner Westen zu verdammen (Lothar Müller, SZ 24.5.19).

Das haben wir lange Zeit gebraucht. Und wir brauchen es heute noch.

2400: Katholische Täter bleiben ohne Strafe.

Donnerstag, Mai 23rd, 2019

Zehn Jahre nach Bekanntwerden der vielfachen sexuellen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche durch Mitarbeiter der katholischen Kirche in Deutschland sind strafrechtliche Konsequenzen weitgehend ausgeblieben. Nur gegen eine Handvoll Verdächtiger werden derzeit bundesweit Ermittlungen geführt. Einer im September 2018 vorgestellten Studie zufolge waren in den vergangenen Jahrzehnten 3.677 Kinder und Jugendliche von 1670 Klerikern missbraucht worden.

Der Leiter der Studie, Harald Dreßing, streitet mit der Kirche darüber, wie konsequent die Aufklärung des Missbrauchs vorangetrieben wird. Dreßing kritisierte, er könne „bisher keine gemeinsame Strategie“ der Bischöfe bei der weiteren Erforschung der Gewalt und den Konsequenzen daraus erkennen. Die Aufarbeitung müsse „überregional erfolgen, nach einheitlichen Standards und unter Einbeziehung der Betroffenen“. Dabei müssten auch Verantwortliche benannt werden, die „in Amt und Würden sind“. Bischofskonferenz-Sprecher Matthias Kopp wies die Vorwürfe zurück. Man habe einen Maßnahmekatalog beschlossen, der „kontinuierlich bearbeitet“ werde (SZ 22.5.19).

2399: Kunstrasen umweltschädlich ?

Dienstag, Mai 21st, 2019

Laut einer Studie des Fraunhofer Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (Umsicht) steht das Kunststoffgranulat, das bei Kunstrasen zum Schutz der Spieler zwischen den Halmen verfüllt ist, im Verdacht, die Umwelt stark zu belasten. 11.000 Tonnen des Gummigranulats, das aussieht wie körniger Instantkaffee, sollen der Studie zufolge pro Jahr von deutschen Kunstrasenplätzen in die Umwelt gelangen, deutlich mehr als etwa durch Kosmetika oder Wasch- und Reinigungsmittel. Als Mikroplastik gelten kleinste Kunststoffteilchen, die über Wind, Regen oder auf anderen Wegen in die Umwelt gelangen. Dort werden die Partikel unter Umständen von Fischen und anderen Lebewesen aufgenommen. Im vergangenen Jahr haben Forscher der Universität Wien zum ersten Mal Mikroplastik im Menschen nachgewiesen. Über die Auswirkungen auf den menschlichen Organismus ist bislang wenig bekannt (Louis Gross, SZ 6.5.19).

2398: Wir brauchen keine neue Nationalhymne.

Montag, Mai 20th, 2019

Es gehört zum Geschäft demokratischer Politiker, sich beim Wähler beliebt zu machen und vor Wahlen ggf. einmal das Profil zu schärfen. So auch beim thüringischen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Die Linke), der auf diesem Gebiet besonders rührig ist. Am 27. Oktober 2019 sind dort Landtagswahlen. Nun hat Ramelow vorgeschlagen, dass Deutschland eine neue Nationalhymne bekommen solle. Hauptsächlich verweist er zur Begründung auf die geringe Akzeptanz der gegenwärtigen Hymne unter den Ostdeutschen. Ja, unsere Ossis, die sind manchmal schon das Problem. Sie kannten seit 1949 als Hymne der DDR „Auferstanden aus Ruinen“ (Text: Johannes R. Becher, Musik: Hanns Eisler), von der von 1972 bis 1990 nur noch die Melodie gespielt wurde.

Ramelow schlägt als Alternative die wiederum von Hanns Eisler komponierte „Kinderhymne“ („Anmut sparet nicht noch Mühe“) vor, die Bertolt Brecht bewusst als Gegenentwurf zum „Lied der Deutschen“ gedichtet hatte. Deswegen handelt es sich dabei auch um einen sehr respektablen Text, der frei ist von Nationalismus und Großmacht-Ideologie. Dass ich dieses Lied durchaus schätze, sehen Sie daran, dass ich die „Kinderhymne“ am Ende meines letzten Buchs freundlich zitiere (W.S.: Deutsche Diskurse. Hamburg 2009, S. 194).

Trotzdem bin ich gegen eine neue Nationalhymne. Gerade weil das „Lied der Deutschen“ inzwischen weithin akzeptiert ist und mittlerweile sogar gerne mitgesungen wird (etwa von Sportlern).

Das „Lied der Deutschen“ ist geradezu die Hymne der deutschen Einheit.

Die finde ich großartig. Heinrich Hoffmann von Fallersleben hatte das Lied 1841 auf Helgoland gedichtet. Gespielt wird es nach der Melodie von Josef Haydn. 1922 hatte Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) das Stück zur Nationalhymne gemacht. Sie wurde allerdings auch von den Nazis verwandt, häufig im Zusammenhang mit dem „Horst-Wessel-Lied“. Nach 1945, genauer 1952, war es Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU), der in einem Briefwechsel mit Bundespräsident Theodor Heuß (FDP) die dritte Strophe zur Hymne machte. Diese dritte Strophe („Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland“) wurde 1991 in einem Briefwechsel zwischen Bundespräsident Richard von Weizsäcker (CDU) und Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) offiziell zur „Nationalhymne“ gekürt.

Halten wir aus Tradition und Freude über die deutsche Einheit getrost daran fest.

2397: Sven Giegold, ein Grüner für Europa

Montag, Mai 20th, 2019

Er ist nicht der Typ „Schwiegermamas Liebling“ wie Robert Habeck. Kein Volkstribun und keine Rampensau. Sondern ein Ausbund an Zuverlässigkeit: Sven Giegold, 49, der seit zehn Jahren für die Grünen im Europaparlament sitzt. Er kam von Attac. Sie können ihn jederzeit nach der Beitragsbemessungsgrenze für die Körperschaftssteuer in der EU fragen. Gezielte Gefühlsäußerungen sind bei ihm selten. Der soziale Aufsteiger verknüpft in Brüssel in seiner Politik glaubhaft Ökologie mit dem Sozialen. Er wirbt für eine CO 2-Steuer, für Umverteilung in der Gesellschaft.

Giegold ist stark engagiert in der Antilobbyarbeit, bei der Kontrolle der FInanzmärkte und für die Bürgerrechte. Er hat sich für den Untersuchungsausschuss gegen den EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claud Juncker eingesetzt wegen „Luxleaks“. Der Eröffnung von Steuerhinterziehung durch spezielle Gesetze. Sven Giegold verbindet beharrlich außerparlamentarische Arbeit mit seiner Tätigkeit im Parlament. Er wirkt ein bisschen steif, aber immer sachorientiert. Politik ist für ihn ein „liebloses“, aber notwendiges Geschäft.

Giegold kommt nicht wie viele andere Grüne vom Marxismus oder von der kritischen Theorie (Horkheimer, Adorno), sondern von dem US-Philosophen John Rawls und seiner „Theorie der Gerechtigkeit“. Seit er in Brüssel viel verdient, hat er festgestellt, dass Geld ihm nicht viel bedeutet. Er ist sparsam geblieben. Er sitzt im Präsidium des Evangelischen Kirchentags 2019. Bei Attac musste er sich mit Feministinnen und Marxisten einigen, in Brüssel mit Christdemokraten und Liberalen. Das kriegt er hin. Unauffällig, aber verlässlich (Stefan Reinecke, taz 8.5.19).

Sehr gut so!

2396: Notre Dame: Brandursache ungeklärt

Montag, Mai 20th, 2019

Gut einen Monat nach dem Brand von Notre Dame ist die Brandursache noch ganz ungeklärt.

Das darf natürlich so nicht bleiben, damit es keine Verschwörungstheorien gibt.

Für die Pariser Staatsanwaltschaft ist bisher ein Unfall die wahrscheinlichste Ursache. Wir wissen es nicht. Die Cafés und Souvenirläden in der Nähe der Kirche verzeichnen bedrohliche Umsatzrückgänge (Nadia Pantel, SZ 15.5.19).

2395: Jonathan Franzen unterscheidet zwischen „Klimaschutz“ und „Umweltschutz“.

Sonntag, Mai 19th, 2019

Der weltbekannte US-amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen (60) („Schweres Beben“ 1992, „Korrekturen“ 2001, „Freiheit“ 2010) ist als prominenter „Birdwatcher“ fast selbstverständlich Ökologe. Trotzdem kriegt er immer wieder Ärger mit Fundamentalisten. So als er einen Essay im „New Yorker“ publiziert hatte, in dem er zwischen

Klimaschutz und Umweltschutz

unterschied. Klimaschutz sei eschatologisch (Eschatologie = prophetische Lehre vom Ende aller Dinge), man glaube an einen jüngsten Tag, den man hinauszuzögern hoffe. Naturschutz aber sei franziskanisch: Man schütze etwas, das man liebt, etwas in unmittelbarer Nähe, und sehe unmittelbar das Ergebnis.

Selbst Umweltschutzorganisationen hätten sich heute auf die eschatologische Orthodoxie des Klimaschutzes verlegt, weil das in den liberalen Medien größere Aufmerksamkeit garantiere. Tatsächlich sei die Unterscheidung zwischen Klimaschutz und Umweltschutz fundamental. Sie bezeichne den Unterschied zwischen

puritanischem und liberalem Denken.

Die US-Vogelschutzbehörde, der Franzen nicht mehr angehört, hatte behauptet, dass der Klimawandel die größte Bedrohung für die Artenvielfalt unter Vögeln sei. In Wahrheit aber, so Franzen, seien die größten Gefahren für Vögel der Verlust ihres Habitats und frei herumlaufende Katzen. Welche Auswirkungen der Klimawandel auf den Vogelbestand habe, sei völlig unklar. Kein einziger Vogeltod könne unmittelbar auf menschlichen CO 2-Ausstoß zurückgeführt werden (SZ 18./19.5.19).

(Jonathan Franzen: Das Ende vom Ende der Welt. Essays. Hamburg (Rowohlt) 2019, 251 Seiten, 25 Euro)

2394: Neo-Nationalisten zeigen ihr wahres Gesicht.

Sonntag, Mai 19th, 2019

In Österreich gibt es Neuwahlen. Die einzige Möglichkeit, aus dem Strache (FPÖ)-Skandal einigermaßen unbeschädigt herauszukommen. Das Video mit der Kungelei Hans-Christian Straches (FPÖ) mit Russen übertrifft noch alles, was man sich an Abgründen bei der FPÖ und den mit ihr befreundeten Neo-Nationalisten (AfP, Le Pen, Salvini, Farrage et alii) vorstellen konnte. Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) geht mit Neuwahlen ein für ihn nicht unerhebliches Risiko ein.

Im Strache-Skandal werden Strukturen der neo-nationalistischen Politik in Europa und den USA (Steve Bannon) deutlich:

1. eine feste Bindung an Russland und seine einschlägigen Oligarchen,

2. eine illegale Parteienfinanzierung,

(die von Strache genannten Unternehmer René Benko, Gaston Glock, Heidi Goess-Horten und der Glücksspielkonzern Novomatic haben Spenden an die FPÖ umgehend dementiert),

3. Staatsaufträge zur Belohnung, also die strafbare Verwendung von Steuermitteln,

4. Manipulation der Massenmedien, Entlassen oder Fördern einschlägiger Journalisten, Subventionieren von speziellen Medien,

5. vollständige Verschleierung dieser Maßnahmen.

Mit anderen Worten: mehrfach tun die Neo-Nationalisten das genaue Gegenteil von dem, was ihre Propaganda sagt („Lügenpresse“). Sie betrügen die Wählerinnen und Wähler, um an die Macht zu gelangen (FAS 19.5.19, Stephan Löwenstein, FAS 19.5.19).