Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2493: Weltwirtschaft am Abgrund ?

Mittwoch, August 7th, 2019

Die Weltwirtschaft ist durch die Globalisierung weithin zusammengewachsen. Es geht auch um die Frage, wer im 21. Jahrhundert dominieren wird, die USA oder China. Mit Auswirkungen für uns alle. Auch unsere Arbeitsplätze. Beide, China wie die USA,  sind Sünder wider den Geist des erfolgreichen Freihandels. China kupfert reichlich fremde Ideen ab, beschränkt den Zugang zum eigenen Markt und päppelt heimische Konzerne. Donald Trump, welcher der Anführer der freien Welt sein sollte, ist nicht nur Rassist, sondern auch Nationalist und Protektionist. Das ergibt nichts Gutes.

China hat über Jahre den Wechselkurs künstlich hoch gehalten, um der Kritik vorzubeugen, wie sie jetzt von Trump formuliert wird. Jetzt ruft er „Währungsmanipulation“. Absurdes Theater. Es geht auch um die US-Wahl nächstes Jahr. Peking möchte Trumps Wiederwahl verhindern und setzt deshalb seine Kernwählerschaft wirtschaftlich unter Druck. Trump will sogar bei Demokraten durch ein hartes Vorgehen gegen China punkten. Auch der chinesixsche Diktator Xi Ping steht in seiner Partei unter Druck.

Solange es nur um Zölle ging, waren die wirtschaftlich negativen Folgen überschaubar. Ein Hilfsprogramm für US-Farmer hier, eine Ausnahmeregelung für Handyhersteller dort. Das genügte. Nun aber sind die Finanzmärkte einbezogen. Und die sind schwer zu kontrollieren. Es drohen Kursstürze. Am Ende eine Rezession. Sie würde weltweit Millionen Arbeitnehmer ihren Arbeitsplatz kosten, Menschen in die Armut treiben und Staaten in den Bankrott (Claus Hulverscheidt, SZ 7.8.19). Eine Katastrophe.

Toll, die Wirtschaftspolitik der US-Amerikaner und der Chinesen.

2492: Susanne Schröter über den Vormarsch des politischen Islam

Dienstag, August 6th, 2019

Susanne Schröter, 62, ist Professorin für Ethnologie an der Frankfurter Universität und Direktorin des Forschungszentrums Globaler Islam. Sie hat eine Konferenz mit dem Titel „Islamisches Kopftuch – Symbol der Würde oder Unterdrückung?“ organisiert. Das hat Kontroversen nach sich gezogen. Eva Berger und Edith Kresta haben sie für die „taz“ (26.7.19) interviewt.

taz: Seit 21 Jahren diskutieren wir über das Kopftuch, seit Fereshda Ludin damit im Referenariat erschien. Khola Maryam Hübsch propagiert das Kopftuch tragen als Ausdruck weiblicher Freiheit, die Gendertheorie-Ikone Judith Butler sieht in der Burka ein Bollwerk islamischer Kultur gegen die westliche Moderne. Können Sie solchen Positionen, die sich als postkolonial-feministische begreifen, etwas abgewinnen?

Schröter: Nein, absolut nicht. Frau Hübsch vertritt die Doktrin der Ahmadiya, das Kopftuch und die Bedeckung des weiblichen Körpers seien ‚verpflichtend‘, genauso wie die absolute Geschlechtertrennung. In der Unterwerfung unter solche Regularien kann ich kein Moment der Freiheit entdecken. Und wenn Judith Butler tatsächlich meint, eine Burka tragende Frau ist diejenige, die sich der Sexualisierung des weiblichen Körpers verweigert, dann muss ich sagen, hat sie überhaupt nichts verstanden.

taz: Und ihre Erfahrungen in Indonesien gaben den Anstoß für eine globale Untersuchung des Islamismus?

Schröter: 2008 erhielt ich einen Ruf nach Frankfurt und konnte meinen regionalen Fokus ins Globale ausweiten. Ich habe finanzielle Mittel für Stipendien bekommen und eine internationale DoktorandInnengruppe zusammengestellt. Diese jungen Wissenschaftlerinnen erforschen vor Ort die Veränderungen, die in der islamischen Welt vor sich gehen, und beschäftigen sich mit der Alltagsrealität der Menschen. Wir haben festgestellt, dass der Vormarsch des politischen Islam in vielen Ländern – von Indonesien bis Mali – in ganz ähnlicher Weise geschieht. Und überall spielt die Unterwerfung von Frauen unter diskriminierende religiös begründete Normen eine zentrale Rolle. Überall wird der Schleier zwangsverordnet.

taz: Islam und Feminismus, ist das vereinbar?

Schröter: Grundsätzlich natürlich, aber ein Feminismus, der sich darin erschöpft, das Kopftuch für Kinder und Lehrerinnen zu verteidigen, ist für mich nicht sonderlich feministisch.

taz: Was bedeutet Feminismus für Sie?

Schröter: Feminismus bedeutet den Kampf für individuelle Freiheitsrechte von Frauen und Mädchen, wie sie in der UN-Frauenrechtskonvention ausbuchstabiert sind. Es beinhaltet auch eine Absage an identitäre Gruppen, die vermeintliche Sonderrechte einfordern, die sich letztendlich als diskriminierend für Frauen erweisen. Ich vertrete eine universalistische Position. Frauen und Mädchen haben überall in der Welt die gleichen Rechte – unabhängig von der Religion, der ethnischen Zugehörigkeit, der Hautfarbe oder anderen Merkmalen, auf die identitäre Gruppen sich gerne beziehen.

2491: Hat uns Adorno 1967 bereits die AfD erklärt ?

Dienstag, August 6th, 2019

Theodor Wiesengrund Adorno (1903-1969) wird neuerdings außerordentlich dafür gelobt, dass er uns in einem Vortrag an der Universität Wien 1967 bereits den aktuellen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus erklärt habe, als er dort über die NPD sprach (die bald in mehrere deutsche Landtage einzog). Das geschieht bei Jens-Christian Rabe (SZ 20./21.7.19), Thomas Assheuer (Die Zeit 25.7.19), sogar noch bei Helmut Mayer (FAZ 27.7.19) und beinahe auch noch bei Claudius Seidl (FAS 28.7.19). Der aber erhebt Einwände. Ich stelle die Auffassungen hier punktweise dar:

1. Nach Adorno 1967 bestehen die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Faschismus unverändert fort in Form der „Konzentrationstendenzen des Kapitals“.

2. Es drohte demnach seinerzeit (wie heute) das „Gespenst der technologischen Arbeitslosigkeit“.

3. Es sei doch so, dass Überzeugungen und Ideologien, die eigentlich schon anhand der Gegebenheiten nicht mehr zu rechtfertigen seien, gerade in Krisenzeiten ihre Zerstörungskraft entfalteten.

4. Rechtsextremismus markiere die Wundmale und „Narben einer Demokratie“.

5. Ohne das Besteck der Sozialpsychologie (Erich Fromm, Leo Löwenthal) sei der Rechtsextremismus nicht zu erklären.

6. 1967 werde der real existierende Sozialismus (Kommunismus) noch als Bedrohung empfunden.

7. „Das propagandistische Gebrüll, und hier klingt Adorno wie der Psychoanalytiker Jacques Lacan, ersetzt das verlorene Objekt des rechtsradikalen Begehrens. Propaganda ist fortan die Sache selbst.“ (Assheuer)

8. „Adorno glaubt nicht, dass man mit Rechten reden und diese zur Umkehr bewegen kann.“ (Assheuer)

9. „Keinen Zweifel lässt Adorno daran, dass sich hinter dem rechten Affekt gegen Linksintellektuelle etwas Uraltes verbirgt: der Hass auf die Juden und der Hass auf den Geist.“ (Assheuer)

10. „Nazis, das sind die, die den schrecklichsten aller Kriege und den grausamsten Völkermord der Geschichte zu verantworten haben.“ (Seidl)

11. „Dass sie einen Weltkrieg anzetteln und Millionen Menschen ermorden wollen, ist den Leuten vom Flügel (i.e. Björn Höcke, W.S.) nicht nachzuweisen.“ (Seidl)

12. Adorno behauptet, dass es eher nicht materielle, sondern psychologische Gründe sind, welche die Menschen empfänglich machen für Rechtsextremismus, nicht der Abstieg, sondern die Angst davor. Etc.

13. Für Björn Höcke hat sich die „Ethnogenese“ des deutschen Volkes zwischen 800 und 1200 vollzogen.

14. Bei Björn Höcke: „Es gibt da eine Rhetorik des Verdachts gegen alles, was Massenmedien und Unterhaltungsindustrie anbieten.“ (Seidl)

15. „In einem entscheidenden Punkt nämlich trifft Adornos Vortrag die heutigen Verhältnisse überhaupt nicht: Wo Adorno die Furcht vor dem Sozialismus als Triebkraft der Rechten sah, sammelt Höcke die Trauer und die Nostalgie all jener ein, die nicht die Mängel des Sozialismus wiederhaben wollen. Aber eben doch so eine Art DDR, in der die Deutschen unter sich sind und gut versorgt und beschützt, und ab und zu darf ein Ausländer durchs Bild laufen, damit Deutsche sich ihres Deutschseins wieder umso bewusster werden.“ (Seidl)

 

2490: Zum Tod von Donn Alan Pennebaker

Dienstag, August 6th, 2019

Der 1925 geborene Donn Alan Pennebaker gehörte seit Anfang der sechziger Jahre in den USA zur Gruppe des „Direct Cinema“ („New Cinema“). Das waren Dokumentaristen, deren Erfolg auf der neuen, leicht laufenden, leisen Kamera beruhte, mit der man dicht dran sein konnte, ohne zu stören. Zur Gruppe gehörten auch Richard Leacock (1921-2011) und Albert Maysles (1926-2015). Der zentrale Film dieser Gruppe war

„Primary“ (1960),

in dem die Vorwahl bei den Demokraten zwischen Hubert Humphrey und John F. Kennedy gezeigt wurde. 1992 war es dann Bill Clinton, der im Mittelpunkt stand. Beim „Direct Cinema“ war der O-Ton wichtig, er verbürgte Authentizität. Am besten beschrieben hat das

Klaus Wildenhahn

in seinem Buch: Zum synthetischen und dokumentarischen Film. Erweiterte Neuauflage, Frankfurt 1975, S. 145-166.

Mit dem „New Cinema“ wurde die Ära der Robert Flaherty (1884-1957), Walter Ruttmann (1887-1941), John Grierson (1898-1972) und Joris Ivens (1898-1989) endgültig überwunden.

Pennebaker hat sich besondere Verdienste um den Musikfilm erworben. Er zeigt in „Don’t look back“ (1965), wie Bob Dylan Joan Baez und Donovan abservierte. Er war insofern wichtig für die „Kulturrevolution“ der sechziger Jahre. Das Monterey Pop Festival 1967 stand „in seiner Regie“. Simon and Garfunkel hatten ihren ersten großen Auftritt. Es spielten außerdem u.a. Jefferson Airplane, Jimi Hendrix und – nicht zuletzt – The Who. Hendrix wurde mit „Wild Thing“ (von den Troggs) als neuer Pop-Gott geboren. Donn Alan Pennebaker ist nun im Alter von 94 Jahren in Kalifornien gestorben (Willi Winkler, SZ 5.8.19).

2489: Tote Kinder an der Mauer

Montag, August 5th, 2019

In ihrer Dokumentation „Die jüngsten Opfer an der Mauer“ (ARD, 5.8.19, 23.20 Uhr) schildern Sylvia Nagel und Carsten Opitz, wie Kinder und Jugendliche an der Berliner Mauer zu Tode gekommen sind. Durch Schüsse, durch unterlassene Hilfeleistung. Gezeigt werden Archivmaterial, alte Fotos, vergilbte Protokolle, Orte des Geschehens und befragte Zeitzeugen. Die Dokumentation widmet sich auch jenen Kindern, die auf Westberliner Seite ins Wasser fielen. Sie ertranken, weil die Westberliner ihnen nicht helfen konnten, nicht helfen durften, weil der Fluss zur DDR gehörte und die Grenzsoldaten Schießbefehl hatten. Stunden später kamen dann die DDR-Taucher und bargen die Leichen. Es geht zudem um tödliche Schüsse, die später vertuscht werden mussten, weil offiziell auf Kinder und Jugendliche nicht geschossen wurde. Es sind erschütternde Fälle (Hannes Hoff, SZ 5.8.19).

2488: SPD aktuell

Sonntag, August 4th, 2019

Der SPD geht es nicht anders als vielen sozialdemokratischen Parteien in Westeuropa:

1. programmatisch der industriekapitalistischen Welt des 20. Jahrhunderts verhaftet,

2. personell durch das Erstarken der Grünen und Linken ausgezehrt,

3. habituell gefangen in der Mentalität eines zu Wohlstand gekommenen Aufsteigermilieus, dem die Lebenswelt der kleinen Leute immer fremder wird.

In bundesweiten Meinungsumfragen nähert sich die Partei der 10-Prozent-Marke. Im Osten liegt sie darunter. Darin spiegelt sich, dass die Stimmung in der Partei habituell, programmatisch und personell am Ende ist. „Nein, eine Partei, deren drei kommissarische Vorsitzende wie auch sämtliche Mitglieder der Parteiführung sich nicht in der Lage sehen, als Vorsitzende der deutschen Sozialdemokratie zumindest ein Gesicht zu geben, geschweige denn eine programmatische Perspektive, eine solche Partei hat es in der deutschen Parlamentsgeschichte noch niemals gegeben.“ (Daniel Deckers, FAZ 3.8.19).

Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass es die klassische Sozialdemokratie nicht mehr geben wird; weniger deswegen, weil es sie nicht mehr geben könnte, sondern weil sie sich selbst aufgegeben hat.

2487: Das Verteidigungsressort

Donnerstag, August 1st, 2019

Wenn wir die Ernennung Annegret Kramp-Karrenbauers (CDU) zur Verteidigungsministerin für einen Moment nicht nur als personal- und machtpolitisches Kalkül betrachten, kommt schnell ans Tageslicht, dass dadurch einige schwerwiegende Mängel beseitigt werden könnten. Denn die Lage der Bundeswehr ist ja erbärmlich (auch eine Schuld der alten Ministerin Ursula von der Leyen, CDU). Sie kann in diesem Zustand kaum relevante Beiträge zur Sicherheitspolitik der NATO liefern. Die aber dringend erforderlich sind, damit nicht stets die unberechenbaren Projekte der Donald Trump und Boris Johnson eine vernünftige Militärpolitik unmöglich machen.

2014 in Wales hatte nicht nur Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) das Ziel unterzeichnet, dass der NATO-Beitrag des einzelnen Mitgliedslandes zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen solle, sondern auch der Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), unser Bundespräsident. Das hat die SPD gewiss nicht vergessen, erinnert sich aber nicht so gerne daran. Sie ist nämlich auch in dieser Frage innerlich tief gespalten und besteht zum einen Teil aus verlässlichen und kundigen Militärpolitikern und andererseits aus grundsätzlichen Militärverächtern und Pazifisten.

Was die Lage nicht besser macht, ist die Tatsache, dass es auch bei anderen Parteien an innerer Überzeugung fehlt, eine verlässliche, westlich orientierte Verteidigungspolitik zu führen. Am wenigsten ist das noch bei den Grünen und der FDP der Fall. Die unsichersten Kantonisten sind hier die Linken. Sie haben früher zwar dem Einmarsch des Warschauer Pakts in die CSSR 1968 zugestimmt und dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan 1979 und bemänteln heute die völkerrechtswidrige Annexion der Krim 2014 durch Russland, gebärden sich aber als intransigente Friedenspolitiker. Sie wollen die NATO zerschlagen.

Die Strategie der neuen Verteidigungsministerin für mehr Anerkennung unserer Soldatinnen und Soldaten ist grundsätzlich richtig.

Wir brauchen wieder eine allgemeine Wehrpflicht und keine Berufsarmee (wegen der Gefahr des „Staats im Staate“).

2486: Peter Bogdanovich 80

Donnerstag, August 1st, 2019

Für mich war „The Last Picture Show“ (1971) „sein“ Film. Peter Bogdanovich zeigte uns eine kleine Provinzstadt in Texas, wirtschaftlich und gesellschaftlich am Ende. Weite leere Himmel. Das Kino der Stadt muss schließen. „Petting und erste Liebe, Jeff Bridges und Cybill Shepherd, beide ganz jung, und der alte Ben Johnson, aus ‚Wagon Master'“ (Fritz Göttler, SZ 30.7.19), der dann für die beste Nebenrolle den Oscar bekam. So authentisch hatten wir Hollywood selten gesehen. Es war damals „New Hollywood“. Viel versprechend.

Bogdanovich war 1964 aus New York nach Hollywood gegangen. Gestartet war er als Schauspieler. Das Filmemachen hatte er sich selber beigebracht, hatte tausende von Filmen gesehen, machte sich dazu penibel Notizen. Noch in New York kuratierte er Retrospektiven und schrieb fulminant über Film und Kino. Es gibt tolle Interviews mit Alfred Hitchcock, John Ford und Howard Hawks. Bogdanovich brachte dem Kino etwas Neues in der Tradition von Ernst Lubitsch und John Sturges. Aber mit dem „New Hollywood“ war es bald wieder vorbei. Und Peter Bogdanovich hatte wirtschaftliches Pech mit einigen ambitionierten Projekten. Zeitlebens verehrte und unterstützte er Orson Welles. Nun ist er selber schon 80 Jahre alt geworden.

2485: Bundesregierung unterstützt deutsche Kinobetreiber.

Donnerstag, August 1st, 2019

Die Bundesregierung unterstützt deutsche Kinobetreiber, die unter der Konkurrenz großer US-amerikanischer Streamingdienste wie Netflix leiden, mit Fördermitteln. Sie hat ein „Soforthilfeprogramm“ für Marketing und digitale Kundenbindung aufgelegt. Für 2019 ist es mit 5 Millionen Euro dotiert. 2020 sollen bis zu 17 Millionen Euro zur Verfügung stehen (SZ 31.7.19).

2484: Agnes Heller schwamm in den Balaton.

Mittwoch, Juli 31st, 2019

Die weltberühmte ungarische Philosophin Agnes Heller, 90, ist tot. 1944 als Fünfzehnjährige in Budapest sollte sie als Jüdin von Nazi-Mördern mehrmals umgebracht werden, entkam dem aber auf wunderbare Weise. Ihr Vater wurde in Auschwitz ermordet. Nach der Befreiung durch die Rote Armee wurde Agnes Heller, kein Wunder, Kommunistin. Ursprünglich hatte sie in Budapest Physik und Chemie studiert, bis sie eine Vorlesung des ebenso weltberühmten Sozialphilosophen Georg Lukacs (1885-1971) („Geschichte und Klassenbewusstsein“, 1923) gehört hatte. Sie wurde dessen Schülerin und Assistentin. Mit der Niederschlagung des ungarischen Aufstands gegen die Sowjetunion wurde das alles anders. Heller brach mit dem real existierenden Sozialismus und wurde, natürlich, von der Universität Budapest entlassen.

Heller sah nachträglich den ungarischen Volksaufstand genau so positiv wie ihre ältere Kollegin Hannah Arendt (1905-1976). Selbst wenn sich die beiden großartigen Philosophinnen hier geirrt haben sollten, ist das bemerkenswert. Agnes Heller formulierte eine „Theorie der Bedürfnisse“. Dort heißt es: „Damit stellt die Sowjetgesellschaft den vollständigen Gegensatz zu dem Programm dar, das der frühe Marx einmal entworfen hatte.“ Im jugoslawischen Korcula, wo sich selbständig denkende Marxisten wie Ernst Bloch, Ernest Mandel, Jürgen Habermas und manche andere trafen, wurde der Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 formuliert. Heller kriegte wieder ein Berufsverbot. Dem entzog sie sich 1977 durch eine Berufung auf einen Soziologie-Lehrstuhl in Melbourne. 1986 übernahm sie den Hannah-Arendt-Lehrstuhl an der New York School for Social Research.

Agnes Heller veröffentlichte 2017 „Eine kurze Geschichte meiner Philosophie“, in der sie ihre außerordentlich vielfältige Forschung ziemlich übersichtlich präsentiert. „Ich kam zur Konklusion, dass ich wichtige Probleme unserer Menschenrasse, wenn ich so sagen darf, unserer menschlichen Geschichte, nur aufwerfen kann, aber nicht lösen.“ Mit dem Mauerfall 1989 kehrte Heller nach Budapest zurück, behielt aber ihr New Yorker Appartment. Natürlich stand sie in Opposition zum Regime von Victor Orban, wurde wiederum antisemitisch bedroht. Am 19. Juli schwamm Agnes Heller auf den Balaton (Plattensee) hinaus und kehrte von dort nicht wieder zurück (Ralf Leonhard, taz 22.7.19; Willi Winkler, SZ 22.7.19).