Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2546: Offener Brief gegen die Aberkennung des Nelly-Sachs-Preises

Dienstag, September 24th, 2019

Mehr als 250 internationale Autoren haben in einem offenen Brief die Aberkennung des Nelly-Sachs-Preises an die britisch-pakistanische Autorin

Kamila Shamsie

kritisiert. Zu den Unterzeichnern des Briefs in der „London Review of Books“ gehören Noam Chomsky, Michael Ondaatje, Arundhati Roy, Barbara Ehrenreich, George Saunders, Alexander Kluge und J.M Coetzee. Die Autoren fragen, was ein Literaturpreis bedeute, wenn er das Recht untergrabe, sich für Menschenrechte und Redefreiheit einzusetzen.

Die Autoren zitieren eine Erklärung von vierzig (40) jüdischen Organisationen, laut der es „sowohl dem palästinensischen Kampf für Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit als auch dem globalen Kampf gegen Antisemitismus“ schade, wenn man „antijüdischen Rassismus mit Kritik an Israels Politik“ vermische. Diese Vermischung bewahre Israel davor, sich an den Standards der universellen Menschenrechte und dem Völkerrecht messen zu lassen.

Kamila Shamsie sollte den Nelly-Sachs-Preis für ihre Romane erhalten, weil diese „auf vielfältige Weise Brücken schlagen“. Kurz darauf hatte sich herausgestellt, dass Shamsie die Organisation

„Boycott, Divest & Sanctions“ (BDS)

unterstützt, die im Mai 2019 vom Bundestag als antisemitisch eingestuft wurde. Der nach der jüdischen Lyrikerin und Nobelpreisträgerin Nelly Sachs benannte Preis wird alle zwei Jahre von der Stadt Dortmund verliehen. Laut Satzung soll er Persönlichkeiten würdigen, die „überragende schöpferische Leistzungen auf dem Gebiet des literarischen und geistigen Lebens hervorbringen und die insbesondere eine Verbesserung der kulturellen Beziehungen zwischen den Völkern zum Ziel haben“. (FXS, SZ 24.9.19)

2545: Günter Kunert gestorben

Montag, September 23rd, 2019

Der deutsche Schriftsteller Günter Kunert ist gestorben. 1929 in Berlin geboren schrieb er vor allem Gedichte. Aber auch zwei Romane, Reisebeschreibungen, Essays, Filmdrehbücher und Hörspiele. Die Nazis diffamierten ihn als „Halbjude“ (seine Mutter war Jüdin). Vom Sozialismus der DDR wurde Kunert alsbald enttäuscht (und bespitzelt). 1976 gehörte er zu den Unterzeichnern des Protests gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. 1979 ließ die DDR den unbequemen Dichter in den Westen ausreisen. Er lebte fortan in Kaisbostel (Schlewig-Holstein). 2019 erschien Kunerts DDR-kritischer Roman „Die zweite Frau“. Vor 45 Jahren hatte er das Manuskript versteckt und dann vergessen. Schließlich fand er es im Keller wieder.

Bereits zu Lebzeiten hat Kunert für sich ein Grab auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee gekauft (dpa, SZ 23.9.19).

2544: Brexit: Labour unzuverlässig

Montag, September 23rd, 2019

Der Labour-Vorsitzende Jeremy Corbyn hat auf dem Parteitag in Brighton erklärt, es könne für Großbritannien eventuell besser sein, aus der EU auszutreten. Sollte Labour an die Regierung kommen, werde man einen Deal mit der EU aushandeln und dann diesen Deal zur Abstimmung bringen. In der BBC sagte Corbyn, die Partei werde erst nach Neuwahlen und erfolgreichen Verhandlungen mit Brüssel darüber entscheiden, wofür sie plädiere.

Ja, was denn nun?

Der unzuverlässige, unklare Labour-Kurs beim Brexit geht weiter. Es sind anscheinend nicht nur die Tories, die mit PR-Figuren wie Boris Johnson den Ruf einer der ältesten Demokratien aufs Spiel setzen. In diesem Punkt ist Labour nicht besser. Furchtbar! Das alles schadet dem United Kingdom und der EU.

Viele Labour-Delegierte wollen schon auf dem Parteitag festlegen, dass Labour sich gegen den Brexit ausspricht. Der Vizeparteichef Tom Watson sollte von Corbyn-Vertrauten gestürzt werden. Watson sprach von einem „Anschlag sektiererischer Kreise“. Ein Berater Corbyns trat mit Verweis auf den fehlenden „moralischen Kompass“ der Parteiführung zurück (CK, SZ 23.9.19).

Gott erbarme sich Großbritanniens.

2543: Der Vatikan bekämpft den „synodalen Weg“.

Sonntag, September 22nd, 2019

Mit dem „synodalen Weg“ hat die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) im vergangenen März auf den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche reagiert. Sie will dabei in den nächsten zwei Jahren zusammenarbeiten mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK). Es sollen Themen bearbeitet werden, die in der einen oder anderen Weise den Hintergrund des Missbrauchsskandals bildeten: Macht in der Kirche, Lebensform der Priester, Sexualmoral sowie Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche.

Immer wieder kommt es in der deutschen katholischen Kirche zu ernsthaften Reformvorschlägen und -versuchen. Meistens werden sie vom Vatikan unterbunden. So auch jetzt wieder. Der Präfekt der vatikanischen Kongregation, Marc Kardinal Quellet, hat in einem Brief vom 4. September 2019 darauf verwiesen, dass Papst Franziskus das Vorhaben bereits abgelehnt hat (SZ 14.9.19).

2542: Renate Künast (Grüne) muss sich als „Drecks Fotze“ bezeichnen lassen.

Samstag, September 21st, 2019

Nach Auffassung der 27. Zivilkammer des Landgerichts Berlin (Holger Thiel, Sonja Hurek, Katharina Saar) muss sich die Grünen-Politikerin Renate Künast als „Stück Scheisse“, als „Geisteskranke“ oder als „Drecksschwein“ beschimpfen lassen. Erst „Drecks Fotze“ sei „haarscharf an der Grenze des Hinnehmbaren“. Erlaubt sei sie trotzdem.

Auch wenn wir das Gut der Meinungsäußerungsfreiheit für sehr, sehr wertvoll halten, haben wir für diese Entscheidung kein Verständnis. Es handelt sich anscheinend um ein Lehrstück dafür, wie die sehr liberale Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zur Meinungsfreiheit ins Groteske überdehnt wird (Wolfgang Janisch, SZ 21./22.9.19).

2541: Telekom kauft Übertragungsrechte für Fußball-EM 2024

Samstag, September 21st, 2019

Die Telekom kauft die Live-Übertragungsrechte für die Fußball-EM 2024 in Deutschland. Dabei geht es um alle 51 Spiele. Auch das Recht auf die ersten Zusammenfassungen liegt bei der Telekom. Damit gehen die Öffentlich-Rechtlichen erstmals leer aus (FAZ 21.9.19).

2540: Seehofers Kehrtwende

Freitag, September 20th, 2019

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) findet es „unglaublich“, dass er sich für die Rettung von Menschen im Mittelmeer vor dem Ertrinken rechtfertigen soll. Er reagiert damit auf Vorwürfe, bei der Aufnahme aus Seenot Geretteter zu großzügig zu sein. Das war auch bei Seehofer vor kurzem noch ganz anders, als er Angela Merkel (CDU) bekämpfte. Seine aktuelle Kehrtwende geht in die richtige Richtung, nämlich hin zur Menschlichkeit. Das ist richtig, Minister Seehofer.

In der CSU hat es immer Meister der Kehrtwende gegeben. Jetzt ist es Ministerpräsident Markus Söder, der plötzlich so grün erscheinen will wie Klimaretter. Auch das geht in die richtige Richtung. Es dient der Rettung der Welt.

Horst Seehofer geht es wohl auch um sein Image. Er will nicht als destruktiv erscheinen. Das können wir einem Politiker nachsehen (Robert Rossmann, SZ 20.9.19).

2539: Höcke (AfD) bricht interview ab.

Dienstag, September 17th, 2019

Nach den Migranten sind die Medien die Hauptgegner der AfD („Lügenpresse“). Das ist gerade in den ostdeutschen Bundesländern bizarr, wo es bis 1989 nur Propagandamedien („Propaganda, Agitation und Organisation“) gab. Und die Partei hat immer wieder Probleme mit dem freien Journalismus. So der Frontmann des „Flügels“, Björn Höcke. Ein Interview für die ZDF-Reihe „Berlin direkt“ hat er abgebrochen und dann dem Interviewer gedroht. „Ich kann Ihnen sagen, dass das massive Konsequenzen hat.“ Höcke wird im Interview zunächst gefragt, welche Anleihen es in seiner Sprache bei der NS-Terminologie gebe. Höcke erklärt sich wortreich, bis sein Pressesprecher eingreift und eine Wiederholung der Aufzeichnung verlangt. Dann bricht Höcke ab.

Dass Politiker mit dem Verlauf von Interviews nicht einverstanden sind, kommt immer wieder vor. 2017 verließ Wolfgang Bosbach (CDU) die Sendung „Maischberger“, im gleichen Jahr Alice Weidel (AfD) den „Wahltalk“. Helmut Kohl gab „Spiegel“ und „Stern“ keine Interviews. Etc.

Das ZDF hat das Interview-Fragment veröffentlicht (Elisa Britzelmeier/Jens Schneider SZ 17.9.19).

2538: Harald Schmidt ist weder bei Facebook noch bei Instagram.

Dienstag, September 17th, 2019

Der Fernsehunterhalter Harald Schmidt ist seit langem nicht mehr im Programm. Ich wünsche ihn mir, aber dafür gibt es wohl keinen Markt mehr. Schmidt ist seit mehr als zehn Jahren Schirmherr der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Eva Schläfer hat ihn (FAS 15.9.19) nach dem Einfluss neuer sozialer Medien auf solche Krankheiten befragt.

FAS: Schlimme Geschehnisse, aber auch teilweise ganz banale Ereignisse führen heute vor allem durch die Anonymität des Internets dazu, dass manche Menschen Hemmschwellen überschreiten und andere beschimpfen. Denken Sie, dass solche Hasstiraden Menschen krank machen?

Schmidt: Wissen Sie, was wunderbar ist? Das bekomme ich null mit, weil ich keine Sekunde in diesen Foren verbringe. Für mich ist das absolut nicht präsent. Ich bin weder bei Facebook noch bei Instagram, ich bin  nirgends. Diese ganzen sozialen Medien rauschen vollständig an mir vorbei.

2537: „Weltspiegel“ vorziehen ?

Montag, September 16th, 2019

Vor der ARD-Hauptversammlung haben sich über hundert Auslandskorrespondenten der ARD und weitere Journalisten der Sender in einem Brief an ihre Intendanten gewandt. Sie protestieren dagegen, dass geplant ist, den „Weltspiegel“ sonntags zeitlich vorzuziehen, damit Sport vor der Tagesschau übertragen werden kann (FAZ 14.9.19). Gerade in Zeiten von Fake News und simplen Binsenweisheiten sollten Sendungen wie „Bericht aus Berlin“ und „Weltspiegel“ gestärkt werden und nicht marginalisiert. Schon vor einigen Jahren hätten die Politikmagazine (Monitor, Report München, Report Baden-Baden, Panorama, Fakt, Kontraste, Frontal und andere) zugunsten von Unterhaltung schlechtere Sendeplätze bekommen. Der Deutsche Journalistenverband (DJV) schloss sich der Kritik an. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Ralf Stockmann und ich haben Ähnliches herausgefunden: Zur Auslandsberichterstattung von „Weltspiegel“ und „Auslandsjournal“. In: Siegfried Quandt/Wolfgang Gast (Hrsg.): Deutschland im Dialog der Kulturen. Medien – Images – Verständigung. Schriftenreihe der DGPuK, Band 25, Konstanz 1998, S. 73-87.