Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2578: Juan Moreno: „Tausend Zeilen Lüge“

Mittwoch, Oktober 16th, 2019

Der freie „Spiegel“-Mitarbeiter Juan Moreno (47) analysiert in seinem Buch, wie es dazu kommen konnte, dass der Reporter Claas Relotius über Jahre so vielfältig gefälschte Beiträge im „Spiegel“ unterbringen konnte:

Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus.  Berlin (Rowohlt) 2019, 285 Seiten.

Das Buch hat 18 Kapitel, denen je ein Motto vorangestellt ist, das sich meistens direkt auf den Konflikt um Relotius bezieht. So schreibt „Spiegel“-Chefredakteur Steffen Klusmann vor der Einleitung (S. 22): „Worauf ich häufig angesprochen werde: das Buch, das Juan schreiben wird. Ich kann und will ihm das nicht verbieten (er ist freier Mitarbeiter), und ich will das auch gar nicht. Ein Buch über den Fall wird es so oder so geben. Und da ist es mir lieber, es schreibt einer, der wirklich nah dran war, und nicht irgendein Honk.“

Juan Moreno hat den Fall des Fälschers Claas Relotius ziemlich allein aufgeklärt. Gegen den „Spiegel“, insbesondere gegen die Ressorts „Dokumentation“ und „Gesellschaft“. Die Chefs der „Gesellschaft“ waren seinerzeit Ullrich Fichtner und Matthias Geyer. Die sind mittlerweile weg. Auch der Chef der Dokumentation und der zuständige Sachbearbeiter haben das Blatt verlassen. Der Grund für die Schwierigkeiten lag darin, dass Relotius im Hause so überaus beliebt war, ein „Jahrunderttalent“ (S. 31). Er galt als bescheiden, zurückhaltend, sachbezogen. So hat ihn auch Moreno erlebt. Aber er war nur ein Hochstapler und raffinierter Fälscher. Das zog sich über Jahre. Mehr als fünfzig Relotius-Beiträge waren ganz oder in Teilen gefälscht. Meist begnügte sich der Reporter mit der Vorrecherche, um dann im journalistischen Kämmerlein um so süffiger zu formulieren. Das, was die Leser lesen wollten (heute Blase genannt).

Moreno schreibt dazu: „Ob es nur eine Frage der Zeit war, bis er aufgeflogen wäre? Ich bin davon nicht überzeugt. Claas Relotius stand wie gesagt kurz davor, Ressortleiter zu werden.“ (S. 223).

Verständlicherweise wird viel darüber nachgedacht, ob die Gattung der „Reportage“ anfällig ist für Hochstapler, „Menschenfänger“ (S. 245) und Betrüger. Das tut auch Moreno. Dabei wissen wir doch seit Egon Erwin Kisch (1885-1948) („Schreib das auf, Kisch!“), dass jede Art von Information im Kern Werbung ist und dass Kisch nicht etwa die Wirklichkeit beschrieben hat, sondern lange und intensiv an seinen Texten feilte. Jede journalistische Auswahl ist Parteinahme. Das besagt noch lange nicht, dass das System des westlichen Journalismus falsch ist mit der Objektivitätsforderung an Nachrichten und der Trennung von Nachricht und Meinung. Die Alternative sind Agitation und Propaganda (Lenin).

Wir wissen auch, dass in Zeiten zurückgehender verkaufter Auflagen und Werbeerlöse selbst  ein heute immer noch mächtiges Blatt wie „Der Spiegel“ an Verkaufsförderung (S. 260) denken muss. An gut lesbare Geschichten. Die trotzdem wahr erscheinen. Das alles hat die Fälschungen von Relotius befördert. Und das Publikum tut so, als sei es ausschließlich an der Wahrheit interessiert, fährt aber auf gefälschte Geschichten ab. Moreno hält trotzdem an den üblichen journalistischen Grundsätzen fest und bekennt sich als Fan der Reportage. Muss er das?

Was die Problemlage verschärft, sind die unzähligen Journalistenpreise in Deutschland. Über 500 sollen es sein. Sie bringen den Trend zu gefälligen, passenden, letztlich beruhigenden Geschichten, die unsere Vorurteile bestätigen, mit sich. Wir schauen jetzt vorsichtshalber nicht, wer in den einschlägigen Jurys saß. Elke Heidenreich (76) hat gerade mitgeteilt, dass sie Journalistenpreise ablehnt und deswegen nie in einer Jury war.

Moreno schreibt: „Die Verbreitung der Falschmeldungen wird durch Algorithmen und sogenannte Bots unterstützt. Mit anderen Worten: Propaganda im digitalisierten Zeitalter. Das Phänomen ist nicht neu. Hannah Arendt schrieb, dass der ‚Faschismus der alten Kunst zu lügen gewissermaßen eine neue Variante hinzugefügt hat – die teuflischste Variante, die man sich denken kann – nämlich: das Wahrlügen.'“ (S. 272) Das gilt um so mehr in einer Zeit, in der Menschen wie Donald Trump und Boris Johnson die Agenda bestimmen.

Deswegen brauchen wir heute mehr als je zuvor im Journalismus Typen, die sich von den Verlockungen der Fake-News nicht verleiten lassen. Die so „grau“ sind wie die Welt, so schreibt es Moreno, weder schwarz noch weiß (S. 36). Und er nennt deutsche Beispiele von seriösem Journalismus: „Süddeutsche Zeitung“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Das trifft zu. Aber wir wissen, das auch sie schon von Fälschungen betroffen waren. Wir denken außerdem an die „Hitler-Tagebücher“ („Stern“ 1983) und Tom Kummer (2000). An dieser Stelle kann unser Problembewusstsein gar nicht hoch genug sein. Damit Claas Relotius als „Problem“ des schwierigen zeitgenössischen Journalismus gesehen wird und nicht als dessen „Lösung“ (S. 281). Juan Moreno hat dazu einen faktengesättigten Beitrag geleistet. Einen nicht unbedingt wissenschaftlichen, aber einen geeigneten.

„Ein Kollege im ‚Spiegel‘ erreichte Relotius einige Monate nach dem Ende des Skandals. Relotius behauptete, dass er gerade in einer Klinik in Süddeutschland sei. In Behandlung. Ihm werde da geholfen. Die Ärzte würden Fortschritte sehen. Es sei ihm immer nur darum gegangen, die Kollegen, seine Freunde, nicht zu enttäuschen. Das sei das Wichtigste überhaupt. Tags darauf traf dieser Kollege eine ‚Spiegel‘-Sekretärin. Die Frau hatte Relotius gerade auf dem Fahrrad gesehen. In Hamburg.“ (S. 284 f.)

2577: „Ich habe das Getto überlebt.“

Montag, Oktober 14th, 2019

Der US-amerikanische Schriftsteller

Louis Begley

(geboren 1933 als Ludwik Begleiter in Polen) ist bei uns durch den Roman „Lügen in Zeiten des Krieges“ (1991, dt. 1994) bekannt, ich schätze ihn sehr. Außerdem durch seine Romane über den pensionierten Rechtsanwalt Schmidt („About Schmidt“ u.a.). Als Bürger nimmt Begley kein Blatt vor den Mund. So hat er 2006 in die Debatte eingegriffen, die Günter Grass durch sein Bekenntnis hervorgerufen hatte, in der Waffen-SS gewesen zu sein. Und zwar durch die Bemerkung, auch er, Begley, sei an der Ostfront gewesen, aber „nicht als Soldat, sondern als Tier, das zur Jagd freigegeben war und umgebracht werden sollte“ (hier zit. nach W.S.: Deutsche Diskurse. Hamburg 2009, S. 180).

Nun veröffentlicht die FAS (13.10.19) im „Feuilleton Spezial“ unter dem Titel „Ich habe das Getto überlebt“ ein Betrachtung Begleys über Deutschland:

„… Was nehme ich stattdessen wahr? Eine Nation, die durch ein Zusammenwirken mehrerer Faktoren – vor allem das visionäre Werk der großen Staatsmänner Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, die durch den Kalten Krieg entstandene geopolitische Lage, die außergewöhnlichen Anstrengungen der Deutschen, die mit aller Kraft am Wiederaufbau ihres Landes arbeiteten – ihre Stellung als eine der drei führenden europoäischen Mächte wiedergewann und zu einer treibenden Kraft wurde, der die lang anhaltende Periode von wirklichem, allerdings ungerecht verteilten wirtschaftlichem Fortschritt und Wohlstand weitgehend zu verdanken ist.

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist für mich das Gesicht dieses neuen guten Deutschlands, eines Landes, das seinen noblen humanistischen Traditionen treu blieb, und ihr Lebensweg ist in meinen Augen zugleich Beweis und Symbol für die im Wesentlichen erfolgreiche deutsche Wiedervereinigung. Frau Merkel hat man vorgeworfen, dass sie 2015 Deutschlands Grenzen für eine übermäßig hohe Zahl von Flüchtlingen, vor allem aus Afghanistan, dem Irak und Syrien, öffnete, eine Entscheidung, die, so sagte sie, wegen der außergewöhnlichen Umstände des Krieges und der humanitären Katastrophe in diesen Ländern zwingend war. Konfrontiert mit barscher Kritik, erwiderte sie, alle die wichtigen Entscheidungen von 2015 würde sie wieder treffen. Ich unterschätze weder die extremen Schwierigkeiten, die mit der Aufnahme von über einer Million Flüchtlingen in die deutsche Gesellschaft verbunden sind, noch die Gefahr, die der Machtgewinn der AfD darstellt, einer Partei, die vom Fremdenhass jener Deutschen profitiert, die sich vom generellen wirtschaftlichen und sozialen Wohlstand des Landes ausgeschlossen fühlen. Dennoch bin ich überzeugt, dass dieses Land auch in Zukunft noch lange auf die verlässliche moralische Qualität von Frau Merkels Führungsstil stolz sein kann.“

Ich bin der gleichen Meinung.

2576: Das dominante Paar: Marcel Reich-Ranicki und Günter Grass

Sonntag, Oktober 13th, 2019

Als 2006 Volker Weidermanns „Lichtjahre. Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute.“ erschien, war ich als Nicht-Literaturwissenschaftler begeistert wegen Weidermanns analytischem Zugriff und seiner Beschreibungsfähigkeit. Mit „Ostende“ (2014) ist ihm dann nochmals so ein Coup gelungen. Von seinen vielen weiteren Veröffentlichungen habe ich bei weitem nicht alle gelesen. Nun ist er auch noch der Chef des „Literarischen Quartetts“ und formt dieses Format nach seinen Vorstellungen. Erfolg über Erfolg. Das ruft natürlich Neider auf den Plan. Fast habe ich den Eindruck, dass davon sogar die Rezensionen zu Weidermanns

„Das Duell. Die Geschichte von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki“. Köln 2019, 310 S., 22,70 Euro,

teilweise bestimmt sind. Gut, das übergehe ich dann.

Die Geschichte der beiden Antipoden ist weithin bekannt. Vom ersten Treffen im Hotel „Bristol“ in Warschau 1958 bis zum Tod Reich-Ranickis (2013, Grass starb 2015). Mit Höhepunkten wie der ersten und später revidierten Rezension zu Grass‘ „Blechtrommel“ (1960) oder dem Titel-Cover des „Spiegels“ 1995 zu „Ein weites Feld“. Und noch vieles mehr. Weidermann weiß das alles auch und beschriebt es sehr leserfreundlich. Das kann man ihm ja kaum vorwerfen. Der polnische Jude, der das Warschauer Ghetto überlebt hat (worüber er in „Mein Leben“ 1999 so ergreifend geschrieben hat), und der junge Deutsche, der sich kurz vor Kriegsende zur Waffen-SS gemeldet hat, sind aufeinandergeprallt. Der eine war der wichtigste Literaturkritiker in Deutschland, der andere der Großschriftsteller.

Beide waren sehr politische Autoren. Günter Grass, auf dessen politisch-analytische Unfähigkeit ich noch zu sprechen komme, hat Willy Brandt unterstützt. So gut es eben ging in jenen Zeiten. Aber nicht ganz ohne Erfolg. Er hat einmal immerhin über sich gesagt: „Es spricht nichts (oder nur Gewünschtes) gegen meine zielstrebige Entwicklung zum überzeugten Nationalsozialisten.“

Über Marcel Reich-Ranicki hat Gustav Seibt (SZ 18.9.19) geschrieben: „Als Kritiker ließ Reich-Ranicki Autoren wie Arno Schmidt, Hans Magnus Enzensberger, Heimito von Doderer, Ernst Jünger, später Thomas Bernhard, Peter Hacks, Heiner Müller so gut wie unbeachtet, er lehnte Peter Handke und Botho Strauß rundheraus ab. Der Literaturchef bewegte sich in einem streng abgezirkelten Gebiet.“ Dass er Martin Walser, der ihm den „Tod eines Kritikers“ (2002) widmete, nicht besonders mochte, verstehen wir. Walser kommt in Weidermanns Buch aber zu kurz. Ich (W.S.) persönlich schätzte Reich-Ranicki gerade deswegen so sehr, weil er klare Urteile fällte, deren Begründung ich nachvollziehen konnte. Es waren starke Urteile, bei denen sich der Kritiker nicht darum scherte, wer sich deshalb nun wieder auf den Schlips getreten fühlte oder hätte fühlen können.

Tilman Krause  meint in seiner Rezension zu Weidermann (Die literarische Welt 12.10.19), er sei mit seinen 50 Jahren eventuell zu jung, um die intellektuellen und emotionalen Parameter nachvollziehen zu können, die in Deutschland mindestens bis zur Wiedervereinigung galten. Davon kann keine Rede sein. Krause arbeitet aber überzeugend heraus, dass es drei Publikationen sind, die Grass‘ literarischen Rang ausmachen:

der Roman „Die Blechtrommel“ (1959), die Novelle „Katz und Maus“ (1961) und die „historische Fantasie“ „Treffen in Telgte“ (1979).

Damit liegt er vollkommen richtig.

Günter Grass hat bekanntlich die Wiedervereinigung abgelehnt. Dazu hat Marcel Reich-Ranicki geschrieben: „Ich halte diese Verbindung von Auschwitz-Gedenken und Bedenken gegen die Wiedervereinigung für absoluten Unsinn. Diese Äußerungen gehören zu den vielen politischen Dummheiten, die wir von Grass zu hören bekommen haben.“

Volker Weidermann schreibt in seinem Buch (S. 275) klarsichtig über den Literaturnobelpreis für Günter Grass 1999 und ein „Spiegel“-Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki: „In diesem Gespräch, das im ‚Spiegel‘ am 4. Oktober 1999 erscheint, erklärt er auch, warum er sich so besonders freut, dass Grass diesen Preis bekommt. Deutschland sei einfach mal wieder dran gewesen mit einem Nobelpreis, …, und nun solle man sich mal vorstellen, Martin Walser wäre der Preis zugefallen: ‚Das wäre ein schwerer Schlag für mich. Oder gar dem dümmlichen Peter Handke! Eine Katastrophe.'“

 

2575: Kritik an Handke: „Apologet des Genozids“

Samstag, Oktober 12th, 2019

Nach der Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke ist dieser, wie nicht anders zu erwarten, politisch scharf kritisiert worden. Hauptsächlich in britischen Medien („Daily Telegraph“, „The Guardian“, „Times“). Im Tenor wird er wegen seiner Parteinahme für Serbien und Milosevic gesehen als „Apologet des Genozids“. Das ist nicht falsch. Salman Rushdie, der gerade den „Welt“-Literaturpreis bekommen hat, hatte PeterHandke 1999  für den Titel „Idiot des Jahres“ nominiert.

Die Präsidentin des PEN America, Jennifer Egan, schreibt: „Wir lehnen die Entscheidung ab, dass ein Schriftsteller, der hartnäckig gut dokumentierte Kriegsverbrechen in Frage gestellt hat, es verdient hat, für seinen sprachlichen Einfallsreichtum gefeiert zu werden. Zu einem Zeitpunkt, in dem Nationalismus, autokratischer Führungsstil und weitverbreitete Desinformation im Aufschwung sind, hat das literarische Leben Besseres verdient.“

Der deutsche Schriftsteller Sasha Stanisic, der als Kind mit seinen Eltern den Massakern von Visegrad entkommen ist, schreibt, der Nobelpreis an Handke sei ein „weiteres Signal – Geschichte ist uns egal. Sollen andere Generationen verarbeiten. Wir belohnen Adjektive.“ (G.T., FAZ 12.10.19; Marie Schmidt/Thomas Urban, SZ 12./13.10.19)

Die Kritik ist legitim. Würden wir uns auf den Standpunkt stellen, Politik dürfe bei literarischen Preisverleihungen keine Rolle spielen, wären wir auf dem Stand von unpolitischen Glasperlenspielen stehen geblieben.

2574: Literaturnobelpreis für Peter Handke

Freitag, Oktober 11th, 2019

Mit dem Literaturnobelpreis 2019 für den österreichischen Schriftsteller Peter Handke (geb. 1942) haben wohl nicht mehr viele gerechnet. Der große Einzelgänger und lebenslängliche Sprachkritiker hatte sich auf seinem literarischen und politischen Weg viele Feinde gemacht. Marcel Reich-Ranicki (1920-2013) lehnte ihn ab. Seinen Durchbruch hatte Handke 1966 auf der berüchtigten Princeton-Tagung der Gruppe 47. Dort bezichtigte er die vielen anwesenden Obergefreiten und Angehörigen der Waffen SS der „Beschreibungsimpotenz“. Seine „Publikumsbeschimpfung“ kam im gleichen Jahr heraus. Handke scheute das Außenseitertum nicht und leistete sich politische Fehlurteile wie im Fall Serbiens und Milosevics. Er hat ein umfangreiches Werk hinterlassen, das sowohl Romane umfasst wie Gedichte, Theaterstücke und Filmdrehbücher.

Viele seiner Titel sind sehr eindrücklich und bleiben lange im Gedächtnis, manche gingen in unsere Umgangssprache ein: „Publikumsbeschimpfung“ (1966), „Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“ (1969), „Das Mündel will Vormund sein“ (1969), „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ (1970), „Der kurze Brief zum langen Abschied“ (1972), „Wunschloses Unglück“ (1972), „Falsche Bewegung“ (1975), „Die linkshändige Frau“ (1977), „Die langsame Heimkehr“ (1979), „Kindergeschichte“ (1981), „Der Chinese des Schmerzes“ (1983), „Versuch über die Jukebox“ (1990), „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ (1994).

Trotz seiner starken Persönlichkeit gelang Peter Handke die künstlerische Zusammenarbeit mit großen Kollegen: dem Theatermann Claus Peymann, dem Filmregisseur Wim Wenders, dem Theaterregisseur Luc Bondy. Die Literaturnobelpreisträgerin Elfried Jelinek schreibt über Handke: „Er ist ein Meister, ein lebender Klassiker.“ Handke hatte ein sehr bewegtes Privatleben, um das ihn gewiss manche Spießer beneiden (ich nenne hier nur die Schauspielerinnen Jeanne Moreau, Marie Colbin und Katja Flint). In der „Kindergeschichte“ von 1981 hat Handke beschrieben, wie er seine erste Tochter, Amina, aufgezogen hat, ein Buch, das mich stark beeindruckt.

Thomas Steinfeld schreibt über Peter Handke (SZ 11.10.19): „Als John Updike den Roman ‚Die langsame Heimkehr‘ (1979) rezensierte, lobte er die ‚messerscharfe Klarheit‘, die Handke bei der Beschreibung von Gefühlen an den Tag lege. Die Bücher W.G. Sebalds sind ohne die Sprachschule von Peter Handke nicht vorstellbar. Und Karl Ove Knausgard bewundert Peter Handke so sehr, dass er nicht nur dessen Verleger in Norwegen wurde, sondern auch die Laudatio hielt, als Peter Handke 2014 den Ibsen-Preis bekam. In einer Welt, die voller Gewissheiten sei, sagte Karl Ove Knausgard bei dieser Gelegenheit, erinnere Peter Handke uns daran, dass nichts offensichtlich sei: ‚Er besteht auf den Details, auf den kleinen Ereignissen, die unbedeutend erscheinen, die aber alles ändern, was man zu wissen meint.'“

2573: Die Grenzen der Meinungsfreiheit

Donnerstag, Oktober 10th, 2019

Das Bundesverfassungsgericht hat in seiner wegweisenden Rechtsprechung stets eine Linie verfolgt, welche die Meinungsfreiheit ganz hoch handelt, sehr hoch. Es folgt damit einem Diskursparadigma, das darin besteht, dass eine robuste Auseinandersetzung besser ist als obrigkeitsstaatliche Repression. Möglicherweise stammt die einschlägige Rechtsprechung aber noch aus der guten alten Zeit vor dem Internet. Angesichts der Rechtsprechung des Landgerichts Berlin, nach der man Renate Künast (Grüne) eine „Drecksfotze“ nennen darf, werden nun Überlegungen angestellt, wie die Meinungsfreiheit unter den Bedingungen der sozialen Medien neu und besser formuliert werden kann.

1. Eine Schmähkritik ist die einzige vollständig verbotene Kritik, die „in jedem denkbaren Sachzusammenhang als bloße Herabsetzung des Betroffenen erscheint und daher unabhängig von ihrem konkreten Kontext stets als persönlich diffamierende Schmähung aufgefasst werden muss, wie dies möglicherweise bei der Verwendung besonders schwerwiegender Schimpfwörter – etwa aus der Fäkalsprache – der Fall sein kann“.

2. Die Bezeichnung „Dummschwätzer“ kann infolgedessen eine Schmähkritik sein. Oder auch nicht, wenn damit „dumme Aussagen“ gemeint sind.

3. So wie man im Straßenverkehr ein klein wenig zu schnell fahren darf, so darf man auch ein bisschen zu wüst formulieren. Sonst würden zu viele Menschen gleich ganz den Mund halten.

4. Die wissenschaftliche Konfliktforschung hat festgestellt, dass in der Zeit der sozialen Medien die Herabwürdigung von Personen des öffentlichen Lebens durch gezielte Kampagnen zum politischen Kampfinstrument regelrechter Hassgemeinschaften geworden ist.

5. Im Netz haben sich Gruppen zusammengefunden, die gar keinen Diskurs führen wollen. Sie wollen die demokratische Debatte zerstören.

6. „Gerade bei Hassbotschaften im Internet besteht auf Grund der Breitenwirkung von Angriffen zunehmend eher die Gefahr, dass der demokratische Prozess durch einen Overkill an kommunikativer Aggression beeinträchtigt wird.“

7. „Hassrede hat gesundheitliche, psychische und soziale Wirkungen, die aus Mangel an Wissen darüber in Gerichtsverfahren schlichtweg übersehen werden.“

8. Journalisten werden regelmäßig mit verbalen Angriffen verfolgt.

9. Über die Behandlung von Anonymität im Netz kann nur das Bundesverfassungsgericht selbst verbindliche Auskunft geben.

10. „Seine großen und leider zu seltenen mündlichen Verhandlungen sind oft Lehrstunden für die Republik gewesen.“ (Wolfgang Janisch, SZ 10.10.19)

2572: Emil Nolde – ein großer Künstler und ein übler Nazi

Mittwoch, Oktober 9th, 2019

Den Maler Emil Nolde (1867-1956) hatte ich schon auf der Schule kennengelernt und war begeistert von der Leuchtkraft seiner Bilder. Ich habe ihn nie aus meinem Kopf verloren. 1960 habe ich ihn auf einer Radtour nach Dänemark in Seebüll noch besser kennengelernt. Ich halte ihn auch heute noch für einen der größten Künstler des letzten Jahrhunderts. 1968 brachte Siegfried Lenz (1926-2014) seinen Roman „Deutschstunde“ heraus, der sich vage mit Noldes Leben in Nordfriesland auseinandersetzt. Aber nicht vollständig und systematisch auf der Basis historischer Quellen. Das verfilmte Peter Beauvais 1971 mit Wolfgang Büttner als Maler Nansen (Emil Nolde) und Arno Assmann als Polizist Jepsen. Ein sehr sehenswerter und gelungener Fernseh-Film, der mir heute noch relativ klar vor Augen steht.

In den letzten Jahren hatten meine Frau und ich das Glück, mehrmals im Berliner Noldemuseum in der Jägerstraße Nolde weiter verfolgen zu können. Viele von Noldes Bildern hatten die Nazis als „entartet“ eingestuft und verboten. Nolde war einer der Hauptprotagonisten in der Nazi-Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 in München. Nun bringt Christian Schwochow einen neuen „Deutschstunde“-Film heraus. Mit Tobias Moretti als Nansen (Nolde) und Ulrich Noethen als Jepsen. Der Film wurde sehr gelobt. Ich habe ihn noch nicht gesehen, aber ich hoffe, dass er dem letzten wissenschaftlichen Erkenntnisstand gerecht wird. Der besteht ja bedauerlicherweise darin, dass eine Nolde-Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin (12.4.-15.9.2019) gezeigt hat, dass Emil Nolde ein übler Antisemit und Nazi gewesen ist.  Die Schauspieler sind dazu fähig. Moretti hatte etwa in Oskar Roehlers „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ überzeugend den Ferdinand Marian gegeben, der von Goebbels gezwungen worden war, in Veit Harlans „Jud Süß“ (1940) den Juden zu geben.

2571: Die DDR war ein Unrechtsstaat.

Mittwoch, Oktober 9th, 2019

Cerstin Gammelin (SZ 9.10.19) kritisiert scharf die Versuche der mecklenburg-vorpommerschen Ministerpräsidentin (SPD) und des thüringischen Ministerpräsidenten (Linke), für die DDR den Begriff Unrechtsstaat zu vermeiden:

„Es ist gefährlich, wenn sich Politiker jetzt daran machen, die Definition des Begriffs Unrechtsstaat, der auf die DDR damals zutraf, an die heutigen Bedürfnisse anzupassen. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) und Manuela Schwesig (SPD), Regierungschefin in Mecklenburg-Vorpommern, werfen sich mit heroischer Geste vor ihre ostdeutschen Landsleute und lehnen den Begriff Unrechtsstaat für die DDR ab. Man kann darüber nur staunen. Glauben sie wirklich, dass sie mit dieser absurden Beschützergeste den Bürgern im Osten helfen, ja neue Wähler gewinnen?“

Im Osten habe eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem real existierenden Sozialismus nie stattgefunden.

„Es liegt auch an diesem Versäumnis, dass der AfD im Osten das Unfassbare gelungen ist, die friedliche Revolution teilweise für sich zu kapern. Wer nur gelernt hat, in radikalen Strukturen zu denken, der schwenkt eher von ganz links nach ganz rechts als zur demokratischen Mitte. Man beschmutzt also nicht die Bürger im Osten, wenn man die DDR einen Unrechtsstaat nennt.“

 

2569: Wohin führt Chinas Weg ?

Mittwoch, Oktober 9th, 2019

1. Als die chinesischen Kommunisten 1949 den bürgerlichen Kuomintang (Tschiang Kai Chek regierte später in Taiwan) endgültig militärisch besiegt hatten (70. Geburtstag der Volksrepublik), versuchte Mao, den wahren Kommunismus zu schaffen. Er hatte später einige Fans beim SDS und in den siebziger Jahren bei den K-Gruppen.

2. Seine durch und durch grausame Politik bestand in der Durchführung von Kampagnen. Der „große Sprung vorwärts“ (1958-1962) brachte eine Hungersnot mit 36 Millionen Toten. „Die große proletarische Kulturrevolution“ (1966) kostete 2 Millionen Menschen das Leben und traumatisierte 30 Millionen politisch Verfolgte.

3. Besser wurde es erst nach Maos Tod 1976 unter Deng Hsiao Ping. Der verordnete den Chinesen Pragmatismus. Sie sollten ausprobieren, was wirtschaftlich ging. Das hat funktioniert. Wir haben in China den einzigen Staat, in dem eine brutale kommunistische Diktatur gemeinsam mit einem Kapitalismus funktioniert, der allerdings ökologisch kaum kontrolliert ist.

4. Die Wirtschaftskraft der größten Handelsmacht ist heute 170 mal so hoch wie 1949.

5. Soziale Gerechtigkeit gibt es dort nicht. Dengs Parole war „Lasst erst einige reich werden.“

6. Das Land ist heute völlig entideologisiert. Der Konfuzianismus und traditionelle chinesische Religionen sind tot, neue Wertvorstellungen fehlen.

7. Behinderte, Kranke und Alte werden nur von ihren Familien versorgt.

8. Die chinesische KP hat deshalb so viele Mitglieder, weil die Chinesen aus Karrieregründen der Partei beitreten.

9. Will China die westlichen Industriestaaten überholen, muss es in Bildung und Forschung investieren. Das ist politisch nicht ganz ungefährlich.

10. Die Forderung nach Demokratie und Mitbestimmung gibt es bisher erst in Honkong.

(Felix Lee, taz 28./29.9.19)

2568: Der nette Nazi von nebenan

Dienstag, Oktober 8th, 2019

Die Landflucht bringt es mit sich, dass es in Deutschland auf dem Land immer mehr freie Flächen, leerstehende Bauernhöfe und Häuser gibt. Da ziehen auch Nazis hin, „Identitäre“ und rechte Ökologen. Das belegen Andrea Röpke und Andreas Speit in ihrem Buch

„Völkische Landnahme. Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos“. Berlin (Christoph Links) 2019, 208 S., 18 Euro.

Wie viele es sind, ist dort nicht geklärt. Dafür aber, dass es ihnen um „politische Raumgewinnung für antiemanzipatorische und antihumanistische Ressentiments“ geht. Sie denken nicht von Wahlperiode zu Wahlperiode, „sondern in viel größeren Zeiträumen. Es geht ihnen um eine nachhaltige politische Wende.“ Aufgeräumt wird mit dem Vorurteil, dass es einen Widerspruch gebe zwischen Rechtsextremismus und ökologischer Lebenseinstellung. Schon bei den Nazis haben Natur-, Umwelt- und Heimatschutz eine sehr große Rolle gespielt.

„Wenn völkische Siedler Bauernhöfe in ländlicher Region kaufen, Vieh artgerecht und ökologisch halten, sich in der Gemeinschaft nützlich machen, Schulen aufbauen und sich aktiv in Elternvertretungen, im Waldschutz und in Umweltinitiativen engagieren, schlüpfen sie also keineswegs in den Schafspelz, um andere zu täuschen, sie leben vielmehr eine der Blut- und Bodentradition und völkischem Brauchtum verbundene Einstellung.“

Und plötzlich wohnen freundliche Nazis in unserer Nachbarschaft. Sie sind hilfsbereit und kümmern sich um Alte. Sie wenden sich gegen „Überfremdung“. Das wirkt vielleicht anfangs noch harmlos und unverfänglich, ist aber dem höheren Ziel der rassischen Gesellschaft untergeordnet. Kunst, Literatur, Musik und Theater gelten ihnen als „kulturelle Mittel zur völkischen Platzgewinnung im vorpolitischen Raum“. Sie nehmen an Veranstaltungen von Pegida und AfD teil. Es ist bisweilen von einer „Rückeroberung“ die Rede. Und es gibt den Hinweis, dass leere Gehöfte und örtliche Kameradschaften vorrätig seien und dass es nur einer Führung bedürfe (Angelika Benz, SZ 7.10.19).