Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2588: Antisemitismus – nüchtern betrachtet

Mittwoch, Oktober 23rd, 2019

Die antisemitischen Gewalttaten sind furchtbar. Überall. Weltweit. Für uns war Halle der letzte große Anschlag. Aber es kann jederzeit wieder passieren. Bei dem allgemeinen Bedauern darüber ist eine große Portion

Heuchelei

dabei. Wie immer. Der Antisemitismus in Deutschland nach 1945 hat immer Ausmaße von 20 bis 40 Prozent gehabt. Für die DDR gibt es keine verlässlichen Zahlen. Die Westdeutschen wussten immer, dass sie ihren Antisemitismus am besten verschwiegen. Ich habe bei vielen von ihnen Versatzstücke aus den Filmen „Jud Süß“ (1940) von Veit Harlan und „Der ewige Jude“ (1940) von Fritz Hippler erlebt. Reine Propagandastreifen der Nazis. Der Holocaust mit sechs Millionen Getöteten war in seiner mörderischen Schlüssigkeit einmalig.

Insofern war es doch vollkommen verständlich, dass viele Juden nach 1945 sagten, nach Deutschland kommen wir nie mehr. Aber das darf man als Nicht-Jude nicht sagen, weil es den Verdacht hervorruft, dass man sich über die Nicht-Anwesenheit von Juden in Deutschland freuen würde.

Nach 1945 kamen viele Juden als Displaced Persons nicht aus Deutschland raus. Manche arrangierten sich mit dem Land, in dem die sozialpolitischen Verhältnisse bald besser waren als anderswo. Das zu sagen, ist wiederum politisch nicht korrekt.

Der Antisemitismus ist nicht nur wegen des Holocaust der Kern der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland, sondern auch weil er funktioniert wie eine Verschwörungstheorie. Wenn es um irgendeines der vielen Grundübel der Menschen geht, wird sogleich ein geheimes Zentrum davon angenommen. Wer wird das wohl sein?

Wenn Juden heute angesichts des anwachsenden Antisemitismus und Rechtsextremismus Deutschland verlassen wollen, kann man dafür viel Verständnis aufbringen. Auch das darf man nicht, weil es so erscheinen könnte, als freue man sich über den Weggang von Juden.

Lassen Sie uns einen Blick auf die alte These von der deutsch-jüdischen Symbiose werfen.

Ihr Dementi war der Holocaust (Nachum T. Gidal nennt das in seinem Buch „Die Juden in Deutschland von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik“. Gütersloh 1988, „Die schöpferische Illusion von der deutsch-jüdischen Symbiose“).

Schaut man auf die Beteiligung von Juden an der Entwicklung in Deutschland seit der Aufklärung (der französischen Revolution), so kommt man auf relativ viele Menschen von großem Einfluss. Hier eine oberflächliche, ganz unsystematische und unvollständige Aufzählung. Ich zähle in der Literatur einige Österreicher und Tschechen zur deutschen Literatur:

1. Literatur: Peter Altenberg, Jean Améry, Günther Anders, Rose Ausländer, Hermann Bahr, Vicki Baum, Rudolf Borchardt, Thomas Brasch, Max Brod, Henryk M. Broder, Paul Celan, Alfred Döblin, Carl Einstein, Kurt Eisner, Lion Feuchtwanger, Leonhard Frank, Erich Fried, Egon Friedell, Ralph Giordano,Yvan Goll, Käte Hamburger, Maximilian Harden, Walter Hasenclever, Heinrich Heine, Stephan Hermlin, Georg Heym, Wolfgang Hildesheimer, Kurt Hiller, Hugo von Hofmannsthal, Franz Kafka, Mascha Kaleko, Hermann Kesten, Egon Erwin Kisch, Gertrud Kolmar, Karl Kraus, Anton Kuh, Else Lasker-Schüler, Theodor Lessing, Ludwig Marcuse, Franz Molnar, Erich Mühsam, Robert Neumann, Kurt Pinthus, Julius Rodenberg, Franz Rosenzweig, Joseph Roth, Nelly Sachs, Hans Sahl, Felix Salten, Anna Seghers, Manès Sperber, Ernst Toller, Friedrich Torberg, Kurt Tucholsky, Rahel Levin, Herwarth Walden, Jakob Wassermann, Peter Weiss, Franz Werfel, Friedrich Wolf, Karl Wolfskehl, Arnold Zweig, Stefan Zweig.

2. Verlage: die drei ersten großen deutschen Verlage in der Mitte des 19. Jahrhunderts waren die jüdischen Verlage Ullstein, Mosse und Scherl. Später kamen Verleger wie Samuel Fischer und Siegfried Jacobsohn dazu.

3. Politische Theoretiker und Politiker: Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Bruno Bauer, Walter Benjamin, Ludwig Börne, Martin Buber, Moses Hess, Max Horkheimer, Arthur Koestler, Rosa Luxemburg, Karl Marx, Ferdinand Lassalle, Walter Rathenau.

4. Journalismus: Ludwig Börne, Willy Haas, Maximilian Harden, Siegfried Jacobsohn, Egon Erwin Kisch, Siegfried Kracauer, Karl Kraus, Hans Mayer, Marcel Reich-Ranicki, Julius Rodenberg, Leopold Schwarzschild, Kurt Tucholsky, Herwarth Walden, Theodor Wolff und viele andere.

5. Theater/Theaterkritik: Max Reinhard, Elisabeth Bergner, Ernst Deutsch, Siegfried Jacobsohn, Alfred Kerr, Fritz Kortner, Erwin Piscator, Alfred Polgar, Ernst Toller und viele andere (insbesondere Schauspieler und Kabarettisten).

6. Wissenschaft: Alfred Adler, Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Walter Benjamin, Albert Einstein, Sigmund Freud, Max Horkheimer, Ernst Kantorowicz, Julius H. Schoeps, Fritz Stern und viele andere.

7. Philosophie: Moses Mendelssohn, Karl Marx, Theodor Lessing.

8. Musik: Felix Mendelssohn-Bartholdy, Giacomo Meyerbeer.

9. Im deutschen Film bis 1933 arbeiteten unzählige Juden.

Alles in allem lagen hier sehr große Potenzen, die wir zensiert und weithin selbst aus dem Land getrieben haben.

 

2587: Bundesbank: Rente mit 70

Dienstag, Oktober 22nd, 2019

Die Bundesbank rät der Bundesregierung, bis zum Jahr 2070 schrittweise eine Rente mit beinahe 70 einzuführen. Damit macht sie sich unbeliebt. In Ruhestand gehen kann man dann erst im Alter von 69 Jahren und 4 Monaten. Anders seien der demografische Wandel und die steigende Lebenserwartung für die Rentenkasse nicht zu bewältigen. Für die große Koalition aus CDU/CSU und SPD kommt dieser Vorschlag ungelegen. Sie hat ja noch nicht einmal die Grundrente geregelt. Und kürzlich erst die teure Rente mit 63 eingeführt.

„Trotzdem hat die Bundesbank recht, jede seriöse Rentenkommission wird zu Ähnlichem raten. Wenn die Menschen älter werden, müssen sie auch länger arbeiten. Das Rentenalter schrittweise anzupassen, wie das heute schon geschieht, ist nur fair.“ (Hendrik Munsberg, SZ 22.10.19)

2586: Gescheiterte US-Syrien-Politik

Dienstag, Oktober 22nd, 2019

Wir haben uns daran gewöhnt, dass die US-Außenpolitik scheitert. Präsident Trump hat kein gutes Verhältnis zur Nato und zur EU. Das einzige Kriterium, das sein Verhalten bestimmt, sind seine – hier und da etwas beschränkten – Stammwähler. Sie sind empfänglich für „America first!“, was in Zeiten der Globalisierung nichts bringt.

Besonders eklatant und gefährlich ist das Scheitern der US-Syrienpolitik. Es verändert das Machtgefüge im Nahen Osten und setzt Europa unter Druck.

Der überstürzte Abzug der USA in Syrien

1. lässt die Kurden, wieder einmal, im Stich, die sich große Verdienste im militärischen Kampf gegen den IS erworben haben,

2. er bestärkt den IS, der teilweise schon aus den Gefängnissen entflohen ist,

3. er bestärkt das iranische Mullah-Regime, das kein Interesse an Menschenrechten kennt, und seine Hisbollah-Miliz wieder gegen Israel ins Feld schicken kann,

4. er bestärkt das massenmörderische Assad-Regime in Syrien,

5. er bestärkt Russlands Einfluss in der Region, auch militärisch,

6. er bestärkt das Erdogan-Regime in der Türkei.

Die US-Außenpolitik bestärkt also die Gegner der USA. Begonnen hat diese falsche Politik schon unter Obama. Und Europa, die EU, ist wieder einmal handlungsunfähig und hat keinen Einfluss auf die Entwicklung. Wir beklagen die Umstände, rufen „Frieden, Frieden, Frieden“ und lassen andere die Drecksarbeit (Irakkriege) machen. Bestimmt nicht zu Europas Gunsten.

Insofern ist der Vorschlag von Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) für eine international garantierte Schutzzone in Nord-Syrien überraschend und – im Grunde – richtig. Aber da werden Grüne und Linke niemals mitmachen. Ihre Analyse der Nahost-Konflikte ist schon falsch. Außerdem fehlt eine europäische Armee. Militärtechnisch ist Europa auf eine Beteiligung bei der Lösung des Konflikts nicht vorbereitet. Außerdem hat der türkische Potentat Erdogan ja damit gedroht, 3,6 Millionen Flüchtlinge nach Europa durchzulassen. Was wollen wir da machen (Vorschläge erbeten!)?

 

2585: Erhard Eppler ist gestorben.

Montag, Oktober 21st, 2019

Im Alter von 92 Jahren ist Erhard Eppler gestorben. Er war ein grüner Sozialdemokrat, der bis ins hohe Alter in seinem Garten in Schwäbisch-Hall werkelte. Der evangelische Christ und demokratische Sozialist (Godesberger Programm) hatte seine politische Karriere Anfang der fünfziger Jahre in Gustav Heinemanns Gesamtdeutscher Volkspartei (GdP) begonnen. Von 1968 bis 1974 war Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit unter Kurt Georg Kiesinger (CDU) und Willy Brandt (SPD). Helmut Schmidt (SPD) entließ ihn. Auch Herbert Wehner (SPD) hatte Probleme mit dem belesenen und gradlinigen Eppler. Er nannte ihn „Pietcong“.

Erhard Eppler war prädestiniert für das Amt des Vorsitzenden der Grundwertekommission der SPD. Manche nannten ihn das „Gewissen der Partei“. Er war die Verkörperung der Nachhaltigkeit in der Politik. Seine Autobiografie „Links leben“ erschien 2015. „Das Wichtigste ist Glaubwürdigkeit.“ In den Kommissionen, die Eppler leitete, wurde akribisch gearbeitet. Er sagte über sich selbst, er sei einer, „der viel von Karl Marx gelernt hat, der aber versucht, vom Neuen Testament her zu leben, zu denken und zu handeln“. Zweimal war er Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchtags. 2003 hat er dazu beigetragen, dass Gerhard Schröder mit der Agenda 2010 durchkam (Heribert Prantl, SZ 21.10.19).

2584: Catherine Deneuve spricht über Woody Allen und Roman Polanski.

Montag, Oktober 21st, 2019

In einem Interview mit der französischen Schriftstellerin, Dramatikerin und Regisseurin Yasmina Reza (60) sagt Johanna Adorjan (SZ 19./20.10.19): Catherine Deneuve hat sich neulich nicht ausschließlich negativ über Woody Allen und Roman Polanski geäußert. In der öffentlichen Meinung ist sie damit natürlich unten durch.

Reza: Sie hat meine volle Unterstützung. Man darf keine Angst haben, Dinge zu sagen, die anecken könnten. Es wäre ja nun wirklich idiotisch, sich zu einem Einheits-Schwarz-Weiß-Denken zwingen zu lassen. So ist die Welt ja nicht.

2583: Die SED und die westdeutsche Linke bekämpften Israel.

Sonntag, Oktober 20th, 2019

Jeffrey Herf forscht und lehrt an der Universität von Maryland. Er hat sich auf die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert spezialisiert. In seinem neuesten Buch,

Unerklärte Kriege gegen Israel. Die DDR und die westdeutsche Linke 1967-1989. Göttingen (Wallstein) 2019, 560 S., 39 Euro,

arbeitet er heraus, dass die SED und die westdeutsche Linke (zunächst DKP, SDS, in den siebziger Jahren zusätzlich KPD-ML, KDP-AO, KBW) seit dem Sechstagekrieg (Juni 1967) Israel vehement bekämpft haben. Das lief „theoretisch“ nach dem Motto Zionismus = Rassismus und ging bei der SED (in Form der DDR) bis hin zu Waffenverkäufen (seit 1965). Aus der DDR kamen u.a. MIG-Jagdflugzeuge und Kalashnikows. Es kam vor, dass palästinensischen Terrororganisationen Waffen geschenkt wurden. Das Existenzrecht Israels wurde in Frage gestellt. Das schürte bei den palästinensischen Untergrundorganisationen (PLO, PFLP usw.) die Hoffnung, dass Israel militärisch besiegt werden könnte. Dieser Krieg fand sein Ende mit der Wiedervereinigung Deutschlands und dem Zerfall der Sowjetunion.

Herf schreibt: „Die Sowjetunion, die DDR und die westdeutschen linksradikalen Gruppen tragen .. eine schwere Verantwortung im Nahost-Konflikt, weil sie einer Kompromisslösung zwischen Israel und seinen Gegnern im Wege standen.“ Nach der Aufnahme beider deutscher Staaten in die Vereinten Nationen (UN) 1973 setzte die DDR ihre Politik fort. Die SED und ihre westlichen Verbündeten nannten ihren Kampf gegen Israel „antifaschistisch“. Damit setzten sie Israel gleich mit Nazi-Deutschland. Als palästinensische Terroristen im September 1972 bei den Olympischen Spielen in München Israelis ermordeten, feierte Ulrike Meinhof von der RAF das als großartige revolutionäre Tat. Die Flugzeugentführungen nach Entebbe 1976 und nach Mogadischu 1977 wurden propagandistisch von der Linken unterstützt. In Entebbe trennten die deutschen Terroristen die jüdischen von den nicht-Jüdischen Passagieren (Rainer Hermann, FAZ 12.10.19).

2582: Hajo Seppelt braucht einen Bodyguard.

Sonntag, Oktober 20th, 2019

Hajo Seppelt leitet seit 2007 die Doping-Redaktion der ARD. Das war in der Zeit, als der ARD-Sportkoordinator Hagen Boßdorf zurücktrat und der Sportreporter Tom Bartels zur ARD zurückkam. Schon vorher war Seppelt ein gefürchteter Mann, der sich darauf spezialisiert hatte, systematisch Doping-Betrug im internationalen Spitzensport aufzudecken. Schon 2006 wurde er für seine Recherchen über die Radsportler Jan Ulrich und Floyd Landis ausgezeichnet. Inzwischen hat er für seine Verdienste sogar das Bundesverdienstkreuz am Bande bekommen. Am 23. Oktober 2008 war er bei uns im Institut, referierte im Literarischen Zentrum Göttingen und diskutierte mit über 50 Studierenden über Sportberichterstattung im Fernsehen.

„Er ist eine Mischung aus Staatsanwalt, Großinquisitor, Beichtvater. Einer, der dahin geht, wo es wehtut, wo es auch ihm oft wehtut. ‚Ich will den Leuten die andere Seite der Medaillen zeigen.'“ (Cathrin Gilbert, Die Zeit 2.10.19) Seppelt verdirbt vielen Leuten das Geschäft, er hat inzwischen viele Feinde. Und, keine Frage, auch sein Arbeitgeber, das öffentlich-rechtliche Fernsehen, profitiert davon, wenn die Show im Spitzensport weitergeht. Besonders viel recherchieren musste Seppelt in Russland, weil dort mehr als anderswo gedopt wird. Inzwischen braucht er ständig einen Bodyguard. In Potsdam-Babelsberg hat Seppelt inzwischen ein eigenes Studio, wo er mit einer jungen Mannschaft seine Dokumentationen selbst produziert. Kürzlich hat Seppelt über intersexuelle Sportler berichtet, von denen einige lebenslänglich gebrochen sind, weil ihnen operativ die Hoden entfernt wurden, damit sie als Frauen starten konnten. Dazu ist es dann nicht mehr gekommen.

Natürlich ist Hajo Seppelt durch seine Arbeit desillusioniert worden. „Ich habe manche Illusion komplett verloren, irgendwann glaubst du fast gar nichts mehr.“ „Ich glaube, Doping ist eine Win-win-Situation für den Sport – solange nicht darüber geredet wird.“ Und was passiert, wenn Doping durch Journalisten wie Seppelt aufgedeckt wird? „Der Athlet verliert seine Kohle, der Manager verliert seine Kohle, der Sponsor verkauft seine Produkte nicht mehr. Der Verband verliert seine Sponsorengelder. Der Physiotherapeut kann nicht mehr so schön verreisen.“

Hajo Seppelt kann kaum noch undercover recherchieren, weil er auf der ganzen Welt zu bekannt geworden ist.

2581: Tempolimit im Bundestag abgelehnt

Samstag, Oktober 19th, 2019

Deutschland ist der einzige Staat in der EU (28 Staaten) ohne ein generelles Tempolimit auf Autobahnen. Laut einer Umfrage würden 56,5 Prozent der Bevölkerung eine solche Geschwindigkeitsbegrenzung aber befürworten. Nur 16,8 Prozent lehnen eine Maximalgeschwindigkeit auf Autobahnen generell ab. Unter den Ablehnenden vermute ich vor allem solche Autofahrer, die nicht wie ich jedes Jahr mit dem Auto durch die Schweiz nach Italien oder durch Belgien nach Frankreich fahren. Sie können nicht wissen, wie angenehm der dort per Limit (120 bzw. 130 km/h) regulierte Verkehr verläuft. Und auch die Inländer zahlen (dies an die Adresse der Befürworter der rechtswidrigen Ausländermaut). Die Ausländermaut wird der Union (CDU/CSU) wegen der schon vor Vertragsschluss eingegangenen Verpflichtungen noch zu einem Problem. Dem unfähigen CSU-Verkehrsminister sowieso.

Die Grünen sind im Bundestag nun mit dem Antrag gescheitert, ein Tempolimit von 130 km/h auf deutschen Autobahnen einzuführen. Bei einer namentlichen Abstimmung haben mehrheitlich

CDU/CSU, SPD, AfD und FDP

insgesamt mit großer Mehrheit den Antrag abgelehnt. Für die Grünen zeigen lokale Tempolimits, dass die Zahl der bei Unfällen Getöteten und Verletzten bei einem Limit deutlich sinkt. Zugleich führt eine Geschwindigkeitsbegrenzung zu Einsparungen von CO 2-Emissionen. Auch der Verkehrssicherheit allgemein dient ein Tempolimit. Außerdem zeigt eine Studie der Denkfabrik Agora Verkehrswende, dass ein Tempolimit von 130 km/h von 2020 an die Kohlendioyxyd-Emissionen des Autoverkehrs in Deutschland um 1,1 bis 1,6 Prozent senken würde. Um die gleiche Reduktion mit weniger Autos zu erreichen, müssten 500.000 Mittelklassewagen auf einen Schlag aus dem Verkehr gezogen werden. Die ganze Maßnahme kostet nicht mehr als die Montage von ein paar Schildern. Günstiger kann ein Beitrag zum Klimaschutz nicht sein (epd/dpa 18.10.19; Christina Kunkel, SZ 18.10.19).

2580: Grünen-Parteitag: Glaubenskrieg um Homöopathie ?

Freitag, Oktober 18th, 2019

Die Grünen eilen von Sieg zu Sieg. Manche werden das für unverdient halten, andere für verdient. Ich glaube, dass es verdient ist, weil die Grünen seit Jahrzehnten nachvollziehbar ihren ökologischen Linien folgen. Natürlich gibt es außerhalb davon ebenso wichtige Politikfelder: Außenpolitik, Sicherheitspolitik (äußere und innere), Wirtschaftspolitik, Sozialpolitik, Bildungspolitik, Hochschulpolitik usw. Die gezielt behutsame Führung der Grünen hat den Nachteil, dass man manchmal nicht so genau weiß, was die Grünen überhaupt wollen. Es kann sogar sein, dass der eine oder andere deswegen die Grünen nicht wählt, weil es dort zu viele Altkommunisten gibt, die gerne mit den Linken zusammen arbeiten. Wie demnächst in Thüringen.

Nun droht auf dem Parteitag im November ein Glaubenskrieg um die Homöopathie. Manche Mitglieder halten sie für teuren Humbug (Hokuspokus). Sie machen darauf aufmerksam, dass die Grünen doch stets auf die Wissenschaft verweisen, wenn sie gegen Klimaleugner argumentieren. Und dass die Grünen sich grundsätzlich klar gegen Esoterik und Wissenschaftsfeindlichkeit positionieren. Vor allem gegen die Erstattung der Homöopathie durch die Krankenkassen wendet sich der Hauptzweig der Grünen. Und tatsächlich: wenn jemand seinen Hokuspokus selbst bezahlt, darf er machen, was er will.

Traurigerweise gibt es bei den Grünen eine starke Strömung, welche die Homöopathie verteidigt. Sie befürwortet ein breites Therapieangebot, das auch Naturheilkunde und Komplementärmedizin umfasst. Sie will gemeinsame Therapien aus Naturheilkunde und Schulmedizin stärker erforschen lassen. Die Grünen-Bundestagsfraktion hat sich erst kürzlich ausdrücklich dafür ausgesprochen, dass sich Menschen für verschiedene Wege in der Therapie entscheiden können. Und erst vor kurzem hat die Grünen-Bundestagsfraktion eine Impfpflicht gegen Masern beschlossen. Viele Grünen-Wähler schwören auf die Produkte der Demeter-Bauern, die Böden dadurch vitalisieren, indem sie Rindermist in Kuhhörner stopfen und vergraben.

Hilfe bekommen die Grünen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der darauf verweist, dass für Arzneien jährlich 40 Milliarden Euro ausgegeben werden und nur 20 Millionen für Homöopathie. Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner arbeitet gegenwärtig hinter den Kulissen daran, Homöopathie-Befürworter und -Gegner zu versöhnen. Die Bundesspitze hat Angst vor einem schweren Konflikt. „Es muss eine Lösung geben, die die wissenschaftlich und rational denkenden Menschen nicht vor den Kopf stößt.“ (Ulrich Schulte, taz 14.10.19)

2579: Harold Bloom ist tot.

Donnerstag, Oktober 17th, 2019

Mit Harold Bloom, der im Alter von 89 Jahren in New Haven (Connecticut) gestorben ist, haben wir wahrscheinlich den letzten großen Literaturkritiker verloren, der klar nachvollziehbare Kategorien kannte und seit Jahrzehnten nicht mehr jede literaturwissenschaftliche Mode, wie etwa den Dekonstruktivismus, mitgemacht hatte. Er wirkte manchmal etwas altmodisch, war aber verlässlich und überzeugend. Geboren wurde Bloom in New York als Kind jiddisch sprechender orthodoxer Juden, die aus Russland eingewandert waren. Er studierte hauptsächlich in Yale, wo er seit 1955 auch lehrte.

Bloom entwickelte die These, dass ein Schriftsteller in seinem Streben nach Originalität ständig versucht, sich von seinen Vorbildern zu lösen. Er verglich diese Situation mit dem Ödipuskomplex. Dort, wo er das Verhältnis zwischen Dichtern und ihren Werken untersuchte, stützte er sich wesentlich auf Anna Freud. Harold Bloom sah sich vor allem als Leser, der sich von Literatur auch ergreifen lassen wollte. Das war ihm bei der aufkommenden Literatur von Frauen, Schwarzen, Einwanderern und Autoren aus der dritten Welt nicht immer möglich. Dadurch wurde er zu einem Verteidiger der Literatur „toter weißer europäischer Männer“ (dwems). Er stemmte sich gegen den Niedergang der westlichen Kultur, was heute weithin nicht mehr als politisch korrekt gilt.

Seit den achtziger Jahren hat Bloom mehrfach versucht, einen Kanon zentraler Literatur der westlichen Welt zu bestimmen. 1994 benannte er dazu 26 Autoren (22 Männer und vier Frauen): William Shakespeare, Dante Alighieri, Geoffrey Chaucer, Miguel de Cervantes, Michel de Montaigne, Molière, John Milton, Samuel Johnson, Johann Wolfgang Goethe, William Wordsworth, Jane Austen, Walt Whitman, Emily Dickinson, Charles Dickens, George Eliot, Leo Tolstoi, Henrik Ibsen, Sigmund Freud, Marcel Proust, James Joyce, Virginia Woolf, Franz Kafka, Jorge Luis Borges, Pablo Neruda, Fernando Pessoa, Samuel Beckett. Das begeistert mich. Obwohl natürlich nicht zu verkennen ist, dass wir es hier mit einer anglo-amerikanisch zentrierten Liste zu tun haben. Als Deutscher würde ich noch nennen Georg Büchner und Bertolt Brecht. Aber mit seinem Kanon gibt Harold Bloom uns als denjenigen, die nicht so viel gelesen haben wie er, die Möglichkeit, uns davon abzugrenzen und eigene Vorschläge zu machen.

Als 2003 ein US-amerikanischer Autor, den Bloom nicht sehr schätzte, ausgezeichnet wurde, nannte er vier „amerikanische Schriftsteller“, die noch am Werk sind und die unsere Anerkennung verdienen: Thomas Pynchon, Philip Roth, Cormac McCarthy und Don DeLillo. Wer wollte da widersprechen.