Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2598: Soll die CDU mit der AfD sprechen ?

Sonntag, November 3rd, 2019

Dazu befragt Robin Alexander (Die Welt 2.11.19) die nordrhein-westfälische CDU-Politikerin Serap Güler, deren Eltern 1963 als „Gastarbeiter“ aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind.

Welt: Michael Heym, Vizefraktionsvorsitzender der CDU in Thüringen, hat nach der Landtagswahl gefordert, dass die CDU auch mit der AfD sprechen soll. Was sagen Sie dazu?

Güler: Ich habe damit ein tiefergehendes Problem. Wir haben gerade über Alexander Gauland und Andreas Kalbitz gesprochen. Ich glaube, die meisten Zitate, die Menschen wie mich ausschließen, kann Ihnen nach wie vor Björn Höcke liefern. Und wenn, wenn, wenn man dann noch erwägt, mit dieser Person eine Koalition einzugehen, dann nehme ich das auch als Angriff auf meine Person und auf meine Geschichte in diesem Land wahr. Das kann ich nicht gutheißen, das kann ich nicht rechtfertigen. Da habe ich eine ganz klare Haltung. Auch dann, wenn sie sich gegen einen Parteikollegen richtet.

2597: „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ 70 Jahre alt

Samstag, November 2nd, 2019

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, eine der beiden großen deutschen Tageszeitungen, ist 70 Jahre alt geworden. Dazu ist noch manches zu sagen. Die Jubiläumsbeilage umfasst 32 Seiten. Es sind zahlreiche Grußbotschaften eingegangen.

So schreibt der ehemalige Bundesminister und Erste Bürgermeister Hamburgs, Klaus von Dohnanyi: „Im exponentiell beschleunigten, digitalen Zeitalter zwingt Schreiben zu mehr Sorgfalt. Drucken zu mehr Verantwortung. Ich lese drei Tageszeitungen, weil ich durch diese Filter besser und wahrhaftiger informiert werde.“

Der ehemalige Gründungsintendant des Humboldt-Forums und des British Museums, Neil MacGregor: „Ich lese täglich Zeitung, gerade weil es in der ungenauen und ärgerlichen Wendung der Internetseiten nicht ‚MEINE NACHRICHTEN‘ sind. Im Gegenteil. Eine Zeitung enthält Nachrichten, die von jemand anderem ausgewählt worden sind (aber nicht vom Eigentümer), mit anderen Vorurteilen als meinen und Einsichten, zu denen ich nie gelangen würde. Sie deckt Themen ab, die mich zwanghaft beschäftigen (Brexit), mit Meinungen, die mich zur Verzweiflung bringen. Sie greift Themen auf, von denen ich bis dahin nicht ahnte, dass sie mich interessierten, die sich jedoch als fesselnd erweisen (afrikanische Schweinepest, moderner Tanz in Mali). Sie enthält Seiten, die mich zu Tode langweilen (Gibt es jemanden, den die Psychodramen dieser gequälten Fußballtrainer wirklich interessieren?). Und jeden Tag gibt es neue Entdeckungen, neue Erkenntnisse, neue Ärgernisse. In London lese ich jeden Tag die F.A.Z., teilweise, um mir in Erinnerung zur rufen, wie verschachtelt deutsche Syntax sein kann, aber vor allem, um zu erfahren, was wirklich in der britischen Politik und der britischen Kultur vor sich geht: klarsichtig und einfühlsam – der klärende Blick von anderswo.“ (FAZ 2.11.19)

2596: Die AfD ist rassistisch.

Samstag, November 2nd, 2019

Die 17-jährige Benigna Munsi ist in Nürnberg zum „Christkind“ gewählt worden. Das war für den AfD-Kreisverband München-Land Anlass für einen Post: „Nürnberg hat ein neues Christkind. Eines Tages wird es uns wie den Indianern gehen.“ Munsis Vater ist Inder, die Mutter Deutsche. Gepostet hatte den „Beitrag“ ein Redakteur des AfD-Kreisverbands eigenmächtig. Die AfD-Kreisvorsitzende sagte, der Kommentar entspreche nicht den Werten der AfD. Er ist inzwischen gelöscht. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hat entsetzt auf den Kommentar reagiert: „Hier begegnet uns die hämische Fratze des Rassismus, den die AfD als ihre Geisteshaltung immer gerne leugnen möchte.“ (dpa, SZ 2./3.1..19)

2595: Peter Handke leugnet die serbischen Kriegsverbrechen.

Freitag, November 1st, 2019

Die Schriftstellerin Jagoda Marinic´zeigt in der SZ (31.10./1.11.19), dass Peter Handke die vom UN-Kriegsverbrechertribunal in den Haag festgestellten serbischen Kriegsverbrechen leugnet, die zwischen 1992 und 1995 von Serben an muslimischen Bosniern begangen worden sind. Die „Mütter von Srebrenica“ verlangen von ihm deswegen, den Literaturnobelpreis zurückzugeben. 1996 erschien in der SZ der einschlägige Handke-Text „Gerechtigkeit für Serbien“, der später in serbischen Zeitungen nachgedruckt worden ist. Der serbische General und Kriegsverbrecher Ratko Mladic hatte von seinen Anwälten verbreiten lassen, einige Massaker hätten die bosnischen Muslime wohl selbst inszeniert, um die Serben als Täter dastehen zu lassen. Die serbische Dramatikerin Biljana Srbljanovic bezeichnete Handke 2007 als „Westhure“. Als sie verlangte, dass Handke statt auf die Beerdigung von Slobodan Milosecic mit einer Trillerpfeife zur Gegendemonstration gehen möge, sagte Peter Handke: „Ach, die soll sich ihre Pfeife …“

2594: Wer wird kriminell ?

Donnerstag, Oktober 31st, 2019

Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe. Er arbeitet vor allem als forensischer Gerichtsgutachter. Zum Erscheinen seines neuen Buchs

„Das Böse – Die Psychologie der menschlichen Destruktivität“ (Ecowin), 227 S., 24 Euro,

hat Wiebke Hollersen ihn für „Die Welt“ (26.10.19) interviewt. Vorher halten wir hier einige grundlegende Erkenntnisse fest: 1. In Deutschland, Österreich und der Schweiz sind inzwischen zwei Drittel der Gewaltdelikte Beziehungstaten. 2. In der Regel gibt es ein Ursachenbündel. 3. Mitentscheidend ist die „kindliche Prägung“. 4. Tatsächlich treten häufig die „böse Mutter“ und der „abwesende Vater“ auf. 5. Das Risiko, dass man selbst einmal Täter wird, ist wesentlich höher, wenn man einmal Opfer gewesen ist. 6. Etwa 20 Prozent der Menschen, die einmal Tötungsverbrechen begehen, sind psychisch krank. 7. In wenigen Fällen spielen Alkohol- und Drogeneinfluss eine entscheidende Rolle.

Welt: Wenn wir von einem schweren Verbrechen hören, sagen wir: Der Täter muss gestört sein. Wer so etwas tut, kann nicht normal im Kopf sein.

Haller: Das ist aber ein Fehlschluss. Es können auch ganz normale Gehirne schwere, abnorme Taten hervorbringen. Denken Sie an den Terroranschlag vom 11. September 2001, eines der abnormsten Verbrechen der jüngeren Geschichte, aber die Täter waren offensichtlich erschreckend normal. …

Welt: Sie verweisen oft auf einen Faktor, der in der Kriminologie noch nicht richtig erforscht ist: die Macht der Kränkung.

Haller: Ich halte das für ein Phänomen, das man in der Psychologie völlig unterschätzt hat. Es fängt damit an, dass es keine Diagnose gibt, keine wissenschaftlich anerkannte Definition. Man hält es für eine Kleinigkeit. Aber im Leben spielt es eine enorme Rolle, weil jeder Mensch seine Kränkungen hat, weil wir alle gekränkt sind, aber auch andere kränken. Es wird tabuisiert, gilt als nicht der Rede wert. Das ist für mich das Wesen der Kränkung: Dass es objektiv gesehen eine Kleinigkeit ist, subjektiv aber die Welt bedeuten kann.

Welt: Und man traut sich nicht, darüber zu sprechen.

Haller: Darauf gedeihen Kränkungen. Auf Verdrängung, Tabuisierung. Die Menschen wollen sich nicht lächerlich machen. Wegen so einer Kleinigkeit schläft der Mann nicht! Kränkungen spielen bei vielen, vielen Tötungsdelikten eine enorme Rolle. Bei

Schulamokläufen

ist der einzige Befund, den es bei allen 350 Fällen weltweit gab, dass es vorher zu einer Kränkung gekommen war.

Welt: Das Böse geht aus dem Bösen hervor, haben Sie geschrieben. Lässt sich dieser Kreislauf nicht durchbrechen?

Haller: Ich fürchte nicht. Wo es Licht gibt, muss es auch Schatten geben. Die Philosophen sagen, wenn der menschliche Wille wirklich frei ist, dann muss er sich auch zum Bösen entscheiden können. Die Aggressionsforscher sagen, das Böse ist letztlich eine Vitalkraft. Das Böse wandelt nur sein Gesicht. Die Verbrechen werden inzwischen auch digitalisiert. Mir ist es lieber, wenn jemand seine Aggressionen auf diese Weise auslebt.

2593: Werner Seelenbinder – vor 75 Jahren von den Nazis ermordet

Mittwoch, Oktober 30th, 2019

Die „Werner-Seelenbinder-Halle“ in Berlin kannten wir Sportfans irgendwie alle. Aber wer Seelenbinder gewesen war, wusste nicht jeder. Am 24. Oktober 1944 wurde Werner Seelenbinder von den Nazis im Zuchthaus Brandenburg unter dem Fallbeil ermordet. Geboren worden war er 1904 in Stettin. Aufgewachsen in Berlin, musste er mit zwölf Jahren mit der Großmutter die Familie ernähren, weil die Eltern gestorben waren. 1917 trat er dem Arbeiter-Sportklub Eiche bei und zeigte von Anfang an eine große Begabung im Gewichtheben und Ringen (griechisch-römisch).

Er wurde einer der Großen der Arbeitersportbewegung. Von 1918 bis 1932 gewann er zahlreiche Berliner Titel im Ringen. 1928 trat er bei der ersten Spartakiade in Moskau an. Sein Markenzeichen war sein risikofreudiger Kampfstil und viele technische Finessen. In der DDR wurde er hochverehrt. Bereits 1945 erhielt er ein Ehrengrab auf dem Gelände des Sportparks Neukölln.

Werner Seelenbinder erschien bescheiden und hilfsbereit. Und er war ein unbeugsamer Streiter wider die soziale Diskriminierung der Arbeiter und wurde früh Kommunist. Im Ring glänzte er durch Fairness. Als er 1933 seinen ersten deutschen Meistertitel im Halbschwergewicht gewann, verweigerte er den Hitlergruß. Dafür wurde er 16 Monate gesperrt und von der Grestapo gefoltert. Vermutlich dadurch geschwächt, erreichte er bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin nur den vierten Platz. 1938 ging seine Sportlerkarriere zu Ende.

Seelenbinder hatte keine Ausbildung und arbeitete als Page, Hausdiener, Transportarbeiter und Hilfstischler. Von 1929 bis 1935 war er arbeitslos. Seine Erfahrungen aus der Sowjetunion nutzte Seelenbinder auf seinen Auslandsreisen als Kurier und Verbindungsmann. 1939 schloss er sich der kommunistischen Widerstandsgruppe um Robert Uhrig an. Die Gruppe flog 1942 auf. Es begann Seelenbinders Weg durch Gefängnisse und Straflager bis zu seiner Ermordung 1944. Mithäftlinge von Seelenbinder berichteten dem Schriftsteller Stephan Hermlin später, er habe trotz schwerster Misshandlungen im Zuchthaus Brandenburg stets an seinen politischen und sportlichen Überzeugungen festgehalten (Fritz Heimann, SZ 24.10.19).

2592: EU dereguliert die Märkte besser als die USA.

Dienstag, Oktober 29th, 2019

1. „Räuberbarone“ wie Rockefeller, Vanderbilt und Carnegie hatten in den USA Ende des 19. Jahrhunderts Märkte monopolisiert und aufgeteilt, Preise manipuliert und die Konkurrenz dezimiert. 1890 kam der „Sherman Antitrust Act“, der mit derlei Missbrauch aufräumte.

2. Nach 1945 lernte Europa in Form der EU, die wesentlich besser ist auf diesem Feld als ihr Ruf.

3. Die EU deregulierte mit Erfolg die Märkte für Airlines, Eisenbahnen, Postdienste und Telefongesellschaften.

4. In der EU können auf diesem Feld die nationalen Regierungen ihre Hände in Unschuld waschen: die EU war schuld. Und der Weg von der Agrarlobby zum Agraminister ist in Brüssel wesentlich länger als zu Hause.

5. Im Europaparlament ist schwerer und umständlicher Einfluss zu kaufen als im US-Kongress.

6. Wahlkampfspenden schlagen in der EU nicht so stark durch wie in den USA.

7. Bei den Airlines ist in den USA die Konzentration dreimal höher als in der EU.

8. Nach 2000 waren in der EU die Bußgelder sechsmal höher als in den USA.

9. Es gilt die klassische Monopoltheorie: Marktmacht ist ein Preistreiber.

10. Die Digitalkonzerne Google, Facebook, Apple und Microsoft schlucken fast täglich kleinere Konkurrenten. Amazon rollt den Einzelhandel auf.

Das zeigt das neue Buch von Thomas Philippon von der New York University: The Great Reversal: How America gave up on Free Markets, das Ende Oktober erscheint. Die EU ist besser als ihr Ruf und nicht in erster Linie ein „Bürokratiemonster“. Das sollten sich vor allem die nationalistischen Rechtspopulisten einmal hinter die Ohren schreiben (Josef Joffe, Die Zeit 17.10.19).

2591: Die SPD ist gespalten, die CDU auch.

Dienstag, Oktober 29th, 2019

Der knappe Ausgang der SPD-Kandidatenwahl, Olaf Scholz/Klara Geywitz vor Norbert Walter-Borjanz/Saskia Esken, zeigt, dass die SPD tief gespalten ist. Das erste Paar ist für die große Koalition, das zweite dagegegen. Nach der Stichwahl bleibt also die eine Hälfte der SPD frustriert zurück.

Olaf Scholz ist für mich ein sehr solider Politiker ohne Charisma. Norbert Walter-Borjanz halte ich es zugute, dass er als nordrhein-westfälischer Finanzminister dafür gesorgt hat, dass die Steuer-Dateien aus der Schweiz gekauft wurden, damit die Steuerhinterzieher belangt werden konnten.

Ähnlich bei der CDU. Eine Wahlniederlage nach der anderen, eine ungeschickte Parteivorsitzende, die manche gute Idee schlecht oder zum falschen Zeitpunkt lanciert. Sie müsste doch wissen, dass die herrschenden pazifistischen Kreise in Deutschland kein stärkeres außenpolitisches Engagement wollen. Und sie hat das Pech, eine Frau zu sein. Die werden in der CDU besonders schnell entmachtet. Damit setzt sich der rechte Flügel durch (die Linnemänner et alii) einschließlich der Jungen Union. Und dann gibt es bei der CDU den Alfred-Dregger-Effekt: die Konservativen fühlen sich wohl, gewinnen aber keine Wahl mehr: das Ende der Volksparteien.

In der CSU konnte Markus Söder seine hastigen Schein-Reformen noch nicht einmal alle durchsetzen.

Die AfD profitiert von der Lage. Sie hat zwar kein schlüssiges Programm und noch nichts geleistet, aber vier Punkte sind es, die sie attraktiv machen: 1. Angst vor Veränderung, 2. Fremdenfeindlichkeit, 3. Nationalismus, 4. Ablehnung des Euro.

Die Grünen haben außer ihrer ökologisch richtigen Politik fast nichts (Außenpolitik, Sicherheit, Innenpolitik, innere Sicherheit, Sozialpolitik, Bildungspolitik usw.) zu bieten. Gehen sie zusammen mit den Kommunisten? Mal so und mal so?

Dann wählt mal schön.

2590: Enttäuschendes Ergebnis bei den Wahlen in Thüringen

Montag, Oktober 28th, 2019

Das Ergebnis der Landtagswahlen in Thüringen ist rundherum sehr enttäuschend.

1. Die Extremen von links (Linke 30 Prozent) und rechts (AfD 24 Prozent) haben in Thüringen 54 Prozent der Wählerstimmen errungen.

2. Rot/Rot/Grün (Linke 30, SPD 8,2, Grüne 5,4 = 43,6) kann nicht weiterregieren.

3. Die politische Mitte hat keine Mehrheit (CDU 22; SPD 8,2; Grüne 5,4; FDP 5,2 = 40,8).

4. Die Grünen, die ansonsten andere Ergebnisse kennen, sind in Thüringen Steigbügelhalter der SED-Nachfolgepartei die Linke.

5. Bei der SPD ist vieles möglich.

6. Die AfD ist in Thüringen völkisch.

7. Die Linke arbeitet mit Ramelow-Tarnung.

2589: Michael Hanfeld über den Fälscher Claas Relotius

Samstag, Oktober 26th, 2019

Der Medienredakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) (26.10.19), Michael Hanfeld, ironisiert die Bemühungen des „Spiegel“-Fälschers Claas Relotius, in zwanzig Punkten dem Aufklärer Juan Moreno Fehler in seinem Buch „Tausend Zeilen Lüge“ (hier unter Nr. 2578) Fehler nachzuweisen. Entsprechende Anwälte sind eingeschaltet. Es geht um so wichtige Details, wie die Antwort auf die Frage, ob Relotius Bürotür offen oder geschlossen war etc. Man glaubt es kaum. Anscheinend möchte auch der „Spiegel“, der die Fälschungen im Wesentlichen gedruckt hat, am Ruf Morenos kratzen. Claas Relotius hatte über Jahre mehr als 50 Beiträge ganz oder zum Teil gefälscht.