Der erste Ministerpräsident des seinerzeit (1990) neu gegründeten Bundeslands Brandenburg, Manfred Stolpe (SPD), ist gestorben. Der 1936 in Stettin geborene Stolpe hatte Jura studiert und mehrere Jahrzehnte bei der Evangelischen Kirche in der DDR gearbeitet, zuletzt als Konsistorialpräsident. Er war bekannt und beliebt im Land, auch bei Gegnern. Stolpe hat dem Land Brandenburg Stimme und Gesicht gegeben, er war ein politisches Schwergewicht. In der DDR hatte er sich um Bedrängte und Kriegsdienstverweigerer gekümmert und dafür gute Kontakte zur SED-Führung aufgebaut. Seine Gegner behaupteten, er sei IM der Stasi gewesen. Das war nicht zu beweisen. Als Ministerpräsident behandelte er die PDS fair und moderat (Jens Schneider, SZ 31.12.19/1.1.20).
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2667: Manfred Stolpe ist gestorben.
Dienstag, Dezember 31st, 20192666: Rabbiner in der Bundeswehr
Dienstag, Dezember 31st, 2019Zehn Rabbiner sollen demnächst ihren Dienst in der Bundeswehr aufnehmen. Das bestimmt der Staatsvertrag, den Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) und Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, unterzeichnet haben. Der Bundestag muss noch zustimmen. Rabbiner seien „ein starkes Zeichen für eine vielfältige und für eine offene Bundeswehr“, so Kramp-Karrenbauer. Schuster sprach von einem „historischen Tag“. Heute verstehe sich die jüdische Gemeinschaft als Teil des demokratischen Deutschlands und „möchte und sollte auch Verantwortung übernehmen“. Die Militärrabbiner sollen Ansprechpartner für alle Soldaten sein. Dadurch würden diese weniger anfällig für antisemitische Ressentiments.
Unter den rund 180.000 Soldaten der Bundeswehr sind etwa 90.000 katholische und evangelische Christen, 3.000 Muslime und 300 Juden. Perspektivisch wolle man auch muslimische Militärgeistliche haben, so Kramp-Karrenbauer. Im Ersten Weltkrieg hatten 100.000 deutsche Soldaten jüdischen Glaubens gekämpft, etwa 12.000 waren gefallen. Damals hatten Rabbiner sie begleitet (mwe, FAZ 21.12.19).
2665: Hohenzollern wollen Entschädigung und Rückgabe.
Montag, Dezember 30th, 2019Die Hohenzollern haben den letzten deutschen Kaiser, Wilhelm II., gestellt. Sie waren verstrickt in die Entfachung des Ersten Weltkriegs. Nun verlangen sie Entschädigung und Rückgabe.
1. Das bezieht sich auf Grundstücke, Herrenhäuser, Kunstsammlungen, Wohnrechte etc.
2. Dazu schreibt der Ordinarius für Geschichte Prof. Dr. Jörn Leonhard (Freiburg): „Wenn man über den Charakter der DDR als Unrechtsstaat und damit indirekt über die Anerkennung von generationellen Biografien streitet, dann wirken die Rückgabansprüche eines gewesenen Herrscherhauses auf den ersten Blick eigentümlich anachronistisch – wie ein Ruf aus einer Vorvergangenheit, die man längst hinter sich gelassen zu haben glaubte.“ (FAZ 21.12.19)
Ergo: die Hohenzollernforderungen sind anachronistisch (W.S.).
3. Inzwischen liegen dazu vier Gutachten vor. Das Land Brandenburg hat damit einmal Stephan Malinowski beauftragt, zum anderen Peter Brandt.
Die Hohenzollern haben Christopher Clarke als Gutachter bestellt.
Neuerdings liegt ein Gutachten von Wolfram Pyta und Rainer Orth vor.
4. Der Emeritus für Geschichte und Bestsellerautor Prof. Dr. Heinrich August Winkler (Berlin) schreibt über den Hohenzollernkronprinz Wilhelm, der 1932/33 geholfen hat, Adolf Hitler an die Macht zu bringen: „Er war ein reaktionärer Opportunist, der als Fernziel die Wiederherstellung der Monarchie anstrebte. Dafür wollte er Hitler instrumentalisieren. Aber es lief genau umgekehrt: Hitler hat den Kronprinzen für die Festigung seiner Herrschaft instrumentalisiert. Wer ihn nachtäglich zum Hitler-Gegner stilisiert, entlastet ihn zu Unrecht – und die antirepublikanischen Verbündeten und Steigbügelhalter Adolf Hitlers gleich mit.“ (Die Zeit, 12.12.19)
5. Leonhard: „Ganz sicher ist der Kronprinz in das Lager derjenigen einzuordnen, die in der Krisenphase der deutschen Demokratie nach Kräften den Weg in eine rechtsautoritäre Ordnung förderten, um die ungeliebte Republik zu überwinden. Wie genau diese Alternative aussehen sollte, ob neokorporativ oder nach dem Vorbild Mussolinis in Italien mit einer Restauration der Monarchie, mochte unklar sein. Aber dass man in den rechtskonservativen Milieus mit Energie und Ranküne daran arbeitete, die Republik von 1918 hinter sich zu lassen, daran besteht kein Zweifel. In diesen Kontext gehörte das opportunistische Agieren Wilhelms seit dem Frühjahr 1932, um die Monarchie wieder ins Spiel zu bringen: sei es zunächst mit Hitler, dann kurzfristig mit einem politisch schwachen General Schleicher und ab Januar 1933 erneut mit Hitler. Was man an Wilhelm wie an anderen Teilen der deutschen Eliten studieren kann, ist der aus Selbstüberschätzung entstandene instrumentelle Blick auf Hitler und die fatale Unterschätzung der Gewaltdynamik seiner Bewegung. Ebenso sicher nutzte der Kronprinz Bilder und Botschaften, um an diesem autoritären Projekt mitzuwirken und die monarchische Option zur Geltung zu bringen. All das trug zur Schwächung der Republik bei, und aus diesem Zusammenhang heraus gehört es zu den Bedingungen für den Aufstieg Hitlers.“
2664: Roland Matthes ist gestorben.
Sonntag, Dezember 29th, 2019Er hat 21 Weltrekorde im Rückenschwimmen aufgestellt, war von 1967 bis 1974 ungeschlagen und hat 1968 und 1972 insgesamt vier Olympia-Goldmedaillen gewonnen. Der 1950 geborene Roland Matthes. Er war ein Vorzeigesportler der DDR. Er selbst hat in seiner Bescheidenheit immer wieder betont, wie viel er seiner Trainerin Marlies Grohe verdanke. Die Ehe 1978 mit der Schwimm-Olympiasiegerin Kornelia Ender wurde nach vier Jahren geschieden. Matthes war im DDR-Sport nicht mehr wohl gelitten. 1989 zog er fort. Seit 1995 arbeitete er als Facharzt für Orthopädie in Marktheidenfeld. Nun ist er gestorben (Barbara Klimke, SZ 23.12.19).
2663: Martha Gellhorns Reportagen
Sonntag, Dezember 29th, 2019Die US-amerikanische Reporterin Martha Gellhorn (1908-1998) war schon als privilegiertes Kind im Weißen Haus. Ihre Mutter war eine Schulfreundin Eleanor Roosevelts. 1929 brach Gellhorn ihr Studium ab, ging nach Paris und arbeitete als Reporterin, hauptsächlich als Kriegsreporterin. Darüber veröffentlicht die Edition Tiamat ein Buch:
Martha Gellhorn: Der Blick von unten. Reportagen aus sechs Jahrzehnten. Berlin 2019, 360 Seiten, 28 Euro.
Gellhorn hatte Mitleid mit den sozial Schwächsten. Gemeinsam mit der Fotografin Dorothea Lange bereiste sie zur Zeit der großen Depression die USA. Dort traf sie auf Familien, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken konnten, weil sie weder Kleidung noch Schuhe besaßen. Gellhorns Stil in klarster Sprache war schonungslos bis polemisch. Sie nahm kein Blatt vor den Mund.
Ende der dreißiger Jahre schilderte die Reporterin, wie Europa in den Zweiten Weltkrieg taumelte (bei klarer Kriegsschuld der Deutschen). Sie berichtete, wie tschechische Soldaten verbitterten, weil sie ihr Land kampflos den Deutschen überlassen mussten. Gellhorn schilderte einen Lynchmord von Rassisten in den USA an einem Afro-Amerikaner. Sie bewegte sich auf den ostasiatischen Kriegsschauplätzen. Gellhorns Reportagen informieren über die Vergangenheit und erklären uns viel über die Gegenwart. Von 1940 bis 1945 war sie mit Ernest Hemingway (1899-1961) verheiratet. Als Schwerkranke brachte sie sich 1998 in London um (Marlen Hobrack, taz 14./15.12.19).
2662: Tempolimit spaltet Regierungskoalition.
Sonntag, Dezember 29th, 2019Die SPD will 2020 wieder über ein Tempolimit von 130 km/h auf deutschen Autobahnen sprechen. Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken: „Ein Tempolimit auf unseren Autobahnen ist gut für den Klimaschutz, dient der Sicherheit und schont die Nerven der Autofahrer.“ Außerhalb Deutschland sei ein Tempolimit der Normalfall. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (der mit der Maut) widerspricht: „Wir haben weit herausragendere Aufgaben als dieses hoch emotionale Thema wieder und immer wieder ins Schaufenster zu stellen – für das es gar keine Mehrheiten gibt.“ Der SPD hielt er vor, dass sie im Bundestag kürzlich einen Antrag der Grünen für ein solches Tempolimit mehrheitlich abgelehnt habe.
Verkehrsexperten und die Gewerkschaft der Polizei sprechen sich für eine Geschwindigkeitsbegrenzung aus, weil sie Zahl und Schwere der Unfälle auf den Autobahnen verringern könne (MBAL, SZ 27.12.19).
2661: Mehrheit für Böllerverbot
Samstag, Dezember 28th, 2019Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov mit 2.000 Teilnehmern für das Redaktionsnetzwerk Deutschland befürworten 57 Prozent der Deutschen ein Böllerverbot zu Silvester. 36 Prozent sind dagegen, sieben Prozent unschlüssig (SZ 28./29.12.19).
2660: Peter Schreier ist tot.
Freitag, Dezember 27th, 2019Peter Schreier, der jetzt im Alter von 84 Jahren gestorben ist, war als Tenor ein Weltstar (Berlin, Bayreuth, Mailand, New York, Buenos Aires), vielleicht der größte, und er war seiner Heimat Dresden eng verbunden. Im Kreuzchor hatte er seine Karriere begonnen. Sein musikalischer Fixstern war Johann Sebastian Bach. Die Balance zwischen Leidenschaft und ernstem Respekt zeichnete ihn aus. Von vielen habe ich gehört, dass man Schreiers Stimme sofort erkennen würde. Schreier sang mit einer „Schlichtheit, die dem Werk alle Chancen lässt, sich selbst zu offenbaren und scheinbar ganz aus sich heraus zu wirken“ (Helmut Mauro, SZ 27.12.19). Unnötige Manierismen gab es bei ihm nicht, auch in größter Höhe hatte er noch Reserven. Ohne opernhafte Aufbrezelungen kam er aus, Geradlinigkeit und Ehrlichkeit waren seine Parameter. „Nicht mehr behaupten, als man zu sagen hat; dies aber um so nachdrücklicher.“
Schreier begriff Musik wohl als Pflicht und Verantwortung, in zweiter Linie erst als Freude und noch weniger als Unterhaltung. Schreier war als Entdecker tätig. Schubert-Lieder hat er bekannt gemacht. Die von ihm 1972 präsentierten Lieder Felix Mendelssohn-Bartholdys bleiben im Gedächtnis. Dadurch wurde Peter Schreier wohl der persönlich berührendste unter den großen Tenören des zwanzigsten Jahrhunderts. Im Nachhinein verbinden sich viele bedeutende Vokalwerke nahezu unauflöslich mit der Stimme Peter Schreiers. Er glänzte in Wolfgang Amadeus Mozarts „Zauberflöte“, „Don Giovanni“, „La Clemenza di Tito“ und „Die Entführung aus dem Serail“. Da schimmerte große Hoffnung durch.
2659: Jens Söring wieder in Deutschland
Donnerstag, Dezember 26th, 201933 Jahre saß Jens Söring in den USA wegen eines angeblichen Doppelmordes im Gefängnis. Er hat bis zum Schluss geleugnet. Nun ist er zurück in Deutschland. Moritz Geier hat dazu den emeritierten Strafrechtler und Kriminologen Frieder Dünkel, 69, befragt (SZ 24./25./26.12.19).
SZ: Hätte ihm das in Deutschland auch passieren können?
Dünkel: Nein, aus deutscher Sicht ist sein Fall verfassungsrechtlich höchst problematisch, zumal er ja nicht rückfallgefährdet ist. Söring saß für ein in Anführungszeichen „normales“ Tötungsdelikt, das aus einer einmaligen Konfliktsituation entstand, er war damals 18 Jahre alt. In Deutschland hätte er maximal zehn Jahre nach Jugendstrafrecht bekommen und wäre nach sieben jahren vermutlich entlassen worden.
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SZ: Ist es überhaupt möglich, nach so langer Zeit ein normales Leben zu führen?
Dünkel: Ja, das zeigt der vielleicht berühmteste Langzeithäftling der Geschichte, Nelson Mandela. Wenn man ein bestimmtes Umfeld und auch eine Aufgabe hat, kann auch die Wiedereingliederung nach so langer Zeit gelingen. Im Fall Söring stehen die Integrationschancen gut, weil er kein „Normalkrimineller“ ist, weder sozial entwurzelt noch arm. Und er hat ja wohl auch einen großen Unterstützerkreis, ein soziales Netz, das ihn auffängt.
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SZ: Der offene Vollzug hat in Deutschland aber keinen guten Ruf und wird oft als „Hotelvollzug“ verspottet.
Dünkel: Das ist er aber nicht. Der offene Vollzug ist für den Übergang sehr wichtig, um den Schock der Entlassung abzufedern. Er wird in Deutschland zu wenig entwickelt. Nur Nordrhein-Westfalen und Berlin nutzen ihn in großem Umfang und arbeiten damit sehr sozialintegrativ. Der offene Vollzug bietet sich für Leute an, die in der Kindheit nicht komplett negativ sozialisiert wurden. Bayern ist beim offenen Vollzug leider äußerst rückständig. Da muss man schon Hoeneß heißen, um dort frühzeitig reinzukommen.
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2658: Monika Grütters über Annie Ernaux‘ „Erinnerungen eines Mädchens“ (2018)
Mittwoch, Dezember 25th, 2019Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) schreibt über Annie Ernaux‘ „Erinnerungen eines Mädchens“ (2018):
„Die französische Schriftstellerin begibt sich auf eine schmerzhafte Reise in die eigene Vergangenheit. Sie schildert eine Urszene ihres Lebens: die erste sexuelle Erfahrung im Alter von 18 Jahren – ein Erlebnis, das keineswegs glücklich war. Annie Ernaux betrachtet ihr eigenes Ich wie eine Fremde; schonungslos schildert sie die Scham, die ihr ganzes Leben geprägt hat. Diese ‚Erinnerungen‘ sind delikat, sie sind heikel, auch als erwachsene Frau sind sie nicht leicht zu lesen. Aber viele Leser und vor allem Leserinnen werden sich und den Geist der Emanzipationsbemühungen in den vergangenen Jahrzehnten sofort wieder erkennen.“ (SZ 20.12.19)