Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2680: Kepel: Trump und Erdogan sind stark.

Montag, Januar 13th, 2020

Gilles Kepel, 64, ist Professor für den Nahen Osten und den Mittelmeerraum an der Ecole Normale Superieure in Paris. Er ist ein sehr angesehener Experte. Sein gerade erschienenes Buch heißt: „Chaos: Die Krisen in Nordafrika und im Nahen Osten verstehen“. Dazu hat ihn Andrian Kreye für die SZ (13.1.20) interviewt.

SZ: Spielt die Frage, ob der Angriff auf Soleimani rechtmäßig war, keine Rolle?

Kepel: Trump hat gezeigt, dass er als Präsident entscheiden kann, jeden Menschen an jedem Ort der Welt zu töten. Das könnte nicht nur eine neue Jurisprudenz sein, sondern überhaupt eine neue Ära der Kriegsführung. Nicht nur im Nahen Osten. Denn das gilt nun für jeden, der eine Drohne hat. … Trump hat da ein schweres Trauma der amerikanischen Geschichte geheilt (die Geiselnahme von 52 US-Amerikanern in Teheran 1979). Er hat Rache für ein ungesühntes Verbrechen genommen. Nicht

das Wiesel Obama oder der Superinterventionist Bush.

Er, Trump, der Drachentöter. Diese symbolische Dimension der Tötung Soleimanis wird für seine Wiederwahl wichtig sein.

SZ: Wird sich das Chaos, das Ihrem Buch den Titel gibt, mit Trumps Beweis der Stärke denn beruhigen?

Kepel: Wir stehen sicher vor gewaltigen Veränderungen in der Region. Saudi-Arabien hat an Einfluss verloren. Amerika zieht sich zurück. Russland mischt sich ein. Die Hoffnungen des Arabischen Frühlings haben sich längst zerschlagen. Der neue starke Mann im Nahen Osten ist Erdogan mit seinem Traum vom Osmanischen Reich.

SZ: Und welche Rolle spielt Europa?

Kepel: Europa wird stärker gemeinsam handeln müssen. Wir müssen ein einigeres, wohlhabenderes Europa schaffen. Und neben einer gemeinsamen Außen- brauchen wir eine gemeinsame Sicherheitspolitik. Es ist schon ironisch, dass ich das als Franzose sage, aber wir

brauchen stärkere deutsche Streitkräfte

und ein starkes deutsch-französisches Bündnis. Die Tatsache, dass Europa gerade so passiv wirkt, ist ein deutliches Zeichen von Schwäche. Das ist gefährlich.

 

2678: Heute könnte ein Grüner zum Kanzler gewählt werden.

Samstag, Januar 11th, 2020

In der SZ (11./12.1.20) interviewt Jan Bielicki den Berliner Politologen Wolfgang Merkel anlässlich des 40-jährigen Bestehens der Grünen (Bündnis 90/Grüne).

SZ: Von der „Anti-Parteien-Partei“ zur Volkspartei in 40 Jahren …

Merkel: Die Grünen sind eine junge Partei, ich meine auch, dass sie regierungsfähig sind. Aber sie sind keine Volkspartei. Eine Volkspartei muss in der Lage sein, quer durch alle sozialen Schichten und sozial-moralischen Milieus Wählerinnen und Wähler anzuziehen. Das tun die Grünen nicht. Sie sind in der unteren Hälfte der Gesellschaft nur ganz wenig präsent. Aber die große Zeit der Volksparteien ist so und so vorbei, und es wäre anachronistisch, wenn die Grünen etwas sein wollten, was sich historisch überholt hat.

SZ: Aus den Underdogs von einst ist eine Partei der Besserverdienenden geworden?

Merkel: Nicht nur der Besserverdienenden, sondern mehr noch der Bessergebildeten. Sie ist die Partei der gebildeten, höheren Mittelschichten, urban, wenn nicht gar metropolitan und in der jüngeren Bevölkerung sehr präsent. Dass sie aus einer politisch und kulturell vielschichtigen Bewegung entstanden ist, das hat heute keine Bedeutung mehr. Die Sozialdemokratie ist auch aus revolutionären Kräften hervorgegangen und hat sich schon in der Weimarer Republik als regierungsfähig erwiesen. Und so sind auch die Grünen zu einer Partei wie alle anderen geworden, wenn auch mit jüngerem Image.

SZ: Wäre ein grüner Kanzler für die Leute wählbar?

Merkel: Mit Sicherheit. Das Problematische einer Mitte-Links-Koalition wäre für eine Mehrheit der Bevölkerung nicht die Grünen, sondern die Linken.

2676: Die Moskauer

Freitag, Januar 10th, 2020

Es ist so gewesen, dass die DDR, die neuen Bundesländer und Ostdeutschland in der Gegenwart hier und da falsch beurteilt worden sind. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Es lag nicht nur an der Unfähigkeit zur Analyse. Meistens stand keine böse Absicht dahinter. Was aber bisher – erstaunlicherweise – kaum berücksichtigt wurde, ist das System des

Stalinismus.

Seit die russischen Quellen ungefähr ab 1989 jedenfalls partiell geöffnet worden sind, können wir uns umfassender darüber informieren. Das ist auch das Verdienst von

Andreas Petersen: Die Moskauer. Wie das Stalintrauma die DDR prägte. Frankfurt/Main (S. Fischer), 361 Seiten.

Das Phänomen des Stalinismus erstreckte sich seit dem ersten Fünf-Jahres-Plan der Sowjetunion (SU)

1929 bis ungefähr zum Anfang der sechziger Jahre (1962),

als die „Rückführung“ deutscher Kommunisten aus der SU für abgeschlossen erklärt wurde. Tatsächlich war der Stalinismus in der DDR bis zum Ende (1989) virulent. Das zeigt Petersen auf ziemlich meisterhafte Weise, auch wenn er stilistisch seinen bemerkenswerten Erkenntnissen nicht immer ganz gewachsen ist.

Petersen stützt sich auf Vorarbeiten solch hervorragender Autoren wie Wolfgang Leonhard, Hermann Weber, Margarete Buber-Neumann, Carola Stern, Jörg Baberowski und anderen.

Das System des Stalinismus zeigt sich besonders deutlich in den folgenden Erscheinungen:

– Misstrauen,

– Bespitzeln,

– Denunzieren,

– Lüge,

– ideologische Intoleranz,

– Verrat,

– Folter,

– Gewalt,

– Mord und Massenmord (Archipel Gulag; viele entscheidende Erkenntnisse verdanken wir dem russischen Schriftsteller Alexander Solschenyzin),

– Personenkult,

– hierarchische Ordnung,

– Propaganda/Agitation,

– systematisches Beschweigen des Terrors,

– und anderen Merkmalen.

Im System des Stalinismus kommen Kommunisten nicht nur als Täter vor, sondern gerade auch als Opfer, das sollten wir nie vergessen. Ungefähr 10.000 deutsche Kommunisten gingen in den dreißiger Jahren in die Sowjetunion, nicht einmal die Hälfte kam zurück. „Stalin hat mehr deutsche Kommunisten ermordet als Hitler.“ Die Rückkehr in die SBZ bzw. DDR erfolgte in Wellen, 1945-1947, mit den letzten deutschen Kriegsgefangenen 1955, in den sechziger Jahren. Die meisten der Rückkehrer haben sich zum Stalinismus erst nach 1989 erklärt. Wenn überhaupt.

Kennzeichnend für die Phase des Stalinismus (im Weltkommunismus) waren:

1. die völlig falsche „Sozialfaschismus“-These 1929, die besagte, dass nicht die Faschisten die Hauptgegner des Kommunismus waren, sondern die Sozialdemokraten. Diese haben ihre politische Verunglimpfung überall teuer bezahlt.

2. die Tschistka (die große Säuberung mit Schauprozessen) 1937-1939, also die Ermordung von Millionen Menschen in der SU, darunter vielen „treuen Genossen“.

3. der Hitler-Stalin-Pakt 1939 (mit der darin verabredeten Aufteilung der politischen Einflusszonen und der Unterwerfung und Teilung Polens in einem Geheimvertrag).

4. Stalins Tod im März 1953.

5. 17. Juni 1953 in der DDR.

6. Der XX. Parteitag der KPdSU 1955, auf dem Generalsekretär Nikita Chruschtschew erstmals den Stalinismus charakterisierte.

7. Der 13. August 1961 mit dem Bau der Mauer in Berlin.

Von 1945 an gab es innerhalb der kommunistischen Exilanten einen Machtkampf zwischen den Moskauer Stalinisten, den Westexilanten und den Insassen von Nazi-Konzentrationslagern. Für die Führung in der SBZ vorgesehen waren nur die Moskauer. Auf Grund des Prestiges von KZ-Insassen hat es dann doch einige Zeit gedauert, bis die Moskauer sich gänzlich durchgesetzt hatten. Die Person, an der das am besten verstanden werden kann, ist der klassische Politfunktionär Walter Ulbricht.

Davon betroffen waren aber ebenfalls Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl, Franz Dahlem, Wilhelm Florin, Hermann Matern, Fred Oelßner, Hugo Eberlein, Paul Wandel, Erich Mielke, Karl Maron, Erich Bolz, Johannes R. Becher, Otto Winzer, Hermann Ducker, Karl Schirdewan, Bernard Koenen, Ottomar Geschke, Paul Merker, Max Fechner, Erich Gniffke, Erich Mückenberger, Hermann Axen, Kurt Hager, Lex Ende, Rudolf Herrnstadt und viele andere, die hier nicht alle genannt werden können. Im deutschen Stalinismus gab es wie anderswo auch starke antisemitische Einschüsse.

Insbesondere während des Hitler-Stalin-Pakts 1939 bis 1941 wurden deutsche Kommunisten an die Gestapo verraten und an sie übergeben. Willi Münzenberg trat damals aus der KPD aus. Im Spanischen Bürgerkrieg tobten ebenfalls die inner-kommunistischen Fraktionskämpfe mit mörderischer Gewalt. Es gab viele Selbstmorde. Das Konzentrationslager Buchenwald wurde von 1945 bis 1950 zu einem sowjetischen Speziallager umgewandelt.

In den Nazi-Konzentrationslagern waren die Kommunisten am besten organisiert. Das darf nicht vergessen werden. Vielfach kam es aber auch zu einer moralisch unvertretbaren Zusammenarbeit (nicht zuletzt durch das Kapo-System). Bruno Apitz‘ Buch „Nackt unter Wölfen“ (die literarische Gründungsurkunde der DDR) und der darauf aufbauende Film pflegten die Legende vom heroischen kommunistischen Widerstand. Die kommunistische Führung wusste es besser, sorgte aber dafür, dass Verfehlungen von Genossen geheimgehalten wurden.

Stalin wurde von vielen Schriftstellern und Künstlern „gehuldigt“. Dabei sind in erster Linie zu nennen Lion Feuchtwanger, der mit der DDR nichts zu tun hatte, und der spätere DDR-Kultusminister Johannes R. Becher. Zum 17. Juni 1953 hat sich sogar Bertolt Brecht missverständlich geäußert. Beeindruckend ist das von der kommunistischen Führung angeordnete Schweigekartell dem Stalinismus gegenüber. Es funktionierte so gut, weil viele Genossen ihre eigene Mitschuld kannten. Viele waren traumatisiert. Sie waren geübt in Parteidisziplin. Dies alles hat große Auswirkungen auf die DDR gehabt. Manches kam erst nach 1989 zur Sprache. Eher spärlich.

„Die alten Genossen wussten alles, sie kannten die Schicksale, den Schrecken der Stalin-Jahre, aber auch ihren eigenen Verrat und die Scham über ihr Verhalten. Auch Kommunisten, die mit dem System brachen und den Terror genau beschrieben, wie Herbert Wehner, Julius Hay und Ernst Fischer, verschwiegen ihre eigene Rolle im Räderwerk der Menschenfalle. Man hatte eben selbst das System betrieben, das einen schließlich überrollt hatte.“ (S. 275) Und die Jungen verlangten keine Aufklärung. „Egon Krenz ist der Repräsentant jener pensionsreifen Berufsjugendlichen, die lebenslang vor dem politischen Vatermord zurückschreckten.“ (S. 263)

Auf den Seiten 277 bis 284 gibt Andreas Petersen einen tiefen Einblick in das Leben der Familie Wolf, einschließlich der Geliebten und Hausangestellten. Die Familie Wolf stellte  den Schriftsteller Friedrich Wolf („Zyankali“), den Geheimdienstmann Markus Wolf und den Filmemacher Konrad Wolf („Ich war neunzehn“). Mit Familie Wolf war privat verbunden die Familie Lochthofen. Sie kam 1958 aus der Sowjetunion zurück. Gar kein Stalinist mehr war Sergej Lochthofen, der im 21. Jahrhundert lange Jahre der Chefredakteur der „Thüringer Allgemeinen“ (in Erfurt) war. Artur Koestler, der Autor von „Sonnenfinsternis“ (1940), hat über den Stalinismus geschrieben: „Der Glaube ist ein wundersames Ding, er kann nicht nur Berge versetzen, er kann den Gläubigen auch überzeugen, dass ein Hering ein Rennpferd ist.“ (S. 266)

 

 

2675: Eklat um Auschwitz-Gedenken

Donnerstag, Januar 9th, 2020

Der polnische Präsident Andrzej Duda hat seine Teilnahme an der Gedenkfeier zum 75. Jubiläum der Befreiung von Auschwitz in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem (Israel) abgesagt. Der Grund dafür ist, dass er dort nicht sprechen darf wie

– Russlands Präsident Wladimir Putin,

– Frankreichs Präsident Emmanuel Macron,

– der britische Thronfolger Prinz Charles,

– US-Vizepräsident Mike Pence und

– Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Duda erklärte, die Abwesenheit einer polnischen Stimme beim Auschwitz-Gedenken bedeute eine „Verfälschung der Geschichte“, weil die meisten der in Auschwitz Ermordeten Polen gewesen seien. Außerdem habe er Wladimir Putin widersprechen wollen, der am 24. Dezember 2019

den Hitler-Stalin-Pakt von 1939

verharmlost und seinen antipolnischen Ressentiments freien Lauf gelassen hatte, als er behauptete, Polen habe am Beginn des Zweiten Weltkriegs „eine Verschwörung“ mit Hitler gewollt (Putin wird ja in der internationalen Öffentlichkeit weithin jeder Schwachsinn abgenommen, W.S.).

Yad Vashem erklärte: „Es ist wichtig anzumerken, dass von 1,5 Millionen Opfern des Todeslagers Auschwitz-Birkenau rund 1,1 Millionen Juden waren, die ermordet wurden, einfach weil sie Juden waren, ungeachtet ihrer Herkunftsländer.“ Es sei angemessen, zum Gedenken Vertreter der vier Alliierten sprechen zu lassen, die Europa und die Welt vom Holocaust befreit hätten. Deutschlands besonderer Verantwortung für den Hiolocaust werde man dadurch gerecht, dass ein deutscher Vertreter zu Wort komme. Insgesamt nehmen mehr als 40 Staats- und Regierungschefs am Welt-Holocaust-Forum teil.

Angeblich haben sich israelische Diplomaten bemüht, Duda einen Weg zu seiner Teilnahme zu ebnen. Polen schickt gegenwärtig Wanderausstellungen über polnische Kriegshelden und Retter polnischer Juden um die Welt. Das sehen Historiker anders, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Danach wurde die Zahl polnischer Judenretter bei weitem übertroffen von der Zahl polnischer Hilfspolizisten, Feuerwehrleute, Partisanen und Dorfbewohnern, die den Deutschen halfen, mindestens 200.000 vor dem Abtransport in die Gaskammern in Dörfer und Wälder geflohene Juden zu ermorden. Diesen Erkenntnissen zufolge war es nicht selten, dass Polen ihre jüdischen Nachbarn selbst ermordeten (Alexandra Föderl-Schmid, Florian Hassel, SZ 9.1.20).

2674: Söders Kabinettsumbildung

Dienstag, Januar 7th, 2020

Es gibt schlechte Minister in dieser Bundesregierung, und es gibt gute. Das muss wohl so sein, und war schon immer so. Es lässt sich nicht nach Parteien ordnen. Aber es hat dem bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden Markus Söder die Möglichkeit gegeben, eine Kabinettsumbildung vorzuschlagen. Das haben CDU und SPD bereits abgelehnt. „Die Kanzlerin arbeitet mit allen Ministerinnen und Ministern gut und gerne zusammen.“

Söder hatte gesagt: „Für die Union muss das Thema Innovation und Wirtschaft an erster Stelle stehen.“ Das war als Kritik an Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) und Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) zu werten. Oder wollte Söder sich an Innenminister Horst Seehofer (CSU) rächen, der mit 70 Jahren der älteste Minister ist? Das kann man sich ja kaum vorstellen. In der Hauptsache geht es Söder nämlich darum, den unfähigen Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) zu entsorgen, der eine Belastung für die Union und insbesondere für die CSU darstellt (SZ 7.1.20).

2673: Psychotherapeutin klagt über Meckerer.

Montag, Januar 6th, 2020

Anlässlich des Jahreswechsels klagt eine Psychotherapeutin aus Norddeutschland über die vielen Meckerer unter ihren Patienten (Die Zeit 27.12.19). Sie ist – aus meiner Perspektive – jung, 32 Jahre alt. Sie hat nach eigenen Angaben pro Jahr 100 Patienten in Einzel- oder Gruppentherapie:

1. Die Patienten jammern im Durchschnitt sehr viel, insbesondere die Menschen zwischen 50 und 60, die Generation der Babyboomer.

2. Viele haben sich in ihrer Opferrolle gut eingerichtet.

3. Zentral ist bei ihnen die Orientierung an ihrer Arbeit, sie sind leistungsorientiert. Da ist der Akku bald leer.

4. Schuld an der Misere sind immer die anderen, der Chef, die Therapeutin, die ganze Welt.

5. Da lässt sich der Frust gut auf das Establishment, die Politiker oder „die da oben“ projizieren.

6. Fraglich ist, wie sich die Meckerei auf die Gesellschaft auswirkt.

7. Viele können nicht artikulieren, was sie zufrieden macht. Sie wissen nicht, was sie wollen. Wir finden auf Führungsposten in Politik und Wirtschaft Menschen, die nicht gelernt haben, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.

8. Diese Menschen müssen lernen, auf sich selbst zu hören.

9. Wenn wir Hunger haben, denken wir doch auch daran, was wir essen möchten. Das funktioniert vor allem bei Männern.

10. Für unser Wohlbefinden ist es zentral zu wissen, was wir wollen. Und das dann auch tun.

2671: Die Windkraft: nicht verraten !

Samstag, Januar 4th, 2020

Nach dem Fukushima-GAU 2011 schwenkten auch die Union und die FDP auf erneuerbare Energien um. Die Energiewende wurde zum „Gemeinschaftswerk“. Davon ist heute nicht mehr viel zu spüren. Der Ausbau der Windkraft ist 2019 fast zum Erliegen gekommen. Viele Bürger verstehen die komplizierten Regeln der Energiewende nicht. In Ostdeutschalnd kassieren vielfach die Nachfolgegesellschaften der LPG die Pacht für Windräder. Die Bauern verdienen wenig. Die Zahl der Energiewende-Fans sinkt.

Dabei geht es um wirkliche Teilhabe der Bürger. „Bürger müssen die Chance erhalten, sich bei Windparks in der Nähe einzukaufen. Sie brauchen Unterstützung, auch finanzieller Natur, wenn sie gemeinschaftlich selbst einen Windpark aufziehen wollen. Dann haben sie auch am ehehsten Mitsprache, wo und wie gebaut wird. Wer mit jeder Umdrehung Geld verdient, blickt gleich ganz anders auf so ein Windrad. Doch unzählige Gesetzesänderungen haben die Verfahren so kompliziert gemacht, dass selbst engagierte Bürger sie derzeit kaum verstehen.“

Die Politik muss die Verfahren vereinfachen.

„Scheitert die Energiewende, dann scheitert auch der Ausstieg aus der Kohle. Dann steht dem Land eine neue Atom-Debatte bevor. Und wer weiß: Vielleicht führt das mancher im Schilde, der heute lautstark die mangelnde Akzeptanz für die Energiewende bedauert.“ (Michael Bauchmüller, SZ 4./5./6.1.20)

 

2670: Harry Kupfer ist tot.

Donnerstag, Januar 2nd, 2020

Mit Harry Kupfer (84) ist einer der großen Opernregisseure und Opernintendanten gestorben. Von 1981 bis 2001 war er Intendant der Komischen Oper in Berlin, die er geprägt hat. Dort hatte er viele grandiose „Heimspiele“. Zuletzt noch mit dem Countertenor Jochen Kowalski in Händels „Giustino“. Berühmt machten Kupfer aber seine „Auswärtsspiele“. 1978 „Der fliegende Holländer“ in Bayreuth. Ebenda 1988 „Der Ring des Nibelungen“ mit Daniel Barenboim am Pult. Weltweit bekannt wurden 1995 seine „Meistersinger von Nürnberg“ in Amsterdam. Dabei rehabilitierte er den Beckmesser. Harry Kupfer, ein schlagfertiger Berliner, war auf der ganzen Welt künstlerisch zu Hause. Das ging bis Tokio. Zu seinem Repertoire gehörten auch moderne Opern von Alban Berg, Leos Janacek, Benjamin Britten, Werner Henze und Christof Penderecki.

Gelernt hatte Kupfer in den fünfziger Jahren bei Walter Felsenstein und Karl Riha. Danach folgte ein Zug durch die DDR-Provinz. Dort profitierte er davon, dass er den Umgang mit Chören gelernt hatte. Debütiert hatte er 1971 in der „Hauptstadt der DDR“ mit Richard Strauß‘ „Frau ohne Schatten“ (Wolfgang Schreiber, SZ 2.1.10).

 

2669: Wilhelm (BR): Für europäische Alternative zu US-Plattformen

Mittwoch, Januar 1st, 2020

Der Intendant des Bayerischen Rundfunks (BR), Ulrich Wilhelm, fordert eine europäische Alternative zu den US-Plattformen Amazon, Google, Facebook, Apple et alii. Laura Hertreiter und Claudia Tieschky haben ihn dazu in der SZ (21./22.12.19) befragt. Ich bringe hier Teile von Wilhelms Antworten:

„In Wahrheit ist mittlerweile der digitale öffentliche Raum selbst in privaten Besitz übergegangen. Er unterliegt damit Geschäftsmodellen, die nicht auf das Gemeinwohl ausgerichtet sind, sondern auf unternehmerische Ziele.“

„Und als Intendant und Verantwortlicher eines großen Medienhauses geht es mir darum, eine europäische Alternative zu den US-Plattformen zu bekommen, um in der digitalen Welt unser Angebot verbreiten zu können – auf der Basis europäischer Werte.“

„Hass und Häme stecken nicht in Algorithmen, sondern in der menschlichen Natur. Aber Algorithmen steuern die Sichtbarkeit von Inhalten im Netz. Sie lenken die Aufmerksamkeit auf bestimmte Inhalte. Bei Facebook, Youtube und Co. steht das Ziel im Mittelpunkt, eine möglichst lange Verweildauer von Menschen in diesem Gesamtangebot zu erreichen. Dabei ist die Erkenntnis aus der Gehirnforschung eingeflossen, dass Menschen am liebsten in ihrer eigenen Wahrheit leben, sich bestätigen und geborgen fühlen wollen, und dass sich Identität auch in Abgrenzung zu anderen bildet. Wenn Algorithmen die Fußballfans des gleichen Klubs verbinden, ist das selbstverständlich in Ordnung. Aber in politischen Debatten wird diese Verengung auf Gruppen Gleichgesinnter gefährlich.“

„So soll zum Beispiel eine Übersetzungssoftware entwickelt werden, die es Menschen ermöglicht, ein Nachrichtenvideo der ‚Tagesschau‘ in Frankreich oder Italien in der jeweiligen Landessprache zu sehen – und umgekehrt Nachrichtensendungen von dort auf Deutsch.“

„.. der öffentliche Raum ist sensibel, Demokratie ist störanfällig. Die Zwanziger- und Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts haben uns gelehrt, was Hetze und demagogisches Feuer bewirken können. Selbstverständlich wollen die großen Plattformen aus den USA nicht die Demokratie zerstören. Aber sie haben ein Geschäftsmodell, das nicht sensibel ist für seine Auswirkungen auf die Demokratie.“

2668: Das Christentum auf dem Weg nach Europa

Dienstag, Dezember 31st, 2019

Manchmal ist bei uns noch die Rede vom „christlichen Abendland“. Ich bin mir darüber klar, dass dieser Begriff häufig ironisch verwandt wird. Viele Menschen bei uns lehnen die Kirche gerade ab und machen sie für viele Fehlentwicklungen verantwortlich. Eine Gegenbewegung hat aber immer noch einen Bezug zur Kirche, wenn auch manchmal wenig Kenntnisse. Diese hat der Historiker und Archäologe Martin Kroker (Die Zeit 18.12.19). Er ist Leiter des LWL-Museums in der Kaiserpfalz in Paderborn. Wir bewegen uns mit seinem Text in einer Zeit, in der die Frage, ob das Christentum zu Europa gehöre, nicht abwegig schien (von Christi Geburt bis ins 15. Jahrhundert). Klar sind wir uns darüber, dass die Verbreitung des Christentums kein friedvoller pazifistischer Akt war, sondern mit Krieg, Mord und Totschlag geschah.

1. Im Matthäus-Evangelium steht: „Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes.“ Das unterscheidet das Christentum von anderen Religionen.

2. Christen verbreiteten sich im Imperium Romanum. Gleichzeitig wanderten das Judentum und der Islam aus dem Nahen Osten nach Europa.

3. Die Ursprungsorte des Christentums, Jerusalem, Galiläa und die Gegenden, in denen die Apostel missionierten, gehörten zur Zeit Jesu zum Römischen Reich. Dort gab es zunächst brutale Christenverfolgungen.

4. Kaiser Konstantin besiegte seinen Mitkaiser Maxentius 312 an der Milvischen Brücke in Rom. Vor der Schlacht soll ihm ein Kreuz erschienen sein. Konstantin machte die Kirche künftig zur Klammer zwischen dem Imperium und dem Kreuz.

5. Kaiser Theodosius I. erklärte 380 die Dreifaltigkeit aus Gottvater, Sohn und Heiligem Geist als verbindlich und wirkte damit gegen die Religionsfreiheit.

6. Um 500 herum drangen germanische Eroberer ins Römische Reich ein. Sie waren Bewunderer des römischen Reichtums und der römischen Kultur. Der griechische Theologe Wulfilas wurde zum „Bischof der Christen bei den Goten“ ernannt. Er übersetzte die Bibel ins Griechische. Ein Großteil der Westgoten, Ostgoten, Vandalen und Langobarden trat zum Christentum über.

7. Um 500 nahm der Frankenkönig Chlodwig den römisch-katholischen Glauben an. 496 schlug er die Alemannen in der Schlacht bei Zülpich.

8. Eine besonders erfolgreiche Rolle in der Christianisierung nimmt Irland ein. Es beginnt damit bei den Angeln, Sachsen und Jüten in England.

9. Um 600 lässt sich König Ethelberht taufen. Die Christianisierung geht in Friesland weiter.

10. 730 lässt Wynfred (Bonifatius) im nordhessischen Fritzlar die Donareiche fällen, um die Ohnmacht der heidnischen Opfer zu beweisen. Er wird 755 in Friesland erschlagen und gilt danach als Märtyrer.

11. Nach dem Tod Mohammeds 632 breitet sich der Islam nach Spanien aus. 711 überqueren islamische Berber die Meerenge von Gibraltar.

12. 732 plündert ein arabisches Heer Bordeaux. Es wird bei Poitiers von dem Frankenherzog Karl Martell geschlagen. Die Franken drängen die Araber über die Pyrenäen zurück.

13. Karl der Große, der Enkel Karl Martells,  lässt sich 800 in Rom zum Kaiser krönen. Er besiegt und christianisiert die Sachsen.

14. Diese stellen bald darauf eine große Zahl von Kaisern des heiligen Römischen Reichs deutscher Nation (Heinrich, Otto et alii).

15. Im 13. und 14. Jahrhundert wird das Baltikum christianisiert. Am Ende des 15. Jahrhunderts wird in der Reconquista die Iberische Halbinsel rechristianisiert.

Es war ein langer Weg voller Zufälle und Rückschläge.