Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2701: Werde ich durch Bildung ein besserer Mensch ?

Mittwoch, Januar 29th, 2020

Mit dieser Frage beschäftigt sich sehr kundig Jan Ross, Journalist bei der „Zeit“ (16.1.20), für die er u.a. längere Zeit aus Indien berichtet hat:

1. Macht Bildung uns zu besseren Menschen?

2. „Wir alle kennen belesene, kunstsinnige und intellektuell brillante Wichtigtuer, Egoisten oder Zyniker.“

3. Bildungsdünkel grenzt „die da unten“ und „die da draußen“ aus.

4. Ein gebildeter (Geistesbildung) und guter (Herzensbildung) Mensch zu sein, hängt nur sehr bedingt miteinander zusammen.

5. Wir Deutschen, das „Volk der Dichter und Denker“, haben das schlimmste völkerrechtliche Massenverbrechen begangen, den Holocaust.

6. „Die Hoffnung auf Bildung als historische Fortschrittsenergie, aber auch schlicht als Garantie menschlicher Anständigkeit und Zivilisiertheit, scheint durch die Erfahrung gründlich widerlegt.“

7. Dass Bildung moralische Kraft besitzt, ist aber keine komplette Illusion. Den Imperialismus charakterisiert Joseph Conrad in seiner 1899 erschienenen Erzählung „Herz der Finsternis“. 1979 hat Francis Ford Coppola daraus den Film „Apocalypse Now“ gemacht.

8. „Geisteswerke schicken uns auf intellektuelle Abenteuer und machen uns mit außerordentlichen Frauen und Männern bekannt (…). Sie brechen den Käfig unserer Routine und Beschränktheit auf, sie erweitern unser Einfühlungsvermögen und unsere moralische Fantasie. Bildung ist das Gegenprogramm zu einer Mentalität, die satt und träge um sich selbst kreist. Zum geistigen und seelischen Daumenlutschertum. Zum Narzissmus.“

9. Für die britische Schriftstellerin George Eliot (Mary Ann Evans) ist „Kunst“, „die Sache, die dem Leben am nächsten kommt; sie ist ein Weg, die Erfahrungen zu mehren und unseren Kontakt mit unseren Mitmenschen über die Grenzen unserer persönlichen Bekanntschaft hinaus auszuweiten“ (1856).

10. Heute ist an die Stelle der Klassengesellschaft eine Blasengesellschaft getreten, ein Nebeneinander verschiedener Peergroups und Milieus, die sich bestens darauf verstehen, „sich in ihren Lieblingsvorstellungen behaglich einzurichten und das Unerfreuliche draußen zu lassen“.

11. Bildung beruht auf der Relativierung unserer Vorlieben und unserer Selbstgenügsamkeit, sie steht im Gegensatz zu der Vorstellung, dass wir das „Maß aller Dinge“ seien.

12. Wir können selbst herausfinden, dass viel gepriesene Werke nichts taugen oder dass sie uns nichts sagen.

13. „Der schlimmste Feind – der wahre Gegenspieler – des gebildeten Menschen ist nicht der Barbar: Es ist der Spießer, der alles auf sich bezieht, alles schon zu wissen meint und selbstzufrieden in seinem Denken und Dasein ruht.“

14. Sigmund Freud hat die großen Kränkungen benannt, welche die Psychoanalyse (Wir sind nicht die Herren im eigenen Haus.) und große wissenschaftliche Erkenntnisse wie der Heliozentrismus (Die Erde ist nicht der Mittelpunkt der Welt.) und die Evolutionstheorie (Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung.) darstellen.

15. Ein zentraler Bestandteil von Bildung ist die Fähigkeit zur Bewunderung. „Bewunderung macht nicht klein. Ebenso wie Achtung oder Verehrung hat sie nichts mit Unterwürfigkeit zu tun und nichts mit Gehorsam; man schuldet sie niemandem und keiner Sache, sie wird freiwillig gegeben. Sie ist ein Ausdruck innerer Größe: davon, dass man gelten lässt und gönnen kann.“

2700: Was ist Bildung ?

Dienstag, Januar 28th, 2020

Die US-amerikanische Historikerin Lorraine Daston, 68, hat das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte geleitet. Sie gibt uns ihren Begriff von Bildung:

„Für mich ist das Wort ein Fremdwort. Und ein sehr deutsches Wort. Bildung kommt von Abbildung – und bis Ende des 18. Jahrhunderts war damit wirklich nur ein Bild gemeint. Erst durch Goethe hat das Wort die Bedeutung von

‚gestalten, sich formen‘

angenommen. Es bleibt bis heute sehr von der deutschen Tradition der Romantik und des Individualismus geprägt. Anders als das englische ‚education‘ oder ‚upbringing‘ hat der Begriff Bildung keine kollektive Dimension.“ (Die Zeit 16.1.20)

2699: Paul Celan – rätselhaft, widersprüchlich und fremd

Montag, Januar 27th, 2020

Briefe waren für Paul Celan (1920-1970) sehr wichtig. Uns können sie zum Verständnis dienen. Neben anderen sind in der letzten Zeit Celans Briefwechsel mit Nelly Sachs (1993), Gisèle Celan-Lestrange (2001), Ilana Shmueli (2004), Peter Szondi (2005) und Ingeborg Bachmann (2008) erschienen. Eine faszinierende Lektüre, die uns allerdings nicht immer aufklärt. Nun ist ein neuer Band erschienen:

Paul Celan: „Etwas ganz und gar Persönliches“. Briefe 1934-1970. Ausgewählt, herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann. Berlin (Suhrkamp) 2019, 1.286 S., 78 Euro.

Bei insgesamt 691 Briefen enthält er 330 „Erstdrucke“. Helmut Böttiger (SZ 27.1.20) bestreitet das, er sieht den ganzen Band kritisch. Je mehr wir über Paul Celan erfahren, desto widersprüchlicher und rätselhafter wird sein Bild. Ja, sagen wir es offen, dass der Dichter aus Czernowitz uns in mancher Hinsicht fremd bleibt. Sein Judentum war nicht religiös und mystisch, sondern ganz auf zeitgeschichtliche Erfahrungen gegründet. Von 1940 bis 1945 hatte Celan den Nazi-Terror in der Bukowina miterlebt. Er überlebte in einem Arbeitslager. Seine Eltern wurden von den Nazis ermordet.

Celans weiterer Weg führte ihn über Bukarest und Wien nach Paris (1948), wo er auch als Übersetzer tätig war. Seine poetischen Wurzeln lagen bei Stefan George, Georg Trakl und, vor allem, bei Rainer Maria Rilke. Bei den „Obergefreiten“ der Gruppe 47 fand er 1952 in Niendorf/Ostsee kein Verständnis, als er die „Todesfuge“ vorlas. Bei der Gruppe 47 war Celan danach nie mehr. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich 1979 bei der Analyse von Marvin Chomskys Hollywood-Fernseh-Serie „Holocaust“ meinen Studenten die „Todesfuge“ vorgelesen habe.

Schwer verständlich sind manche Züge Celans. So traf er sich 1967 zum ersten Mal mit Martin Heidegger, der Celans Gedichte studiert hatte. Gemeinsam wanderten sie nach Todtnauberg. Celan galt als Linker. Aber kaum in dem westeuropäischen Sinn von 1968. Celan wechselte Briefe mit Rolf Schroers, der im Zweiten Weltkrieg die „Abwehr“ von Partisanen in Italien kommandiert hatte. Unter dem Antisemitismus litt Paul Celan am meisten. Das kommt uns heute wieder verständlicher vor.

Helmut Böttiger kritisiert die Briefauswahl Barbara Wiedemanns als zu willkürlich. Wahrscheinlich liegt das daran, dass sie 2020 „Paul Celan – ein Leben in Briefen“ herausbringen will. Ob die Herausgeberin dabei nach Böttigers Meinung stets die „spezifische Dynamik“ des Verhältnisses von Ingeborg Bachmann und Paul Celan erfasst, muss offen bleiben. Celans zahlreiche Liebesbeziehungen sind für manche wohl zu fremd. Im neuen Band wird erstmals die Beziehung zu Inge Waern erwähnt, einer Freundin von Nelly Sachs. Ihretwegen hatte Celan 1964 anscheinend seine Übersiedlung nach West-Berlin erwogen. An den DDR-Lyriker Erich Arendt schrieb Celan: „Ich sagte Ihnen schon, wie einsam wir sind; wir sind es auch mit unseren Vorstellungen vom Arbeiten und Leben.“ (Oliver Jungen, FAZ 21.12.19; Eberhard Geisler, taz 6.1.20)

2698: „Der Verrat des ADAC“

Sonntag, Januar 26th, 2020

Der ADAC vertritt 21 Millionen Mitglieder. Er ist die stärkste Interessenvertretung von Autofahrern in Deutschland. Seit langem hat er die Vorstöße für ein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen abgelehnt. Nun ändert er seine Position vor dem 58. Verkehrsgerichtstag in Goslar. Er ist nicht mehr grundsätzlich gegen ein Tempolimit, weil seine Mitglieder dazu etwa fifty-fifty stehen. Der ADAC fordert eine Versachlichung der Diskussion und spricht sich für eine umfassende Studie aus. „Diese würde eine belastbare Entscheidungsgrundlage liefern.“ Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass durch ein Tempolimit die Zahl der Verkehrsunfälle zurückgehe und der CO 2-Ausstoß verringert werde.

Der Autoherstellerverband VDA lehnt ein Tempolimit ab.

Deutschland ist das einzige Land in der EU, in dem kein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen gilt. Überall sonst gibt es Begrenzungen zwischen 120 und 130 km/h. Als bei einem Test 2012 auf einem 63 km langen Abschnitt in Brandenburg das Höchsttempo 130 km/h eingeführt wurde, sank dort die Anzahl der Unfälle und Verletzten um 50 Prozent. Für ein Tempolimit von 130 km/h sind die SPD, ihre Umweltministerin Svenja Schulze, Umweltorganisationen und die Polizeigewerkschaften (Markus Balser, SZ 25./26.1.20).

Dazu schrieb der Chefredakteur der „Welt“ und Porschefahrer Ulf Poschardt: „Der Verrat des ADAC.“ (Welt 25.1.20)

2697: Kretschmanns Rechtschreibung

Samstag, Januar 25th, 2020

Die Grünen sind so erfolgreich beim Wähler (24 Prozent bei der Sonntagsfrage) und ihre Führung macht anscheinend so wenig Fehler, dass mancher, der ihnen am Zeuge flicken will, sich auf Nebenkriegsschauplätze begibt, um sie dort zu bekämpfen. Etwa die Äußerungen des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried

Kretschmann zur Rechtschreibung.

Der Deutschen Presse-Agentur hat er gesagt: „Aber die Bedeutung, Rechtschreibung zu pauken, nimmt ab, weil wir ja heute nur noch selten handschriftlich schreiben.“ Es gebe ja „kluge Geräte“, um Grammatik und Fehler zu korrigieren. Insgesamt glaube er nicht, „dass Rechtschreibung jetzt zu den großen gravierenden Problemen der Bildungspolitik gehört“. Dabei denkt mancher gewiss daran, dass Kretschmann Lehrer für Biologie und Chemie war. „Ein einfacher Naturwissenschaftler“, wie einige meinen. FAMU in der „Süddeutschen Zeitung“ (25./26.1.20) nimmt das Ganze gelassen.

Anders Jacques Schuster in der „Welt“ (25.1.20). Für ihn ist Kretschmanns Argumentation „abenteuerlich“. Nähme man sie ernst, brauchte kein Schüler mehr rechnen oder Fremdsprachen zu lernen, Romane zu lesen oder unsere Geschichte zu kennen. „Es gibt doch Wikipedia“.

„Schulfach für Schulfach ließe sich auf diese Weise umkrempeln. Am Ende verließen nicht Schüler die Schule, sondern Trottel. … Trotzdem ist Kretschmanns Gedanke zu bedrohlich, um sich darüber lustig zu machen. Er steht für die breite Neigung der Politik, die Digitalisierung in der Schule zum Allheilmittel zu erklären und mehr über die Anschaffung von Laptops zu reden als über die Inhalte, die mit ihrer Hilfe vermittelt werden sollten.

Soziale Tugenden und grundlegende Kulturtechniken wie Texterschließung, Rechtschreibung und logisches Verständnis bleiben die Voraussetzung für den Bildungserfolg. Mehr als das: Sie sind die Grundlage für die Persönlichkeitsbildung und Urteilsfähigkeit und damit die Voraussetzung dafür, dass der Mensch auch in Zukunft den Computer beherrscht und nicht der Computer den Menschen.“

Was meinen Sie?

2696: Wahlrechtsänderung – dringlich, aber schwierig

Freitag, Januar 24th, 2020

1. Obwohl das Bundestagswahlrecht mit seiner Kombination aus Persönlichkeitswahl und Verhältniswahl grundsätzlich einen guten Ruf hat, wird über eine Wahlrechtsänderung seit 2013 diskutiert. Nicht zuletzt auf Grund der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts.

2. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) hat eine Reduzierung der Wahlkreise von 299 auf 270 vorgeschlagen, Grüne, FDP und Linke auf 250.

3. Die SPD-Bundestagsfraktion hat sich noch nicht auf einen Änderungsvorschlag einigen können.

4. Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion lehnt eine Verringerung der Wahlkreise nicht mehr prinzipiell ab, weil sie sich nicht in den Ruf bringen will, eine Wahlrechtsänderung grundsätzlich abzulehnen.

5. Gegenwärtig haben wir 709 Abgeordnete. Nach den Berechnungen von Politikwissenschaftlern ergeben neun von zehn Modellen zur Veränderung eine Erhöhung der Abgeordnetenzahl.

6. Die Zeit drängt. In der Unionsfraktion erwägt man deshalb, eine Wahlrechtsreform noch in dieser Legislaturperiode zu beschließen, die Verkleinerung der Wahlkreiszahl aber erst für die Wahl 2025 wirksam werden zu lassen.

7. Vier Veränderungen sind im Gespräch:

a) die Verringerung der Zahl der Wahlkreise,

b) die Überhangmandate, die eine Partei A erzielt, nicht mit Ausgleichsmandaten von anderen Parteien zu kompensieren, sondern in einem anderen Bundesland der Partei A weniger Listenmandate zu geben, als ihr dort nach altem Recht zustehen,

c) darauf verzichten, alle Überhangmandate auszugleichen. Das Bundesverfassungsgericht hatte 2012 bis zu 15 nicht ausgeglichene Überhangmandate für zulässig erklärt,

d) darauf verzichten, allen Wahlkreissiegern ein Mandat zu geben. Wenn eine Partei in einem Bundesland (Landesliste) zehn Mandate gewinnt, nach dem Zweitstimmenergebnis aber nur Anspruch auf sieben Sitze hat, den drei Wahlkreissiegern mit dem schlechtesten Ergebnis kein Mandat zu geben. Dies wird in der Union abgelehnt.

8. Die gegenwärtige Sitzverzteilung im Bundestag: CDU/CSU 246 (231 direkt), SPD 152 (58 direkt), AfD 90 (2 direkt), FDP 80, Linke 69 (5 direkt), Grüne 67 (1 direkt).

(Christian Endt/Benedict Witzenberger, SZ 18./19.1.20; Robert Rossmann, SZ 23.1.20)

2695: Joachim Gauck 80

Freitag, Januar 24th, 2020

Wie sein Vorschlag zur „begrenzten Duldung“ bei der Regierungsbildung in Thüringen zeigt, mischt er noch mit, obwohl er 80 Jahre alt wird. Joachim Gauck, der Pastor aus Rostock, der für die Einheit Deutschlands eine wichtige Rolle spielt. Er stammt aus einer Familie, in der beide Eltern früh in der NSDAP waren. Die DDR lehnte er ab. Als erster Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde hat er dafür gesorgt, dass deren Arbeit die berechtigte und erforderliche Aufmerksamkeit fand. Und dann wurde er der erste Bundespräsident aus Ostdeutschland. Der SPD hatte er vorher schon gut getan. Seine Statements hatten Gewicht, obwohl er kein brillanter politischer Stratege ist. Er wirbt für Toleranz nach links und rechts. Bei der Überwindung der Spaltung der Gesellschaft können wir solch ein Programm gebrauchen.

2694: Renate Künast (Grüne) gibt nicht auf.

Donnerstag, Januar 23rd, 2020

Im September 2019 war die Klage der ehemaligen Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast (Grüne) wegen 22 vermeintlich beleidigenden Kommentaren auf Facebook vom Berliner Landgericht  abgewiesen worden. Danach durfte sie z.B. „Drecksfotze“ genannt werden. Nicht-Juristen erschloss sich diese Rechtsprechung gar nicht. Renate Künast hat nicht aufgegeben und dagegen Beschwerde eingelegt. Nun gelten sechs der 22 Kommentare doch als Beleidigungen. Aber Künast darf z.B. noch als „perverse Drecksau“, „altes grünes Dreckschwein“ oder als „gehirnamputiert“ bezeichnet werden. Nun muss das Kammergericht entscheiden, ob Facebook Künast in den noch fehlenden 16 Fällen die Namen der Nutzer nennen darf, damit sie gegen sie Strafantrag stellen darf.

Im Interview mit Detlef Esslinger (SZ 23.1.20) sagt Renate Künast dazu:

„Die Leute müssen lernen, wo die rote Linie ist, und der Staat muss sie zeigen. Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass man im Netz folgenlos Beleidigung und Volksverhetzung betreiben kann. Der Brandenburger Kriminologe Thomas Rüdiger hat den Ausdruck ‚Broken Web‘ geprägt, analog zu den ‚Broken Windows‘ früher in der analogen Welt. Lässt man zerbrochene Fenster in einem Haus erst einmal zu, wird über kurz oder lang der ganze Stadtteil zerstört.“

2693: Der Bestsellerautor als Märchenerzähler

Donnerstag, Januar 23rd, 2020

Der Förster Peter Wohlleben, 56, ist ein Bestsellerautor. 2015 hat er mit „Das geheime Leben der Bäume“ einen Riesenerfolg gelandet. Für ihn ist der Wald nur als unangetasteter Urwald wertvoll. Damit wird er zur Heilsfigur für alle, für die Umweltschutz bedeutet, dass sich der Mensch rauszuhalten habe. Wohlleben verurteilt die deutsche Forstwirtschaft. Er zieht Vergleiche zwischen Waldbau und Massentierhaltung. Bei ihm kommt ein Baumstumpf vor, der von den umliegenden Buchen mit Nährstoffen versorgt wird und deshalb nicht verfault. Diese Vermenschlichung des Waldes nimmt die Wissenschaft Wohlleben nicht ab.

Für den Göttinger Hochschullehrer für Waldbau und Waldökologie der gemäßigten Zonen, Prof. Dr. Christian Ammers, überschreitet Wohlleben die Grenze zwischen wissenschaftlich belegbaren Fakten und Spekulationen. Ammer beschäftigt sich in seiner Forschung mit der Konkurrenz zwischen Bäumen. „Konkurrenz ist das bestimmende Prinzip zwischen Buchen. … Das ist ein Kampf ums Überleben, kein Sozialstaat, der die Schwachen schützt.“ Peter Wohlleben verziert seine Ausführungen mit Fußnoten, die dem Ganzen den Anstrich einer wissenschaftlichen Arbeit geben. Bei ihm klingt es immer so, als würden die Bäume bewusst Entscheidungen treffen. Der Biologe Torben Halbe wirft Wohlleben vor, nur das in seine Publikationen hineinzunehmen, was in sein Weltbild passt. Rosinenpicken.

In einem großen Übersichtsartikel, der sich kritisch mit dem esoterischen Forschungsgebiet der „Pflanzenneurobiologie“ auseinandersetzt, brachten acht Pflanzenphysiologen den aktuellen Wissensstand auf den Punkt:

„Weder besitzen noch brauchen Pflanzen ein Bewusstsein.“

Wohlleben dagegen sagt, „man muss seine Fantasie benutzen, um eine leise Ahnung zu bekommen, was in einem Baum vorgeht“. Wissenschaftler setzen eher auf wissenschaftliche Methoden als auf Fantasie.

Beim Publikum kommt Wohllebens Weltanschauung verständlicherweise gut an. Sie entspricht dem Zeitgeist. Auch von der Politik wird er inzwischen als Impulsgeber eingesetzt. Der Biologe Halbe hält das für gefährlich: „Derart unterhalten, will sich niemand mehr mit den komplexen Zusammenhängen in der Forstwirtschaft auseinandersetzen, damit, was sie ökologisch und gesellschaftlich bedeuten und was die Alternativen sind.“ Christian Ammer: „Wer Herrn Wohlleben in Talkshows zuhört, muss zu dem Schluss kommen, dass die Nutzung von Wäldern per se etwas Schlechtes ist, insbesondere mit Blick auf den Klimaschutz.“ Tatsächlich sei das Gegenteil der Fall, Waldbau sei ein wichtiges Werkzeug im Kampf gegen die Klimakrise. „Mich macht es traurig zu sehen, wie einfach es ist, allein durch emotionale Darbietung, Dinge als Fakten erscheinen zu lassen, die keine sind. Das sehen wir inzwischen auch in vielen anderen Bereichen und in der Politik.“ (Hanno Charisius, SZ 22.1.20)

„Das geheime Leben der Bäume“ gibt es auch als Film von Jörg Adolph (Naturfilmaufnahmen: Jan Haft), 96 min, Verleih: Constantin (Martina Knoben, SZ 23.1.20).

2692: Grüne uneins über Homöopathie

Mittwoch, Januar 22nd, 2020

Die Grünen hatten eine Kommission eingesetzt, die eine Beschlussvorlage zur Homöopathie erarbeiten sollte. Die ist gescheitert. Der Bundesvorstand ist „einstimmig zu dem Ergebnis gekommen, dass eine vertrauensvolle und erfolgreiche Arbeit dieser Kommission nicht möglich ist“. Im Kern geht es darum, ob die Krankenkassen die Kosten für homöopathische Heilmethoden übernehmen sollen, die bekanntlich nur einen Placebo-Effekt haben. Der Grünen-Bundesvorstand schreibt: „Der Auftrag kann nur erfüllt werden, indem der Bundesvorstand die erforderliche programmatische Arbeit selbst verantwortet.“ (Ulrich Schulte, taz 15.1.20)