Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2771: Der Wildtierhandel ist die Ursache von Epidemien.

Montag, März 23rd, 2020

Der US-amerikanische Evolutionsbiologe Jared Diamond und der US-amerikanische Virologe Nathan Wolf verfassen seit 2003 gemeinsam Artikel über neu auftretende Krankheiten, hier über Covid-19 (SZ 23.3.20):

1. Covid-19 ist eine Tierkrankheit.

2. Sie wird von anderen Säugetieren auf uns Menschen übertragen.

3. Auf chinesischen Wildtiermärkten werden getötete oder gefangen genommene Tiere zum Verzehr oder für andere Zwecke verkauft.

4. Sars fand seine Weg über Larvenroller, kleine fleischfressende Schleichkatzen, die sich bei Fledermäusen infiziert hatten.

5. Solche Tiere nehmen Jäger gezielt ins Visier, um sie auf Märkten anzubieten.

6. China hat mehr Einwohner als alle anderen Länder der Welt. Und die Welt vernetzt sich mehr und mehr.

7. Covid-19 wird von einem Coronavirus verursacht, der Sars ähnlich ist. Die Viren entstehen in Fledermäusen.

8. China hat mit der Strenge einer Diktatur auf die Epidemie reagiert und dadurch die Lage stark verbessert.

9. Mit lebenden Tieren wird auch für die traditionelle chinesische Medizin gehandelt.

10. Fachhändler für traditionelle Heilmittel kaufen solche Tiere.

11. Für viele Chinesen haben Wildtiere eine tiefere Bedeutung als der Rotwein für die Franzosen.

12. Zur Sicherheit muss der Wildtierhandel weltweit beendet werden.

13. Covid-19 wird sich auf den Alltag und die Lebensgrundlagen von sehr vielen Menschen auf der ganzen Welt auswirken.

14. Wegen der zunehmenden Vernetzung der Weltgesellschaft können Epidemien den Planeten in jahrzehntelange Depressionen stürzen.

15. Wenn die Chinesen den Wildtierhandel beenden, helfen sie sich selbst am meisten.

2770: Ernst-Wilhelm Händler kennt den Kapitalismus.

Montag, März 23rd, 2020

Der Schriftsteller Ernst-Wilhelm Händler, geb. 1953, ist auch Unternehmer. Nach seinem Studium in Stuttgart und München, das er 1980 mit einer Promotion abschloss, übernahm er den familieneigenen metallverarbeitenden Betrieb. Nebenbei begann er zu schreiben. In der deutschen Literatur kommt ihm zu wenig Geld vor. Das hält er für einen Fehler. Die „Buddenbrooks“ erscheinen ihm als ein „Wirtschaftsroman“.

Der in Regensburg und München lebende Schriftsteller hat 2002 mit

„Wenn wir sterben“

einen Bestseller vorgelegt. Nun interviewen Felix Stephan und Hannah Wilhelm ihn anlässlich seines Romans „Das Geld spricht“ (2019) für die SZ (20.3.20).

SZ: Leben Sie vom Schreiben?

Händler: Um Gottes willen! Nein! Das ginge nicht. Ich habe auch drei Kinder. Die sind zwar alle erwachsen, aber trotzdem.

SZ: Also, wovon leben Sie?

Händler: Von der Literatur können Sie nur leben, wenn Sie Bestsellerautor sind. In Deutschland Walser, Enzensberger, Kehlmann, Juli Zeh. Wir reden jetzt von den Ernsthaften, nicht von Sebastian Fitzek. Ich bin in sehr kleinem Ausmaß Unternehmer, ich mache Immobiliengeschäfte. Früher bestand mein Leben zu zwei Dritteln aus Geschäft und zu einem Drittel aus Schreiben, heute ist es andersrum. Ich komme aus einer Familienfirma.

SZ: Welches ist ihr erfolgreichstes Buch?

Händler: „Wenn wir sterben“, das war mit 15.000 Exemplaren ein richtiger Bestseller. Insgesamt gehen die Verkaufszahlen wie bei allen ernsthaften Büchern zurück. Damit muss man leben.

SZ: Sie schildern in ihren Büchern den Kapitalismus als sehr kalt und unmenschlich. Gleichzeitig scheinen Sie das für sich nicht als Problem zu sehen.

Händler: Da haben Sie vollkommen recht. Ich kann damit umgehen. Wenn man mir eine Alternative zum Kapitalismus zeigt, die funktioniert, dann wäre ich auch dafür. Aber man findet ja nichts.

2769: Vom Nachexil

Sonntag, März 22nd, 2020

Viele, die ins Exil getrieben wurden, haben davon berichtet, dass sie im neuen Land nicht heimisch wurden und dass das Exil nicht verging. Das tut auch Georges-Arthur Goldschmidt, geb. 1928 in Reinbek bei Hamburg, der mit seinem älteren Bruder 1938 von den Eltern nach Florenz geschickt wurde. Er floh ein Jahr später weiter nach Frankreich. Zuerst wurde er in einem Internat, dann bei einem Bauern versteckt. Er lernte Französisch und nahm am Widerstand gegen die Nazis und die Deutschen teil. Heimisch wurde er nie. Trotz Bildungskarriere und Staatsbürgerschaft. Zur Dankbarkeit fühlte er sich verpflichtet. Und er war von einer Bürde belastet,welche die ihn umgebenden Franzosen nicht kannten. Das können wir nachlesen in Goldschmidts

„Vom Nachexil“.

Göttingen (Wallstein) 2020, 88 S., 18 Euro. (beha, FAS 22.3.20)

2768: „Freud“ auf Netflix

Sonntag, März 22nd, 2020

Als achtteilige Serie erscheint „Freud“ bei Netflix. Sie funktioniert mit bizarren Übertreibungen, verdreht Historie und Medizin und klaubt sich aus der Wissenschaftsgeschichte ein paar Details. „Was dabei herauskommt, ist ein Quark mit Serienmord, ferngesteuerten Tätern, Verschwörungen und Geheimbünden, eine haarsträubende Räuberpistole, die vollkommen zu Unrecht ‚Freud‘ genannt wurde. Über das unglaublich interessante Ereignis, wie ein Mann fast im Alleingang die Psychoanalyse erfindet, sagt die Serie praktisch nichts. Und dass sich dieser Freud permanent in Wasser gelöstes Kokain in den Hals schüttet, ist biografisch auch nur maximal halb akkurat.“ (tlin, FAS 22.3.20).

2767: Olympia in Tokio verschieben ?

Sonntag, März 22nd, 2020

Der Sportverband Norwegens, der Schwimmverband der USA, der britische und deutsche Leichtathletikverband schlagen eine Verschiebung der Olympischen Spiele von Tokio im

Juli 2020

vor, bis die Corona-Pandemie unter Kontrolle ist. IOC-Präsident Thomas Bach hält eine Verschiebung für eine unfaire Lösung. Er wird von den afrikanischen Olympischen Komitees unterstützt (FAS 22.3.20).

2766: Annalena Baerbock zum „Wiedereinstieg“

Samstag, März 21st, 2020

Zur gegenwärtigen Krise wird die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock vom Chefredakteure der „Welt“, Ulf Poschardt, befragt (21.3.20).

Welt: Wie bewerten Sie das „Whatever it takes“ der Bundesregierung bei dem Versuch, die abrutschende Wirtschaft zu stabilisieren?

Baerbok: Als total richtig. Es droht uns eine Wirtschaftskrise, die über die Finanzkrise 2008/2009 hinausgeht. Das betrifft dann alle: Unternehmen, Beschäftigte, die komplette staatliche und soziale Infrastruktur. Gut, wenn da jetzt ideologische Scheuklappen abgelegt werden, etwa das Klammern an die schwarze Null. …

Welt: Wie lange hält dieses Land und diese Gesellschaft diesen Ausnahmezustand aus?

Baerbock: Ausnahme muss Ausnahme bleiben. Ich sehe nicht, wie wir monatelang Schulen und Kitas schließen und die Produktion komplett einstellen können. Wir müssen auch die ökonomischen, soziokulturellen und gesellschaftlichen Auswirkungen immer wieder im Blick haben. Die jetzigen, absolut notwendigen Maßnahmen müssen natürlich voll greifen, nach einer Zeit aber immer wieder neu bewertet und abgewogen werden. Neben dem akuten Handeln müssen wir uns auch Gedanken machen, wie wir einen

Wiedereinstieg

schaffen. Das wird nicht leicht, aber dauerhaft hält die Gesellschaft diesen Zustand nicht aus.

2765: Borwin Bandelow über Angst

Samstag, März 21st, 2020

Der Göttinger Angstforscher Prof. Dr. Borwin Bandelow ist Psychologe und Psychiater. Er wurde von Clara Ott telefonisch zur gegenwärtigen Angst befragt (Welt 21.3.20).

Welt: Angst führt zu Egoismus: Wir sichern uns Vorräte, Regierungschefs riegeln ihre Länder gegen ehemalige Verbündete ab. Zeigen wir unter Angst unser wahres Gesicht?

Bandelow: Das ist tatsächlich so. Es gibt nämlich noch ein anderes primitives, archaisches System im Gehirn, das Belohnungsgehirn, es reagiert unter anderem auf Essen. Hamsterkäufe kommen daher, dass wir früher vor dem Winter hamstern mussten, um zu überleben. Wer das nicht tat, ist verhundert. Die ängstlichen Bedenkenträger aber haben überlebt. Das hat sich in unserer DNA tief verankert: Obwohl uns alle Politiker versichern, dass die Lebensmittelgeschäfte weiter geöffnet haben, sind wir trotzdem in großer Sorge, Hungers zu sterben. Das Belohnungssystem funktioniert so: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ …

2764: Was auf uns zukommt

Samstag, März 21st, 2020

1. Angesichts der Einschränkungen, Auflagen, Quarantänen, Isolierungen, der düsteren Szenarien und der erwarteten langen Zeiträume der Corona-Pandemie kündigt sich für unser Leben eine veritable

Weltwirtschaftskrise

an.

2. Wie die einzelnen Krisen und Rezessionen sich detailliert darstellen, hängt von der Vorbereitung der davon betroffenen Institutionen ab.

3. Europa hat bereits zu tun mit der Niedrigzinspolitik der EZB, der Flüchtlingskrise und dem Brexit.

4. Das öffentliche Leben ist ja durch Absagen fast auf Null gebracht: Filmfestspiele Cannes, DFL, Händelfestspiele Göttingen, Pause bei den Automobilherstellern, Break bei den Fluggesellschaften, Zusammenbruch der Tourismus-Industrie usw.

5. Optimismus ist nicht angebracht. Europa muss jetzt finanziell zusammenstehen (Peter Bofinger, Sebastian Dullien, Gabriel Felbermayer, Michael Hüther, Moritz Schularick,Jens Südekum, Christoph Trebesch, FAZ 21.3.20).

6. Opfer werden neben den Arbeitnehmern zuerst Einzelunternehmer, Freiberufler, Kleingewerbetreibende und Soloselbständige. Für sie hat die Bundesregierung Hilfsprogramme in Höhe von 500 Milliarden Euro aufgelegt.

7. Die Tarifpartner haben bereits vernunftgeleitete Verträge geschlossen wie in der Metallindustrie.

8. Die Covid-Fallzahlen in Italien, Spanien und Deutschland steigen nach wie vor zu schnell.

9. Das medizinische System in Deutschland wird stets als leistungsfähig beschrieben. Wir könnten aber schon in zwei Wochen den Kollaps zu verzeichnen haben (Christian Geinitz/Andreas Mihm, FAZ 21.3.20).

10. „Die Erfahrungen mit früheren Krisen, selbst wenn hart und unter Aufbietung übler Ressentiments gestritten wurde, legen immerhin die Vermutung nahe,

dass die EU weiterbestehen wird.

Aus den Erfahrungen bei der Bewältigung der Pandemie werden EU und Migliedstaaten hoffentlich die richtigen Konsequenzen ziehen. Man wird auch zu Vorhaben, die jetzt liegengelassen wurden, zu guten Vorsätzen zurückkehren. Einer dieser Vorsätze lautet: Die EU will ein geopolitischer Akteur werden. Das wird erst einmal verschoben.“ (Klaus-Dieter Frankenberger, FAZ 21.3.20).

2763: Angriffe von rechts auf die Weimarer Republik

Donnerstag, März 19th, 2020

Von Anfang an wurde die Weimarer Republik von Rechtsextremisten, Völkischen und Rassisten angegriffen. So beim sogenannten Kapp-Putsch (13.-17.3.1920). Damals wurde u.a. das Berliner Regierungsviertel besetzt. Benannt ist der Putsch nach dem Generallandwirtschaftsdirektor Wolfgang Kapp (1858-1922). Militärisch geführt wurde er von General Walther von Lüttwitz (1859-1942). Beteiligt waren einer der obersten Steigbügelhalter Adolf Hitlers, General Erich Ludendorff (1865-1937), und Major Waldemar Pabst (1880-1970), der die Federführung bei der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg durch die Gardekavallerie-Schützendivision am 15.1.1919 gehabt hatte. Beendet wurde der Putsch ziemlich schnell durch einen Generalstreik (ausgerufen von SPD, Gewerkschaften, USPD, Beamtenbund).

Die Putschisten hatten Verbindungen zu dem Industriellen Hugo Stinnes und zum Chef der Heeresleitung, Genraloberst Hans von Seeckt (1866-1936). Gestützt wurden sie vom preußischen Adel, ostelbischen Rittergutsbesitzern, konservativen Politikern, Teilen der Reichswehr und den völkisch-nationalistischen Bewegungen. Ihr militärischer Arm waren die Freikorps, die sich auf Grund der Verkleinerung der Reichswehr nach dem Versailler Vertrag gebildet hatten (Rudolf Walther, taz 13.3.20).

In seinem neuen Buch nimmt sich Klaus Gietinger des Kapp-Putsches an:

Kapp-Putsch. 1920 – Abwehrkämpfe – Rote Ruhrarmee (Schmetterling-Verlag), 328 S., 19,80 Euro.

Er ist, wie immer, nicht zimperlich. Seiner Meinung nach müsste der Putsch „Kapp-Lüttwitz-Pabst-Putsch“ heißen. Es habe sich gezeigt, „dass die Rechten keine Chance haben, wenn von den Linken bis zu den Bürgerlichen alle zusammenhalten“. Wir bemerken die bewusste Aktualisierung. Und: Gietinger könnte Recht haben. Mit guten Gründen lehnt er die Gleichsetzung von rechtsextremer und linksextremer Gewalt auch schon für die Weimarer Republik ab (unter Insidern war das immer bekannt) (Oliver Stenzel, Kontext 14.3.20). Nicht ganz so schlüssig ist er da, wo er den Sozialdemokraten (SPD) und der „Weimarer Koalition“ eine Mitverantwortung „am Aufkommen des Faschismus“ zuschreibt. Das gilt gewiss für Verteidigungsminister Gustav Noske und Innenminister Wolfgang Heine. Aber für die ganze SPD?

Zumindest müssten wir dazu auch noch auf die Entwicklung der KPD schauen (gegründet am 30.12.1918). Das können wir kurz und sehr gut anhand von Hermann Webers Schlager

Von Rosa Luxemburg zu Walter Ulbricht. Wandlungen des deutschen Kommunismus. Hannover (Verlag für Literatur und Zeitgeschehen) 1961 (Sonderdruck der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung), 112 S.

2762: Die DDR war keine antifaschistische Gesellschaft.

Donnerstag, März 19th, 2020

Der Emeritus für Pädagogik Micha Brumlik, 72, belegt in der „Zeit“ (5.3.20), dass die DDR kein antifaschistischer Staat war. Denn obwohl sie sich das großspurig und propagandistisch auf die Fahnen geschrieben hatte, integrierte sie ehemalige Nazis in Partei, Staat und Wirtschaft. Dagegen gab es in der Bundesrepublik den Versuch der „Aufarbeitung“, nachdem 1963 der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer den ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess eingeleitet hatte. Die Studenten protestierten 1968 gegen ehemals nationalsozialistische Hochschullehrer.

Micha Brumlik verweist zu Recht auf das Buch von

Harry Waibel: Die braune Saat. Antisemitismus und Neonazismus in der DDR. 2017.

Darin wertet Waibel ca. 2.000 neue Quellen insbesondere der Stasi aus. „Die Anzahl neonazistischer Vorfälle liegt bei etwa 7.000, und etwa 725 Vorfälle betreffen Rassismus, und 900 Straftaten sind antisemitischer Natur, wovon etwa 145 die Schändungen jüdischer Friedhöfe und Gräber betreffen. Bei über 200 gewalttätigen Angriffen wurden durch Pogrome und pogromartige Angriffe tausende Personen aus über 30 Ländern verletzt, und mindestens 10 Personen wurden zum Teil in Lynchjustiz getötet. (…) Die Angriffe wurden in den allermeisten Fällen von jüngeren Männern durchgeführt und fanden in über 400 Städten und Gemeinden der DDR statt.“

In ihrem Buch

Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass. 2019.

hat Ines Geipel geschrieben: „Der Osten (…) blendete in  Wissenschaft, Bildung und Öffentlichkeit die Verfolgung und Ermordung von sechs Millionen Juden weitgehend aus, ja zog sie nicht einmal ernsthaft in Betracht.“