Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2790: 23 Jahre Haft für Journalisten-Mord

Dienstag, April 7th, 2020

Der Mörder des slowakischen Journalisten Jan Kuciak und dessen Verlobter muss 23 Jahre ins Gefängnis. Er hatte die Opfer im Februar 2018 in deren Haus erschossen. Die Verlobte ist ein Zufallsopfer, der Täter hatte nicht damit gerechnet, sie anzutreffen. „Kaltblütigkeit und Heimtücke“ hätten das Handeln des 37-jährigen Täters bestimmt, begründete die Richterin, Ruzena Savova, den Spruch des Gerichts.

Kuciak hatte über die illegalen Geschäfte des Unternehmers Marian Kocner geschrieben und dessen Verbindungen zur damaligen Regierungspartei. Die seinerzeitige Regierung soll Beziehungen zur Mafia unterhalten haben. Auch darüber schrieb Kuciak. Kocner hatte den Journalisten bedroht und soll den Mord in Auftrag gegeben haben. Die Gerichtsverhandlung gegen ihn und zwei mutmaßliche Mittäter wird ab Mitte April fortgesführt.

Am 29 Februar wurden neue Parteien an die Macht gewählt. Sie versprechen, gegen die Korruption zu kämpfen (VGR, SZ 7.4.20).

2789: Gute Gründe, Hannah Arendt besser zu kennen.

Montag, April 6th, 2020

1. Heute finden Sie Hannah Arendt (1906-1975) bei Youtube auf „ArendtKanal“.

2. Als ich studiert habe (1968-1972), kam in einem sozialwissenschaftlichen Studium Arendt kaum vor. Sie stand in dem Ruf, die Totalitarismus-Theorie („Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ 1951/1955) mit begründet zu haben und insofern für die Gleichsetzung von Faschismus und Stalinismus verantwortlich zu sein. Das war reiner Schwachsinn, aber der ist auch heute noch in der Wissenschaft weit verbreitet.

3. Als Beobachterin des Eichmann-Prozesses („Eichmann in Jerusalem“ 1964) hat Arendt scharfsinnig die These von der „Banalität des Bösen“ herausgearbeitet, weshalb sie massenhaft politisch und publizistisch bekämpft wurde. Die These besagt sehr klar, dass der Faschismus die ganze Gesellschaft ergriffen hatte, er war banal. Unsere Eltern und Lehrer waren Nazis. Das wollte „man“ nicht gerne hören.

4. In dem berüchtigten Interview mit Günter Gaus im deutschen Fernsehen (1964), das übrigens die journalistische Klasse von Gaus belegt, erklärte Arendt zum Feminismus: „Ich habe einfach gemacht, was ich machen wollte, und ich habe mir nie überlegt, dass das gewöhnlich Männer machen, und jetzt macht das eine Frau.“ Das hat Hannah Arendt den Hass der vielen Spielarten des Feminismus eingetragen.

5. Ihren persönlichen Antrag auf Wiedergutmachung zur Anerkennung ihrer Habilitation („Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik“, 1931/1938) hat Arendt 1971 beim Bundesverfassungsgericht durchgesetzt.

6. Hannah Arendts Tätigkeit für die „Jewish Cultural Reconstruction“ in der US-Zone (1951-1953) führt in „einer direkten Linie zur aktuellen Provenienzforschung“ (Raphael Gross).

7. Die große Ausstellung im Deutschen Historischen Museum (DHM) in Berlin über „Hannah Arendt und das 20 Jahrhundert“ konnte wegen der Corona-Krise noch nicht eröffnet werden. Ich kenne den entsprechenden Ausstellungsband. Er bringt die Arendt-Forschung auf den letzten Stand.

8. Hannah Arendts von Immanuel Kant abgeleitete „Urteilskraft“ ist also vorerst nur digital zu besichtigen.

(Hannah Bethke, FAZ 4.4.20)

2788: Studenten in Not sollen Hartz IV erhalten.

Montag, April 6th, 2020

Die Bundesregierung will Studenten, die ihren Nebenjob verlieren und dadurch in Not geraten, mit Überbrückungskrediten ermöglichen, ihr Studium fortzusetzen. Auf Anfrage der Linken antwortete das Bundesbildungsministerium, dass solche Studierenden, die kein Anrecht auf Bafög haben, Hartz IV-Leistungen auf Kredit beantragen können (SZ 6.4.20).

2787: Corona-Pandemie bremst grünen Höhenflug.

Sonntag, April 5th, 2020

Die Corona-Krise drängt urgüne Themen wie Klimawandel, Kohleausstieg, Flüchtlingsproblem und Energiewende in den Hintergrund. Das macht sich bei der Sonntagsfrage bemerkbar, wo CDU/CSU und SPD profitieren, die Grünen unter 20 Prozent gesunken sind. Aber das kann vorübergehend sein. Die Grünen stehen inzwischen für gesamtstaatliche Verantwortung, sie sind an 11 von 16 Landeskabinetten beteiligt. Jürgen Trittin: „Wenn das Haus brennt, frage ich auch nicht, für welchen Fußballverein ich bin.“

Die Grünen stehen seit langem für die Verteidigung von Bürgerrechten. Grundgesetzänderungen sind mit ihnen nicht zu machen. Da haben sie eine Riesenaufgabe, wenn nach Ende der Pandemie die Einschränkungen der Menschen- und Bürgerrechte wieder aufgehoben werden müssen.

Einer der Vordenker der Grünen, Ralf Fücks, erklärt Regierungsbeteiligungen als Instrumente für politischen Wandel. Profitiert hat die Partei 1986 von Tschernobyl und 2011 von Fukushima, die Corona-Krise muss hier und jetzt bewältigt werden. Fücks: „Von dem Gerede, die Corona-Krise sei ein Muster, wie man mit staatlichen Restriktionen den Klimawandel bekämpfen könne, halte ich überhaupt nichts.“ Auf der Tagesordnung stünden die Bekämpfung des Virus und die Liquidität von Unternehmen. Fücks: „Die Natur ist von Natur aus nicht nett. … Aus der Mikrowelt der Viren können genau so Attacken auf die Zivilisation erfolgen wie aus der Makrowelt des Klimas.“ (Claus Christian Malzahn, Die Welt 4.4.20)

Bei den Grünen herrscht also politische Vernunft.

2786: Robert-Koch-Institut: Masken tragen !

Samstag, April 4th, 2020

Das Robert-Koch-Institut hat seine Meinung geändert und empfiehlt nun, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, weil es kombiniert mit Abstand halten und Handhygiene

andere vor Ansteckung schützen

kann. Einen selbst schützt eine Mund-Nasen-Maske nicht vor Ansteckung.

Nationalakademie Leopoldina: „Da sich eine große Zahl unerkannt Erkrankter ohne Symptome im öffentlichen Raum bewegt, schützt ein Mund-Nasen-Schutz andere Menschen, verringert damit die Ausbreitung der Infektion und senkt somit mittelbar das Risiko, sich selbst anzustecken.“

Die OECD (Organisation zur Entwicklung und Zusammenarbeit) zeigt, dass soziale Distanzierung mit 23 bis 73 Prozent dazu beiträgt, die Infektionsrate zu mindern, Schulschließungen mit 40 Prozent und persönliche Hygiene mit  27 Prozent (oll., FAZ 4.4.20).

2785: Erntehelfer dürfen einreisen.

Freitag, April 3rd, 2020

In diesem und im kommenden Monat dürfen jeweils 40.000 Saisonarbeiter aus Osteuropa nach Deutschland einreisen. Darauf haben sich Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) und Innenminister Horst Seehofer (CSU) geeinigt. Die Arbeiter dürfen ausschließlich in Gruppen und mit dem Flugzeug einreisen (dpa, SZ 3.4.20).

2784: Was weiter mit dem Jüdischen Museum Berlin ?

Donnerstag, April 2nd, 2020

Wie entwickelt sich das Jüdische Museum Berlin weiter, nachdem sein Direktor, der hoch angesehene Judaist Peter Schäfer, 2019 wegen der Ausstellung „Welcome to Jerusalem“ enlassen worden war? Benjamin Netanjahu (Israel) fand die Ausstellung zu palästinenserfreundlich, sie berücksichtige jüdische Perspektiven zu wenig. Seit dem 1. April ist die 1961 in den Haag geborene Niederländerin Betty Berg Direktorin des Hauses.

Ich bringe hier einige Statements dazu:

1. Lothar Müller (geb. 1954)

„Zweck der Stiftung ist es, jüdisches Leben in Berlin und Deutschland, die von hier ausgeheneden Einflüsse auf das europäische und außereuropäische Ausland sowie die Wechselbeziehungen zwischen jüdischer und nicht-jüdischer Kultur zu erforschen und darzustellen sowie einen Ort der Begegnung zu schaffen.“

Seit 2013 gehört die auf der gegenüberliegenden Straßenseite gelegene Akademie zum Museum.

2. Michael Wolffsohn (geb. 1947)

Das erste und letzte Wort über das Museum hat natürlich, wie der Fall Peter Schäfer zeigt, stets die Politik.

Die Jerusalem-Ausstellung war ein Verstoß gegen den Stiftungszweck.

Mit der Errichtung seiner Akademie, eine Idee von Stiftungsdirektor Michael Blumenthal, hat sich das Museum übernommen. Das gilt erst recht für die Schwerpunkte Migration und Jüdisch-Islamische Forum.

„Deutschjüdisches Leben war stets weltweit vernetzt, aber kein Museum kann zugleich Deutschland, Nahost oder die ganze Welt darstellen oder gar erforschen.“

3. Wladimir Kaminer (geb. 1967)

„Gleichzeitig existiert hierzulande so etwas wie ein offizielles jüdisches Leben, das zu 90 Prozent aus den Erinnerungen an die Verbrechen der NS-Zeit besteht. Diese Erinnerung ist wichtig, sie hält die Gesellschaft wach, sie ist zum Teil der neuen deutschen Leitkultur geworden, hat aber mit real existierendem jüdischen Leben in Deutschland wenig zu tun.“

Aus der Geschichte kann man nichts lernen. „Das einzige, was uns die Geschichte lehrt, ist, dass sie uns nichts lehrt.“

4. Eva Menasse (geb. 1970)

„Moshe Zimmermann und Shimon Stein haben das, was das Jüdische Museum eigentlich sein müsste, auf den Punkt gebracht; eine Plattform für mehr als ein Narrativ. Davon sind wir weit entfernt: hier in Deutschland und auch im Jüdischen Museum können Dinge nicht gesagt und verhandelt werden, die in Israel zum Meinungsspektrum gehören.“

„Vielleicht ist – wie einige meiner Freeunde glauben – Deutschland der falsche Ort für eine solche ‚Plattform‘, die mehr als ein Narrativ aushält. Dann sollte man das Museum schließen und nur noch von außen bewundern wie all die liebevoll restaurierten, aber gänzlich judenfreien Synagogen in der deutschen Provinz.“

(SZ 1.4.20)

2783: PEN fordert Öffnung der Buchhandlungen.

Donnerstag, April 2nd, 2020

Die Autorenvereinigung PEN fordert die Öffnung der Buchhandlungen in Deutschland. Der Zugang zu Wissen und Information dürfe in der freiheitlichen Demokratie nicht eingeschränkt werden. „Der Mensch lebt nicht von Brot und Klopapier allein, er braucht auch geistige Nahrung!“ Die im Kampf gegen das Coronavirus nötige physische Distanz könne beim Verkauf in Buchhandlungen „problemlos“ eingehalten werden. Der Verband betonte, schon jetzt habe die erzwungene Schließung schwere Folgen für Autoren, Verlage und Buchhändler (kna, SZ 2.4.20).

2782: Warum viele Ossis das neue Deutschland nicht mögen.

Mittwoch, April 1st, 2020

1. Die ersten freien Volkskammerwahlen am 18. März 1990 hatten ein eindeutiges Ergebnis. 75 Prozent der Stimmen bekamen die Parteien, die den Weg zur deutschen Einheit konsequent weitergehen wollten.

2. Die überwiegende Mehrheit der Wähler wollte, dass der Westen dominierte.

3. Die Transformation der DDR wurde von den meisten Menschen gewünscht.

4. Nicht gerechnet hatten die meisten mit der totalen Überformung der eigenen Lebenswelt.

5. Die DDR-Bürger erzwangen die schnelle Einführung der D-Mark, um endlich am westlichen Konsum teilnehmen zu können.

6. Durch die Rasanz des Wandels wurde vielen der Boden unter den Füßen weggezogen.

7. Es kam auf die Rede von der „Kolonisierung“, von der „Entwertung der Biografien“ und von der Ignoranz, Überheblichkeit, Profitgier und der Herrschaftsattitüde des Westens.

8. Die Tatsache, dass man diese Entwicklung selbst erzwungen hatte, geriet in Vergessenheit.

9. Der Westen wurde als neue „Herrschaftsform“ verstanden.

10. Die SED-Nachfolgepartei Die Linke bekam vielerorts 20 Prozent der Wählerstimmen. Heute erreicht die AfD häufig ein Viertel der Wähler (Matthias Geis, Die Zeit 19.3.20).

2781: Warum Treffen Celan-Heidegger 1967 im Schwarzwald ?

Dienstag, März 31st, 2020

Warum haben sich der Dichter der „Todesfuge“, Paul Celan, und der Autor von „Sein und Zeit“, der Philosoph Martin Heidegger, der 1933 den „Führer führen wollte“, am 25. Juli 1967 in Heideggers Hütte am Todtnauberg im Schwarzwald getroffen? Und warum danach noch mehrmals bis kurz vor Celands Selbstmord am 20. April 1970? Hans-Peter Kunisch (u.a. Autor der SZ) hat die Umstände der spannungsreichen Beziehung bei Zeitzeugen und in den Archiven recherchiert:

Hans-Peter Kunisch: Todtnauberg. Die Geschichte von Paul Celan, Martin Heidegger und ihrer unmöglichen Begegnung. München (dtv) 2020, 350 S., 24 Euro.