Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

2976: dpa mit zentralem Desk

Mittwoch, August 5th, 2020

Aus Einsparungsgründen arbeitet die „Deutsche Presse-Agentur“ (dpa) neuerdings mit einem zentralen Desk. Alle Meldungen und Berichte des Basisdienstes und der zwölf Landesdienste werden in Berlin herausgegeben. Dadurch würden Einsparungen „im niedrigen sechsstelligen Bereich“ erzielt, so die stellvertretende Chefredakteurin Jutta Steinhoff. Insgesamt sei das zentrale Desk um 16 Stellen erweitert worden. Bei den Landesdiensten seien zehn Stellen weggefallen (SZ 5.8.20).

2975: Wilhelm Schmid bekämpft das *.

Dienstag, August 4th, 2020

Der Philosoph Wilhelm Schmid ist gegen das * (FAS, 2.8.20).

„Das Anliegen. Es steht mehrheitlich wohl kaum in Frage, auch wenn viele glauben, es gehe nur darum, dass das weibliche neben dem männlichen Geschlecht Anerkennung findet. Die Akzeptanz unterschiedlicher gesellschaftlicher Orientierungen, auch solcher, die über Homosexualität hinausgehen und neutral als ‚divers‘ bezeichnet werden können, ist jedenfalls in dieser freiesten Gesellschaft, die je unter deutschem Namen firmierte, wenig umstritten.“

„Ein umfangreicheres Problem des Gendersternchens besteht darin, dass damit keineswegs nur ein drittes oder viertes Geschlecht, sondern darüber hinaus auch noch ein dreißigstes und vierzigstes gemeint sein soll. Asexuell, bisexuell, pansexuell, transsexuell, intersexuell und so weiter, tendenziell jede, jeder und divers mit individuellem Geschlecht. Das ist vielen zu viel. Dem berechtigten Anliegen einer Anerkennung sämtlicher Diversitäten erweist das ausufernde Sternchen einen Bärendienst. Es ist zu einem quasi-religiösen Symbol geworden, das für eine Überzeugung steht, nämlich dass so altbackene Phänomene wie Mann und Frau überholt sein sollen.“

„Wie starr Identitäten sind, zeigen alle ihre Varianten. Identitätspolitik, welcher Art auch immer, heißt abgrenzen, ausgrenzen, die eigenen Reihen schließen, Andere zurückweisen. Nationale Identitäten und rechtslastige identitäre Bewegungen werden gerne beklagt, um dasselbe in Grün zu betreiben. Das Gemeinsame ist, auf den Ausschluss von Anderen und Anderem angelegt zu sein. Wie menschenverachtend das auch unter emanzipatorischen Sternchen ausfallen kann, stellte jüngst der vieldiskutierte Artikel in der alternativen Berliner „taz“ unter Beweis, wonach Polizisten auf den Müll geworfen werden sollten. Identitätsgesättigt bringen auch ausgewiesene AntidiskriminiererInnen wieder nichts als blinde Diskriminierung hervor. Kommt heftige Widerrede auf, handelt es sich dabei aus ihrer Sicht wieder um Diskriminierung. Und prompt erschallt der Ruf nach der Polizei, denn wer sonst könnte sie wirksam schützen, also wieder runter vom Müllhaufen.“

2974: Was halten wir eigentlich von der Kleinfamilie?

Dienstag, August 4th, 2020

Thomas Steinfeld stellt in der SZ (28.7.20) Überlegungen zur Kleinfamilie an, die ich um einige Gedanken ergänze.

1. Alva und Gunnar Myrdal, die schwedischen, sozialdemokratischen Sozialforscher, dekretierten 1935: „Dass ein erwachsener Mensch, meistens die Mutter, die Tage zu Hause und mit der Aufsicht von ein oder zwei Kindern verbringen sollte, erscheint als mehr oder minder unangemessen.“

2. In der Coronakrise hat die Kleinfamilie, meistens die Mütter, Aufgaben übernommen, die vorher anders erledigt wurden.

3. Zu meiner Studienzeit (1968-1972) erschien vielen Studierenden die Kleinfamilie als Kernzelle des Faschismus.

4. „Schlüsselkinder“ wurden in der BRD bedauert und in der DDR als Zeichen des Fortschritts verstanden.

5. Immer noch geistert das Märchen herum, in der DDR habe es für Frauen mehr Chancen gegeben als in der BRD.

6. Die Corona-Krise kann von wohlhabenden Eltern, die sich Haushaltshilfen, Therapeuten und Nachhilfelehrer leisten können, besser bewältigt werden als von anderen, so der US-Journalist David Brooks.

7. Generationen folgen seit den neunziger Jahren in Abständen von fünf Jahren oder weniger aufeinander.

8. Weltanschauung, Habitus und Stil sind an die Stelle der Genealogie getreten.

9. „Am Ende tragen die Eltern die gleiche Kleidung wie die Kinder, reden dieselbe Sprache, hören dieselbe Musik, sodass die Kleinfamilie sich gleichsam von innen heraus in eine Wohngemeinschaft verwandelt …“

10. „Zugleich entpuppt sich das Heranziehen von Kindern nicht nur als teures und im Resultat höchst unsicheres Unterfangen, selbst wenn die Eltern beieinander bleiben sollten.“

11. Alva und Gunnar Myrdal (1935): Die Familie sei „eines vorsichtigen Umgangs nicht wert und verlange nach einer radikalen Operation“.

12. Dann können ja die alle froh sein, die nicht in der Kleinfamilie leben müssen: die Alleine-Lebenden, die Allein-Erziehenden, die Alten-WGs usw. usf. Ich gratuliere.

2973: Helga Schubert ist gefragt.

Dienstag, August 4th, 2020

Die diesjährige Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin, Helga Schubert, 80, ist seit der Preisverleihung sehr gefragt. In der FAZ (1.8.20) führt sie ein ausführliches Gespräch mit Jan Wiele in ihrem Dorf Neu Meteln (Mecklenburg-Vorpommern). Dabei gerät immer wieder die DDR in den Blick:

1. Nach Schubert überlagerte die Biermann-Ausbürgerung 1976 die literarischen Diskurse in der DDR.

2. Schubert berichtet von einem Stasi-„Lockspitzel“ in Neu Meteln.

3. Über Christa Wolf und Sarah Kirsch spricht Schubert von „halbgebildetem SED-Kleinbürger-Milieu mit mystischem Geschwätz, was ich ja nur sporadisch wahrnahm, weil mein Mann und ich in Berlin arbeiteten“.

4. Als Helga Schubert 1983 den Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster bekommen sollte, ließ ihr das SED-Politbüro ausrichten, falls sie den Preis annähme, könne sie gleich in „Westdeutschland“ bleiben. Sie bekam den Hans-Fallada-Preis dann 1993.

5. Zur Fernsehserie „Weißensee“ sagt Schubert: „Da kommen die alle ziemlich gut weg, die Staatssicherheitsleute, oder? So wie bei Ruge“ (Das ist Eugen Ruge, der Autor von „In Zeiten abnehmenden Lichts“ und „Metropol“, W.S.).

6. Helga Schubert behauptet, dass Christa Wolfs Mann, Gerhard Wolf, gemeinsam mit einem Ofensetzer den Brand „unserer beiden alten strohgedeckten Lehmfachwerkhäuser“ verschuldet habe.

7. Christa Wolf habe sich gemeinsam mit Egon Krenz (SED) in dem Aufruf „Für unser Land“ für die Beibehaltung der Teilung Deutschlands ausgesprochen.

8. „Dass man wirklich beigetreten ist zum Grundgesetz der BRD, ist etwas, worüber ich sehr glücklich bin.“

 

2971: Tilman Jens ist gestorben.

Montag, August 3rd, 2020

Lebenslänglich hatte Tilman Jens, der jetzt im Alter von 65 Jahren gestorben ist, unter seinem Vater Walter Jens zu leiden. Dem Professor für Rhetorik, Kolumnisten und Festredner. Anlässlich des 75-jährigen Bestehens des DFB hielt der die Festrede.

Tilman Jens‘ erste journalistische Heldentat war 1984 sein Einbruch in das Haus des gerade gestorbenen Schriftstellers Uwe Johnson in Sheerness on Sea. Jens konnte exklusiv aus intimen Notizen über eine gescheiterte Ehe berichten. Der „Stern“ hätte das gerne gedruckt. Stattdessen entließ er den Reporter. Der arbeitete fortan für’s Fernsehen.

1994 lieferte er im „Kulturweltspiegel“ einen Beitrag, in dem Marcel Reich-Ranicki beschuldigt wurde, er habe während seiner Tätigkeit für den polnischen Geheimdienst anderen Kommunisten geschadet (ohne zu berücksichtigen, dass das bei Kommunisten ja so üblich ist).

2008 machten Inge Jens, die philologisch sehr kundige Herausgeberin der Tagebücher Thomas Manns, und ihr Sohn Tilman bekannt, dass Walter Jens an Demenz erkrankt war. Das lief nun auch mit Aplomb durch die Medien. Die Geschichte leerer Gesten und voller Windeln.

Schließlich versuchte sich Tilman Jens noch an Helmut Kohls mit Heribert Schwan geführten Gesprächen. Darin sind einige von Kohls üblen Schmähreden über Parteifreundinnen und Parteifreunde enthalten. Helmut Kohl wollte sie dann doch nicht gedruckt sehen. Nach Kohls Tod wurden die Autoren und der Verlag zu einer Entschädigungszahlung von einer Million Euro verurteilt (Willi Winkler, SZ 3.8.20).

2970: Corona-Gegner, Impfgegner, Rundfunkgebührengegner, Rechtsextreme und Reichsbürger demonstrieren gemeinsam.

Montag, August 3rd, 2020

Und Sympathie finden sie bei der AfD.

2969: „Holocaust-Gedenktag für die Roma“

Montag, August 3rd, 2020

Seit fünf Jahren gibt es am 2. August den „Holocaust-Gedenktag für die Roma“ in der EU. Er dient dem Gedenken an die von den Nazis ermordeten Sinti und Roma. Von März 1943 bis Juli 1944 deportierte die SS 23.000 überwiegend deutsche Sinti und Roma ins „Zigeuner-Familienlager“ in Auschwitz. Sie kamen aus elf europäischen Ländern. Fast alle fanden den Tod. Durch Vergasen, Verhungern, Krankheiten und Misshandlungen. Der „Antiziganismus“ ist Realität bis heute.

Jahrzehntelang wurde der erst 1982 in Deutschland als Holocaust anerkannte Völkermord an den Sinti und Roma geleugnet. Erst die Bürgerrechtsbewegung der siebziger und achtziger Jahre führte zu einem Bewusstseinswandel. Die Sinti und Roma, die seit 700 Jahren in Deutschland leben, nennen den Völkermord „Porajmos“ (Verschlingung, Zerstörung). Heute leben ca. 70.000 hier. Sie sind neben den Dänen, Friesen und Sorben die vierte nationale Minderheit.

Immer noch müssen die Sinti und Roma als Sündenböcke herhalten. „Dass, wenn es zu Seuchen und Epidemien kommt, Juden sowie Sinti und Roma beschuldigt werden, kennen wir schon aus der Geschichte.“ (Romani Rose, Zentralratsvorsitzender deutscher Sinti und Roma). Zuletzt anlässlich des Pandemieausbruchs beim Großschlachter Tönnies. Für die Roma ist die Lage in Ungarn, Albanien, dem Kosovo, Bulgarien und Rumänien wohl noch schlechter. In der deutschen EU-Präsidentschaft hat die Gleichstellung der Sinti und Roma eine hohe Priorität. Staatsminister Michael Roth: „Deutschland trägt aus historischen Gründen eine besondere Verantwortung gegenüber diesem Volk.“ (Francesca Polistina, SZ 1./2.8.20).

2968: DFG löscht Beitrag von Dieter Nuhr.

Sonntag, August 2nd, 2020

Für den Kabarettisten Dieter Nuhr, 59, bedeutet Wissenschaft, eine „begründete Meinung zu haben“. „Wissenschaft ist gerade, dass sich die Meinung ändert, wenn sich die Faktenlage ändert.“ Wissenschaft sei „die einzig vernünftige Wissensbasis, die wir haben. Deshalb ist sie so wichtig.“

Das sehen nicht alle so.

Sie fühlen sich von Dieter Nuhr durch seine Kritik in einem Kommentar bei der DFG an Klimaaktivisten provoziert. Sie bezeichnen ihn als „Wissenschaftsleugner“ und nennen ihn in einem Atemzug mit dem Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen. Sie kritiseren die DFG, weil sie Dieter Nuhr die Möglichkeit zu einem Kommentar eingeräumt hat. Die DFG ist eingeknickt und hat Nuhrs Kommentar gelöscht.

Da rufen andere „Zensur“.

Für Dieter Nuhr ist die Löschung „nicht nur merkwürdig, sondern geradezu alarmierend“. „Es wurde bereits des Öfteren versucht, mich als Wissenschaftsfeind darzustellen, weil ich oft darauf hinweise, dass der Begriff der Wissenschaft nicht missbraucht werden darf, um eine absolute Wahrheit zu proklamieren“. Auch unter Klimawissenschaftlern gebe es zahllose gut begründete Szenarien. „Diese Tatsache zu erwähnen hat mir viel Ärger eingebracht. Es gibt weltweit – Stichwort cancel culture – zunehmend mächtiger werdende Versuche, kritische Stimmen mundtot zu machen. Die DFG hat sich dem nun angeschlossen. Das ist sehr bedenklich.“

In einem Brief an die DFG formuliert Dieter Nuhr: „Die DFG unterwirft sich den Krawallmachern, die im Internet systematisch an der Unterdrückung kritischer Stimmen arbeiten, die in der Mitte des politischen Spektrums stehen.“ (Curd Wunderlich, Welt 1.8.20)

Kommentar W.S.: Dieter Nuhr hat vollkommen recht.

2967: Joseph Vogl liest …

Sonntag, August 2nd, 2020

Die „Literarische Welt“ (1.8.20) gibt Schriftstellern und Wissenschaftlern Gelegenheit uns mitzuteilen, was sie gerade lesen. Joseph Vogl schreibt:

„Ein Roman, nicht noch einmal gelesen, aber stets mitgedacht in diesen Monaten:

Philip Roth ‚Nemesis‘,

erschienen 2010. Es ist ein strahlender Hochsommer in Newark, New Jersey, im Jahr 1944. Aus dem wolkenlosen Himmel bricht eine Polio-Epidemie herein und verbündet sich mit der sommerlichen Gluthitze. Und gerade weil die Schuld an dieser Katastrophe niemanden treffen kann, zerstört sie jedes moralische Maß und wächst ins Mythische an. Am Ende wird dem standhaften und gebrochenen jungen Helden des Romans weder göttliche Gerechtigkeit noch ein tragisches Geschick zuteil, sondern allenfalls ein grenzenloses Erbarmen.“

Joseph Vogl ist Ordinarius für Neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität Berlin.

2966: „Frankfurter Rundschau“ 75 Jahre alt

Sonntag, August 2nd, 2020

Die „Frankfurter Rundschau“ (FR) ist 75 Jahre alt. Ihre erste Ausgabe erschien am 1. August 1945. Gegründet von sieben Männern, die mit der Nazi-Lügenpresse schnellstens aufräumen wollten. Unter dem ab 1954 alleinigen Herausgeger und Chefredakteur Karl Gerold (1906-1973) wurde daraus das linksliberale Blatt in Deutschland. Zunehmend und zusätzlich verankert im akademischen und studentischen Milieu, basierend auf einer guten regionalen Vernetzung im Rhein-Main-Gebiet (Chefredakteur Thomas Kaspar, FR 1./2.8.20)

1946 schrieb Karl Gerold in einem Leitartikel: „Was wir brauchen, ist nicht nur eine geistige Elite, welche diesen Namen wirklich verdient. Vor allem brauchen wir heute ruhige, rechtlich denkende Männer und Frauen, die den Mut aufbringen in aller Öffentlichkeit wie im privaten Kreise, aus eigener Initiative auf das hinzuweisen, was notwendig ist. Männer und Frauen, die ein festes Ja und ein festes Nein in den Dingen des persönlichen und öffentlichen Lebens zu setzen vermögen und dazu stehen können.“ (FR 1./2.8.20)

Die FR nahm in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren auch ökonomisch eine positive Entwicklung. Die verkaufte Auflage stieg stetig. Aber es gab auch angesichts der wachsenden Konkurrenz wirtschaftliche Probleme, die 2006 einen Verlagswechsel nach sich zogen. Gerolds Nachfolger bei der FR von 1973 bis 1992 war Werner Holzer (1926-2016). Er war gestartet als Auslandskorrespondent und wurde führend in der „Dritte-Welt“-Berichterstattung. Bei ihm finden wir schon Auseinandersetzungen mit der Weltwirtschaftsordnung, mit Globalisierung und Kolonialismus, wie sie heute allmählich durchgesetzt werden. Die FR war lange Zeit auf diesen Feldern das führende Blatt.

Wir können uns nur wünschen, dass diese Stimme noch lange zu hören ist und gehört wird.

(Gewidmet Angela und Edgar Heunisch, Adelebsen).