Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

3587: Saar: Minister verzichten auf Mandat.

Montag, Oktober 11th, 2021

Auch im Saarland hat die CDU bei der Bundestagswahl sehr schlecht abgeschnitten: 23,6 Prozent. Sie hat keinen der vier Wahlkreise gewonnen, keine der 52 Gemeinden. Ähnlich war es beim Rückzug

Konrad Adenauers

und

Helmut Kohls.

So kamen die Minister Annegret Kramp-Karrenbauer, 59 (Verteidigung), und Peter Altmaier, 63 (Wirtschaft), nur über die Landesliste zu ihren Mandaten. Auf die haben sie nun verzichtet, um jüngeren CDU-Kandidaten Platz zu machen. Im Hinblick auf die Zukunft. Auch der CDU. Nadine Schön ist seit 2009 im Bundestag und stellvertretende Fraktionsvorsitzende. Markus Uhl ist Generalsekretär der saarländischen CDU und seit 2013 im Bundestag. Was die Machtverteilung im Bund anlangt, so ist die Union gegenwärtig in elf (von 16) Bundesländern an der Regierung beteiligt und hat deswegen im Bundesrat ein gewichtiges Mitspracherecht (Gianna Niewel, SZ 11.10.21).

3586: Die Union liegt am Boden.

Samstag, Oktober 9th, 2021

Dazu schreibt Jasper von Altenbockum (FAZ 9.10.21):

„Zur gespenstischen Lage der Union gehört vor allem dies: Die CDU ist nicht nur Opfer ihrer selbst, sondern Spielball der CSU. Die Schmutzeleien gegen Laschet sind ein Tiefpunkt in der Geschichte dieser Zweierbeziehung. Das wird das Verhältnis beider Parteien dauerhaft belasten.

Es ist nun schon der zweite Anlauf für eine Merkel-Nachfolge, der kläglich scheitert. In beiden Fällen fand sich das jeweils unterlegene Lager mit der Niederlage nur schwer oder gar nicht ab. Laschet befand sich am Ende in einer ausweglosen Lage. Seine Wahl brachte neue Enttäuschungen, die nach der Nominierung zum Kanzlerkandidaten quer durch die Partei gingen. Es gab nicht mehr nur das Merz-Lager, das Röttgen-Lager, das Spahn-Lager, die Anhänger Kramp-Karrenbauers, Anhänger und Gegner Angela Merkels, sondern auch noch die Söderianer. Die Laschet-Anhänger waren, eingeschüchtert durch Umfragewerte, auf verlorenem Posten.

… Die Kontrolle übernimmt nun wieder der Wahl-Kalender: im März und im Mai 2022 sind Landtagswahlen. Möglich, dass sich die CDU bis dahin erholt. Aber nicht sehr wahrscheinlich.“

 

3585: NS-Prozesse gegen Hundertjährige ?

Freitag, Oktober 8th, 2021

Die deutsche Justiz stellt eine 96-jährige Frau vor Gericht. Als Sekretärin des Lagerkommandanten von Stutthof ist sie der Beihilfe zum Mord in 11.412 Fällen angeklagt. Sie war zwischendurch aus dem Pflegeheim geflohen, um sich der Verurteilung zu entziehen. Die Polizei hat sie festgesetzt. Ein Hundertjähriger, der dem SS-Wachbatallon des KZ Sachsenhausen angehört hatte, ist vor Gericht der Beihilfe zum Mord in 3.518 Fällen angeklagt.

Muss das wirklich sein?

Deutlich wird dadurch die groteske Verspätung der deutschen Justiz. Erst seit dem Urteil gegen John Demjanjuk vor zehn Jahren beschäftigt sich die Justiz wieder mit den kleinen Helfern beim Massenmord. Und Mord verjährt nicht. Insofern muss das sein, so fragwürdig es uns erscheint. Denn Schmerz ist aus den Jahren der Massenvernichtung genug übrig geblieben

auf Seiten der Opfer.

„Die Achtung der Hinterbliebenen gebietet, Schuld zu benennen und Verantwortung offenzulegen, solange es möglich ist.“ Wer wissentlich einen Mörder unterstützt, ist der Beihilfe zum Mord schuldig. 1963 verurteilte das Landgericht Bonn mehrere Täter des Vernichtungslagers Chelmno, Wachtposten, Fahrer, Bauleiter. Sie alle hatten für die Massenvernichtung gearbeitet. Danach wurden jahrelang alle Verfahren eingestellt. Das belegt das Versagen der Justiz. „Es darf keinen Schlussstrich für die Verfolgung von NS-Tätern geben.“ Das Verbrechen war zu gewaltig und die Schuld zu groß.

1965 debattierte der Bundestag über die damals 20-jährige Verjährungsfrist. Der CDU-Politiker Ernst Benda, der spätere Präsident der Bundesverfassungsgerichts, argumentierte: Ja, wir stehen unter Druck, aber „keinem Druck des Auslands, sondern dem Druck der eigenen Überzeugung“. Die Frist wurde auf 30 Jahre verlängert, später ganz aufgehoben. Dass es nach so vielen Jahrzehnten dem Zufall überlassen ist, wer noch vor Gericht gestellt wird, nimmt diesen Verfahren nicht ihre Rechtsstaatlichkeit. „Gerichte können dies durch milde, symbolische Strafen kompensieren, und sie tun dies. Aber strafbares Unrecht aus Nazizeiten nicht mehr zu verfolgen, ist keine Option für Deutschland. Aus Respekt vor den Hinterbliebenen und aus Respekt vor sich selbst.“ (Wolfgang Janisch, SZ 8.10,21)

3584: Lyonel Feininger – ein Meister seiner Kunst

Donnerstag, Oktober 7th, 2021

Lyonel Feininger wurde 1871 in New York geboren, wo er 1956 auch starb. Zeit seines Lebens blieb er US-amerikanischer Staatsbürger, was es ihm 1937 erlaubte, Deutschland relativ unproblematisch zu verlassen, als seine Kunst schon als „entartet“ galt. Feininger hatte den Ruf, ein deutscher Künstler zu sein. Nach seiner Rückkehr in die USA musste er um öffentliche Aufmerksdamkeit kämpfen, weil er dort nahezu unbekannt war. Das schildert sehr gut nachvollziehbar Andreas Platthaus, der Literaturchef der FAZ, in

Lyonel Feininger – Porträt eines Lebens. Berlin (Rowohlt) 2021, 448 S., 28 Euro.

Feiningers Musiker-Eltern waren nach Deutschland gegangen. Hier wurde ihr Sohn als Maler groß im Bauhaus. Ihm gehörte er von der Gründung 1919 bis 1933 an. Bis 1925 leitete er die Bauhaus-Druckwerkstätten. Ab 1925 lehrte er nicht mehr, blieb aber auf Wunsch von Walter Gropius als „Meister“ dem Bauhaus erhalten. Objekte seiner Kunst waren thüringische Städte und Dörfer, häufig kleine Dorfkirchen. Seine Bilder sind suggestiv durch ihre nahezu magische Aura und kristalline Aufspaltung. Sie sind Bestandteil vieler bedeutender Museen. „So umweht diese fein konstruierten Bildwerke gerade in ihrer Klarheit und farblichen Ausgewogenheit ein unauflösbares Geheimnis.“

Feiniger stand mit vielen Künstlern und bedeutenden Zeitgenossen in ausführlichen Briefwechseln, was es uns heute erlaubt, ihn besser zu verstehen. Im Ersten Weltkrieg ließ er sich zu deutschnationalen Parolen hinreißen. 1933 verließ er Deutschland nicht sofort, sondern musste erst von seiner jüdischen Frau Julia dazu gebracht werden. Gegen antisemitische Pöbeleien wehrte er sich erst spät. Die Nazis lehnten ihn ab. Allerdings hat sich Feininger nach seiner Flucht nicht dazu verstanden, sich für seine erste jüdische Frau, die Pianistin Clara Fürst, und ihre beiden gemeinsamen Töchter einzusetzen. Clara Fürst wurde in Auschwitz umgebracht (Harald Eggebrecht, SZ 23.9.21).

3583: Daniel Kehlmann über Donald Trump

Mittwoch, Oktober 6th, 2021

Der deutsche Schriftsteller Daniel Kehlmann („Die Vermessung der Welt“) lebt mit seiner Familie in Berlin. Er ist von Hannes Roß für den „Stern“ (9.9.2021) interviewt worden:

Stern: Sie sind nach einigen Jahren in den USA mit ihrer Familie nach Berlin gezogen. Während der Präsidentschaft von Donald Trump lebten Sie noch in New York. In dieser Zeit wurden ihm mehr als 22.000 Lügen und Falschbehauptungen nachgewiesen. Warum hat ihm das so wenig geschadet?

Kehlmann: Ich wünschte, ich könnte Ihnen das erklären, denn da sind ja nicht nur die Lügen seiner Präsidentschaft. Als Geschäftsmann ist er viermal in Konkurs gegangen, er ist ein überführter Steuerbetrüger und mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar ein Vergewaltiger. Auch der gewaltsame Sturm auf das Kapitol und das anschließende Impeachment-Verfahren hat er überstanden. Wäre ich religiös, würde ich wirklich glauben: Trump hat einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Er hätte dann seine Seele gegen Unbesiegbarkeit getauscht. Am Anfang seiner Präsidentschaft hatte ich noch die Hoffnung, dass uns ein Herzinfarkt von ihm befreit, weil der Mann ja nur Fast Food isst und Cola trinkt. Aber selbst eine Corona-Infektion hat er innerhalb von wenigen Tagen weggesteckt.

3582: Torquato Tasso gewinnt den 100. „Prix de l’Arc de Triomphe“.

Dienstag, Oktober 5th, 2021

Der „Prix de l’Arc de Triomphe“ in Paris-Langchamp ist das wichtigste Galopprennen der Welt. Mit einer gegenwärtigen Gewinnsumme von 2,857 Millionen Euro. Nur dreimal wurde es von Pferden aus deutscher Zucht gewonnen: „Star Appeal“ 1975, „Danedream“ 2011 und „Torquato Tasso“ in diesem Jahr beim 100. Rennen. Ich hatte das Glück, 2011 beim Sieg von „Danedream“ mit meiner Frau und meinem Sohn dabeizusein. Fantastisch.

Der nach Goethes Schauspiel „Torquato Tasso“ genannte Hengst aus dem Gestüt Auenquelle (Rödinghausen in Ostwestfalen) gewann 2021 als krasser Außenseiter. In einem fulminanten Endspurt. Er hatte Anfang September schon den „Großen Preis von Baden“ in Baden-Baden gewonnen. Für seinen Jockey René Piechulek (Stalljockey des Münchener Stalls Salzburg), 34, war es gewiss einer der Höhepunkte seiner Karriere.

Die Frage ist jetzt, ob „Torquato Tasso“ im Nobember noch beim „Japan Cup“ ins Rennen geht. Oder gleich als Deckhengst „arbeitet“ (Ulrich Hartmann, SZ 5.10.21).

3581: Peter Raue kämpft für die Kunstfreiheit.

Dienstag, Oktober 5th, 2021

Der Rechtsanwalt, Kunst- und Theaterkenner Peter Raue, 80, kämpft für die Kunstfreiheit. In einem Interview mit Peter Laudenbach (SZ 2./3.10.21) nennt er auch die Fälle Christoph Schlingensief, Klaus Dörr, Shermin Langhoff und Armin Petras. Ich wähle hier ein Beispiel Raues und seine Gesamtbeurteilung aus:

„Ein leitender Redakteur eines Senders geht mit einer Mitarbeiterin essen. Er macht ihr keine Avancen, nichts. Danach unterstellt ihm die Frau, er habe am Ende des Abends traurig geschaut, weil sie ihn nicht eingeladen habe, mit zu ihr zu kommen – von diesem traurigen Blick fühle sie sich nun unter Druck gesetzt. Ein realer Fall. Solche Fälle nehmen zu.“

„Die Kunstfreiheit wird von zwei Seiten angegriffen. Der Angriff von rechts, wenn die AfD Subventionskürzungen für unliebsame Theater fordert, wenn Menschen drohen, Gewalt auszuüben, ist mir grausig. Bei

Alexander Gauland,

der die Massenmorde der Nazis als ‚Vogelschiss der Geschichte‘ verharmlost, stellt sich gar die

Frage der Zurechnungsfähigkeit.

Die Aktivisten der politischen Korrektheit dagegen haben oft redliche Ziele – ihre Methoden aber sind beängstigend. Deshalb fordere ich zur Verteidigung der Kunstfreiheit eine lebendige Streitkultur. Gegen rechtsradikale Idioten hilft keine Streitkultur, da zählen nur noch Staatsanwaltschaft und Zivilgesellschaft.“

3580: Oliver Masucci hat die CDU gewählt.

Montag, Oktober 4th, 2021

Oliver Masucci, 52, ist der neue Superstar des deutschen Kinos. Der Sohn eines italienischen Vaters und einer deutschen Mutter wuchs in Bonn auf. Er war sechs Jahre Mitglied des Burgtheaters. 2018 drehte er mit Florian Henckel von Donnersmark „Werk ohne Autor“. 2019 „Als Hitler das Rosa Kaninchen stahl“ (nach Judith Kerr). 2020 war er als Rainer Werner Fassbinder in „Enfant terrible“ zu sehen, 2021 in der „Schachnovelle“ (nach Stefan Zweig). Tanja Rest hat Oliver Masucci für die SZ (2./3.10.21) interviewt.

Masucci: … Am Burgtheater hat man vor allem Angst, den Status zu verlieren. Hat der Mensch immer. Er fliegt auf einem Klumpen Dreck um die explodierende Sonne in ein schwarzes Loch und will Stabilität. Stabile Renten zum Beispiel versprechen sie uns bei jeder Wahl. Wie können die das denn versprechen, wer weiß schon, was in 40 Jahren ist, was für ein Unsinn ist das denn?

SZ: Haben Sie gewählt?

Masucci: Diesmal die CDU. Musste ich, meine Freundin hat den Wahlkampf gemacht.

SZ: Tanit Koch, früher „Bild“-Chefredakteurin, zuletzt im Team von Armin Laschet.

Masucci: Übrigens ist das ein guter Mann, ich hab ihn kennengelernt. Demokrat, hört zu, das ist okay. Hart, was die ertragen mussten, was da alles geschrieben wurde. Er hat das wie ein Rocky durchgestanden, ich hab Respekt vor ihm.

3579: Scarlett Johansson verdient.

Sonntag, Oktober 3rd, 2021

Der US-Filmstar Scarlett Johansson, 36, hatte den Filmkonzern Disney verklagt. Dieser hatte den Action Film „Black Widow“ mit Johannson in der Hauptrolle parallel zum Filmstart zugleich in seinem Online-Streamingdienst Disney + herausgebracht. Johansson ist vertragsgemäß an den Kinoeinnahmen beteiligt und befürchtete nun deren Schmälerung. Jetzt haben sich beide Seiten außergerichtlich geeinigt. Die Vereinbarung hat ein Volumen von 40 Millionen Dollar. Da verdient Frau Johansson ordentlich (theu., FAS 3.10.21).

3578: Parag Khanna: Deutschland „Musterbeispiel für die Welt“

Donnerstag, September 30th, 2021

Der in Indien geborene, international tätige Politikberater Parag Khanna, 44, charakterisiert in einem Interview mit Moritz Baumstieger (SZ 24.9.21) Deutschlands Rolle in der Welt:

SZ: Was für ein Deutschland sehen Sie heute?

Khanna: Ein Musterbeispiel für die Welt. Deutschland ist eine hochdifferenzierte Demokratie, in der jedes Interesse vertreten ist, aber auch eine handlungsfähige Technokratie, die gut verwaltet. Ich bin kein Botschafter und auch kein Mitglied im Team Merkel. Aber als Globalisierungsexperte, Politikwissenschaftler, Reisender muss ich sagen: Es gibt keine Fragezeichen mehr, dass Deutschland eine Säule der Zivilisation ist.

SZ: Zuletzt waren die Selbstzweifel hier eher riesig, angesichts der schleppenden Antwort auf Corona.

Khanna: Überall auf der Welt kamen mit dem Virus Selbstzweifel. Doch wenn die Deutschen weniger fixiert auf sich selbst wären und mal einen Blick nach außen riskieren würden, wären sie viel zuversichtlicher.

SZ: Von dieser Unsicherheit profitiert bisher vor allem die AfD.

Khanna: 2016 hatten alle eine Riesenangst vor der Partei, heute kommt sie in keiner Koalitionsüberlegung vor. Populisten erledigen sich langfristig immer selbst.