Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

3714: Peter Bogdanovitchs Filme werden im Himmel gespielt.

Sonntag, Januar 9th, 2022

Den Durchbruch schaffte er mit „The last Picture Show“ (1971): Peter Bogdanovitch, der im Alter von 82 Jahren gestorben ist. Der Sohn eines serbischen Vaters und einer österreichisch-jüdischen Mutter hatte bei Roger Corman, dem Meister des B-Pictures, gelernt. Ins Kino kamen die Teenager damals, weil sie dort die ersten Küsse und Berührungen austauschen konnten. Das Objekt der Begierde war Cybill Shepherd. In „Is was, Doc“ (1972) war es Barbara Streisand. „Aber es war die Aufgabe der Männer, den Mut und die Schönheit dieser Frauen zu inszenieren.“ (Claudius Seidl, FAZ 8.1.22) Wir sind heute noch schockiert von ihrer erotischen Risikobereitschaft.

Peter Bogdanovitch ging noch einen Schritt weiter. „Einer der Teenager hat endlich das Mädchen, das er so gern küssen möchte, zu einem Kino-Date überreden können. Doch als sie da im Dunkeln sitzen und sie sich ihm zuwendet und die große Knutscherei endlich losgehen könnte, ist er so gebannt von der flimmernden, glitzernden Leinwand, dass er sich lieber den Film weiter anschaut.“ (David Steinitz, SZ 8./9.1.22) An diese beiden Riesenhits konnte Bogdanovitch nie wieder anschließen, obwohl er die Inszenierungskunst eines Orson Welles, die narrative Ökonomie eines Howard Hawks un die emotionale Integrität eines John Ford studiert hatte. Er arbeitete wieder als Journalist. Für das Magazin der SZ hat er Kirk Douglas, Lauren Bacall, Jack Nicholson und Jerry Lewis interviewt.

3713: Novak Djokovic ist ungeimpft.

Samstag, Januar 8th, 2022

Australien lässt Novak Djokovic, den gegenwärtig besten Spieler der Welt, nicht einreisen, weil er nicht geimpft ist. Dabei hatte das Land vorher einen Zick-Zack-Kurs gefahren und eine Sondergenehmigung für Djokovic erteilt. Der serbische Tennisspieler befindet sich in einem Quarantäne-Hotel und soll nach Hause ausreisen. Er ist prinzipieller Impfskeptiker, hängt der Esoterik an und beklagt sich über

die Medien

und verschwörerische Kräfte im Hintergrund. Zu Hause machen sein Vater und der serbische Präsident Aleksandar Vukic für ihn Propaganda. In Belgrad organisierte Djokovics Vater Proteste, an denen auch eine Ministerin teilnahm. Rafael Nadal brachte die Lage auf den Punkt: „Wenn er wollte, würde er hier in Austarlien spielen ohne ein Problem.“ (Pirmin Clossé, FAZ 8.1.22; Florian Hassel, SZ 8./9.1.22).

3712: Klaus Wagenbach gestorben

Freitag, Januar 7th, 2022

Der linke Verleger Klaus Wagenbach ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Er hatte sich auch vergaloppiert. Etwa mit Ulrike Meinhof. Vor allem aber hatte er uns als junger Wissenschaftler erstmals Franz Kafka erschlossen, der heute immer noch vielen von uns ein Buch mit sieben Siegeln ist. Wagenbach hatte bei S. Fischer gelernt. Sein eigener Verlag wollte immer links, antiautoritär, gesamtdeutsch, genussfreundlich und lebensfroh sein. Er musste manche wirtschaftliche Krise überwinden. Dort erschienen Zeitschriften wie „Freibeuter“ und „Tintenfisch“. Bemerkenswert aber, welche Autoren von Wagenbach entdeckt oder gefördert wurden:

Paul Celan, Wolf Biermann, Michel Houellebecque.

Klaus Wagenbach ernannte sich voll Ironie stets zu „Kafkas dienstältester Witwe“. Auf dem Weg zur Princeton-Tagung der Gruppe 47 (mit Peter Handkes Azftritt) fuhr Wagenbach aus Flugangst mit dem Schiff. Er spielte Skat mnit Günter Grass (Helmut Böttiger, taz 21.12.21; Iris Radisch, Die Zeit 22.12.21).

3711: Renten steigen seit 2000 stärker als Inflation.

Donnerstag, Januar 6th, 2022

Die Renten sind seit der Jahrtausendwende stärker gestiegen als die Inflation. Das ergibt eine Auswertung der Rentenversicherung. Danach erhöhten sich die Verbraucherpreise zwischen 2000 und 2020 um 32,4 Prozent. Die Standardrente legte gleichzeitig

im Westen um 37,8 Prozent

und

im Osten um 53,8 Prozent

zu. Das Jahr 2021 wird die Bilanz allerdings vermutlich verschlechtern (SZ 4.1.22).

3710: Rekordwerte am Arbeitsmarkt

Mittwoch, Januar 5th, 2022

Der deutsche Arbeitsmarkt hat sich trotz der Corona-Wellen im Jahr 2021 gut entwickelt. Bundesarbeitsminister Huberts Heil (SPD) sagte, dass die Jugendarbeitslosigkeit auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung sei. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hat einen Höchststand erreicht. Die neue Corona-Welle dürfte allerdings zu einem Rückschlag führen (SZ 5./6.1.22).

3708: Eugen Ruge: Julian Assange nicht an die USA ausliefern !

Sonntag, Januar 2nd, 2022

Eugen Ruge ist vor allem durch seine beiden Erfolgs-Romane „In Zeiten abnehmenden Lichts“ (2011) und „Metropol“ (2019) hervorgetreten. Jetzt setzt er sich dafür ein, dass Julian Assange nicht an die USA ausgeliefert wird („Die Zeit“ 16.12.21). Ruge stellt fest, dass Assange seit Jahren durch Einzelhaft und Isolation gefoltert wird. Er hatte zahlreiche Kriegsverbrechen der USA nach 1945 aufgedeckt und partiell mit Videos belegt. Beispielsweise hatte er gezeigt, wie GIs irakische Zivilisten ermorden. In den USA drohen Assange ca. 120 Jahre Hadt.

„Was hier seit zehn Jahren passiert, ist eine widerwärtige Verhöhnung jener Werte, die die westliche, besonders natürlich die US-amerikanische Politik unaufhörlich in Anspruch nimmt, um ihre Invasionen und Sanktionen zu rechtfertigen.“

Die schwedische Justiz hatte sich bemüht, Assange der Vergewaltigung zu bezichtigen, um ihn so an die USA ausliefern zu können. „Nein, Assange ist kein Engel. Er hat Fehler gemacht. Er ist, hört man, kein sympathischer Typ. … Worum es hier geht, ist, dass statt des Verbrechers derjenige plattgemacht werden soll, der das Verbrechen offengelegt hat.“ „Trotzdem bitte ich diese neue Bundesregierung, auch im Namen vieler anderer, aber vor allem im Hinblick auf jene verbindlichen und verbindenden Werte, die unsere Verfassung bewahrt, der Auslieferung von Julian Assange ihr Möglichstes entgegenzusetzen.“

3707: Barenboim dirigiert Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker.

Samstag, Januar 1st, 2022

Daniel Barenboim ist seit 1992 Musikchef der Staatsoper Unter den Linden und ihrer Staatskapelle. In diesem Jahr wird der in Argentinien geborene und in Israel aufgewachsene Musiker 80 Jahre alt. Für Berlin und Deutschland ist er ein Glück. Dank seiner Musikalität, Weltoffenheit und seinem Einsatz für die Aussöhnung zwischen Juden und Palästinensern. Nach 2009 und 2014 dirigiert er in diesem Jahr zum dritten Mal das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Es wird in 90 Länder übertragen und erreicht 50 Millionen Zuhörer und Zuseher. (Reinhard J. Brembeck, SZ 31.12.21)

3706: Unser Begriff von Freiheit

Freitag, Dezember 31st, 2021

Das Problem beim Start der Ampel ist, wie nicht anders zu erwarten, die FDP. Darunter „die wohl halbseidenste Figur der Liberalen seit

Jürgen Möllemann“,

Wolfgang Kubicki (Peter Fahrenholz, SZ 30.12.21). Ihn treibt die Sorge um, dass die Ungeimpften unter Druck gesetzt werden. In der Forderung nach einer allgemeinen Impfpflicht sieht er eine gezielte Rache und Vergeltung der großen Mehrheit der Impfbefürworter. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat Kubicki „verantwortungslos“ genannt. Er reiht sich ein in die Reihe der Gegner einer wirksamen Pandemiebekämpfung. In den USA wird der Chef-Virologe, Anthony Fauci, von vielen Republikanern mit KZ-Arzt Josef Mengele verglichen.

„So verschieden die Protagonisten auch politisch gestrickt sind: Sie eint ein falsches Verständnis von Freiheit in einer demokratischen Gesellschaft. Es ist, auch wenn die Begriffe ähnlich klingen, der entscheidende Unterschied zwischen libertär und liberal. Libertäre Hardliner unter den britischen Konservativen und den US-Republikanern sehen in Eingriffen des Staates stets eine Bedrohung der individuellen Freiheit. Liberale wissen dagegen – oder sollten es zumindest wissen -, dass Freiheit und Verantwortung zusammengehören. Und dass die Freiheit einzelner dort endet, wo sie andere schädigt oder unzumutbar beeinträchtigt. Der Staat muss immer abwägen zwischen individuellen Freiheiten und den Folgen für die Allgemeinheit – und er tut dies auch, indem er mit Regeln, Vorschriften und Verboten auf vielfältige Weise ins Leben seiner Bürgerinnen und Bürger eingreift.

Der Streit ums Impfen weckt Erinnerungen an die erbitterten Debatten um Rauchverbote vor gut 15 Jahren. Auch damals wollte eine lautstarke Minderheit nicht hinnehmen, dass ihre persönliche Freiheit beschnitten wird, um die Gesundheit anderer zu schützen.“

3705: Lehrerverbände nähern sich allmählich Schulschließungen.

Donnerstag, Dezember 30th, 2021

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) und der Deutsche Lehrerverband ziehen Schulschließungen in Erwägung. Dazu schreibt Paul Munzinger (SZ 29.12.21):

„Dass die Lehrerverbände mahnen und warnen, ist ihr gutes Recht. Dass sie sich um die Gesundheit der Lehrerinnen und Lehrer sorgen, ist ihre Pflicht. Dass sie die Länder auffordern, Vorbereitungen für Wechsel- und Distanzunterricht zu treffen und sich schon vor dem 7. Januar einmal zusammenzusetzen, ist nur vernünftig. Aber dass die Lehrerverbände kaum verhohlen auf das Ende des Präsenzunterrichts drängen, dass sie in der Person von

Heinz-Peter Meidinger

darum bitten, im Fall eines Lockdowns die Schulen nicht zu vergessen, ist ein schlechter Witz.

Nach allem, was mittlerweile über die eher bescheidene Rolle von Schulen für das Infektionsgeschehen und die verheerenden Folgen von Schulschließungen bekannt ist, darf man von den lehrerverbänden erwarten, dass sie sich endlich nicht nur als Sachwalter ihrer eigenben Interessen verstehen – sondern auch der Interessen von Schülerinnen und Schülern.

Niemand kann ausschließen, dass im neuen Jahr weitere Schulen schließen müssen, auch flächendeckend. Dafür ist Omikron einerseits zu bedrohlich und andererseits noch zu diffus. Doch spätestens seit zweiten Lockdown im letzten Jahr hat sich ein Konsens durchgesetzt, den man als großen Fortschritt ansehen muss: dass Schulen so lange offenbleiben, wie es geht – und das heißt im Zweifel auch: länger als

Restaurants, Bars, Fußballstadien.

Es ist eine bittere Pointe, dass nun ausgerechnet Lehrerverbände hinter diesen Konsens zurückfallen.“

3704: Impfgegner verursachen hohe Kosten.

Mittwoch, Dezember 29th, 2021

Mit friedlichen Protesten haben die über’s Internet orchestrierten „Spaziergänge“ von Impfgegnern, einer kleinen Minderheit (Querdenker, Reichsbürger et alii), nichts zu tun. Am letzten Wochenende kam es zu einer großen Zahl von Straftaten und 16 verletzten Polizeibeamten. Sie müssen, wie immer, für unseren Staat eintreten. Durch die permanenten Demonstrationen ist die Polizei chronisch überlastet und kann andere Aufgaben nicht adäquat erfüllen. Die Impfgegner gehören zu denen, die unseren Staat destabilisieren wollen. Dass sie im Osten so viel häufiger auftreten, liegt daran, dass hier u.a. ehemalige DDR-Bürger ihren „Widerstand“ nachholen, den sie „seinerzeit“ nicht üben durften. Bei der Aburteilung der Straftäter scheinen sich „Schnellverfahren“ (wie in Bayern) zu bewähren. Versuche, über eine Impfpflicht aufzuklären, sind zum Scheitern verurteilt.

Wir brauchen den starken Staat mit seinem Gewaltmonopol.

Als friedliches, demokratisches Gegenmittel sind Menschenketten geeignet (Markus Balser/Peter Fahrenholz, SZ 29.12.21).