Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

3804: Kardinal Müller benutzt antisemitische Chiffren.

Dienstag, März 29th, 2022

Zwei katholische Gruppen, 1. „Wir sind Kirche“ und 2. „Maria 2.0“, haben Papst Franziskus aufgefordert, den deutschen Kardinal Gerhard Ludwig Müller abzustrafen. Der frühere Chef der Glaubenskongregation verbreite über die Pandemie Verschwörungsmythen und antisemitische Chiffren. „Wir halten es deshalb für nicht vertretbar, dass Kardinal Müller weiter als Richter am Obersten Gerichtshof der Apostolischen Signatur amtiert und als Mitglied des Kardinalskollegiums zum Kreis der potentiellen Papstwähler zählt.“ Kardinal Müller hatte seine Äußerungen nicht nur nicht widerrufen, sondern sie noch verschärft. Damit habe der Kardinal „der katholischen Kirche erneut schweren Schaden zugefügt“ (SZ 29.3.22).

Solche Katholiken kenne ich in Göttingen nicht.

3803: Taliban verbieten Schulbesuch.

Montag, März 28th, 2022

Die Taliban, die seit August 2021 wieder an der Macht sind, haben mitgeteilt, dass Schülerinnen von der 7. Klasse an die Teilnahme am Unterricht bis auf Weiteres untersagt bleibt. Dagegen haben Frauen demonstriert. Die Proteste blieben friedlich. Bei früheren Protesten wurden Journalisten und Teilnehmerinnen eingeschüchtert und schikaniert. Künftig dürfen Afghaninnen nur noch mit einem männlichen Begleiter fliegen. In Afghanistan dürfen Freizeitparks nur noch nach Geschlechtern getrennt besucht werden (SZ 28.3.22).

Kaum auszudenken, dieser Schwachsinn.

3802: Andreas Scheuer (CSU) hat die Verantwortung nicht übernommen.

Montag, März 28th, 2022

Der ehemalige Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat die verunglückte PKW-Maut zu verantworten. Er hatte die Betreiberverträge abgeschlossen, als ein Verfahren dagegegn vor dem Europäischen Gerichtshof noch lief. Die ursprünglich vorgesehenen Betreibergesellschaften verlangten Schadensersatz. Den hat ein Schiedsgericht nun bestätigt. Er kostet den Steuerzahler mehrere hundert Millionen Euro. Andreas Scheuer (CSU) war seinerzeit nicht zurückgetreten, sondern bis September 2021 im Amt geblieben. Um ihn als Minister ist es nicht schade (Michael Bauchmüller, SZ 28.3.22).

3801: Wegen Korruption ist die russische Armee schwach.

Samstag, März 26th, 2022

Der ukrainische Schriftsteller und PEN-Präsident Andrej Kurkow hat in Osnabrück studiert und spricht fließend deutsch. Hilmar Klute (SZ 26./27.3.22) hat er ein Interview gegeben.

SZ: Die Europäer und ihre Verbündeten fürchten, dass sie den Dritten Weltkrieg auslösen, wenn sie dergestalt eingreifen.

Kurkow: Dieser Krieg wird ohnehin weitergehen. Das muss man endlich begreifen. Der Krieg wird nicht in der Ukraine bleiben. Putin will ja, dass auch Belarus seine Armeen dorthin schickt. Die zweite Front von Belarus wird in der Nähe Polens verlaufen. Und sicher werden auch einige Raketen auf polnisches Territorium fallen.

SZ: Was wird dann passieren?

Kurkow: Ich weiß es nicht, ich bin kein Kriegsanalytiker. Aber es gibt viele Menschen in Litauen und in Estland, die nicht darauf vertrauen, dass die Nato sie verteidigen wird, falls Russland sie angreift.

SZ: Sie haben einmal gesagt, Putin definiere bei jedem Konflikt den kommenden Konfliktort. Wo wird der sein?

Kurkow: Das kann Polen sein oder Litauen. Ich glaube, Moldawien ist auch in Gefahr. Man kann von Putin alles erwarten. Er ist alt und will endlich in die russischen Geschichtsbücher eingehen als jemand, der ein neues Imperium gebaut und dafür gesorgt hat, dass alle Welt Angst vior Russland hat.

SZ: Wie kann ein Staatspräsident eine derartige Gewalt über sein Volk gewinnen?

Kurkow: Wladimir Putin herrscht jetzt beinahe zwanzig Jahre. Die Opposition ist physisch zerstört. Entweder vergiftet, ermordet oder im Gefängnis. Alle, die Putin kritisieren, gelten als Vaterlandsfeinde. Es gibt sogar eine Liste der angeblich mit Russland verfeindeten Schriftsteller.

SZ: Wenn der Westen auf die Ukraine schaut, dann fragt er sich als Erstes: Was passiert mit uns? Haben wir zuviel Angst vor Putin?

Kurkow: Ich glaube, die Angst vor Putin kann viele westliche Länder paralysieren. Nur Leute, die keine Angst vor Putin haben, können die Lage der Ukrainer begreifen.

SZ: Überschätzen wir Putin?

Kurkow: Ich glaube, ihr überschätzt ihn. Vor allem hat die Welt, bevor dieser Krieg ausbrach, die russische Armee maßlos überschätzt. Die Armee ist schwach, übrigens dank russischer Korruption. Ich bin ja sehr zufrieden damit, dass Russland so korrupt ist und sogar das Geld vom eigenen Armeebudget geklaut hat.

3800: Presserat: Keine Rüge für „Lockdown-Macher“-Text der „Bild“

Freitag, März 25th, 2022

Am 4. Detember 2021 veröffentlichte die „Bild“ den Text „Die Lockdown-Macher“. Dagegen wurden beim Deutschen Presserat 94 Beschwerden erhoben. Auch aus der Wissenschaft. Die Universität des einen „Lockdown-Machers“ schrieb: „Diese Art der Berichterstattung ist weit entfernt von jeder journalistischen Redlichkeit.“ Ein breites Bündnis von Wissenschaftsorganisationen protestierte gegen den Text: die Leopoldina, die Max-Planck-Gesellschaft, die Leibnis-Gemeinschaft, die Alexander-von-Humboldt-Stiftung, die Hochschulrektorenkonferenz. Die Organisationen befürchteten, der „Bild“-Beitrag habe zu einem Meinungsklima beigetragen, „das an anderer Stelle bereitzs dazu geführt hat, dass Wissenschaftler sich demnach physischer oder psychischer Gewalt ausgesetzt sahen oder bedroht wurden“.

Nun stellt der Presserat fest: „Die von der Redaktion vorgenommene Bezeichnung der drei Experten als ‚Lockdown-Macher‘ hat einen Tatsachenkern und verletzt deshalb nicht die journalistische Sorgfaltspflicht nach Ziffer 2 des Pressecodex.“ Der Einfluss der genannten Wissenschaftler auf politische Entscheidungen über Corona.Maßnahmen lasse sich belegen. Der Begriff die „Lockdown-Macher“ sei eine zulässige Zuspitzung. Durch ihre Auftritte in den Medien hätten sich die Wissenschaftler freiwillig in die Öffentlichkeit begeben. Der neue „Bild“-Chefredakteur Johannes Boie hatte sich Ende Januar reumütig gezeigt und einen Fehler in der Berichterstattung eingeräumt.

Von den 60 ausgesprochnenen Rügen des Deutschen Presserats 2021 gingen 26 auf das Konto von „Bild“. Die übrigen Rügen betrafen 31 verschiedene Medien. Insgesamt erhielt der Deutsche Presserat 457 Einzelbeschwerden und prüfte 294 Artikel. Als schweren Verstoß gegen das Wahrhaftigkeitsgebot wertete der Presserat die Bild.de-Schlagzeile „Experten sicher: RKI-Zahlen stimmen nicht – es sterben weniger Menschen, als täglich gemeldet werden.“ (Anna Ernst, SZ 25.3.22)

3799: Nato verstärkt Ostflanke.

Donnerstag, März 24th, 2022

Die 30 Nato-Staaten haben beschlossen, ihre Ostflanke zu verstärken. Mit vier multinationalen Kampfverbänden in der Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Bisher gibt es solche „Battlegroups“ erst in Polen, Estland, Lettland und Litauen. In der Nachbarschaft von Kriegsverbrechern bleibt der Nato gar nichts anderes übrig. Nach dem Nato-Sondergipfel werden in Brüssel auch noch ein Treffender G-7-Gruppe sowie der reguläre EU-Gipfel abgehalten. An allen drei Sitzungen nimmt der US-Präsident Joe Biden teil (MAT, SZ 24.3.22).

3798: Martin Walser 95

Donnerstag, März 24th, 2022

Unter anderem für Martin Walser ist der Begriff des „Großschriftstellers“ geprägt worden. Er wird 95 Jahre alt. Eine Zeit lang ging er keinem Streit aus dem Wege und bezog auch eigentümliche Positionen. Manchmal kehrte er sein Inneres nach außen. Das stellen wir fest beim Streit um das Berliner Holocaust-Denkmal und bei Walsers Roman „Tod eines Kritikers“, wo er seinem Hass auf Marcel Reich-Ranicki freien Lauf ließ. Das brachte ihm u.a. den Vorwurf des Antisemitismus ein.

Inzwischen hat das Literaturarchiv in Marbach Walsers Privatbibliothek übernommen und 75 Bände seiner Tagebücher. Der Mann will öffentlich diskutiert werden. Sexualität spielt bei ihm eine große Rolle. Nun erscheinen seine „Postkarten aus dem Schlaf“. Da kann er nicht lügen, findet Martin Walser, weil die Geschichten aus dem Traum kommen. Von Sigmund Freuds Theorie des Traums hält er nichts, bezieht sich aber immer wieder darauf. „Man konnte nichts sagen, weil er immer schon wusste, was man sagen würde.“ „Meine Träume müssen nicht gedeutet oder gar nach den billigsten Schlüsseln übersetzt werden. Sie sind mir deutlich genug.“ Walser schreibt auch über Prominente wie Thomas Mann, Rudolf Augstein und Pete Sampras (Marie Schmidt, SZ 24.3.22).

3797: Michael Haneke 80

Mittwoch, März 23rd, 2022

Unter vielen ernstzunehmenden Cinéasten gilt der Österreicher Michael Haneke als der größte Filmregisseur der Gegenwart. Er hat den Oscar, zwei Goldene Palmen, zwei Golden Globes und zahlreich europäische Filmpreise gewonnen. Er wird 80 Jahre alt. Begonnen hatte er seine Karriere Ende der sechziger Jahre beim Südwestfunk (SWF) als Fernsehdramaturg. Die meisten Drehbücher gefielen ihm nicht. Also schrieb er selber welche. Mit dem „Siebenten Kontinent“ (1989) gelang ihm sein erster großer Erfolg. Er zeigt eine Familie, die in ihrer Wohnung alles zerstört und Selbstmord begeht. Schon hier bezieht Haneke das Publikum als ohnmächtige Zeugen und begierige Voyeure zentral ein.

Häufig protokolliert Haneke die Vorgänge in ihrer nackten, unerklärlichen Dimension. Immer wieder ist Gewalt das Thema. „Funny Games“ (1997) zeigt zwei Widerlinge, die eine bürgerliche Familie ohne jeden Grund einfach „zum Spaß“ beim Wochenendausflug überfallen und abschlachten. Die mediale Selbstreflexion macht alles nur noch schlimmer. In „Die Klavierspielerin“ (2001) nach Elfriede Jellinek (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Film von Jane Campion) brilliert Isabelle Huppert.

„Das weiße Band“ (2009) (Goldene Palme in Cannes) spielt Anfang des 20. Jahrhunderts, einer gefährlichen Zeit, in einem norddeutschen Dorf und zeichnet nach, wie die Grausamkeiten der Welt im grausamen Umgang mit Kindern wurzeln. Für mich, der aus einem norddeutschen Dorf stammt, Hanekes bester Film. Auch ein Panorama des Protestantismus. „Liebe“ (2012, zweite Goldene Palme) zeigt das Siechtum und Sterben eines alten Ehepaares, er bringt sie am Ende um (die Hauptrollen gespielt von Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant, in einer Nebenrolle Isabelle Huppert). Überwältigend. In seinem letzten Film „Happy End“ (2017) schaut Michael Haneke einer französischen Großbürgerfamilie bei ihrem Zerfall zu. Und viele Fragen bleiben offen (Philipp Stadelmaier, SZ 23.3.22).

3796: „Junge Welt“: eine „kommunistisch ausgerichtete Tageszeitung“

Dienstag, März 22nd, 2022

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden, dass die „Junge Welt“ eine „kommunistisch ausgerichtete Tageszeitung“ ist und insofern in Verfassungsschutzberichten auftauchen darf. Das hatte die Zeitung im Eilverfahren verhindern wollen. Dafür sah das Verwaltungsgericht keinen ausreichenden Grund. Es sei der Zeitung zuzumuten, das Hauptsacheverfahren abzuwarten (SZ 22.3.22).

3795: Was charakterisiert Putin ?

Dienstag, März 22nd, 2022

1. Wer die russische Politik verstehen will, darf sich nicht beziehen auf die russische

Musik, Literatur, Malerei, Filmkunst, etc.,

sondern muss anknüpfen an das russische politische System, das seit Zarenzeiten rückständig, gewalttätig, undemokratisch und chauvinistisch (Lenin, Stalin, Breschnew) ist.

2. Putins Weltbild resultiert aus seiner Tätigkeit beim KGB.

3. Sein Trauma ist der Fall der Berliner Mauer 1989.

4. Die Sowjetunion, so wie Putin sie kannte, verschwand.

5. Bei allen politischen Vorgängen kann Putin sich kein demokratisches Votum vorstellen, sondern nur Strippenzieher (wie sich selbst).

6. Putin ist ein ausgeprägter Narzisst, der sich seine eigenen Auftritte im Fernsehen immer wieder ansieht.

7. Als Putin auf Boris Jelzin folgte, kam es sofort zum brutalen Vorgehen in Tschetschenien, zu Morden an politischen Gegnern und den russischen Hackerangriffen auf die US-Wahl 2016.

8.Putin wird als einer der größten Massenmörder des 21. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen.