In 42 Sitzungen hat ein Untersuchungsausschuss im Mainzer Landtag untersucht, wer die Verantwortung für das staatliche Versagen angesichts der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 trägt. 134 Tote, 8.900 zerstörte Häuser, Schaden in Millionenhöhe. Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) konnten keine persönlichen Verfehlungen nachgewiesen werden. Danach kümmerte sie sich. Klar ist, dass der Katastrophenschutz von Rheinland-Pfalz versagt hat. Hätte das Land die Verantwortung an sich ziehen müssen? Malu Dreyer (SPD) und ihre Minister haben das Ausmaß der katastrophe offensichtlich nicht erkannt. Fehler sind auf vielen Ebenen passiert, auch auf unteren. Als Hubschraubervideos der Katastrophe auftauchten. trat Innenminister Roger Lewentz zurück. Hatte Malu Dreyer die Verantwortung? (Gianna Niewel, SZ 28.4.23)
Archive for the ‘Gesellschaft’ Category
4305: Hätte Malu Dreyer (SPD) zurücktreten müssen ?
Montag, Mai 1st, 20234304: Ist Wolfgang Koeppens „Tauben im Gras“ Schul-Lektüre ?
Sonntag, April 30th, 2023Wolfgang Koeppens großer Roman „Tauben im Gras“ (1951) erzählt von den Aufbaujahren nach 1945 in München. Es ist ein düsteres Panorama. Im Zentrum zwei Paare. Und dann ein Dutzend weitere Akteure: ein Musikdirektor, Nazis, ein Abtreibungsarzt, ein abgetakelter Filmstar et alii. Sie alle kämpfen ums Überleben. Im Koeppen-Sound. Mit verblasener Geistigkeit, kalkulierender Bosheit, verdeckter Geilheit, Nazisprüchen. Positive Perspektiven sind kaum zu erkennen. Wie Matthias Greffrath (taz 19.4.23) schreibt, handelt es sich um die „Verdichtung einer Epoche auf einen Tag“. Für uns Leser ist Wolfgang Koeppen einer der wichtigsten Autoren. Und sein Roman ein gültiges Panorama jener Tage.
Nun will eine Ulmer Lehrerin mit einer Petition erreichen, dass der Roman vom Lektüreplan der Gymnasien in Baden-Württemberg gestrichen wird. Wegen Antisemitismus und einer Menge N-Wörtern. Der Roman sei ein Angriff auf die Menschenwürde ihrer Schüler. Greffrath untersucht den Fall. Als Mitglied der von Günter Grass und Peter Rühmkorf gegründeten Wolfgang-Koeppen-Stiftung ist er zwar Partei, aber es gelingt ihm, der Petition der Lehrerin Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Er weiß, dass sich gegen niemand argumentieren lässt, der sich verletzt fühlt. Ist da überhaupt etwas zu machen bei der Vergegenwärtigung von Ideologien, Sprechweisen, Unmoral? Der Streit ist unversöhnlich. Auch angesichts des Auftauchens diskriminierender Wörter in Zitaten. Greffrath fragt sich, ob die neue Sensibilität nicht auch eine Verarmung nach sich zieht, den Verzicht der Verletzten, sich über die Empfindung hinaus auf eine durchwachsene Realität einzulassen. Darf man heute noch singen „Lustig ist das Zigeunerleben“? Es geht in der Auseinandersetzung mit dem Koeppen-Buch um Literatur als Form der Erkenntnis. Vielleicht ist der Text für heutige Abiturienten einfach zu komplex. In unserer Einwanderergesellschaft hat ein gutes Viertel unserer Jugendlichen keinen Bezug mehr über Eltern und Großeltern zur deutschen Geschichte.
4303: CSU-Verkehrsminister haben die Bahn heruntergewirtschaftet.
Samstag, April 29th, 2023Von 2009 bis 2021 hatten wir die Verkehrsminister
Peter Ramsauer, Alexander Dobrindt und Andreas Scheuer (Christian Schmidt spielte nur ein kurze Rolle).
Alle von der CSU. In dieser Zeit ist die Bahn hauptsächlich heruntergewirtschaftet worden. 1994 war die große Bahnreform gewesen. Seither wurden Bahnhöfe geschlossen, das Personal abgebaut, die Zahl der Weichen nahezu halbiert. Dabei spielten auch noch solche Unglücksfiguren wie Hartmut Mehdorn eine Rolle. 2018 kam heraus, dass die Bahn 16 Prozent ihres Schienennetzes stillgelegt hatte. Unsere Nachbarn Schweiz, Österreich und Frankreich machten es andersherum. Im Gegenzug wurden in Deutschland die Straßen kräftig ausgebaut. Deswegen heißen die Herren Ramsauer, Dobrindt und Scheuer auch die „Drei von der Tankstelle“. Die Schweiz hat eine Pünktlichkeitsquote von 92,5 Prozent, Deutschland 65,2 Prozent. Der Bundesrechnungshof 2019: „Das an Kapazitätsgrenzen stoßende Schienennetz ist marode.“ Das Schweizer Fahrplan-Modell sollte 2030 auf Deutschland übertragen werden. Das ist verschoben auf 2070 (Holger Gertz, SZ 22./23.4.23).
Wenn also die Herrschaften von der CSU wieder einmal, manchmal großsprecherisch (Atomenergie, Fracking in Südniedersachsen), daherkommen, wissen wir, was wir davon zu halten haben. Es ist ja Wahlkampf.
4302: Harry Belafonte ist tot.
Samstag, April 29th, 2023Im Alter von 96 Jahren ist der ungeheuer erfolgreiche Popsänger und Weltkünstler Harry Belafonte gestorben. Er war der Partner so wichtiger Protagonisten wie Martin Luther King, Nelson Mandela und Robert Altman, dem großartigen Filmregisseur. Bei Erwin Piscator nahm Belafonte in New York Schauspielunterricht. Geboren wurde er 1927 in Harlem als Sohne einer jamaikanischen Mutter und eines Vaters aus Martinique. Unter seinen Vorfahren waren auch Weiße, weshalb seine Haut relativ hell war. Das spielt ja in den USA bis auf den heutigen Tag eine Rolle.
Belafonte war stets umstritten. So firmierte er als „King of Calypso“, was als „kulturelle Aneignung“ interpretiert wurde. Er hatte den größten Erfolg bei der weißen Mittelschicht, das verzieh man ihm nie. Als die weiße Sängerin Petula Clark 1968 in einer Fernsehsendung seinen Arm berührte, musste die Sendung neu gedreht werden. In seinen politischen Urteilen war Belafonte klar und hart. Den US-Außenminister unter George W. Bush junior, Colin Powell, nannte er einen „Haussklaven“. Harry Belafonte war tatsächlich wohl ein höchst zerrissener Mann. Und ein großer Künstler (Peter Kümmel, Zeit 27.4.23).
4301: Für Iris Radisch ist „Noch wach?“ ein Männer-Roman.
Samstag, April 29th, 2023Iris Radisch hält Benjamin von Stuckrad-Barres „Noch wach?“ für einen Männer-Roman (Zeit 27.4.23). Dort werde ein „moralisches Rührstück“ aufgeführt. Es handle sich um einen „Etikettenschwindel“. Das Buch sei so ähnlich wie Rainald Goetz‘ Schlüsselroman „Johann Holtrop“. Stuckrad-Barre sei ja jahrelang von Springer sehr gut bezahlt worden. Warum er dann umgeschwenkt sei, bleibe unklar. In dem „Roman“ redeten immer alle so, als seien sie auf Sendung. Frauen würden nur für Männerzwecke eingespannt. Sie seien „cool und allerliebst“ und „supersüße Hühnchen“. Erstaunlicherweise werde Benjamin von Stuckrad-Barre sein Schwenk vom Pop-Literaten zum Frauenversteher von der Literaturkritik weithin abgenommen. „Als Frau hätte man Lust, sich aus dieser Show vom Saaldienst hinausbegleiten zu lassen.“
Iris Radisch hat Recht.
4300: Ex-Bundespräsident Joachim Gauck befürchtet Spaltung der Gesellschaft.
Freitag, April 28th, 2023Ex-Bundespräsident Joachim Gauck fürchtet um die Demokratie. Die außenpolitische Bedrohung durch Russland treffe die Gesellschaft „in einem Zustand erheblicher Verunsicherung und Selbstbefragung“. Die Kluft zwischen den progressiven Kräften in Deutschland und den Gruppen, die sich von den Veränderungen der Moderne überfordert fühlten, wachse. Es sei wichtig zu begreifen, „dass sich nicht alle in gleichem Umfang und in gleichem Tempo dem forcierten Wandel, den technischen Innovationen und den neuen geopolitischen Realitäten anpassen und – wie auch in früheren Zeiten – in unpolitischen Individualismus flüchten.“ „Wir müssen immer einen Weg suchen zwischen dem Frust und den Ängsten der einen und den fast missionarischen Absichten der Erneuerer.“ In Zeiten des forcierten Wandels schlage „die große Stunde der Verführer und Nationalisten“. (SZ 27.4.23)
4299: Fox zahlt dreistellige Millionensumme Schadensersatz.
Freitag, April 21st, 2023Der US-Sender Fox News zahlt dem Wahlmaschinenhersteller Dominion im Wege eines außergerichtlichen Vergleichs 787,5 Millionen Dollar Schdensersatz für Falschberichterstattung. „Wie erkennen die Gerichtsentscheidung an, in denen bestimmte Behauptungen über Dominion als falsch bezeichnet wurden.“ Damit erkauft sich Fox News seine Existenzgrundlage und den Einfluss. den der Medienmogul Rupert Murdoch auf die US-Politik nimmt. Ein Gerichtsurteil hätte weitreichend Folgen für die freie Rede und den US-Journalismus haben können (Jürgen Schmieder, SZ 20.4.23).
4298: Andrea Tandler bleibt in U-Haft.
Donnerstag, April 20th, 2023Andrea Tandler und ihr Geschäftspartner bleiben in Untersuchungshaft. Dort sitzt sie bereits seit einem Vierteljahr. Eine Haftbeschwerde hat das OLG München als unbegründet abgelehnt. Es bestehe Fluchtgefahr. Familie Tandler besitzt in der Schweiz ein Haus, dort hat Frau Tandler ein breites soziales Netz. Die Tochter des ehemaligen CSU-Generalsekretärs und bayerischen Ministers Gerold Tandler wird der Steuerhinterziehung beschuldigt. Mit einer Anklage ist bald zu rechnen. Bei Geschäften mit Corona-Schutzmasken hatte Andrea Tandler 48 Millionen Euro Provision kassiert, diese aber nicht ordnungsgemäß versteuert. So soll der Fiskus um 15 Millionen Euro betrogen worden sein. Es ist mit einer mehrjährigen Haftstrafe zu rechnen. Der Bundesgerichtshof hatte vor Jahren in einer Grundsatzentscheidung postuliert, dass bei erwiesener Steuerhinterziehung in Millionenhöhe prinzipiell keine Bewährungsstrafen mehr möglich seien (Klaus Ott, SZ 20.4.23).
4297: Pablo Picasso – aus der Zeit gefallen ?
Mittwoch, April 19th, 2023Picassos Todestag jährt sich am 8. April 2023 zum 50. Mal. Und insgesamt finden dazu 50 Ausstellungen überall auf der Welt statt. Zu seinem Tod schrieb Werner Spies 1973: „Superlativ an Genie, Ruhm, physischem Dasein und Glück“. Weithin gilt Picasso immer noch als der Größte unter den Großen. Mit dem umfangreichsten Werk. Viele feiern den vulkanischen Maler, erhitzt und drängend. Seine Chiffren- und Figurenwelt ist einmalig. Und doch melden sich zunehmend skeptische Stimmen, gerade unter jungen Künstlern. Picassos absoluter Freiheitsbegriff, seine Ichbezogenheit und sein nimmermüder Schaffensdrang werden neuerdings belächelt.
Viele seiner Werke ließ er unbetitelt, sie sollten Ausdruck ihrer selbst sein. Picasso hat den Kubismus mit erfunden, die Gleichzeitigkeit mehrerer Perspektiven. Aber es fehlt die Perspektive einer Frau, wie Verena Harzer in der „taz“ (14.4.23) zu Recht schreibt. Harzer schildert Picasso als „gewalttätigen, eifersüchtigen, perversen und zerstörerischen“ Mann. Und Hanno Rauterberg schreibt, dass Picasso seine Frauen im realen Leben schikanierte und quälte, „er unterwarf sie seiner animalischen Sexualität“ (Zeit 5.4.23). Das ist natürlich in „Me too“-Zeiten nicht mehr korrekt. Andererseits wissen wir das doch seit vielen Jahrzehnten. Und können nun nicht überrascht tun. In seinen zahlreichen Frauenporträts verdrehte er die Köpfe, zerhieb er die Leiber und montierte sie neu.
Auch Picassos Begeisterung für afrikanische Masken ist heute nicht mehr korrekt. „Auch diese Art von Universalismus, von essenzialistischem Denken, will heute kaum noch jemandem gefallen.“ (Rauterberg) Picasso begeisterte sich für das Unabgeschlossene, er wollte keiner Masche aufsitzen, keinem Stil treu sein. „Weiter, immer weiter.“, war sein Motto. Die Methode Picasso, seine Lust an der künstlerischen Arbeit, ist noch immer die Methode Zukunft.
4296: Evan Gershkovich in Moskau festgehalten
Mittwoch, April 19th, 2023Der „Wall Street Journal“-Reporter Evan Gershkovich wird in Moskau festgehalten und vor Gericht gestellt. Vor drei Wochen war er auf einer Recherchereise in Jekaterinburg wegen Spionage festgenommen worden. Joe Biden hat seine Freilassung gefordert. Gershkovichs beide Verteidigerinnen haben gegen die Haftbedingungen Berufung eingelegt. Eine Kaution wurde abgelehnt. Es ist alles so ähnlich wie zu Stalins Zeiten. Der eignet sich ja ohnehin allenthalben als Putins Vorbild. Vermutlich wollen Putins Schergen einen Austausch mit einem in den USA inhaftierten russischen Journalisten. Aber einen solchen haben die USA zur Zeit gar nicht.
Mittlerweile konnte die US-Botschafterin in Moskau, Lynne Tracy, Gershkowich besuchen. Dessen Eltern sind 1979 aus der Sowjetunion in die USA ausgereist. Ihnen hat Evan Gershkovich mitgeteilt, dass er viel Sport macht und Leo Tolstois „Krieg und Frieden“ (auf russisch) liest (Silke Bigalke, SZ 19.4.23).