Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

4209: Bertelsmann-Kahlschlag: 1.000 Stellen werden gestrichen

Mittwoch, Februar 15th, 2023

Der Bertelsmann-Vorstandschef Thomas Rabe hat den Kahlschlag in seinem Konzern verkündet. 1.000 Stellen verschwinden. Davon 700 alleine Bei Gruner & Jahr. Ein Desaster. Wahrscheinlich verschwinden noch mehr Arbeitsplätze, weil viele auf Teilzeit-Jobs wahrgenommen werden. Ein schmerzhafter Prozess in der deutschen Publizistik, wo der Verlag Gruner & Jahr eine Festung sozial-liberaler Politik war. Seit Willy Brandts Zeiten.

Selbstverständlich wird das Ganze in einer PR (Public Relations)-Wolke präsentiert. Da gibt es keine Wahrheit mehr. „Wir behalten die G + J-Kernmarken und erhalten die publizistische Relevanz des Hauses.“ Tatsächlich verschwinden 23 Zeitschriften. U.a. etwa „Brigitte Woman“, „Eltern“, „GEO Wohllebens Welt“, „Stern Gesund Leben“. Es bleiben u.a. „Brigitte“, „Capital“, „Gala“. Hamburgs Mediensenator Carsten Brosda (SPD) ist machtlos. Geplant ist ein neues Konzerngebäude für 20 Millionen Euro. Der Konzern schult seine Führungskräfte, wie man richtig feuert, kostengünstig. Auf die Frage „Brauche ich jetzt einen Anwalt?“ antwortet der Konzern: „Die Beauftragung eines Anwalts ist deine persönliche Entscheidung.“ Geduzt wird man auch noch (Anna Ernst, SZ 8.2.23; Laura Hertreiter, SZ 9.2.23; Anna Ernst, SZ 10.2.23; Anna Ernst, SZ 15.2.23).

4208: Ford streicht 2.300 Stellen in Köln und Aachen.

Mittwoch, Februar 15th, 2023

Auf dem Weg zur Elektromobilität streicht Ford in Europa in den nächsten Jahren 4.000 Stellen. 2.300 in der Europazentrale in Köln und im Forschungszentrum Aachen. Der Konzern richte sich auf ein „kleineres, fokussierteres und zunehmend elektrisches Portfolio aus“, sagte Deutschland-Chef Martin Sander (SZ 15.2.23).

Ford kommt mit seinen Ma0nahmen zu spät.

4207: Patrick Bahners analysiert die AfD.

Dienstag, Februar 14th, 2023

Angesichts der vielen, teils dürftigen Analysen der AfD kommt einem die Studie von Patrick Bahners fundiert und bedacht vor:

Die Wiederkehr. Die AfD und der neue deutsche Nationalismus. Stuttgart (Klett-Cotta) 2023, 544 S., 28 Euro.

Bahners ist Redakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) und liefert auch deswegen wohl einige Erkenntnisse, die nicht überall bekannt sind. Mitbegründer der AfD war sein Redaktionskollege Konrad Adam. Und „Schirmherr“ dieses Projekts war anscheinend Joachim Fest. Mit der Vereinigung Deutschlands empfanden viele Deutsch-Nationale (wohlgemerkt keine Nazis, aber deren Steigbügelhalter) die Chance, Deutschland könne wieder „normal“, nämlich nationalistisch, werden. Eine brandgefährliche Annahme.

Und es war auch nicht so, dass die Hauptbegünder der AfD 2013 wie Bernd Lucke oder Hans-Olaf Henkel harmlose Ökonomen waren. Henkel beispielsweise neigte zu „sozialdarwinistischen Ideen“. Die Ökonomie spielt aber dennoch eine Hauptrolle bei der AfD-Gründung. Denn deren wichtigster Protagonist, Alexander Gauland, ein ehemaliger Christdemokrat, wurde von der Annahme geleitet, ökonomisches Denken verderbe die menschliche Seele. Bahners sieht in Gauland den Protagonisten eines anthropologischen Nationalismus. Dieser geht aber partiell bis in CDU und CSU hinein. So dann, wenn Horst Seehofer die Flüchtlingspolitik als „Herrschaft des Unrechts“ bezeichnet.

Die AfD operiert mit der Fiktion von Redeverboten in Deutschland, dies dürfe man nicht mehr sagen oder das. Für Bahners ist etwa der Chefredakteur der „Welt“, Ulf Poschardt, kein Liberaler, sondern ein virtuoser Nihilist. Und so fort. Die AfD ist also weder ein belangloses, kleines Phänomen, noch weltanschaulich zu unterschätzen. Teile ihrer Ideologie finden wir – leider – auch in anderen politischen Gruppierungen und Parteien. Uns bleibt da nur unser Grundgesetz (Thomas Assheuer, Die Zeit 2.2.23).

4206: Zweiter Band der Tagebücher Manfred Krugs erschienen

Dienstag, Februar 14th, 2023

Schon der 2022 erschienene erste Band von Manfred Krugs Tagebüchern war eine kleine Sensation. Der jetzt publizierte zweite Band über die Jahre 1998 und 1999

„Ich bin zu zart für diese Welt.“ Berlin (Kanon) 2023, 303 S., 24 Euro,

ist genau so gut. Krug ist ein genauer Beobachter. Er lästert vehement über Dreharbeiten. Seit Frank Beyers „Spur der Steine“ 1966 war er in der DDR ein Star. Sein Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 führte dazu, dass er die DDR verlassen musste. Hier schrieb ihm sein Freund Jurek Becker „Liebling Kreuzberg“ auf den Leib. Wir befinden uns in der Zeit, in der der alte Tanzbär Boris Jelzin zurücktrat und der neue Diktator, Wladimir Putin, in Tschetschenien mit seinen Kriegen begann (Alexander Cammann, Die Zeit 2.2.23).

4205: Koalitionsvorschlag für Berlin

Montag, Februar 13th, 2023

Angesagt ist für Berlin Schwarz-Grün. Und wenn die Grünen sich dazu wieder nicht durchringen können, dann müssen sie sich eben weiter von den

linken Losern

blockieren lassen.

4204: Wahlverlierer in Berlin wollen weiter regieren.

Montag, Februar 13th, 2023

Die SPD hat bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus verloren von 21,4 auf 18,4, die Grünen von 18,9 auf 18,4, die Linke von 14,1 auf 12,2 Prozent. Trotzdem wollen die Verlierer weiter regieren (CDU von 18,0 auf 28,2 Prozent).

Ob das dem Wählerwillen entspricht ?

4203: EU: Verschärfung der Migrationspolitik

Sonntag, Februar 12th, 2023

Die EU hat beschlossen, „unverzüglich erhebliche Mittel bereitzustellen, um die Mitgliedsstaaten bei der Stärkung der Grenzschutzkapazitäten und -infrastruktur, der Überwachungsmittel einschließlich der Luftüberwachung und der Ausrüstung zu unterstützen“. Kriegen wir also jetzt doch Grenzzäune? In Verbindung mit klaren Regeln, wie diese zu überwinden sind, wäre das gar nicht so schlecht. Österreich fordert seit langem Zäune, die EU hat sie bisher stets abgelehnt. Angesichts der vielen verschiedenen Krisen steigt aber die Zahl der Asylsuchenden. Gleichzeitig braucht Europa die geordnete Zuwanderung von Fachkräften. Dass es handlungsfähig ist, zeigt es bei der Aufnahme von vier Millionen Ukrainern. Dadurch geraten Schulen, Kitas und Wohnungsbau an ihre Grenzen. Nötig ist ein Gesamtkonzept, in dem der Grenzschutz, die Rückführung abgelehnter Asylbewerber und die legale Zuwanderung geregelt sind (Karoline Meta Beisel, SZ 11./12.2.23).

4202: Harald Schmidt als „alter weißer Mann“

Samstag, Februar 11th, 2023

Harald Schmidt, 65, der bekannte Entertainer, gastiert mit seinem Programm „Spielzeitanalyse“ im Stuttgarter Schauspiel. Christine Dössel hat ihn dort für die SZ (11./12.2.23) interviewt.

SZ: Sie vertreten sehr selbstbewusst die Position des „alten weißen Mannes“.

Schmidt: Geradezu aggressiv! Wir sind die Mehrheit. 22 Prozent der Deutschen sind über 60. Jeder zweite Deutsche ist älter als 45. Der demographische Faktor wird nach meiner Einschätzung ein viel größeres Thema als der Klimawandel. 80.000 Boomer gehen jeden Monat in Rente. Das große Thema der Leute ist: Geld. Rentenversicherung, Krankenversicherung, Pflegeversicherung. Altersarmut. Schlecht abgesicherte Frauen, Kinder großgezogen, Scheidung. Das ist mein Thema. Und das ist auch mein Publikum.

SZ: Die Klimakrise beschäftigt sie nicht?

Schmidt: Klimawandel heißt für mich: Es hat im Sommer 40 Grad. Kann ich abends draußen sitzen. Natürlich ist das ein Problem. Aber da verlasse ich mich auf Wissenschaft und Technik.

SZ: So manche Witze aus ihrer Dirty-Harry-Zeit fallen heute unter Bodyshaming oder Rassismus.

Schmidt: Selbstverständlich mache ich keine Polen-Witze mehr. Aber es macht mir einen Riesenspaß, politisch korrektes Vokabular zu verwenden. Je korrekter ich formuliere, desto größer meine Verachtung. Dass es jetzt nicht mehr „Clan-Kriminalität“ heißt, sondern „familienbasierte Kriminalität“ – ein Geschenk des Himmels. Ich würde nie schimpfen, man dürfe ja nichts mehr sagen. Der einst gefeierte Kanrnevalsänger Ernst Neger heißt bei mir jetzt Ernst Person of Color.

4201: Wahlen in Berlin

Freitag, Februar 10th, 2023

Aus den bekannten Gründen wird in Berlin am Sonntag nochmals gewählt. Dabei kann Berlin machtpolitisch und wirtschaftlich nicht mit New York, London oder Paris mithalten. Aber es hat seine Kultur, seine Clubs und sein Lebensgefühl. Und die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) sagt nicht ganz zu Unrecht: „Berlin ist eine Fast-vier-Millionen-Stadt. Wir werden hier immer eine besondere Lage haben, auch an Silvester.“ Der vor gut einem Jahr Jahr gewählte Senat hat weithin gezeigt, dass er sein Handwerk beherrscht. Es steht eine Verwaltungsreform an.

Die Hauptprobleme sind klar: Wohnen und Verkehr. Hier sind die Unterschiede zwischen Senat (SPD, Grüne, Linke) und Opposition besonders groß. Beim Wohnen fördert der Senat Genossenschaften, hat ein Vorkaufsrecht für Bezirke eingerichtet, einen Mietendeckel eingeführt und Pläne zur Enteigung von großen Wohnungsunternehmen vorgelegt. Das Berliner Motto lautet: „Bauen, bauen, bauen.“ Dabei kam der Klimaschutz allerdings bisher zu kurz. Man könnte noch viel mehr tun. London hat eine City-Maut für Autos, in Paris sind weite Teile der Innenstadt für Autos gesperrt. Und wenn in Berlin die Verkehrssenatorin Bettina Jarasch (Grüne) ein paar hundert Meter der Friedrichstraße zur Fußgängerzone umwidmet, droht nach Meinung der Opposition der Untergang (Jan Heidtmann, SZ 10.2.23).

4200: Hedwig Richter über Freiheit, Demokratie und ökologische Transformation

Donnerstag, Februar 9th, 2023

Die Historikerin Prof. Dr. Hedwig Richter, geb. 1973, forscht und lehrt an der LMU in München. Ihre Schwerpunkte sind Migration, Demokratie- und Geschlechtergeschichte und demokratisch gestützte Klimakrisenpolitik. Für ihre Arbeiten wurde sie vielfach ausgezeichnet. In einem Interview mit Jan Feddersen (taz 4.-10.2.23) spricht sie über Freiheit, Demokratie und ökologische Transformation.

taz: Sie plädieren in ihren Texten, in ihren Tweets, auf Kolloquien und öffentlichen Veranstaltungen für Verzicht im Namen der Abwehr des Klimawandels. Ist das nicht besonders unpopulär: Denn wer will schon auf Dinge im eigenen Lebensstil verzichten?

Richter: Zum einen: Es geht doch um unsere Freiheit. Wer nichts tut, wird Freiheit sehenden Auges massiv einschränken. Und dann braucht es für die ökologische Transformation alles – neue Technologien, Anreize durch Preise, aber eben auch Verzicht. Demokratie heißt für mich nicht die Abwesenheit von Zumutungen, im Gegenteil. Die Gewählten sind verpflichtet, wenn nötig, die notwendigen Veränderungen zuzumuten. Wenn etwa eine Flut ansteht, muss Politik evakuieren, auch wenn die Menschen das nicht mögen. Um die Freiheit präventiv zu schützen, muss die Demokratie eine funktionierende Armee haben, damit sie sich gegen die Putins dieser Welt schützen kann. Und so weiter. Demokratische Politik muss im Anthropozän die Lage zur Kenntnis nehmen und für den Schutz und die Freiheit der Menschen sorgen. Übrigens auch die Freiheit der kommenden Generationen, wie das Bundesverfassungsgericht festgestellt hat.