Archive for the ‘Geschichte’ Category

4241: Die deutsche Sprache ist schön und praktisch.

Dienstag, März 7th, 2023

Die Sprache Johann Wolfgang Goethes, Heinrich Heines, Thomas Manns und Bertolt Brechts sollte nicht für sich werben müssen. Sie spricht für sich selbst. Trotzdem hat sie einen schlechten Ruf. Sie gilt als schwerfällig, barsch und kompliziert. Die Zahl derjenigen, die etwa in Frankreich Deutsch lernen, sinkt. Dem widerspricht gekonnt der Sprachwissenschaftler Roland Kaehlbrandt (SZ 7.3.23). Er hält das Deutsche für unterschätzt:

1. Kennt man im Deutschen ein Wort, dann bald das zugehörige Wortfeld: Kinderarzt, Zahnarzt, Hautarzt, Hausarzt, Tierarzt.

2. Die Wörter sind im Deutschen praktisch unbegrenzt kombinierbar und ableitbar.

3. „Waldeinsamkeit“ gibt uns einen Hinweis auf die Romantik, „Wertstoffhof“ auf die Ökologie.

4. Wegen seiner leichten Kombinierbarkeit ist der deutsche Wortschatz einer der größten.

5. Der deutsche Satzbau ist gelenkig und nuancenreich: „Ich habe sie gestern am Bahnsteig gesehen.“ Das lässt sich durch Betonung leicht nuancieren. Eine Betonung bringt auch mit sich: „Am Bahnsteig habe ich sie gestern gesehen.“

6. Im Gegensatz zu seinem Ruf ist das Deutsche freundlich und einfühlsam.

7. Die deutsche Sprache gibt uns eine große Zahl an freundlichen kleinen Wörtern an die Hand: Aber, auch, bloß, doch, eben, etwa, halt, ja, schon. Das ist beziehungsfördernd.

8. Die neuen Formen des Deutschen, gerade unter jungen Leuten, zeigen lässige Schnelligkeit, gepaart mit Ironie.

9. Durch die Groß- und Kleinschreibung ist das Deutsche eine Sprache für Leserinnen und Leser.

10. Die Zahl der Laute im Deutschen ist im Gegensatz zu anderen Sprachen überschaubar: 36 Phoneme, 30 Grapheme.

11. Die Verwandtschaft von „Hand“ und „Hände“ ist im Schriftbild erkennbar.

12. Die Zeichensetzung ist grammatisch und logisch. Vor den Nebensatz mit finitem Verb steht ein Komma.

13. Die deutsche Sprache hat sich über Jahrhunderte gegen Widerstände der Fürstenhöfe, des Klerus und eines Teils der Wissenschaften entwickelt.

14. Diejenigen, die sich dafür eingesetzt haben, das Deutsche als voll ausgebildete Sprache zu kodifizieren und durchzusetzen, hatten aufklärerische Absichten.

15. Das Deutsche kennt viel Dialekte und Regionalsprachen. Es ist eine hochdifferenzierte Literatursprache und eine präzise Bildungs- und Wissenschaftssprache. Sie ist eine klare Schul- und Unterrichtssprache. Und sie ist sehr gut erforscht.

16. Deutsch wird, betrachtet man auch das Ausland, von 280 Millionen Menschen gesprochen.

17. Die Einwanderer bereichern die deutsche Sprache.

18. Immer häufiger gewinnen Zugewanderte deutsche Literaturpreise: 2022 Sevgi Özdamar den Büchnerpreis.

19. Die Verbreitung des Deutschen außerhalb Deutschlands ist ein Vorzug: Österreich, Deutschschweiz, Südtirol, Ostbelgien, Liechtenstein, Luxemburg.

20. In weiteren ausländischen Regionen ist das Deutsche als Hochsprache gut bekannt.

4237: Kunstfreiheits-Gutachten von Christoph Möllers

Montag, März 6th, 2023

Es ist nur zu verständlich, dass nach der desaströsen Documenta 11 aus dem Jahr 2022, die unter ihrer inkompetenten Führung gelitten hatte, Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) ein Rechtsgutachten über Kunstfreiheit bei dem Berliner Verfassungsrechtler Christoph Möllers besteltt hat. Der argumentiert auf 50 Seiten entschieden:

Auch antisemitische und rassistische Kunstwerke sind von der Meinungs- und Kunstfreiheit geschützt. Wobei die Antisemitismus-Frage die heikelste kulturpolitische Frage darstellt. Auch wegen des BDS-Beschlusses des Deutschen Bundestags von 2019. Die Frage ist, wer kann in der Kulturbranche Meinungs- und Kunstfreiheit für sich beanspruchen und mit welchen Konsequenzen. Es ist nun einmal so, dass derjenige, der in einem freien Land leben will, auch Dinge ertragen muss, die ihm nicht gefallen.

Trotzdem ist nicht alles erlaubt: Die Grenze verläuft da, wo die Rechte anderer verletzt werden. Also etwa bei Beleidigung, V0lksverhetzung und Aufrufen zur Gewalt. Und – natürlich – bei der Leugung des Holocausts. Der Staat darf aber weder zensieren noch vorab kontrollieren. Die Documenta-Leitung hätte sich dennoch früher und deutlicher von den antisemitischen Werken distanzieren müssen. „Der Staat hat die öffentliche Einrichtung und deren Verfahren so auszugestalten, dass Kunstfreiheit in ihnen real ermöglicht wird.“

Und kulturelle Programme müssen nicht ausgewogen sein. Die künstlerisch Verantwortlichen wählen aus und stellen ein. Sie haben das Recht und sogar die Pflicht, Stellung zu nehmen, sich gegebenenfalls zu distanzieren und Kritik zu üben. Christoph Möllers sieht ein „Nebeneinander von staatlichem Sollen und staatlichem Nicht-Dürfen“. (Jörg Häntzschel, SZ 30.1.23)

4234: Carmen Thomas – eine journalistische Legende

Samstag, März 4th, 2023

Die heute 76-jährige Carmen Thomas wurde zur journalistischen Legende, als sie 1973 für zwei Jahre die Leitung des „ZDF-Sportstudios“ übernahm und die Sendung erfolgreich führte. Dadurch bekam diese zusätzlichen Drive. In einem Interview mit Harald Hordych (SZ 4./5.3.23) zieht Frau Thomas Bilanz. Sie moderierte später im WDR „Hier und heute“ und (fast 1.000 mal) „Hallo Ü-Wagen“ (3 Stunden lang). Dadurch wurde sie für „jedermann“ bekannt. Beim ‚ZDF-Sportstudio“ führte sie gesellschaftspolitische Themen ein, Alltagssport, Sport am Arbeitsplatz, Gefangenensport. Ihr legendärer Versprecher mit „Schalke 05“ brachte sie auf die Forbes-Liste der 100 einflussreichsten Frauen in Deutschland.

In ihren WDR-Magazinsendungen war Carmen Thomas auf Tabuthemen spezialisiert: Menstruation, Masturbation, Sterben, Impotenz, Kindesmissbrauch, Homosexualität. Es ging in ihren Sendungen stets um das Elened, das dahinter steht. Eine zutiefst menschliche Haltung. Auf die Frage „Was hätten Sie mit Ihrem Wissen von heute anders gemacht?“ antwortet Frau Thomas: „Wenn ich einen dicken Hals bekomme, weil jemand etwas sagt, womit ich nichts anfangen kann: zulassen statt zumachen und das Schöne und Kluge darin erkennen und nutzen.“

4231: Just Fontaine ist tot.

Donnerstag, März 2nd, 2023

Im Alter von 89 Jahren ist der große französische Fußballspieler Just Fontaine gestorben. Bei der Weltmeisterschaft 1958 in Schweden schoss er 13 Tore. Darunter 4 gegen Deutschland beim 6:3 der Franzosen im Spiel um Platz 3. Mit seiner Karriere hatte Fontaine Pech. Ein doppelter Beinbruch beendete mehr oder weniger 1960 seine Fußball-Zeit (SZ 2.3.23).

4230: Der Reichstagsbrand – immer noch ungeklärt ?

Mittwoch, März 1st, 2023

Über den Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 erscheint demnächst das folgende Buch:

Uwe Soukup: Die Brandstiftung. Mythos Reichstagsbrand – was in der Nacht geschah, in der die Demokratie unterging. Heyne, 208 S.; 22 Euro (Zeit 16.2.23).

Ich hatte in meinem Buch

Deutsche Diskurse. Die politische Kultur von 1945 bis heute in polituischen Kontroversen. Hamburg 2009, S. 27-34, schon darüber informiert.

Anscheinend ist das, was damals geschah, immer noch nicht ganz geklärt. In der „taz“ (27.2.23) hat Rob Savelberg ausführlich darüber berichtet, wie wie der Sarg des Marinus van der Lubbe im Februar 2023 auf dem Südfriedhof in Leipzig geborgen wurde. Sein Leichnam soll nun untersucht werden. Hauptsächlich daraufhin, ob der Niederländer beim Reichtsgasbrandprozess von den Nazis allmählich vergiftet worden war.

4229: Linken-Vorstand: Wagenknecht fehlt Distanz zu Faschisten.

Montag, Februar 27th, 2023

Die stellvertretende Linken-Parteivorsitzende, Katina Schubert, verurteilt Sahra Wagenknecht. „.. diese Demonstration hatte nichts mit linker Politik, gar mit linker Friedenspolitik zu tun.“ Die Linken-Parteivorsitzenden Janine Wissler und Martin Schirdewan hatten sich bereits im Vorfeld distanziert, weil eine klare Abgrenzung nach rechts fehle. Katina Schubert kritisierte Wagenknechts fehlende Solidarität mit der Ukraine und die Verharmlosung des Kriegstreibes Wladimir Putin. Von russischen Panzern in der Ukraine habe sie nicht gesprochen. „Gleichsetzungen von Baerbock mit Hitler, wie sie unter Teilnehmenden zu sehen waren, wurden nicht von der Bühne zurückgewiesen. In meinen  Augen eine unfassbare Relativierung des Faschismus.“ (Boris Herrmann, SZ 27.2.23).

W.S.: Frau Wagenknecht ist moralisch verkommen. Die Politikerin erinnert uns an den Hitler-Stalin-Pakt von 1939.

4227: Ulrike Guérot des Plagiats bezichtigt

Sonntag, Februar 26th, 2023

Die Bonner Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot schreibt auf Twitter: „Die @unibonn hat mir wegen Plagiat in einem nichtwissenschaftlichen Buch von 2016 zum 31.3. gekündigt. Ich werde dagegen juristisch vorgehen und stehe deswegen nicht für Anfragen zur Verfügung. Ich wäre die erste Person, der in D wegen ‚Plagiat‘ gekündigt würde; es wird spannend.“ Die Universität Bonn hat arbeitsrechtliche Schritte gegen Frau Guérot eingeleitet. Sie scheint keine Beamtin zu sein.

Aufgefallen war sie dadurch, dass sie während der Corona-Pandemie die „Zwangsmaßnahmen“ der Bundesregierung scharf kritisiert hatte. Den russischen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine sieht Guérot als „einen lang vorbereiteten amerikanischen Stellvertreterkrieg“. Der Bonner Historiker Martin Aust erkennt bei Guérot „politische Propaganda“. Und der Göttinger Politikwissenschaftler Andreas Busch hat im November 2022 gefordert, die Universität Bonn müsse  darlegen, „wie ein Prozess der ‚Bestenauslese‘ zur Berufung von Frau Guérot führen konnte“. Die Universität Bonn teilt mit, dass Frau Guérot „während ihrer Dienstzeit an der Universität Bonn (sich) fremdes geistiges Eigentum abgeignet (habe), ohne dies als solches kenntlich zu machen“ (Alexander Menden, SZ 25./26.2.23).

4225: Putin verliert.

Freitag, Februar 24th, 2023

„Auch wenn man sich es anders wünscht: Mit Wladimir Putin und jenem Russland, das er autokratisch regiert und verkörpert,

ist wohl kein Frieden zu machen.

Verhandlungen wird es zwar irgendwann geben – aber vermutlich leider erst dann, wenn die russische Armee in einem noch schlechteren Zustamnd sein wird als heute. Zwar darf gerade der Westen die Verhandlungsoption nicht aus den Augen verlieren. Aber dennoch besteht keine Do-ut-des-Situation, kein ‚gib, damit dir gegeben wird‘. Es gibt einen Aggressor, und der will weiter Krieg führen. Die Ukraine kann dem nicht anders begegnen als mit Krieg und der Westen mit der entschiedenen Unterstützung des Angegriffenen.“

„Die Ukraine und Russland sind Feinde, weil Russland die Ukraine überfallen hat. Es gibt keinerlei Vertrauen, sodass es mit Putin auch keinen Verständigungsfrieden, sondern höchstens einen Erschöpfungswaffenstillstand geben wird.“

„Putin hat also das Gegenteil dessen erreicht, was er erreichen wollte.“

„Russland hat den Krieg nach Europa gebracht. Es sieht so aus, als werde Russland ihn militärisch nicht gewinnen und politisch verlieren.“

„(Putins) Schicksal ist mit dem Krieg verknüpft. Russlands Schicksal aber muss nicht mit dem Putins verknüpft sein.“

Der Krieg „war der Katalysator für die Rückkehr der Supermacht USA in die Führungsposition im Westen.“

(Kurt Kister, SZ 24.2.23)

4223: Anastasia Tikhomirova: Russland ist eine kapitalistische Diktatur.

Donnerstag, Februar 23rd, 2023

Die in Berlin lebende, ukrainische Journalistin Anastasia Tikhomirova schreibt:

„So verkennen deutsche und andere westliche Pazifist:innen und Antiimperialist:innen den Imperialismus in Russlands Handeln. Ihre Analyse basiert oft auf veralteten, vulgär-marxistischen Imperialismustheorien. Russland ist heute jedoch eine fossilkapitalistische Diktatur, ohne freies Bürgertum und klassische Arbeiterklasse und wird von einem unproduktiven Oligarchentum und Geheimdiensten regiert.“ (taz 18.-24.2.23)

Sahra Wagenknecht ist ganz leicht zu verstehen. Sie ist Kommunistin. Ihre Linie heißt

– W.I. Lenin (1870-1934),

– Josef Stalin (1878-1953),

– Walter Ulbricht (1893-1973),

– Erich Honecker (1912-1994).

4222: Die Illusionen der Friedensbewegung

Mittwoch, Februar 22nd, 2023

Der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit und der Politologe Prof. Dr. Claus Leggewie (früher Göttingen) kritisieren die Illusionen der Friedensbewegung und des dort so geschätzten Ratgebers Jürgen Habermas:

1. „Man wünschte sich.. genauere Aussagen, worüber dann mit wem verhandelt werden soll.“

2. Die Friedensbewegung nimmt die Annektion der Krim und des Donbas hin.

3. „Über tote Russen trauert nur die hiesige Friedensbewegung, dem Kreml sind sie völlig gleichgültig.“

4. Sicherheitsgarantien gibt es nur bei einem Nato-Beitritt der Ukraine.

5. Die Ukraine ist nur denkbar als westliche Bündnisnation.

6. Die Verhandlungsvorschläge der Friedensbewegung sind genau so gefährlich wie die der „Bellizisten“.

7. Erforderlich ist eine Demokratisierung Russlands, aber keine, die auf halbem Wege stehenbleibt wie 1991.

8. Dazu gehören die Gewaltenteilung, eine unabhängige Justiz, eine freie Presse und die Garantie der Bürgerfreiheiten.

9. Liberale Strömungen waren in Russland immer zu schwach. Schwächer als im Deutschland von 1945.

10. Ob es den Gedanken „nach Putin“ in Russland überhaupt gibt, ist unklar.

(taz 18.-24.2.23)