Archive for the ‘Geschichte’ Category

1825: Jugendliche männliche Flüchtlinge geben Anlass zur Sorge.

Mittwoch, Januar 3rd, 2018

Jugendliche (14 bis 18 Jahre) männliche Flüchtlinge geben Anlass zur Sorge, weil sie vorzugsweise dazu beitragen, dass die Gewalt (nach der polizeilichen Kriminalstatistik) zunimmt. Das steht im klaren Gegensatz zur Gewaltkriminalität von deutschen Jugendlichen, bei denen die Gewaltkriminalität von 1998 bis 2016 stark abgenommen hat: bei Raub um – 55,7 %, bei Mord und Totschlag um – 36,5 %, bei gefährlicher oder schwerer Körperverletzung um – 15,5 %. Insgesamt hat sich die Gewaltkriminalität von deutschen Jugendlichen von 2007 bis 2015 halbiert.

Das ergibt eine Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Familie und Jugend, die das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen in Hannover (Dirk Baier, Christian Pfeiffer, Sören Kliem) vorgelegt hat. Pfeiffer (SPD) war dort lange Chef, zwischendurch niedersächsischer Justizminister, Baier und Kliem sind seine Schüler und heute selbst Ordinarien für Kriminologie in Zürich und Braunschweig.

Untersucht wurden Menschen in Niedersachsen, die entweder Asyl beantragt oder irgendeine Art von Schutz erhalten hatten oder zur Gruppe mit „unerlaubtem Aufenthalt“ gehörten. Fast jede achte (8.) Gewalttat rechnet die Polizei einem Migranten zu. Dabei handelt es sich um Fälle, welche die Polizei für aufgeklärt hält und sie an die Staatsanwaltschaft weiterleitet. Zwar hat sich von 2014 bis 2016 auch die

Zahl der Flüchtlinge verdoppelt,

jedoch ist die Zahl der Tatverdächtigen unter ihnen um das

Dreieinhalbfache

gestiegen. Die Kriminologen führen das auch auf die

Macho-Kultur

(„Ein Mann, der nicht bereit ist, sich gegen Beleidigungen mit Gewalt zu wehren, ist ein Schwächling.“) in ihren Heimatländern zurück. Unter den Flüchtlingen sind besonders viele Jugendliche und junge Männer. 14- bis 30-Jährige fallen überall auf der Welt durch besonders viele Gewalt- und Sexualstraftaten auf.

Weil die Daten der polizeilichen Kriminalstatistik auf angezeigten Taten beruhen, ist hier noch zu bedenken, dass Ausländer oder ausländisch erscheinende Menschen eher angezeigt werden (von Deutschen oder Migranten). Wir können die Tatverdächtigen aber auch nach ihren Herkunftsländern unterscheiden. Syrer, Iraker und Afghanen werden weit seltener angezeigt als Migranten aus

Marokko, Tunesien und Algerien.

Diese werden fast alle als Asylbewerber abgelehnt und sind deswegen frustrierter als andere. Darin sehen die Kriminolgen einen Grund für ihre Neigung zur Gewalt. Sie standen schon nach den Krawallen in der Silvesternacht 2015/16 in Köln im Zentrum der Debatte.

Den Rückgang der Gewalt unter Deutschen, gerade unter deutschen Jugendlichen, führen die Kriminologen darauf zurück, dass der Großtrend vom allmählichen Rückgang der Gewalt in Familien nach und nach in der Gesellschaft ankommt. Die elterliche Erziehungskultur habe sich in Deutschland seit den siebziger Jahren hin zu mehr Liebe und weniger Hieben entwickelt. Auch in der Schule und bei der Bundeswehr gehe die Brutalität zurück.

Der größte gemeinsame Nenner unter Gewalttätern ist, statistisch gesehen,

dass sie in ihrer Kindheit geschlagen wurden.

Dieses biografische Merkmal korreliert stärker mit gewalttätigem Verhalten als

Religion, Herkunft, Wohlstand und Bildung.

(Roland Preuß, SZ 3.1.18; Ronen Steinke, SZ 3.1.18)

1824: Facebook zerstört die Demokratie.

Dienstag, Januar 2nd, 2018

In einem Interview mit John F. Jungclaussen spricht der in Harvard lehrende Historiker Niall Ferguson („Die Zeit“ 20.12.17) über Google, Facebook und Twitter. Er sagt:

„In der gesamten Menschheitsgeschichte galt der öffentliche Raum als nicht kommerziell. Heute haben wir daraus einen gigantischen

Anzeigenmarkt

gemacht. Die Suche nach Informationen ist wie der Gang in eine Bibliothek. Durch

Google

ist das jetzt ein weltweiter Verkaufsraum. Dasselbe sehen Sie in der Veränderung unserer sozialen Netzwerke. Früher hatten wir Clubs und Gesellschaften, den Marktplatz oder die Kneipe, um miteinander abzuhängen und uns auszutauschen. Dieser Raum gehört jetzt

Facebook,

und Facebook bombardiert uns mit Werbung. Kurz gefasst haben wir also zwei Firmen, Google und Facebook, die den globalen Werbemarkt bestimmen und zugleich auch die Macht haben,

den öffentlichen Raum zu dominieren.

Das ist ein Zustand, der langfristig nicht aufrecht erhalten werden kann. Es kann nicht sein, dass ein Privatunternehmen ein

Monopol

über unsere persönlichen Daten besitzt und sie einfach weiterverkaufen kann. Das ist schlicht und einfach verrückt. Genauso wie die Tatsache, dass Facebook durch seinen Newsfeed der mit Abstand größte Herausgeber von

Nachrichten

in der Geschichte der USA ist. Das ist desaströs für den Fortgestand der westlichen Demokratie. …

Sie haben mit Facebook eine Nachrichtenplattform, deren Inhalte in keiner Weise reguliert sind. Nach amerikanischem Recht sind Internetanbieter von jeder Haftung ausgenommen. Diese Nachrichtenplattform ist also der

neue öffentliche Raum.

Nun wissen wir aus der Soziologie, dass jeder von uns sich instinktiv den Menschen zuwendet, die ihm ähnlich sind. Und wenn Sie das auf die Netzwerktheorie übertragen, fördert das die Polarisierung von Ansichten im Internet. Jedes Netzwerk fordert seine User zur Teilnahme auf, und dort kriegen Sie um so mehr Aufmerksamkeit, je auffälliger Sie sich zu Wort melden. Mit anderen Worten,

je größer der Blödsinn,

um so größer die Chance, dass er viral geht. Mit jedem emotionalen oder moralisch besetzten Wort in einem Tweet steigen die Chancen der Weiterverbreitung um zwanzig Prozent. Bei

Twitter

betreten Sie also automatisch eine Sphäre des

latenten Extremismus, der per Newsfeed über Facebook weiterverbreitet wird. 45 Prozent aller Amerikaner bezeichnen Facebook als ihre wesentliche Nachrichtenquelle, und damit

zerstört Facebook die Demokratie.

…“

1823: Barenboim: Palästinenser haben ein Existenzrecht.

Dienstag, Januar 2nd, 2018

Als Musiker, Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper unter den Linden und Politiker ist Daniel Barenboim ein Glücksfall für die deutsche Hauptstadt. Ich bin froh, dass er sich ständig auch politisch äußert. Denn er verkörpert eine Stimme der Vernunft, des Ausgleichs und des Friedens. In einem Beitrag in der „Zeit“ (20.12.17) spricht er sich für das Existenzrecht Palästinas aus.

Die Entscheidung des US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, sieht Barenboim als falsche gravierende geopolitische Entscheidung an, welche Israel favorisiert und die Palästinenser demoralisiert. Barenboim ist klar:

„Wird dem nicht deutlich und entschlossen entgegengetreten, so rückt eine Lösung des Konflikts in noch weitere Ferne.“

Für Barenboim ist der israelisch-palästinensische Konflikt einmalig und nicht mit den üblichen politischen und rechtlichen Kategorien adäquat zu erfassen. Deswegen könne er nicht militärisch oder rein politisch gelöst werden. Sondern nur „menschlich“. Die Entscheidung der Staatengemeinschaft von 1947, Palästina zu teilen, sei aus palästinensischer Sicht eine Katastrophe gewesen. Dennoch habe sich Palästina mittlerweile seit langem mit einer Teilung in zwei Staaten einverstanden erklärt. Ganz anders als Israel, das weiterhin illegalen Siedlungsbau betreibe und damit das Haupthindernis für eine friedliche Zwei-Staaten-Lösung darstelle.

„Angesichts der unilateralen Entscheidung der USA appelliere ich an den Rest der Welt: Erkennen Sie Palästina als Staat an, so wie Sie Israel als Staat anerkannt haben. Man kann keinen Kompromiss zwischen zwei Völkern, noch nicht einmal zwischen zwei Menschen erwarten, die einander nicht anerkennen. Für eine Zweistaatenlösung brauchen wir zwei Staaten, und die gibt es momentan nicht. Palästina ist seit 50 Jahren besetzt, und man kann von den Palästinensern nicht erwarten, aus dieser Position in Verhandlungen zu gehen. Alle Nationen, die an einer Zweistaatenlösung ernsthaft interessiert sind, müssen Palästina als Staat anerkennen.“

Das ist richtig. Und ich stimme dem zu. Auch wenn ich dadurch von einigen Israelis und Juden als Antisemit betrachtet werde.

1821: Mit Rechten reden ?

Samstag, Dezember 30th, 2017

In ihrem Buch

„Mit Rechten reden“

empfehlen Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn, auf demonstrative Empörung über Rechtspopulisten zu verzichten, besser versuchen, sie ernst zu nehmen. Alle Gegenaggression, aller Ausschluss aus dem Diskurs (oder gar aus der Demokratie) nutzen eher der Gegenseite, weil sie so in ihrer seltsamen Mischung aus Opfer- und Überheblichkeitsgefühlen bestärkt wird. Wo es geht, soll man AfD und Identitären sachlich klarmachen, dass die Flucht aus einer pluralistischen, verflochtenen Welt nicht möglich ist.

Auf der Frankfurter Buchmesse hat diese Taktik nicht funktioniert, wo jenes Buch vorgestellt wurde, da gab es Krawall und Gesprächsverweigerung.

Die wahre Probe auf die richtige Auseinandersetzung mit den Rechtspopulisten findet im Deutschen Bundestag und beim AfD-Wähler nebenan statt.

Es muss sein, und es wird unangenehm (JSL, SZ 30.31.12.17).

1814: 1918 – Aufstand für die Freiheit

Donnerstag, Dezember 28th, 2017

Der SZ-Redakteur Joachim Käppner liefert in seinem Buch

„1918 – Aufstand für die Freiheit. Die Revolution der Besonnenen.“ München (Piper) 2017, 528 S., 24,99 Euro,

eine Ehrenrettung der Revolutionäre. Denn die meuternden Matrosen in Kiel, die rebellierenden Soldaten und streikenden Arbeiter in Berlin und den Provinzen wollten gar keinen bolschewistischen Umsturz nach russischem Muster, was ihnen die Geschichtswissenschaft lange nachsagte. Sie wollten die alten Eliten des Kaiserreichs,

das Militär

und die Kriegstreiber von 1914

entmachten.

1812: Irmgard Keuns Werk in drei Bänden

Montag, Dezember 25th, 2017

Im Göttinger Wallstein Verlag erscheint das Werk Irmgard Keuns.

Irmgard Keun: Das Werk. Hrsg. von Heinrich Detering und Beate Kennedy. Mit einem Essay von Ursula Krechel. Göttingen 2017, drei Bände, insg. 2044 Seiten, 39 Euro.

Damit wird eine Autorin (1905-1982) gewürdigt, die weithin Außenseiterin war, nie ganz zum Kern des Literaturbetriebs gehörte, den Anforderungen bürgerlicher Wohlanständigkeit nicht ganz genügte und nach 1945 fast vergessen worden wäre. Irmgard Keun war gegen Ende ihres Lebens Alkoholikerin, sie verbrachte die Jahre 1966 bis 1972 in der Psychiatrie. Vor lauter politischer Korrektheit hätte ich hier beinahe unerwähnt gelassen, dass Irmgard Keun von 1936 bis 1938 in Ostende (Belgien) die Geliebte von Joseph Roth war.

Nach der mittleren Reife hatte die Berlinerin Keun als Stenotypistin gearbeitet. Im Milieu der Angestellten kannte sie sich bestens aus. Anfang der dreißiger Jahre war Irmgard Keun kurze Zeit verheiratet. Die Familie zog dann nach Köln um. Ihr Thema wurden zunächst die frischen, frechen, emanzipierten jungen Frauen, die sich allerdings weiterhin in ihrem Leben an Männern orientierten (also den gegenwärtigen LGBTT*-Anforderungen nicht entsprachen). 1931 erschien der Roman

„Gilgi, eine von uns“

1932

„Das kunstseidene Mädchen“.

Das interpretierten die Nazis als „Asphaltliteratur“ und verboten es. Alfred Döblin und Kurt Tucholsky förderten sie. Die Aufnahme in die Reichsschriftumskammer wurde endgültig 1936 abgelehnt. Irmgard Keun musste emigrieren. Zunächst nach Ostende in Belgien, dann in die Niederlande. Sie gehörte zum Kreis um Egon Erwin Kisch, Hermann Kesten, Ernst Toller und Joseph Roth, einer literarischen Elite im Exil.

Irmgard Keun wird zur „Neuen Sachlichkeit“ gezählt. Ihr Stil orientiert sich an der gesprochenen Sprache und am Kino. „Aber ich will schreiben wie Film, denn so ist mein Leben und wird es noch mehr sein“, heißt es im „Kunstseidenen Mädchen. In regelmäßiger Folge erschienen

„Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“ (1936),

Nach Mitternacht“ (1937),

„D-Zug dritter Klasse“ (1938).

Meisterhaft verknüpft Irmgard Keun Lebensläufe, Politisches, menschliche Bosheit, Feigheit, Illusionen, Geschwätz, Wichtigtuerei. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in die Niederlande ging sie 1940 nach Deutschland zurück und lebte im Untergrund im Haus ihrer Eltern („Ich kann überhaupt nicht beschreiben, wie grau und trostlos und schauerlich ich Deutschland fand.“). Nach 1945 wollte sie an die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg anknüpfen. Aber das gelang ihr nicht mehr ganz. Sie arbeitete für den WDR und plante literarische Projekte gemeinsam mit Heinrich Böll. 1950 erschien

„Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen“.

1951 wurde die Tochter Martina geboren. Irmgard Keun lebte teilweise in Armut, sie wurde krank. Eine Lesung in Köln und ein Porträt im „Stern“ sorgten dann Anfang der siebziger Jahre für die Wiederentdeckung Irmgard Keuns. Durch Neuauflagen verbesserte sich ihre finanzielle Lage.

Irmgard Keun neigte zu „Selbstinszenierungen“. Ihre Biografin Hiltrud Häntzschel schreibt dazu: „Irmgard Keun hatte zur Wahrheit ihrer Legensumstände ein ganz spezielles Verhältnis: mal aufrichtig, mal leichtsinnig, mal erfinderisch aus Sehnsucht nach Erfolg, mal phantasievoll aus Lust, unehrlich aus Not, mal verschwiegen aus Schonung.“ Ende der siebziger Jahre wurde Irmgard Keun von der feministischen Literaturkritik wiederentdeckt. 1937 hatte sie an einen Freund geschrieben: „Gott verzeih mir die Sünde – aber ich kann wirklich schreiben.“ Das stimmt.

1809: Die Qualität der Lehrer

Samstag, Dezember 23rd, 2017

Die Mint-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) sind zweifellos sehr wichtig. Das bestreitet niemand. Und es ist auch nicht zu bestreiten. Diese Fächer haben es in der letzten Zeit zudem geschafft, sich durch geschickte Propaganda in den Vordergrund zu schieben. Dadurch leidet die Erkenntnis ihrer Wichtigkeit an deren propagandistischen Verbreitung.

Es griffe aber viel zu kurz, wenn wir uns nur Gedanken über die Qualität der Lehrer in diesen Fächern machten. Und nicht auch an die Fächer Deutsch, Geschichte, Gemeinschaftskunde und die alten und neuen Sprachen dächten. Denn hier gibt es ähnliche Verheerungen bei der Qualität der Lehrer wie bei den Mint-Fächern. Im Gegensatz zu mir kennen Sie nicht den Deutschlehrer, der Heinrich Heine nicht gelesen hat. Oder den Gemeinschaftskundelehrer, dem die Sozialstruktur der DDR unbekannt ist.

Das brauchen einfache Mint-Kollegen ja nicht zu wissen. Aus deren Kreis werden aber manchmal im politischen Feld Vorschläge von so bizarrer Ahnungslosigkeit gemacht, dass es mir zu denken gibt.

Ein mir persönlich sehr gut bekannter Französischlehrer steht hinter dem vielsagenden Satz: „Wie schön wäre es, wenn die Französischlehrer in Deutschland Französisch können würden.“

Fröhliche Weihnachten!

1806: Eugen Ruge erklärt uns Ostdeutschland.

Freitag, Dezember 22nd, 2017

Der studierte Mathematiker Eugen Ruge (geb. 1954) hat 2011 mit seinem Roman

„In Zeiten des abnehmenden Lichts“

den Deutschen Buchpreis gewonnen. Ich war von dem Buch begeistert. Aus genauer DDR-Kenntnis heraus beschrieb Ruge die vor sich gehenden Veränderungen bis ins Detail. Andreas Fanizadeh hat ihn für die taz (16./17.12.17) hauptsächlich zu Ostdeutschland interviewt. Ich bringe hier im Auszug nur die Antworten Ruges.

Ruge: Ich fand die DDR als Gegenstand für Literatur nicht oder nicht mehr interessant. Alles war klein und eng. Ich sah auch keine Zukunft, ich sah, dass die Zeit für dieses Land abläuft. Nicht so schnell, wie es dann geschah. Aber ich hatte keine Lust, darauf zu warten. …

(zu den politischen Verhältnissen in Ostdeutschland) Was soll man dazu sagen … Sicher gibt es auch ökonomische Gründe. Wenn auch nicht in diesem Sinne, dass es den Leuten jetzt materiell schlecht geht. Aber wenn ich mich in meiner Bekanntschaft umschaue, die

Brüche

sind enorm. Gerade in Biografien von Leuten meines Alters.Viele Leute wurden richtiggehend rausgeschleudert, oft aus Leitungspositionen. Viele haben sich irgendwie berappelt. Verdienen heute ihr Geld in Berufen, die sie nicht gelernt hatten, die sie vielleicht nicht mögen. Und was man im Westen oft gar nicht verstehen will, was Akkumulation von Erbe bedeutet. Die Ostdeutschen haben nichts geerbt. Die gehen einfach auf relativ dünnem Eis. Das Unbehagen vor weiteren Veränderungen ist im Osten von daher anders ausgeprägt als im Westen. …

Die Vereinigung war sicher gewünscht, aber ein Großteil der Leute wusste nicht, was sie bedeuten würde. Die Macher der Geschichte, die großen Unternehmen und die führenden Politiker, die wussten das schon. Man muss begreifen, dass daraus ein Großteil der heutigen Verunsicherung im Osten resultiert. Es war ja nicht nur ein ökonomischer Umbruch. Für Ostbürger hat sich alles verändert. Gewiss auch vieles zum Positiven! Aber die ganze Ikonografie ist plötzlich eine andere. Die Stadtbilder, alles sieht anders aus, sogar die Formulare. Wie man ein Bankkonto eröffnet, wie man eine Steuererklärung macht – alles ist anders. Die Brötchen, die Lebensmittel, die Teller, die Stühle, auf denen man sitzt. Man kann sich das als Westdeutscher wahrscheinlich gar nicht vorstellen. Oder das Geld: Die Ostdeutschen haben in kürzester Zeit zwei Währungsreformen durchgemacht. Kaum hatten sie endlich die D-Mark, nach der sie sich gesehnt hatten, mussten sie sich auf den Euro umstellen. Man kann das belächeln, aber die D-Mark war für die DDR-Bürger Symbol für Wohlstand und Stabilität. …

1805: Gregor Gysis Autobiografie

Donnerstag, Dezember 21st, 2017

Wir stoßen auf keinen Widerspruch, wenn wir behaupten, dass Gregor Gysi zu den intelligentesten, befähigsten und beredtesten Politikern der Gegenwart gehört. Das sagen auch seine Gegner. Nun hat Gysi seine Autobiografie vorgelegt:

Gregor Gysi: Ein Leben ist zu wenig. Berlin (Aufbau) 2017, 583 S., 24 Euro.

Er hat ihr den für einen Kommunisten typischen Propagandatitel gegeben, auch wenn andere ähnlich verfahren. Und in der DDR hat er sich nach einem üblichen Bildungsweg durch die Institutionen (Melker) als Rechtsanwalt sehr erfolgreich getummelt. Dabei hat er mehrfach Dissidenten vertreten. Da ist es um so unverständlicher, dass Gysi heute noch nicht erkennt, dass die DDR ein

Unrechtsstaat

war.

Von seiner Herkunft her war Gysi nicht zum kommunistischen Kader bestimmt, obwohl seine Eltern ab 1930 für den Kommunismus kämpften. Von der Arbeiterklasse waren die Vorfahren weit entfernt. Chefärzte und Bankiers in der Famile des Vaters, auf Seiten der Mutter Großindustrielle und baltendeutscher Adel bestimmten die Familie. Von seinem Vater Klaus, der der DDR als Botschafter (u.a. im Vatikan) und Minister diente, werden zahlreiche hinreißende Anekdoten berichtet, wie er den klassenmäßigen Vorurteilen nicht entsprach. Auf einer Bahnfahrt zurück nach Nazi-Deutschland soll er mit lässiger Ironie sogar mit SS-Schergen gescherzt haben. Die Mutter war eine geborene Lessing. Ihr Bruder war mit der Nobelpreisträgerin Doris Lessing verheiratet. Frau Gysi hat ihre offene Herablassung in der DDR auch zum „Überleben“ verwandt.

Gregor Gysi hat in der DDR und später durchaus als „Ersatz für Antisemitismus: Intellektuellenfeindlichkeit“ erlebt. Ich erinnere mich an die frühen neunziger Jahre, wo Gysi in Dresden von einem Mob „Jude, Jude!“ zugerufen wurde. Die Stasi-Vorwürfe, die Gysi übrigens sämtlich gerichtlich hat verbieten lassen, sind m.E. dann besser zu verstehen, wenn wir uns klarmachen, dass viele im Westen nicht nachvollziehen, dass

Partei und Stasi eins

waren. Und die Partei gab die Befehle. Dann musste man als Anwalt der Stasi gar nicht offiziell als Informant dienen.

Gregor Gysi, der wohl immer noch nicht ganz in der Gesellschaft des Westens angekommen ist, hat sich trotzdem von manchen kommunistischen Prinzipien verabschiedet, so von der Vision des neuen Menschen: „Es geht nicht darum, diesen ewig alten Menschen zu ändern, sondern die Welt so in Balance zu halten, dass der Mensch althergebracht sein darf. Und dies so friedlich und frei, gerecht, demokratisch und solidarisch wie möglich.“ (Jens Jessen, Die Zeit 7.12.17)

1803: Gustav-Stresemann-Stiftung für die AfD ?

Donnerstag, Dezember 21st, 2017

Der AfD-Vorsitzende und Bundestagsfraktionschef Alexander Gauland, der seinen Rassismus im „Fall Boateng“ hinreichend unter Beweis gestellt hat, schlägt vor, eine AfD-Nahe „Gustav-Stresemann-Stiftung“ zu begründen. Eine solche Stiftung könnte jährlich mit Steuermitteln in zweistelliger Millionenhöhe unterstützt werden. Die bereits etablierten parteinahen Stiftungen (Friedrich-Ebert-Stiftung, Konrad-Adenauer-Stiftung, Friedrich-Naumann-Stiftung, Heinrich-Böll-Stiftung) erhalten jährlich mehr als 500 Millionen Euro.

Seit Monaten ringen mehrere Vereine um die Anerkennung als Stiftung durch die AfD. Der stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende Wolfgang Kubicki bezeichnete Gaulands Vorstoß als

„makaber“ und „geschichtslos“.

Nachfahren Gustv Stresemanns reagierten empört. Der nationalliberale Gustav Stresemann (1878-1929) erhielt 1926 als Außenminister gemeinsam mit seinem französischen Kollegen Aristide Briand den Friedensnobelpreis für die deutsch-französische Aussöhnung. Das passt nicht zu der fremdenfeindlichen und teilweise rassistischen Politik der AfD. Der AfD-Bundesvorstand soll am 19. Januar 2018 über Gaulands Vorschlag beschließen (K. Riedel, J. Schneider, SZ 21.12.17).