Archive for the ‘Geschichte’ Category

1897: Neue postideologische Welt

Sonntag, Februar 25th, 2018

1. Wir sollten uns von der Idee der Nachkriegsgesellschaft mit ihren relativ klaren ideologischen Strukturen (rechts, links etc.) weitgehend verabschieden.

2. Heute gebärdet sich ein formal kommunistisches China (VR China) wie eine turbokapitalistische Warenschleuder.

3. Ein neuer

Dualismus

zwischen dem a) liberalen und dem b) identitären Lager beherrscht die Szene.

4. Die SPD hat sich noch nicht entschieden, ob sie sich zum liberalen Lager zählen will oder an alten Werten festhält, mit denen sie dann keine Mehrheit mehr bekommt.

5. Die SPD funktioniert als sozialpolitisches Gewissen des liberalen Blocks.

6. Das Leben wird heute „vom liberalen Paket aus Individualismus, Menschenrechten, Demokratie und freiem Markt beherrscht“ (Juval Noah Hariri, Israel).

7. Den Liberalismus verkörpern Angela Merkel und Emmanuel Macron, die an eine Welt des freien Daten- und Warenflusses, der offenen Grenzen und der schrankenlosen Mobilität glauben.

8. Der Marxismus von heute steht wie bei Thomas Piketty für Marktwirtschaft mit menschlichem Antlitz.

9. Sich in jeder Hinsicht von der Welt abzuschotten, hält heute nur noch Nordkorea durch.

10. Die Menschen wollen ihr iPhone und brauchen deshalb den Packerjob bei Amazon.

11. Die Linke definiert sich heute über Werte wie

a) Minderheitenschutz, b) Feminismus, c) Transparenz,

die auch als liberale Forderungen durchgehen.

12. Rechtspopulisten und Nationalisten spielen sich heute als einzige Konkurrenz zum Liberalismus auf. Sie stahlen der Linken die

a) Kapitalismuskritik und den b) Antiamerikanismus. Sie ergänzen  das durch c) Fremdenhass.

13) Donald Trump betreibt eine wirtschaftliche Abschottungspolitik wie sie in Argentinien die Linksperonisten befürworten.

14) In Zeiten hoher Beschleunigung wächst bei vielen Menschen die Sehnsucht nach Geborgenheit, Gerechtigkeit, familiärer Verankerung und Identität.

15) Die postindustrielle Gesellschaft ruft heute als Gegenbewegung die Identitären auf den Plan. Wie im 19. Jahrhundert die Industrialisierung die Romantik (Sebastian Schoepp, SZ 24./25.2.18).

1893: Widerstand der Weißen Rose

Donnerstag, Februar 22nd, 2018

Vor 75 Jahren wurden nach einem – im Sinne des Wortes – kurzen Prozeß die Mitglieder der Weißen Rose Sophie Scholl, Hans Scholl und Christoph Probst unter dem Fallbeil ermordet. Roland Freisler hatte sie vorher im Gericht zusammengeschrien. Weitere Todesurteile gegen Mitglieder der Weißen Rose folgten.

Ihr Widerstand wie auch der

Georg Elsers und der Verschwörer des 20. Julis 1944

liegt – so empfinden es die meisten von uns – lange zurück und erscheint manchmal fast ein wenig banal. Aber davon kann keine Rede sein. Einmal hat ihr Beispiel einen großen Einfluss auf unsere Verfassung ausgeübt, den Artikel 1 und den Artikel 20 Absatz 4. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Und: Gegen jeden, der es unternimmt, die Grundrechte zu beseitigen, „haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist“. Ihr Beispiel dient heute der „wehrhaften Demokratie“.

Zum anderen gemahnt das Beispiel der Weißen Rose uns an den – vom 2001 gestorbenen Münchener Rechtsphilosophen Arthur Kaufmann so genannten – „kleinen Widerstand“. Gemeint sind Widerspruch und Zivilcourage, gemeint ist Whistleblowerei, gemeint ist das, was oft als Gutmenschentum denunziert wird. In Zeiten, in denen doch nicht grölende Neonazis oder die NPD gefährlich sind, sondern in denen sich wieder von vielen unbemerkt Ressentiments durchsetzen (für eine Ausländermaut beispielsweise), Vorurteile gegen Fremde und Flüchtlinge, in denen offener Rassismus wieder salonfähig wird. Da ist der „kleine Widerstand“ heute wieder auf der Tagesordnung.

Ein AfD-Kreisverband hatte vor einiger Zeit behauptet, „Sophie Scholl würde AfD wählen“. Nein, sie würde es nicht tun; sie würde einer AfD, die im Inneren immer radikaler wird, sagen: „Wir sind euer böses Gewissen.“ In braunen Netzwerken wird so getan, als seien die demokratischen Parteien (dort „Alt-Parteien“ genannt) eine zu stürzende, volksverräterische Herrscherclique. „So wird der Widerstandsbegriff pervertiert; er wird von den Grund- und Menschenrechten getrennt, …; er wird angefüllt mit völkischem Gebräu und populistischem Exremismus. Es ist dies eine Verhöhnung des Andenkens an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus.“ (Heribert Prantl, SZ 22.2.18)

 

1889: Steven Pinker: Aufklärung, Fortschritt, demokratischer Diskurs

Montag, Februar 19th, 2018

Der amerikanische Psychologe Steven Pinker hatte in früheren Publikationen u.a. mehrere schwerwiegende und unbeliebte Erkenntnisse verbreitet:

1. dass es ein Irrtum ist anzunehmen, wir Menschen kämen als unbeschriebene Blätter auf die Welt. Tatsächlich sind wir genetisch programmiert und damit unser Leistungsvermögen weithin festgelegt.

2. dass die These von der zunehmenden Gewalt auf der Welt ein Mythos ist.

Nun macht Pinker in einem Interview mit Andrian Kreye (SZ 15.2.18) Angaben zur Aufklärung, zum Fortschritt und zum demokratischen Diskurs:

3. „Ich schrieb darüber, dass die Gewalt im Laufe der Geschichte abgenommen hat. Das galt auch für

Armut, Analphabetismus, Kinderarmut.

Wenn man das alles quantitativ betrachtet, erkennt man deutliche Verbesserungen. Ich wollte wissenschaftlich belegen, dass Fortschritt kein mythischer Vorgang ist, sondern ein Prozess, der auf präzise definierbaren Faktoren beruht. Davon kann man wiederum ableiten, wie man Fortschritt fördert.“

4. „Der Menschheit geht es besser, sie ist gesünder, wir alle leben länger, die Gewalt nimmt ab. Das ist buchstäblicher Fortschritt. Und ich wollte die Leute daran erinnern, dass dieser Fortschritt das unmittelbare Resultat der Aufklärung und ihrer Institutionen ist, also der Demokratie, des freien Handels und der Organisationen internationaler Zusammenarbeit.“

5. „Wenn etwas gut läuft, ist das in der Regel ein sehr langsamer Prozess. Die wachsende Allgemeinbildung, die Abnahme der Säuglingssterblichkeit und der Gewalt beispielsweise. Aber damit kann man keine Schlagzeilen machen. Also erfahren die Menschen sehr viel über Schießereien, Aufstände und Bürgerkriege, aber sehr wenig über Fortschritt.“

6. „Sicher wird die Aufklärung gerade in Amerika und Europa angegriffen, aber sie breitet sich auch weiterhin aus. Sie verbreitet sich in der Regel mit dem Wohlstand. Und die demokratischen Institutionen funktionieren ja auch auf internationaler Ebene weiterhin. Die Vereinten Nationen haben immer noch fast alle Länder als Mitglieder, die EU funktioniert noch. Es gibt einen florierenden Welthandel, die meisten Nationen versuchen, Kriege zu vermeiden. Im Großen und Ganzen bewegt sich die Welt auf die Werte der Aufklärung zu. Natürlich gibt es Ausnahmen wie

die Türkei, Russland oder Venezuela.

Aber es werden immer noch mehr Länder demokratisch als autokratisch. Vor allem in den Achtziger- und Neunzigerjahren war das eine große Bewegung, als Militärdiktaturen in Südkorea, Taiwan und Lateinamerika von Demokratien abgelöst wurden.“

7. „Nur die unvoreingenommenen Institutionen wie

die Wissenschaft, die Redefreiheit und der demokratische Diskurs

erlauben uns, … unser Leben besser zu organisieren. Das aber sind die Ideale der Aufklärung, die

die populistische Rechte und

die sozialkämpferische Linke

ablehnen.“

Steven Pinkers neues Buch erscheint im Herbst bei S. Fischer.

1888: Polnisches Holocaust-Gesetz schürt Antisemitismus.

Montag, Februar 19th, 2018

Es kann keine Frage sein, dass Auschwitz, Treblinka, Belzec, Maidanek, Sobibor im Zweiten Weltkrieg deutsche Vernichtungslager (Konzentrationslager) in Polen waren.

Es ist falsch und verwerflich, sie „polnische Todeslager“ zu nennen.

Das neue polnische Holocaust-Gesetz bedroht diejenigen mit Strafe, die „öffentlich der polnischen Nation oder dem polnischen Staat faktenwidrig die Verantwortung oder Mitverantwortung für Verbrechen zuschreiben, die durch das Dritte Deutsche Reich begangen wurden“.

Auf der Sicherheitskonferenz in München wollte der neue polnische

Ministerpräsident Mateusz Morawiecki

die Kritiker des Gesetzes, vor allem in Israel, beschwichtigen. Er gilt als „Weltmann“ und spricht fließend Englisch. Er sagte: „Nein, man muss keine Strafe fürchten, wenn man behauptet, dass es polnische Täter gab, so wie es jüdische Täter gab, so wie es russische Täter gab, so wie es ukrainische und nicht nur deutsche Täter gab.“ Viele Zuhörer verstanden das so, dass Morawiecki den Juden eine Mitschuld am Holocaust gegeben habe. Die Antwort des israelischen

Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu

ließ nicht lange auf sich warten: „Wir werden nicht vergeben. Wir werden nicht vergessen. Wir werden stets für die Wahrheit kämpfen.“

Dabei ist es eine historische Tatsache, dass viele Polen beim Judenmord halfen, Juden auslieferten und erpressten, ja sogar während und nach dem Holocaust selbst mordeten. So

1941 in Jedwabne und 1946 in Kielce (Josef Joffe, Die Zeit 8.2.18).

Zugleich haben sehr viele Polen das Risiko auf sich genommen, Juden zu verstecken und zu beschützen. In der israelischen Gedenkstätte Jad Vashem sind 6706 Polen als „Gerechte unter den Völkern“ verzeichnet.

In Polen hat das Holocaust-Gesetz eine antisemitische Welle ausgelöst. In Sprechchören hatten Demonstranten kürzlich von Präsident Andrzej Duda verlangt, er möge seine „Kippa abnehmen“ und das Gesetz unterschreiben.

Daniel Brössler schreibt dazu (SZ 19.2.18): „Morawiecki versinkt so immer tiefer im Morast einer ideologischen Geschichtspolitik, die Polen als Opfer einer internationalen Verschwörung hinstellt. In der durchsichtigen Absicht, die Stimmung im eigenen Lande innenpolitisch nutzbringend aufzuheizen, fügt der Regierungschef dem Ruf Polens  in der Welt unermesslichen Schaden zu.“

 

1887: NS-Raubkunst – weiter ein deutsches Problem

Sonntag, Februar 18th, 2018

NS-Raubkunst ist weiter ein deutsches Problem. Dazu sagt der Vorsitzende des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder, der selbst Kunstsammler ist, in einem Interveiw mit Katrin Lorch (SZ 13.2.18) u.a.:

„Vor zwanzig Jahren waren die Deutschen diejenigen, die anderen Nationen gezeigt haben, wie wichtig es ist, Raubkunst den rechtmäßigen Besitzern zurückzugeben. Und heute? Was hält die Deutschen davon ab, einfach zu prüfen, was in den kritischen Jahren, also zwischen 1933 und 1945, angekauft wurde? Und das vollständig öffentlich zu machen. Eigentlich ist der Auftrag doch klar. Aber statt Raubkunst-Fälle öffentlich zu machen, werden immer wieder die gleichen Entschuldigungen vorgebracht. Es läge am Föderalismus, was bedeutet, dass immer jemand anders das Problem lösen müsse, es läge an den Ländern, den Kommunen, den privaten Stiftungen. Es sind immer die gleichen Ausreden.

Ich bin frustriert. Ich kenne Deutschland, es ist eines der Länder mit den höchsten juristischen Standards der Welt. Man sagt: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Ich frage mich allerdings, was erreicht werden kann, wenn der Wille zwar auf höchster Ebene existiert, nicht aber von allen anderen Personen, die auf diesem Gebiet arbeiten, geteilt wird. Und die Dinge werden immer komplizierter: Der Besitzer ist tot, es ist zuviel Zeit vergangen. Man verschanzt sich häufig hinter den deutschen Datenschutz- und Stiftungsgesetzen, die es angeblich nicht erlauben, Stiftungsvermögen herauszugeben. Die Landesregierungen wiederum sind gebunden durch das Haushaltsrecht, staatliches Vermögen muss geschützt werden. Man könnte viel tun, aber es geschieht nichts.

Es gibt den fünften Cousin des zweiten Onkels des Bruders der Frau. Viele Museen in Deutschland haben aber offensichtlich auch vergessen, dass sie sich gar nicht so sehr auf die aktuellen juristischen Auseinandersetzungen konzentrieren müssen, sondern auf die

ursprünglichen Besitzer und deren Fälle.

Es geht vor allem darum, ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, denen man das Fehlen von Erben ja nicht anlasten kann. …

…“

Kommentar W.S.: Das Ganze ist eine Schande für Deutschland!

1886: Alternative Fakten zerstören die freie Gesellschaft.

Sonntag, Februar 18th, 2018

1. Fake News sind eine Gefahr für die Menschheit, weil sie Gefühle wie Angst oder Wut ausnutzen und dadurch Schaden stiften.

2. Wir kennen das von Wikipedia, wo Viele schreiben, ohne die geringste Gewähr dafür, dass das Geschilderte stimmt.

3. Falschinformationen gibt es seit Adam und Eva, wir nennen sie häufig Propaganda.

4. Donald Trump hat die alternativen Fakten nicht erfunden, er ist ein Produkt davon.

5. Auch die Wissenschaft kämpft mit dem philosophischen Problem der Wahrheit (Objektivität).

6. Wir haben 2018 eine Welt ohne gemeinsame Fakten. Das schwächt unser Vertrauen.

7. In den USA wissen 63 Prozent der Bevölkerung nicht mehr zu unterscheiden zwischen wahren und falschen Nachrichten (US-Kommunikationsfirma Edelman).

8. Am meisten Vertrauen hat die jeweilige Bevölkerung in die Kommunikationssysteme Indiens, Indonesiens und der Vereinigten Arabischen Emirate. Dort werden relativ geschlossene Propagandasysteme konstruiert ohne Alternativen.

9. Russland, das nie ein freies Mediensystem gekannt hat, steht heute wieder an der Spitze der Desinformation.

10. Es hat versucht, durch Unterstützung Donald Trumps Einfluss auf die US-Präsidentschaftswahlen zu nehmen.

11. Die Lügenmaschine von Donald Trump wird von dem Milliardär Robert Mercer finanziert (Thinktanks, Datenfabriken, Kommunikationsagenturen, IT-Spezialisten).

12. In Deutschland hat die AfD einen eigenen „Newsroom“ angekündigt.

13. Bei uns ist insgesamt das Vertrauen in die etablierten Medien größer als irgendwo sonst auf der Welt.

14. In unserer hochkomplexen Welt lautet der einschlägige Stammtischsatz: „So einfach ist das.“ Das ist die Basis von Verschwörungstheorien.

15. Wie schon George Orwell 1948 sagte: Wenn alle an die von der Zentrale verbreitete Lüge glauben, geht diese in die Geschichte ein und wird Wahrheit (Stefan Kornelius, SZ 15.2.18).

1884: Tommie Smith erhält den Dresdner Friedenspreis.

Samstag, Februar 17th, 2018

Bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko-City schrieb der US-amerikanische Sprinter Tommie Smith Geschichte. Er gewann den 200 m-Lauf vor dem Australier Peter Norman und seinem Landsmann John Carlos. Bei der Siegerehrung reckte Smith mit gesenktem Kopf den rechten Arm mit einem schwarzen Handschuh hoch, Carlos den linken. Aus Protest gegen den Rassismus in den USA. Das Foto davon wurde zu einer

Ikone der Bürgerrechtsbewegung.

Unmittelbar danach wurden die beiden von den Spielen ausgeschlossen und konnten künftig nicht mehr für die USA starten. Smith war 24 Jahre alt und hatte mit 19,8 sec einen Weltrekord aufgestellt, der elf Jahre nicht verbessert wurde. IOC-Präsident Avery Brundage sagte, die Aktion sei „eine üble Demonstration gegen die amerikanische Flagge durch ‚Neger'“.

Smith und Carlos wurde zu Hause zum Ziel von Anfeindungen und erhielten Morddrohungen. Smith‘ Eltern arbeiteten auf einer Baumwollfarm in Texas. Sie wurden in Naturalien bezahlt, eine mildere Form der Sklaverei. Weiße und Schwarze gingen nicht auf die gleiche Schule. In Kalifornien, wohin die Familie zog, wo es schon integrierte Schulen gab, mussten schwarze Kinder zur Schule laufen, weiße benutzten den Bus.

Vor den Olympischen Spielen 1968 hatten schwarze US-Mannschaftsmitglieder erstmals einen Boykott erwogen, der in einer Abstimmung aber knapp abgeschmettert wurde. Smith beschloss, die Bühne Olympia zu nutzen. „Ich wusste nicht wie, aber es war klar, dass ich gewinnen musste, sonst hätte es keinen Sinn gehabt.“ Während die Sprinter das Siegerpodest verließen, buhte das Publikum. Smith wurde sogleich von einem US-Reporter interviewt, der fragte: „Tommie, bist du stolz ein Amerikaner zu sein?“ „Obwohl ich mein ganzes Leben lang gelernt hatte, im Gespräch mit einem Weißen den Blick zu senken, hob ich den Kopf, schaute dem weißen Reporter direkt in die Augen und sagte: ‚Ja, ich bin stolz, ein schwarzer Amerikaner zu sein.'“

Smith blieb Bürgerrechtler. Er arbeitete später als Football-Profi und Soziologielehrer an Colleges in Kalifornien, spezialisierte sich auf Sport und Gesundheit. Es vergingen sehr viele Jahre, ehe seine Leistungen auch in den USA gewürdigt wurden. Inzwischen ist er Mitglied der Hall of Fame des Leichtathletikverbands. Barack Obama hat ihn zweimal ins Weiße Haus eingeladen. Smith protestiert heute gegen

Polizeigewalt gegen Schwarze.

Dass Football-Spieler dagegen auf den Knien protestieren, findet er gut. Ebenso, dass sich die

Fußballer von Hertha BSC

damit solidarisiert haben. Hertha BSC-Manager Paul Keuter übergibt Tommie Smith am Sonntag in der Semperoper den Dresdner Friedenspreis für sein gesamtes bürgerrechtliches Engagement und seinen Einsatz für Gleichberechtigung. Der Mitinitiator des Friedenspreises und Nobelpreisträger Günter Blobel nennt Smiths Protest von 1968

„eine der beeindruckendsten Demonstrationen gegen Rassendiskriminierung. Die Geste ist geblieben, was sie damals war: mutig und stark.“ (Stefan Locke, FAZ 17.2.18)

1881: CDU steht nicht geschlossen hinter Merkel.

Donnerstag, Februar 15th, 2018

Dass die SPD sich in einem desolaten Zustand befindet, wird allgemein diskutiert. Bei der CDU sieht es nicht besser aus. Seit Angela Merkel ein schlechtes Wahlergebnis abgeliefert hat und einen zugunsten der SPD ausfallenden Koalitionsvertrag verantwortet, treten diejenigen in der CDU auf den Plan,

die ihr in parteiinternen Abstimmungen unterlegen sind. Manche davon sind mit Merkels Personalpolitik nicht einverstanden.

Außerdem diejenigen, die Teile ihrer Modernisierung wie die Flüchtlingspolitik, die Energiepolitik, die Klimapolitik und die Geschlechterpolitik ohnehin nie gut fanden (ohne Merkel hätten wir keinen Atomausstieg und keine Energiewende). Darunter auch solche, die der AfD nach dem Munde reden.

Die Friedrich Merz- und Jens Spahn-Anhänger melden sich zu Wort (die sich wohl als die eigentlichen Konservativen verstehen).

Als vorläufig Letzter ist nun der außenpolitische Sprecher der CDU, Norbert Roettgen, ein gescheiterter Wahlkämpfer, auf den Zug der Merkel-Kritiker aufgesprungen.

Warum haben die gegenwärtigen Merkel-Kritiker das nicht schon viel früher getan? Sie hatten wohl nicht genügend Vertrauen in sich selbst. Nun richten sie sich ein auf die Zeit nach Merkel.

Es sind keine guten Voraussetzungen für die Bildung einer schlagkräftigen Bundesregierung, wenn beide Partner, CDU/CSU sowohl als auch die SPD, angeschlagen sind.

1879: Vor 60 Jahren: das Lüth-Urteil

Dienstag, Februar 13th, 2018

Ein Garant der Freiheit und Rechtsstaatlichkeit ist bei uns das Bundesverfassungsgericht. Durch seine wegweisende Rechtsprechung hat es nicht wenig zur Festigung von Demokratie und Gewaltenteilung beigetragen. Das gilt nicht zuletzt – und hier kann ich es beurteilen – bei der Meinungsfreiheit und den Medien. Hier kennen wir die Grundsatzurteile von 1961, 1971, 1981, 1986 etc.

Im Januar 1958 erging das Lüth-Urteil. Der hamburgische Senatsdirektor Erich Lüth hatte zum Boykott des Films „Die unsterbliche Geliebte“ (1951) des Nazi-Meisterregisseurs Veit Harlan (1899-1964) aufgerufen. Der hatte die Nazi-Propaganda durch teilweise sehr beeindruckende Filme bereichert: „Der Herrscher“ 1937, „Jugend“ 1938, „Jud Süß“ 1940, „Der große König“ 1942, „Kolberg“ 1945 u.a. Nach Lüth hatte dessen „ganzes Wirken (…) die Mordhetze der Nazis und die Massenvernichtung für Andersdenkende und Andersrassige“ gefördert. Produktionsfirma und Filmverleih klagten gegen Lüth. Und in den ersten zwei Instanzen bekamen sie Recht. Das Bundesverfassungsgericht gab Erich Lüth Recht.

Es stellte fest, dass die Grundrechte (wie die Meinungsfreiheit) keineswegs nur Abwehrrechte des Bürgers gegen den Staat sind, sondern ebenso Schutzrechte im Verhältnis von Bürger zu Bürger. Das Grundgesetz (GG) sei ein Wertesystem, das für das gesamte Recht gelte. Insofern sei Lüths Boykottaufruf nicht „sittenwidrig“. Das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung sei als

„unmittelbarster Ausdruck der menschlichen Persönlichkeit in der Gesellschaft eines der vornehmsten Menschenrechte.“ Es sei „in gewissem Sinn die Grundlage jeder Freiheit überhaupt“.

Lüth hatte befürchtet, das Wiederauftreten Harlans könne – vor allem im Ausland – so gedeutet werden, „als habe sich deutschen Kulturleben gegenüber der nationalsozialistischen Zeit nichts geändert.“ Diese Befürchtungen beträfen eine für das deutsche Volk sehr wesentliche Frage, im Grunde die seiner sittlichen Haltung und seiner darauf beruhenden Geltung in der Welt. „Dem deutschen Ansehen hat nichts so geschadet wie die grausame Verfolgung der Juden durch den Nationalsozialismus. Es besteht also ein entscheidendes Interesse daran, dass die Welt gewiss sein kann, das deutsche Volk habe sich von dieser Geisteshaltung abgewandt und verurteile sie nicht aus politischen Opportunitätsgründen, sondern aus der durch eigene innere Umkehr gewonnenen Einsicht in ihre Verwerflichkeit.“

Dazu schreibt Christian Bommarius (SZ 10./11.2.18): „Der Erfolg darf nicht verspielt werden. Aber er droht verspielt zu werden, wenn geistigen Nachfahren Harlans und seiner Anhänger nicht oder nicht laut genug widersprochen wird. … Er droht verspielt zu werden, wenn nicht Rassisten, Islamophoben, Antisemiten widersprochen wird, sondern nur dem – allerdings wenig geglückten – Netzwerkdurchsetzungsgesetz, das dem Hass entgegentritt, den Rassisten, Islamophoben, Antisemiten im Netz verbreiten. Das Grundgesetz schützt die Demokratie, nicht die vermeintliche Meinungsfreiheit ihrer Feinde.“

 

1876: Zum Gedächtnis Frank Schirrmachers (1959-2014)

Sonntag, Februar 11th, 2018

Jakob Augstein (Herausgeber des „Freitags“) hat einen Band herausgegeben, in dem in mehreren Experten-Beiträgen der Inhalt eines von ihm selbst veranstalteten Symposiums verarbeitet wird.

Reclaim Autonomy. Selbstermächtigung in der digitalen Weltordnung. Berlin (Suhrkamp) 2017, 189 S., 16 Euro.

Es ist der Versuch einer Fortführung der vom FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher (1959-2014) begonnenen Grundsatz-Debatte über Digitalisierung. In dem Band sind Experten wie Yvonne Hofstetter, Saskia Sassen, Evgeny Morozov und David Gelernter vertreten. Das Vorwort stammt von

Martin Schulz (SPD).

Schirrmacher hatte in Schulz einen Sparringspartner in der Politik gefunden. Der im Journalismus herausragende Autor war dafür bekannt, dass er einen Riecher für kommende gesellschaftliche Groß-Diskurse hatte. In der digitalen Debatte ist die Aufbruchstimmung allerdings vorüber, aus der man eine

utopische oder dystopische Zukunft

herauslesen konnte. Frank Schirrmacher tat beides. Andrian Kreye (SZ 10./11.2.18) verweist in dem Zusammenhang auf John Brockmans Internetforum

edge.org.

Schirrmachers früh begonnene und steile journalistische Karriere begann 1984 bei der FAZ. Bereits 1994 wurde Schirrmacher dort Herausgeber. Und das, obwohl seine 1988 an der Gesamthochschule Siegen vorgelegte Dissertation („Schrift als Tradition – die Dekonstruktion des literarischen Kanons bei Franz Kafka und Harold Bloom“, 180 S.) wohl starke Überschneidungen mit seiner inzwischen nicht mehr greifbaren Magisterarbeit (in Heidelberg) und einem bei Suhrkamp veröffentlichten Buch hatte.

Schirrmachers Arbeit war reich an Höhepunkten. 2002 bezichtigte er Martin Walser wegen seines Romans „Tod eines Kritikers“ des Antisemitismus. 2006 bekannte Günter Grass in einem Interview mit Schirrmacher, dass er sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hatte. In mehreren sehr kontrovers diskutierten Büchern thematisierte Schirrmacher wichtige Gegenwarts- und Zukunftsfragen.

So 2004 in „Der Methusalem-Komplex“ die Vergreisung der Gesellschaft. 2006 in „Minimum“ den Zerfall der Familie. 2009 in „Payback“ die Digitalisierung und das Informationszeitalter. 2013 in „Ego“ das Problem des freien Willens. Schirrmacher erwarb sich dabei den Ruf eines

neokonservativen Propheten und Cheftheoretikers.

Bei seinen Kritikern gilt er als ordinärer Kulturpessimist.

In der autobiografischen Romantrilogie („Das Mädchen“ 2011, „April“ 2014, „Jahre später“ 2018) von Schirrmachers erster Frau, Angelika Klüssendorf , kommt der Journalist als „Ludwig“ im dritten Teil nicht besonders gut weg.