Archive for the ‘Geschichte’ Category

1976: Die Funktion von Feiertagen

Donnerstag, Mai 10th, 2018

An Christi Himmelfahrt fährt Christus auf zum Vater im Himmel, die irdischen Väter fahren mit dem Bollerwagen voll Bier ins Grüne. Unter anderem das nehmen manche verbitterten Atheisten zum Anlass, die Abschaffung der christlichen Feiertage zu verlangen. Aber dadurch würde man nur den Arbeitnehmern ihren freien Tag nehmen.

Wie beim Buß- und Bettag.

Das war für die Arbeitnehmer eine ziemliche Enteignung. Sie wollen seit langem die Feiertage so nutzen, wie es ihnen geboten erscheint, und nehmen weder von Atheisten noch von Kirchen Anweisungen entgegen.

Feiertage sind Freiraum. Sie schützen den Menschen vor pausenlosem Schaffen. Dies ist die Ur-Idee des Ur-Feiertags, des jüdischen Sabbats und des christlichen Sonntags. Der Mensch soll Ruhe haben vor der Arbeit. Eine grandiose soziale Erfindung (Silke Niemeyer, SZ 9./10.5.18).

1974: Amos Oz: Für eine Zwei-Staaten-Lösung

Donnerstag, Mai 10th, 2018

In meinen Augen ist die Zwei-Staaten-Lösung eine Gründungsbedingung für Israel. Denn sonst wäre die Staatsgründung 1948 bloß eine gewalttätige Landnahme von den Palästinensern gewesen. Heute muss um die Zwei-Staaten-Lösung gekämpft werden. Das tut auch der berühmte und internatinal hoch angesehene Schriftsteller Amos Oz (geboren als Amos Klausener 1939 in Jerusalem). Der sehr erfolgreiche Verfasser von Kinderbüchern, Erzählungen und Romanen hat mit seinem Roman

„Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ (2004)

eine fulminante Familiengeschichte der Klauseners und zugleich eine Geschichte Israels geschrieben. Er ist in einem Atemzug zu nennen mit David Grossmann, geb. 1954 („Eine Frau flieht vor einer Nachricht“, 2002). Beide haben viele Leser und Bewunderer in Deutschland. Sie sind keine Pazifisten, gehören aber der Friedensbwegung „Peace Now“ an.

Amos Oz sagt: „Mein zionistischer Ansatz ist schon seit Jahren ganz einfach. Wir sind nicht allein in diesem Land. Wir sind nicht allein in Jerusalem. Das sage ich auch zu meinen palästinensischen Freunden. Ihr seid nicht allein in diesem Land. Es gibt keinen anderen Weg, als dieses kleine Haus in zwei noch kleinere Wohnungen aufzuteilen.“

Neugier und Fantasie, die Akzeptanz von Unterschieden und die unbedingte Bereitschaft zum Kompromiss – das sind die Tugenden, die Amos Oz den Fanatikern der Welt entgegenhält (Meike Fessmann, SZ 21./22.4.18).

1972: Thea Dorns Patriotismus

Montag, Mai 7th, 2018

Die Schriftstellerin und Moderatorin Thea Dorn, geb. 1970, ist mittlerweile ständige Teilnehmerin des „Literarischen Quartetts“. Dort hat sie hier und da schon für neue Perspektiven gesorgt. Sie beschäftigt sich u.a. mit dem deutschen Patriotismus. Dazu hat sie ein Buch vorgelegt:

Deutsch, nicht dumpf. Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten. München (Knaus) 2018, 336 Seiten, 24,00 Euro.

Iris Radisch und Adam Soboczynski haben nachgefragt. Hier einige Antworten Thea Dorns:

„Ich halte es beispielsweise für richtiger, wenn im Theater Goethes ‚Faust‘ als wenn eine Flüchtlingsperformance gegeben wird. Glaubt man der gängigen Sortierung, gehört eine solche Auffassung doch eher ins Portefeuille einer Konservativen. Mein zentrales Anliegen ist, das zu verteidigen, was in Europa in den letzten zweieinhalbtausend Jahren entstanden ist: die Idee eines mündigen, gebildeten, freien, emanzipierten Individuums. Und wenn wir uns klarmachen, dass diese großartige Idee weltweit immer noch eine Minderheitenidee ist und dass wir selbst dabei sind, sie zu verscherzen, dann stellt sich die Frage nach links und rechts plötzlich neu.

Der Verfassungspatriotismus, der letzlich ein gesamtwestlicher ist, stellt auch für mich das Fundament dar. Aber er allein reicht nicht. Deswegen suche ich ein Plus X. Da kommt etwas Deutsches ins Spiel. Solange Europa für die meisten Bürger ein lästiges Abstraktum ist, muss das Europäertum mit nationalen Patriotismen verschränkt bleiben. Ich halte es für verkehrt und gefährlich, die Idee des Nationalstaats gegen den europäischen Gedanken auszuspielen.

Ich halte es für ein Problem, dass in Deutschland ganze Generationen aufwachsen, die von deutscher Kultur keine Ahnung haben.

Der flache Egozentrismus unserer Gesellschaft hat doch auch damit zu tun, dass Leute keine Zusammenhänge mehr herstellen können.

Die Welt hat sich dramatisch verändert. Wir können nicht sagen, Europa und Deutschland müssen politisch wieder in den Ring steigen, und gleichzeitig derart defensiv auftreten. Deutschland hat sich mit seiner verbrecherischen Vergangenheit glaubhaft auseinandergesetzt. Dies war nur möglich, weil seit den Auschwitzprozessen die deutsche Schuld im Mittelpunkt der deutschen Selbstverständigung stand. In aller Deutlichkeit: Ich halte dies uneingeschränkt für richtig. Aber es bringt nichts, die Diskurse der sechziger und siebziger jahre ewig nachzuspielen. Wenn wir das tun, überlassen wir Themen wie ‚Nation‘ oder ‚Patriotismus‘ den Rechten bis Rechtsradikalen.“ (Die Zeit, 26.4.18)

Kommentar W.S.: damit beschreibt Thea Dorn sehr gut die Lage.

Hinzuweisen ist auf das Buch

Thea Dorn/Richard Wagner: Die deutsche Seele. München (Knaus) 2017, 560 Seiten, in dem von „Abendbrot“ über „Gemütlichkeit“ bis hin zu „Zerrissenheit“ in 64 Stichwörtern dem deutschen Wesen nachgespürt wird.

1970: Ansichten über Karl Marx im Jahr 2018

Sonntag, Mai 6th, 2018

Peter Altmaier, 59, CDU, Bundeswirtschaftsminister:

„Die Stärke und Bedeutung der Schriften von Karl Marx lagen in der Analyse der bestehenden Verhältnisse, die im 19. Jahrhundert für die Beschäftigten katastrophal waren. Der Versuch, seine Ideologie umzusetzen, hat Hunderte von Millionen Menschen ins Elend gestürzt. Die Soziale Marktwirtschaft überwindet Kapitalismus und Kommunismus gleichermaßen.“

Andrea Nahles, 47, SPD-Vorsitzende:

„Es lohnt sich auch heute, Marx genauer in den Blick zu nehmen. Denn es gibt eine ganze Reihe von ähnlichen Entwicklungen zwischen der sogenannten ersten industriellen Revolution, die Marx so beschäftigt hat, und der vierten industriellen Revolution, die uns heute so beschäftigt. Es geht also wieder darum, eine Entwicklung nicht nur hinzunehmen, sondern als menschengemacht zu begreifen und entsprechend auch als von Menschen gestaltbar zu verstehen. Es geht um Einhegung, Begrenzung und Regulierung des kapitalistischen Gewinnstrebens durch die Logik des Sozialen und Demokratischen. Es geht darum, den digitalen Kapitalismus in mehr Freiheit zu übersetzen.“

Katrin Göring-Eckardt, 52, Grünen-Fraktionschefin:

„Marx wollte gerade nicht die Herrschaft des einen über den anderen. Also auch die Herrschaft der Funktionäre über die Arbeiterklasse. Insofern passt der Marx, den ich aus Büchern kenne, nicht zu der Ikone, die mir in der DDR überall entgegengehalten wurde.“

Gregor Gysi, 70, Präsident der Europäischen Linken:

„Karl Marx ist für mich einer der größten und klügsten Denker, der außerdem schreiben konnte, und zwar mit Humor und Selbstironie, gelegentlich auch mit Sarkasmus. Nur um in seinem Sinne wirken zu können, war er bereit, sein Land – Deutschland – aufzugeben und in London zu arbeiten. Er muss zweimal befreit werden. Zum einen von seinem Missbrauch für politische Diktaturen im Staatssozialismus und zum anderen von seiner Ausweisung aus Deutschland. Wenn wir mit einem der größten Söhne Deutschlands einen unvoreingenommenen, sowohl kritischen als auch selbstkritischen Umgang pflegten, hätten wir alle einen Gewinn.“

(FAS 6.5.18)

 

1968: Georges-Arthur Goldschmidt 90

Donnerstag, Mai 3rd, 2018

Im Alter von zehn Jahren wurde Jürgen-Arthur Goldschmidt 1938 von seinen Eltern nach Frankreich geschickt, um ihn vor den mörderischen Nazis zu beschützen. In einem Kinderheim in Savoyen und bei einem Bauern dort wuchs Goldschmidt auf und besuchte ein Internat. Davon handelt sein Roman „Der Spiegeltag“ (1982). Georges-Arthur wurde Franzose und unterrichtete an Pariser Gymnasien, bevor er als Schriftsteller und Übersetzer reüssierte.

Ein enges Verhältnis verbindet Goldschmidt mit Peter Handke, von dem er zwei Dutzend Werke ins Französische übersetzt hat. Umgekehrt hat Handke mehrere Publikationen Goldschmidts ins Deutsche übertragen. Beide sind in der deutschen Sprache aufgewachsen und leben ein französisches Leben.

In einer Reflexion behandelt Handke die Aufzeichnungen, die Goldschmidts Vater Arthur, der „vergessen“ hatte, seinen Sohn darauf hinzuweisen, dass er ein Jude sei, im Konzentrationslager Theresienstadt angefertigt hat. Er war Richter in Hamburg gewesen, die Familie war protestantisch und vollständig assimiliert. Davon handeln Goldschmidts Erzählung „Die Absonderung“ (1991) und seine Romane „Die Befreiung“ (2010) und „Der Ausweg“ (2014).

Berichte von einer erstaunlichen Rettung sind es nur auf der Oberfläche. Goldschmidt widmet sich literarisch den darunter liegenden, weitaus komplizierteren Verhältnissen. 1999 erschien „Als Freud das Meer sah“, 2006 „Freud wartet auf das Wort“. Dabei geht es natürlich um die Psychoanalyse. „Goldschmidt spürt den Wortstämmen, den Präfixen und den Satzbögen nach, um am Ende die Sprache selbst sprechen zu lassen, so als besitze eine jede eine eigene Natur, die es freizulegen und dadurch zu retten gelte. Die Seele, behauptet Freud, werde im Innersten aus zwei Empfindungen zusammengehalten, aus der Lust und aus dem Schmerz. Goldschmidt hat sein literarisches Leben um diese beiden Pole herum aufgebaut. Die Rettung und die Schuld, die beiden anderen Motive in seinem Werk, sind nur Varianten. Und so treibt er sich herum, im vagen, porösen, flüchtigen und in jeder Beziehung unsicheren Raum dazwischen, mal von dem einen, mal von dem anderen Pol angezogen.“ (Thomas Steinfeld, SZ 2.5.18)

1967: „Über Marx hinaus“

Mittwoch, Mai 2nd, 2018

Unter den zahlreichen Publikationen zu Karl Marx 200. Geburtstag waren viele seriöse, manchmal sogar wissenschaftliche. Die habe ich bei weitem nicht alle gelesen, aber doch versucht, mir per Rezensionen und auf andere Weise einen Überblick zu verschaffen. Dabei sticht eine Publikation heraus, auf die ich hier näher eingehe:

Klaus Gietinger: Karl Marx, die Liebe und das Kapital. Frankfurt/Main (Westend) 2018, 351 Seiten.

Der Verfasser ist der bekannte und vielfach ausgezeichnete Sozialwissenschaftler, Autor und Filmregisseur Klaus Gietinger. Seine sozialwissenschaftliche Grundausbildung hat er in Göttingen (Diplom-Sozialwirt) erhalten. Herausragend sein Buch über die Ermordung Rosa Luxemburgs („Eine Leiche im Landwehrkanal“, erweiterte und überarbeitete Neuauflage 2009). Gietingers Film „Daheim sterben die Leut“ (1984) hat Kultstatus.

Der Haupttenor von Gietingers Buch lautet „Über Marx hinaus“ in Anlehung an ein Motto der Marx-Tochter Eleanor (Tussy). Das bedeutet, dass Gietinger uns sagt: Marx hatte recht. Und wir können ihn heute über seine treffenden Erkenntnisse hinaus zeitgemäß interpretieren und infolgedessen richtige politische Schlüsse daraus ziehen. An einer Stelle sagt Gietinger sogar, dass Marx die Natur in seine Überlegungen zum Wertgesetz einbezogen habe. Und zwar bei der Kritik des Gothaer Programms (1875) der SPD. „Die Arbeit ist nicht die Quelle alles Reichtums. Die Natur ist ebensosehr die Quelle der Gebrauchswerte (und aus solchen besteht doch wohl der sachliche Reichtum!) als die Arbeit.“ (S. 323) Die Quelle des gesellschaftlichen Reichtums sind hiernach Arbeit und Natur. Damit schafft Klaus Gietinger quasi die ökologische Ehrenrettung des Marxschen Wertgesetzes, nach dem eigentlich nur die ihr vergegenständlichte Arbeit wertschöpfend ist.

Marx‘ Leben wird in diesem Buch wie in einem Zwiegespräch zwischen Marx‘ Freund Friedrich Engels und Marx‘ Tochter Eleanor (Tussy) in einem „Roman eines Lebens“ erzählt. Dazwischen eingestreut unzählige Zitate vor allem aus Briefen (Marx, Engels, Tussy Marx, Jenny Marx, Ferdinand Lassalle, August Bebel, Wilhelm Liebknecht et alii). Aber Klaus Gietinger kennt auch seine Marx-Engels-Gesamtausgabe. Er ist ein gelehrter Schreiber. Dass Marx‘ Leben romanhafte Züge hatte, stellt er unter Beweis.

Aber Klaus Gietinger stellt für uns zusätzlich die Bezüge zur politischen – und Geistesgeschichte insbesondere des 19. Jahrhunderts her, die uns das Verständnis erleichtern. Als Referenzfiguren tauchen in dem Buch auf Bettina von Arnim, Heinrich Heine, Abraham Lincoln, über den Begriff „Sudelbücher“ Georg Christoph Lichtenberg und andere. Als Utopisten und Frühsozialisten sind dabei Thomas Morus, St. Simon, Fourier, Proudhon. Und viele, die nicht während ihres ganzen Lebens Freunde oder Partner von Marx waren: Bruno Bauer, Arnold Ruge, Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Ludwig Feuerbach, Max Stirner, Moses Hess, Ferdinand Lassalle und andere. Gietinger setzt sich mit dem jüdischen Selbsthass auseinander. Er stellt auf den Antisemitismus in Deutschland ab. Marx und Gietinger mögen nicht:

den Protestantismus, Preußen, die Paulskirchen-Demokratie und die SPD.

Zu weit geht Gietinger, wo er in Russland den Übergang vom Feudalismus zum Sozialismus für möglich erklärt. Da herrschte in Russland ja der Stalinismus (1925-1955). Und ist der nicht heute partiell wieder da? An dieser Stelle hat der Autor Angst und versucht, sich durch den folgenden Vorspruch zu retten: „Frage: Sind Sie nicht ein Brandstifter, Herr Gauland? Alexander Gauland: Das wäre, als ob man sagt: Karl Marx hat Stalins Verbrechen zu verantworten.“

Unser Autor ist aber ein richtiger Marxist und bietet im letzten Fünftel seines Buchs das ganze Arsenal polit-ökonomischer Begriffe, das Nicht-Marxisten nicht in jedem Fall verstehen: Ware, Ideologie, Arbeitsteilung, Tausch, Produktivkräfte, Gebrauchswert, Tauschwert, W – G – W‘, Zirkulation, Akkumulation, w = v + m, relative Mehrwertrate, tendenzieller Fall der Profitrate, Krise, Zyklus, Expropriation etc. Keine leichte Kost. Sie lässt sich nur schwer in den Text integrieren. Und dann ist da noch die von Marx bei Hegel übernommene Dialektik. Sie kann leicht als der Taschenspielertrick verwandt werden, mit dem dann jede Entwicklung der Gesellschaft als Vorstufe zur Verelendung hingestellt wird. Egal, ob die Profitrate fällt oder nicht. Also: die üblichen theoretischen Mängel des Marxismus. Aber Marx wusste ja, dass er kein Marxist war.

Klaus Gietinger hat uns Karl Marx auch als Mensch näher gebracht. Und neuerdings finden ja sogar Hans-Werner Sinn und Reinhard Kardinal Marx in der Marxschen Analyse brauchbare Ansatzpunkte (FAS 29.4.18; SZ 22.3.18).

Der Autor kommt am Mittwoch, dem 23. Mai, um 19.30 Uhr

nach Göttingen

ins „Lumière“ und zeigt seine beiden neuen Filme „Wie starb Benno Ohnesorg – Der 2. Juni 1967“ (45 min) und „Lenchen Demuth und Karl Marx“ (45 min). Besorgen Sie sich Karten.

1966: Kardinal Marx kritisiert Markus Söder (CSU).

Dienstag, Mai 1st, 2018

Reinhard Kardinal Marx, der Vorsitzende der deutschen katholischen Bischofskonferenz, hat den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) scharf für dessen Kreuz-Erlass kritisiert. Es sei „Spaltung, Unruhe, Gegeneinander“ entstanden. „Wenn das Kreuz nur als kulturelles Symbol gesehen wird, hat man es nicht verstanden. Dann würde das Kreuz im Namen des Staates enteignet.“ Das stehe dem Staat nicht zu (SZ 30.4./1.5.18).

1965: Helmut Lölhöffel gestorben

Montag, April 30th, 2018

Wir DDR-Forscher in der Kommunikationsforschung waren ganz besonders auf Informationen von Journalisten-Kollegen „vor Ort“ angewiesen. Der wichtigste davon war Helmut Lölhöffel, geb. 1944, der gerne bereit war, uns an seinem reichen Wisssen über die DDR teilhaben zu lassen. Mehrfach haben unsere Studierenden auch bei Exkursionen in die DDR davon profitiert. Lölhöffel war ein alter 68er, ein unbeirrbarer, sehr menschenfreundlicher Linker. Nun ist er in Berlin gestorben.

1959: Freiheit, die ich meine.

Dienstag, April 10th, 2018

Tim Reiss liefert uns in der „Zeit“ (28.3.18) ein Brevier über den Freiheitsbegriff:

1. Thomas Hobbes (1588-1679) verstand unter Freiheit Willkürfreiheit: Frei ist, wer tun kann, was er will, und daran von anderen nicht gehindert wird.

2. Das war für Immanuel Kant (1724-1804) unzureichend. Er nahm an, dass wir auch von innen und durch uns selbst unfrei sein können. Unfrei handelt danach auch, wer stets allen Eingebungen des Augenblicks folgt. Für Kant bestand Freiheit nicht nur in Willkürfreiheit, sondern als Autonomie oder Selbstgesetzgebung. Die höchste Form der Freiheit ist bei ihm ein Handeln nach solchen Regeln, von dem wir wollen können, dass sie allgemeines Gesetz wären. Der berühmte

kategorische Imperativ.

3. Der moderne Freiheitsbegriff ist ein dritter. Er zielt weder auf die bloße Abwesenheit äußerer Zwänge noch auf vernünftige Selbstgesetzgebung. Dieser individualistische Freiheitsbegriff fasst Freiheit als Selbstverwirklichung und Selbsterfüllung. Zum ersten Mal kam er vor im Liberalismus bei John Stuart Mill (1806-1873).

4. Heute nehmen wir an, dass wahre Freiheit durch die Internalisierung von Motiven beschädigt werden kann, die nicht zu dem passen, was uns eigentlich als Individuen ausmacht. Das beruht auf zwei Annahmen: dass es erstens einen Unterschied zwischen selbstbestimmten und frembestimmten Handlungen gibt, und zweitens auch einen Unterschied zwischen authentischen Wünschen und solchen, die uns von unserem „wahren Selbst“ entfremden.

1958: Auch die Psychoanalyse rechts ?

Montag, April 9th, 2018

Die vielen Unterzeichner der „Gemeinsamen Erklärung 2018“ gegen die Solidarität mit Flüchtlingen sind naturgemäß von Journalisten bereits auf ihre Gesinnung hin analysiert worden. Dabei kommt heraus, was nicht anders zu erwarten war. Dass auch Psychoanalytiker nicht davor gefeit sind, fremdenfeindliche Ressentiments zu schüren. So der Psychoanalytiker aus der DDR, Hans-Joachim Maaz, der uns ursprünglich über die Mentalität der DDR-Bevölkerung aufklären wollte:

Der Gefühlsstau. 1990,

Die Liebesfalle. 2007,

Das falsche Leben. 2017.

Wir sehen, dass auch Hans-Joachim Maaz seine DDR-Behinderung noch nicht überwunden hat. Wie auch? (Martin Machowecz, Die Zeit 28.3.18)