Archive for the ‘Geschichte’ Category

2002: Mahmud Abbas: der gescheiterte Präsident

Montag, Mai 28th, 2018

Mahmud Abbas, 83, ist Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde, er ist Vorsitzender der PLO und Chef von deren stärkster Partei, der Fatah. Zur Zeit ist Mahmud Abbas krank. Er hat Lungenentzündung. Das ist ein einschneidendes Faktum. Denn dann wird darauf geachtet, dass der Präsident wenigstens im Fernsehen zu sehen ist. Damit erkennbar wird, dass er noch am Leben ist. Beim Sterben von Yassir Arafat haben wir ja bizarre Szenen erlebt.

Eigentlich endete die Amtszeit von Mahmud Abbas bereits 2009. Weil aber sein Wahlsieg nicht sicher war, hat er kurzerhand das Parlament aufgelöst und regiert seither per Dekret. Seinen stärksten politischen Rivalen, die Hamas, verfolgt Abbas mit Zorn seit deren Wahlsieg im Gaza-Streifen. Im Westjordanland gehen die palästinensischen Sicherheitskräfte unerbittlich gegen die Hamas vor und stehen oft Seite an Seite mit den israelischen Sicherheitskräften. Abbas setzt den Gaza-Streifen unter Druck, der schon unter der israelischen Blockade leidet, der sich Ägypten angeschlossen hat. Abbas hat Stromlieferungen reduziert, provoziert Engpässe bei der medizinischen Versorgung und hat die Bezahlung von Beamtengehältern gestoppt. Er will die Hamas dort in die Knie zwingen.

Über seine Nachfolge hat Mahmud Abbas noch keine Entscheidung getroffen. Die Kandidaten müssen untereinander klären, wer was wird. Die Plätze sind begehrt. Weil sie Geld und Reisefreiheit mit sich bringen. Das gilt für Abbas‘ Stellvertreter, Mahmud Al-Aloul, und den Geheimdienstchef Madschid Farradsch. Der beliebteste Palästinenser sitzt in einem israelischen Gefängnis: Marwan Barghuti. Dass die Verfassung angewandt wird, ist auszuschließen. Denn dann müssten binnen 60 Tagen Neuwahlen anberaumt werden. Und in der Übergangszeit würde der Parlamentssprecher Asis Duek die Geschäfte leiten. Er ist Hamas-Mitglied.

Der Friedensprozess ist schon seit langem zum Erliegen gekommen. Eine palästinensische Strategie ist nicht erkennbar. Israel setzt seit Jahren den Bau jüdischer Siedlungen ungebremst fort. Trotzdem hielt Abbas am Prinzip des gewaltlosen Widerstands fest. Damit setzte er die im Volk verhasste Zusammenarbeit mit den Besatzern fort. Abbas hat die Palästinenser weiter gespalten. Das ist schlimm für die effektive Vertretung ihrer Interessen. Die Palästinenser werden zunehmend von allen verlassen (Alexandra Föderl-Schmid, SZ 23.5.18).

2001: Lanzmann verkauft de Beauvoirs Liebesbriefe.

Montag, Mai 28th, 2018

Sylvie Le Bon des Beauvoir, geb. 1941, war 26 Jahre lang die Geliebte Simone de Beauvoirs, ehe sie 1980 adoptiert wurde, um als Nachlassverwalterin der Schriftstellerin zu fungieren. Martina Meister interviewt sie in der „Literarischen Welt“ (26.5.18) zu Simone de Beauvoir.

Welt: Vor wenigen Monaten hat Claude Lanzmann die Liebesbriefe, die Simone de Beauvoir ihm geschrieben hat, an die Yale University verkauft. Stimmt es, dass sie der Veröffentlichung nicht zugestimmt haben?

Le Bon: Nein, das ist von vorne bis hinten eine falsche und ganz erbärmliche Geschichte. Zum 100. Geburtstag der Beauvoir habe ich in aller Öffentlichkeit gesagt und es ihm schriftlich gegeben, dass ich bereit sei, die Briefe herauszubringen. Aber das ist zehn Jahre her, und ich habe nie einen einzigen Brief zu Gesicht bekommen. Er hat das alles erfunden. Ich werde mich hüten, für sein Verhalten eine Erklärung zu finden. Fest steht: Simone de Beauvoir wollte ihre Manuskripte der französischen Nationalbibliothek übertragen. Er hat es vorgezogen, sie an eine reiche, amerikanische Universität zu verkaufen.

2000: Franz Neumanns „Behemoth“ 1942

Freitag, Mai 25th, 2018

Franz Neumann hätte in der Politikwissenschaft eine gewichtigere Rolle spielen können, wäre der 1900 in Kattowitz (Polen) geborene Wissenschaftler nicht schon 1954 bei einem Autounfall in der Schweiz ums Leben gekommen. Mit seinen ebenfalls jüdischen Mitstreitern

Ernst Fränkel und Hugo Sinzheimer

musste er Deutschland 1933 verlassen. Die zur linken Sozialdemokratie gehörenden Juristen hatten in der Weimarer Republik an einem Arbeitsrecht gearbeitet, das diesen Namen verdiente.

In der Emigration forschte FranzNeumann beständig an der Analyse des Nationalsozialismus mit dem Ziel, diesen zu besiegen. Im babylonischen Judentum fungierte „Behemoth“ als allzerstörerisches Ungeheuer, als Monster, das mit böser Macht nichts anderes will als den Untergang alles Menschlichen.

„Da der Nationalsozialismus ein Unstaat ist, ein Chaos, eine Herrschaft der Gesetzlosigkeit und der Anarchie, welche die Rechte wie die Würde des Menschen ‚verschlungen‘ hat und dabei ist, die Welt durch die Obergewalt über riesige Landmassen in ein Chaos zu verwandeln, scheint uns dies der richtige Name für das nationalsozialistische Regime: Der Behemoth.“

Das Werk erschien 1942: Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944.

Nun erscheint nach der deutschsprachigen Erstausgabe von 1977 in der Europäischen Verlagsanstalt, Hamburg 2018, eine 750-seitige Neuausgabe für 38 Euro. Sehr lesenswert. Es bleibt in der SZ (24.5.18) dem ewigen großen Außenseiter Götz Aly vorbehalten, für Franz Neumanns Werk zu werben. Und er verweist gleich darauf, dass hier das in der deutschen Erstausgabe enthaltene Nachwort Ernst Noltes fehlt. Für Nolte, unabhängig davon, was er später traktierte, war „Behemoth“ die „kenntnisreichste und umfassendste Analyse des Nationalsozialismus, die bis heute das Licht erblickt hat“.

Neumanns Ziel war der Sieg über den Nationalsozialismus. „Mehr und bessere Flugzeuge, Panzer und Gewehre sowie eine vollständige militärische Niederlage werden den Nationalsozialismus im Bewusstsein des deutschen Volkes vernichten.“ Zu optimistisch? Neumann weiß: „Die Teilnahme an einem so ungeheuren Verbrechen wie der Ausrottung der Ostjuden machte die deutsche Wehrmacht, das deutsche Beamtentum und breite Massen zu Mittätern und Helfern des Verbrechens und machte es ihnen daher unmöglich, das Naziboot zu verlassen.“

1998: Heiko Maas‘ Russlandpolitik

Freitag, Mai 25th, 2018

Der neue Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) will eine Russlandpolitik betreiben, die an den „Realitäten“ orientiert ist. Moskau habe teilweise auf „Gegnerschaft“ zum Westen geschaltet und agiere „zunehmend feindselig“. Die Analyse stimmt. Die Annektion der Krim und die indirekte Einverleibung der Südost-Ukraine hätte Willy Brandt gar nicht goutiert. Seine Ostpolitik beruhte auf der Unverletzlichkeit der Grenzen, dem Gewaltverzicht und der Nichteinmischung. Gift-Anschläge im Ausland, Cyber-Attacken und die Manipulation der Innenpolitik durch Fake-News-Sender wie „Russia Today“ waren in den Ost-Verträgen nicht vorgesehen. Maas bekommt trotzdem Kritik aus der SPD. Man müsse im Gespräch bleiben und ggf. sogar Vorleistungen erbringen.

„Wie sollen Vorleistungen denn funktionieren? Wird Putin die Krim wieder ausspucken? Seinen Stellvertreterkrieg gegen die Ukraine abblasen? Den Völkermörder Assad fallen lassen? Der Mann ist gewiss kein klassischer Imperialist, sondern ein Opportunist. Er nimmt sich, was er kriegen kann, wenn Risiken und Kosten erträglich sind. Daraus folgt, dass die Genossen ein Gottesgeschenk sind, signalisieren sie ihm doch, er dürfe seine Gewinne kostenlos einstecken. Dazu kommt ein hübscher Bonus: Die Putin-Fürsprecher in der SPD spazieren Hand in Hand mit der AfD, die den Alleinherrscher Wladimir I. geradezu bewundert.“ (Josef Joffe, Die Zeit 9.5.18)

1991: Unsere Deutsch-Nationalen erheben wieder die Stimme.

Montag, Mai 21st, 2018

Angesichts von 12,6 Prozent der Wählerstimmen für die AfD bei der Bundestagswahl im September 2017 (aktuelle Sonntagsfrage: 14 Prozent) und 27 Prozent in Sachsen dürfen wir über die Gründe dafür räsonnieren. Überall ist zu registrieren, dass unsere Deutsch-Nationalen wieder ihre Stimme erheben. An Stammtischen, in Vereinen, im Kollegenkreis. Und wir können feststellen, wodurch deren Position hauptsächlich bestimmt wurde und wird:

1. Antiamerikanismus,

2. Antisemitismus,

3. Gegen Wall Street und „Finanzkapital“,

4. Pro Russland und pro Wladimir Putin.

Wobei hier unsere Deutsch-Nationalen Fehler begehen, die leicht zu benennen sind: Sie beziehen sich auf die russische Literatur und die russische Musik und die „russische Seele“. Und sie vergessen das russiche politische System: Es bestand bis 1917 aus dem weißen zaristischen Terror (mit Verbannung in den Ural etc.), dem Stalinismus (vgl. Schwarzbuch des Kommunismus), der „Stagnationsphase“ unter Chruschtschew und Breschnew, dem Missverstehen  Gorbatschows und heute Putin.

5. Leugnung des Klimawandels und Propaganda für die fossilen Energien (strikt „wissenschaftlich“ natürlich),

6. Systemkritik an der Bundesrepublik (siehe „Reichsbürger“).

7. Die Deutsch-Nationalen waren nach 1918 keine Nazis. Aber sie waren deren „Steigbügelhalter“. Am 30. Januar 1933 trat der Vorsitzende der DNVP, Alfred Hugenberg, in die Reichsregierung von Adolf Hitler ein. Als am 5. März 1933 bei den Reichstagswahlen die NSDAP 44 Prozent bekam, wurde wieder die DNVP zur Regierungsbildung gebraucht. Unsere Deutsch-Nationalen haben den Nazis also zur Macht verholfen.

 

1990: Der politische Islam ist gefährlich.

Montag, Mai 21st, 2018

Der aus Israel stammende Psychologe Ahmad Mansour, 41, ein Muslim, der früher selbst Islamist war, warnt vor dem politischen Islam (Zeit 15.3.18):

1. Zur „Generation Allah“ zählt er „Jugendliche, die in Bottrop, Offenbach oder Schwerin aufgewachsen sind, aber einen nahezu totalitären Gottesbegriff pflegen, Kindern, die das Fürchten gelehrt wurde vor einem patriarchalisch strafenden höchsten Wesen. Ihre Welt ist schwarz und weiß, gut und böse, rein und unrein, halal und haram. Gott ist für sie eine Art Staatsanwalt, der Koran ein Gesetzbuch. Sexualität ist bedrohlich, weil verboten. Und im Hier und Heute sind die Muslime in ihren Augen stets Opfer – der Behörden, des Westens,, der Medien, der Amerikaner, der Juden.“

2. „In den Moscheen hören die Gläubigen Tag für Tag, der ganze Westen stehe dem Islam feindselig gegenüber, weshalb er generell abzulehnen sei, insbesondere in seiner Haltung gegenüber unzüchtiger Kleidung, Eros, Liebe und Religion. Und sie hören, dass dem Koran Wort für Wort geglaubt werden müsse, weil jeder Buchstabe von Allah diktiert sei.“

3. „Dem Minderwertigkeitsgefühl der Haltsuchenden begegnen die Dschihadisten mit einer Bilderwelt des Grandiosen. Sie präsentieren sich im Internet mit bombastisch-brutaler Hollywood-Ästhetik.“

4. Das Publikum wird ständig jünger und weiblicher.

5. Eine wesentliche Bedingung für den politischen Islam ist das Nicht-Wissen.

6. Es herrschen Verschwörungstheorien insbesondere zum Nahostkonflikt.

7. Muslimische Dachverbände wie Ditib und der Zentralrat der Muslime wehren sich gegen eine kritische Debatte des traditionellen Islamverständnisses.

8. Linksliberale und grüne Deutsche stellen sich aus falsch verstandener Toleranz gegen jede Kritik am Islam.

1988: SZ arbeitet nicht mehr mit Dieter Hanitzsch zusammen.

Sonntag, Mai 20th, 2018

Die SZ arbeitet nicht mehr mit ihrem langjährigen Karikaturisten Dieter Hanitzsch zusammen. Der Grund dafür ist eine Karikatur vom 15.5.18 auf S. 4 mit dem Titel „Nächstes Jahr in Jerusalem“. Darin wird nach der Auffassung vieler Benjamin Netanjahu, der israelische Ministerpräsident, antisemitisch dargestellt. Ilsetraud Ix aus Pulheim schreibt beispielsweise: “ Sie (die Karikatur) zeigt Benjamin Netanjahu in der typischen Weise antisemitischer Hetze, der mit der Kombination von Riesenohren, dicken Lippen, übergroßer Nase und starken Augenbrauen als Jude kenntlich gemacht werden soll. Dieter Hanitzsch greift auf das Klischee zurück, dessen sich die Nazipropaganda im ‚Stürmer‘ und anderswo laufend bedient hat.“ (SZ 19./20.21.5.18)

Der Chefredakteur der SZ, Kurt Kister, schreibt dazu: „Ich kenne Dieter Hanitzsch lange genug, um zu wissen, dass er weder Rassist ist noch Antisemit. Das aber ändert nichts daran, dass die Art der karikaturistischen Überzeichnung der Netanjahu-Figur physiognomische Merkmale hat, die auch heute noch in vielen Ländern dieser Erde benutzt werden, wenn ‚der‘ Jude in Karikaturen oder politisch gemeinten Plakaten symbolisiert werden soll. Stereotype können, auch wenn sie nicht in jedem Fall so gemeint sind, Rassismus unterstützen oder selbst rassistisch sein.“

„Auch ich glaube nicht, dass ‚die‘ Zeichnung antisemitisch ist. Aber sie enthält eindeutige Stereotype, die auch von Antisemiten benutzt wurden und werden. Das ist bedauerlich, und deswegen hat mein Kollege Wolfgang Krach vor Tagen für den Abdruck der Karikatur um Entschuldigung gebeten.“

„Und warum haben wir uns nun von Dieter Hanitzsch getrennt? … Das Entscheidende .. war, dass der Gang der Gespräche zu einem Vertrauensverlust führte. Wenn sich Menschen über einen Text, eine Zeichnung oder andere Dinge zerstreiten, kann man dies oft durch Debatten, manchmal durch Kompromisse und hin und wieder durch eine Trennung lösen.“ (SZ 19./20.21.518)

In der „Welt“ (19.5.18) meint Richard Herzinger, die Entschuldigung der SZ reiche nicht. Die Karikatur stehe für den Antisemitismus im „linksliberalen“ Milieu.

1987: Humboldt-Forum – ein Test für Deutschland

Freitag, Mai 18th, 2018

Der neue Generalintendant des Humboldt-Forums, Hartmut Dorgerloh, geb. 1962, tritt sein Amt am 1. Juni 2018 an. Zugleich endet die Arbeit der „Gründungsintendanten“ Neil McGregor, Hermann Parzinger und Horst Bredekamp. Jörg Häntzschel hat Hartmut Dorgerloh interviewt (SZ 18.5.18).

SZ: Ende nächsten Jahres soll das Humboldt-Forum eröffnen. Bis heute fehlt dem Projekt die Idee. Was ist ihre Idee?

Dorgerloh: Es soll nicht nur ein Museum sein, sondern eine „internationale Dialogplattform für globale kulturelle Ideen“. So steht es im Koalitionsvertrag, und das fasst es gut zusammen. Statt Dialogplattform könnte man auch sagen: Resonanzraum, offenes Forum für Debatten, für Multiperspektivität, für kulturelle und gesellschaftlich relevante Fragen.

SZ: Das Humboldt-Forum hat in Deutschland eine Debatte um den Umgang mit Sammlungen aus der Kolonialzeit ausgelöst. Kurz darauf kündigte Emmanuel Macron an, die Raubkunst aus den französischen Kolonien zurückzugeben. In Deutschland gab es keine vergleichbare Geste. Jetzt wird das Humboldt-Forum zu einer Art Test für Deutschlands Position in dieser Sache.

Dorgerloh: Macrons Ankündigung war ein starkes Signal, auch für andere ehemalige Kolonialmächte. Es gibt bei uns sicherlich Nachholbedarf, aber es ist auch schon viel passiert. Das Humboldt-Forum muss selber eine starke Antwort sein. Das ist aber nicht mit einer Grundsatzerklärung getan, das ist ein längerer Prozess.

SZ: Das Humboldt-Forum hat ein so schlechtes Image, dass viele es nicht einmal der Kritik für würdig halten. Wie wollen sie die Stimmung bis zur Eröffnung noch drehen?

Dorgerloh: Erstens muss man gute Nachrichten produzieren, zweitens guten Content. Es ist doch verrückt, wenn in der Mitte dieses Landes für mehr als eine halbe Milliarde Euro eine öffentlich Kunst- und Kulturinstitution mit Zehntausenden Quadratmetern entsteht – und dann kriegt man das nicht gerissen! Es müsste doch gelingen, klarzumachen, dass das eine großartige Verwendung von Steuergeldern ist.

1984: Joseph Beuys‘ völkisches Denken

Mittwoch, Mai 16th, 2018

In seiner neuen Biografie

Beuys. Die Biographie. Band 2. Erweiterte Neuausgabe. Zürich (Riverside), 412 Seiten, 38,50 Euro,

bezichtigt Hans Peter Riegel Joseph Beuys erneut des völkischen Denkens (SZ 9./10.5.18). Es liegt auf der Hand, dass sich sogleich mehrere Beuys-Adepten wie Klaus Staeck und Johannes Stüttgen daran machen, den Maler, Aktionskünstler und Kunstprofessor von solchen Zuschreibungen zu befreien (SZ 16.5.18). Aber das gelingt nicht.

Von Beuys war seit langem bekannt, dass er eine große Nähe zu ehemaligen Nationalsozialisten und Vertretern völkischen Denkens pflegte. Er bewegte sich gerne im Kreise von Stuka-Kameraden. Das Kriegsende hatte er als persönliche Niederlage erlebt. Einen neuen Halt fand er bei dem Lebensreformer und Anthroposophen

Rudolf Steiner (1861-1925),

der ihm mit seiner verschwurbelten Esoterik dazu diente, das, was er erlebt hatte, so hinzudrehen, dass es in einen „fortschrittlichen“ Lebensentwurf hineinpasste. Beuys Schwiegervater, Hermann Wurmbach, war nicht nur Nationalsozialist und Funktionär der Partei, sondern auch Vertreter der NS-Rassenlehre. In Rudolf Steiners Lehre ist der Begriff „völkisch“ an einen Rassismus gekoppelt, bei dem es um die Identität einer Volksgruppe geht.

Der von Beuys gepflegte „Germanenkult“ rief noch bei der Gründung der Grünen Proteste hervor, als Altnazis wie

August Haußleitner, Georg Haverbeck und der Waldschrat Baldur Springmann

mitmischten. Davon haben sich die Grünen seit sehr langem vollständig gelöst. Das von den Genannten gegründete „Collegium Humanum“, in dem die Grünen häufig tagten, ist mittlerweile wegen Holocaust-Leugung verboten. Selbst Rudi Dutschke, der 1979 gestorbene Studentenführer, kam in Kontakt mit Joseph Beuys und traf dann manchmal in Hinterzimmern mit alten Nazis zusammen.

1979: Amos Oz: Die Besatzung zerstört die Seelen.

Freitag, Mai 11th, 2018

Thorsten Schmitz (SZ 11.5.18) hat den israelischen Erfolgsschriftsteller Amos Oz in Tel Aviv interviewt. Der ist in Jerusalem aufgewachsen (geb. 1939), hat dann 30 Jahre im Kibbuz Hulda und 20 Jahre in der Wüste von Arad gelebt. Seit einiger Zeit wohnt er in Tel Aviv.

SZ: Sie haben die Friedensbewegung „Peace Now“ mitbegründet und kritisieren seit Jahrzehnten die Besatzung. Aber nicht immer waren Sie so friedensbewegt.

Amos Oz: Ich bin in einer sehr rechten Familie in einer sehr militanten Umgebung in den Vierzigerjahren aufgewachsen. Die Welt in Jerusalem war damals geteilt in „sie oder wir“. Wir hatten recht, die anderen nicht. Erst haben sie uns aus Europa geworfen, jetzt wollen sie auch noch unser Liliputland nehmen. Diese Weltsicht besaß auch ich, bis ich einen britischen Polizisten kennengelernt habe. Meine Freunde schimpften mich einen Verräter, weil ich mich mit unserem Feind angefreundet hatte. Das war das erste Mal, dass man mich so nannte, mit acht Jahren. Seitdem werde ich bis heute in meinem Land so bezeichnet, inzwischen betrachte ich es als Kompliment. Ich weiß, dass man die Welt nicht nur mit einem Paar Augen betrachten kann.

SZ: Israels Premierminister Benjamin Netanjahu scheint an einer Heilung der Narben nicht interessiert zu sein.

Amos Oz: Netanjahu sät Hass zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Lagern, auch um von den Korruptionsermittlungen gegen ihn abzulenken. Ich würde mich freuen,

wenn seine Regierung zur Hölle fährt.

Er sät Hass zwischen Juden und Arabern, zwischen Aschkenasen und Sepharden, zwischen Säkularen und Religiösen. Er strickt am Mythos „entweder wir oder sie“. Sie, das ist die ganze muslimische Welt. Wir sind die Guten, Europa, der Westen.

SZ: Was macht die Besatzung mit Israelis?

Amos Oz: Die Besatzung ist schrecklich, sie ist eine einzige große Katastrophe. Wenn du einen 18-jährigen jungen Mann, aus gutem Elternhaus, humanistisch erzogen, geduldig, weltoffen, Dienst schieben lässt in den besetzten Gebieten und ihm sagst, du bist jetzt der Chef des Dorfes, du sagst den Palästinensern, wer heraus und wer hinein darf, dann zerstörst du das Kind. Es ist viel zu jung, um alten Männern die Ausreise zu verweigern. Diese schreckliche Erfahrung ist Gift für junge Menschen. Sie können sie nicht verarbeiten. Ein Mensch wird doch nicht geboren, um über einen anderen Menschen zu herrschen.

SZ: Haben es nicht viele Israelis längst aufgegeben, sich mit dem Nahostkonflikt zu beschäftigen?

Amos Oz: So ist es. Ich sehe diese Gleichgültigkeit, und manchmal habe auch ich traurige Momente. Der Konflikt dauert schon viel zu lange, er zerstört die Seelen, und eine Folge dieser Zerstörung ist Gleichgültigkeit. Die Menschen wollen ihr Leben genießen, nicht eine Lösung finden für einen Konflikt, mit dem sie aufgewachsen sind. Gut möglich, dass die Palästinenser die einmalige Chance verpasst haben, dass sie einen Staat nach ihrem Gusto bekommen. Israelischen Politikern kommt der islamistische Fundamentalismus gerade recht, sie stellen das Streben der Palästinenser in eine Reihe mit Bewegungen des IS etwa. Aber ich war schon immer störrisch und möchte mich nicht selbst entmutigen.