Archive for the ‘Geschichte’ Category

2134: Ulrich Schacht gestorben

Freitag, September 21st, 2018

Geboren wurde Ulrich Schacht 1951 im Frauengefängnis Hoheneck in der DDR, wo seine Mutter wegen „Verleitung zum Landesverrat und zur Spionage“ einsaß. Seine Herkunft hat ULrich Schacht in dem Roman „Vereister Sommer“ (2011) verarbeitet. Lange Jahre hatte er nach seinem Vater gesucht, einem sowjetischen Offizier. Schacht studierte Theologie in Rostock und Erfurt und wurde 1973 wegen „staatsfeindlicher Hetze“ verurteilt. 1976 kaufte die Bundesrepublik ihn frei. Hier studierte er weiter, u.a. Philosophie.

Danach arbeitete er als Journalist bei der „Welt“ und der „Welt am Sonntag“. Kurz vor dem Fall der Mauer erschien sein Erzählungsband „Brandenburgische Konzerte“. Auch nach der Vereinigung Deutschlands widmete sich Schacht den Inhaftierten, Verhörten und Freigekauften der DDR, gegen die er weiter kämpfte. Er bekämpfte aber auch das linksliberale Milieu der alten Bundesrepublik. 1994 gab er mit Heimo Schwilk den Band „Die selbstbewusste Nation“ heraus, in dem er seinen Ton gegenüber der „innerlich und äußerlich verwahrlosten Gestalt des gegenwärtigen deutschen Nationalstaats“ verschärfte.

Ulrich Schacht war ein durch und durch glaubwürdiger Konservativer. Jetzt ist er in seinem Haus in Schweden gestorben (LMUE, SZ 19.9.18).

2129: SPD im Existenzkampf

Sonntag, September 16th, 2018

„Ihre Initiativen für den besseren Mieterschutz, sichere Renten oder flexiblere Arbeitszeitmodelle gehen unter im dröhnenden Dauerkrach dieser Koalition, in der das pure Misstrauen regiert. In den Umfragen steckt die SPD im Bund unter 20 Prozent fest. In den Ländern, vor allem im Osten und Süden der Republik, hat sie mit Umfrageergebnissen von knapp über zehn Prozent aufgehört, Volkspartei zu sein. Die Erneuerung der Partei kommt nicht voran, das Vertrauen ins Führungsduo Nahles und Scholz schwindet Monat für Monat. Die SPD steckt mitten im Existenzkampf.“

„Es geht darum, ob diese Regierung nach den Umtrieben in Chemnitz gemeinsam gegen rechts steht. Die Koalition muss an diesem Streit nicht zerbrechen. Nur: weiter wie bisher kann es nicht gehen. Für die SPD kommt es darauf an, nach langer Zeit einmal wieder Haltung zu zeigen (im Fall Maaßen, W.S.) . Das würde ihr in der Regierung helfen – oder, falls die Koalition zerbricht, im Wahlkampf.“ (Mike Szymanski, SZ 15./16.9.18)

2126: Bonn/Berlin ist nicht Weimar.

Donnerstag, September 13th, 2018

Es hallen wieder Unkenrufe durch’s Land. Deutschland werde „kippen“, der Staat „scheitern“, „Berlin wird Weimar“. Beschworen werden die „Gespenster von Weimar“. Das ist nicht gut begründet:

1. Die Weimarer Republik war von Anfang an zum Scheitern verurteilt, weil ihre Feinde außen, vor allem aber innen (Monarchisten, DNVP, Hugenberg-Konzern usw.) nur darauf hinarbeiteten.

2. Die Reparationen des Versailler Vertrags ließen keine positive Wirtschaftsentwicklung zu.

3. Die Kriegsschuld-Zuweisungen brachten die Gebietsverluste im Osten.

4. Mit über 30 Prozent Arbeitslosigkeit versetzte die Weltwirtschaftskrise der Demokratie nach 1930 den Todesstoß.

5. Die Weimarer Kabinette hielten im Durchschnitt acht Monate, Bonn/Berlin hat nur acht Kanzler in 70 Jahren.

6. Marshall-Plan, Freihandel und die Einbettung in EU und Nato brachten den Aufschwung in der alten Bundesrepublik.

7. 14 Millionen Flüchtlinge wurden integriert.

8. Die soziale Marktwirtschaft erleichterte das Wirtschaftswunder.

9. Die liberale Demokratie (mit Gewaltenteilung, unveräußerlichen Grundrechten und Parteien, die zur Mitte drängen) ist ein Erfolgsmodell.

10. 72 Prozent der Menschen sind mit der deutschen Demokratie sehr/ziemlich zufrieden.

(Josef Joffe, Die Zeit 13.9.18)

2124: Ines Geipel über Wendekinder

Mittwoch, September 12th, 2018

Die ehemalige Weltklasse-Sprinterin Ines Geipel ist Schriftstellerin und seit 2013 Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe. Sie schreibt über den Fall Jan Ullrich, geb. 1973 (FAZ 18.8.18). Dass es sich dabei um eine Privatangelegenheit handelt, glaubt sie nicht.

„Im Berliner Doping-Prozess im Jahr 2000 berichteten zwei Nebenklägerinnen über ihre jahrelangen Suchterkrankungen. Es war das erste Mal, dass die deutsche Öffentlichkeit davon erfuhr, was die Chemievergaben in den Seelen auslösen können. Der medizinische Gutachter Dr. Helmut Mahler sprach von neuronalen Neuverkapselungen, vom Steroid Rage und irreversiblen Veränderungen. Von 1700 Betroffenen, die die Doping-Opfer-Hilfe aktuell betreut, berichten 70 Prozent von schweren psychischen Schäden, von Bulimie, Borderline, Depressionen, Suizidversuchen, von aggressiven Psychosen. Bei denen ehemalieg männliche Aktive wie aus dem Nichts heraus andere Personen auf der Straße attackieren, Häuser in Brand setzen oder irgendwo hilflos mit einem Messer herumlaufen. Bei denen ehemalige Sportlerinnen die Polizei mit absurden Strafanzeigen beschäftigen, ihre Nächsten mit Hass überschütten, als Internet-Stalkerinnen die abstrusesten Denunziationen in die Welt schicken.“

„Aber warum will jemand wie Jan Ullrich freiwillig unfreiwillig kaputtgehen? Warum gelingt der Ausstieg nicht? Ich weiß nicht, aber ich muss wieder an die Ost-Generation der Wendekinder denken. Es ist die Generation von

Torwart Robert Enke, 1975,

von Pegida-Gründer und Sportschüler Lutz Bachmann, 1973,

von NSU-Frau Beate Zschäpe, 1975,

oder ihrem Kompagnon Uwe Mundlos, 1973.

Durch meinen Kopf ziehen viele andere aus dieser Generation, die sich in den letzten Jahren bei der Doping-Opfer-Hilfe gemeldet haben. Sie saßen da und erzählten von dem, was man Entwurzelung und Haltlosigkeit nennt. Sie wissen viel über radikale Selbsttäuschung, fehlende Identität und Leere, von Narben und Erosion. Alles Vakanzen, die anfällig für Entgrenzungen machen.

Und Jan Ullrich? Er stürzt. Niemand wird ihn halten, wenn nicht er selbst.“

2121: Europa kann sich nicht heraushalten.

Sonntag, September 9th, 2018

Drei ausgewiesene außenpolitische Experten schreiben über Europas außenpolitische Optionen, der ehemalige Bundesaußenminister und Parteivorsitzende, Sigmar Gabriel (SPD), der Vorsitzende der Münchener Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, und der diplomatische Korrespondent des „Tagesspiegels“, Christoph von Marschall (FAZ, 8.9.18). Sie antworten auf Peter Gauweiler vom rechten Rand der CSU und dekonstruieren die Neutralitäts-Illusionen der Linken (Sara Wagenknecht). Alle drei Experten legen in diesem Jahr Bücher zum Thema vor. Ich fasse ihre Meinung in 20 Thesen zusammen und kürze dabei stark:

1. Gauweilers falsche Strategie besteht darin, Sicherheit für Europa anzustreben durch Nicht-Einmischung in die Weltpolitik. Wie früher schon von Alfred Dregger (CDU) vorgeschlagen.

2. Gauweiler richtet sich vor allem gegen die erfolgreiche Außenpolitik von Joschka Fischer (Grüne), die unter dem Motto stand „Verteidigung der Werte“ und „Mehr Verantwortung“.

3. Falsch liegen auch Gutmenschen wie Antje Vollmer, die im Pazifismus das Heil sehen.

4. Das Engagement des Westens in Afghanistan war eine Folge des Terroranschlags in New York und Washington vom 11. September 2001 und kein Kreuzzug.

5. Serbische Milizen töteten 8.000 bosnische Männer in Srebrenica.

6. Den im Kosovo drohenden Massenmord an den Albanern hat die NATO durch ihren Einsatz verhindert.

7. Allerdings sind viele westliche Interventionen fehlgeschlagen: Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien.

8. Erfolgreich war die Befreiung Kuweits 1991. Und entscheidend: der Sieg der Alliierten über Nazideutschland im Zweiten Weltkrieg, der nicht von Pazifisten errungen worden ist.

9. „Im übrigen ist Europa von der Fähigkeit zu militärischem Handeln nun wirklich meilenweit entfernt. Die Flugzeuge und Hubschrauber der Bundeswehr fliegen zum Großteil nicht, von sechs U-Booten ist nicht eines einsatzfähig. Das Projekt vertiefter militärischer Zusammenarbeit in der EU (Kürzel: Pesco) kommt kaum voran. Als die europäischen Nato-Partner 2011 in Libyen die Hauptrolle beim Schutz der Anti-Gaddafi-Kräfte vor den Truppen des Dikatators übernehmen wollten, stießen sie rasch an die Grenzen ihrer Fähigkeiten und ihrer Munitionsvorräte. Wieder einmal mussten die Vereinigten Staaten ein Debakel der Europäer verhindern.“

10. Die Weltordnung nach 1945 ist die Basis des Aufstiegs Europas. Zu ihr gehören die Vereinten Nationen (UN) und ihre Unterorganisationen, die Charta der Menschenrechte und ein geordnetes Weltwährungssystem mit dem Internationalen Weltwährungsfond (IWF) und der Weltbank.

11. „Als Russland in der Ukraine die Grenzen verschob, ein Novum im Nachkriegs-Europa gegen alle Verträge, und der Westen deshalb Sanktionen verhängte, waren Gruppen am rechten und linken Rand die ersten, die in seltsamem Einverständnis ihre Aufhebung auch dann verlangen, wenn Moskau sich dem vereinbarten Friedensprozess von Minsk verweigert.“

12. Die USA unter Trump sind gegenwärtig kein Garant für eine stabile weltpolitische Ordnung mehr.

13. „Wir brauchen mehr Europa, nicht weniger Amerika.“

14. Viele Linke und Ökos predigen der Welt den Sozialstaat, Pazifismus, Klimaschutz, Skepsis gegen Konzerne und gegen den Freihandel.

15. China versucht, Europa von sich strategisch abhängig zu machen. Die EU kann bald keine chinakritischen Beschlüsse mehr fassen.

16. „Je weniger wir uns darauf verlassen können, dass andere die liberale Ordnung verteidigen, desto mehr müssen wir selbst tun.“

17. Die Sicherheitsbedürfnisse der europäischen Bürger müssen von der Politik ernster genommen werden.

18. „In einer Welt von Fleischfressern kann Europa nicht der einzige Vegetarier sein. Es lässt sich nicht durchhalten, dass 500 Millionen Europäer ihre Sicherheit weiter an die Vereinigten Staaten (320 Millionen Einwohner) ‚outsourcen‘, …“

19. „Der primäre Zweck von Militär ist nicht, es einzusetzen. Man muss es aber können und glaubwürdig drohen können, sonst nehmen die anderen Europa nicht ernst.“

20. „Die Alternative zum Weltuntergang ist nicht, sich aus der Welt zurückzuziehen, wie Peter Gauweiler suggeriert. Die Alternative zum Weltuntergang heißt: mehr Verantwortung übernehmen, um die liberale Ordnung zu erhalten.“

2115: Die DDR wird uns noch lange beschäftigen.

Sonntag, September 2nd, 2018

1. Chemnitz ist kein Einzelfall.

Ähnliche Ereignisse hatten wir in Rostock-Lichtenhagen, Cottbus, Hoyerswerda, Freithal, Heidenau und anderswo. Und das Gerede, all diese Phänomene wie Fremdenhass, Rassismus, Fanatismus, Antisemitismus gebe es auch im Westen, enthält ein Gran Wahrheit, geht aber an der Sache völlig vorbei, weil es verkennt, dass Hauptursache dafür die DDR ist. Versagt hat in erster Linie die sächsische CDU, welche die Verhältnisse in Sachsen seit Kurt Biedenkopf schöngeredet hat bis hin zu den 27 Prozent der AfD bei der Bundestagswahl am 24. September 2017.

Ich habe von 1975 bis 1990 das DDR-Massenkommunikationssystem erforscht (die Ergebnisse liegen alle schriftlich vor) und wurde dafür von den Linken kritisiert, welche die negativen Erscheinungen dort nicht wahrhaben wollten.

2. Mannigfache Nachteile kennzeichneten die DDR. Sie kam nach einer kurzen Übergangsphase (1945-1949) ziemlich direkt aus der NS-Zeit und sollte mit Sowjet-Methoden verbessert werden, was auch wirtschaftlich fehlschlug. Sie war keine Demokratie und kein Rechtsstaat, was vor allem bedeutet, dass hier das staatliche Handeln selbst durch unabhängige Gerichte rechtlich hätte kontrolliert werden können. Es fehlte an demokratischer politischer Bildung. Die Menschen waren Propagandamedien ausgesetzt (Propaganda, Agitation, Organisation). Sie hatten keine Auslandserfahrungen. Unternehmen und Arbeitnehmer berücksichtigten nicht die Kategorie der Produktivität. Das Bildungssystem war einseitig auf Staatstreue ausgerichtet. Pfarrerskinder durften regelmäßig nicht studieren. Der Wohnungsbau trieb seine Plattenbau-Blüten. Der erfolgreiche DDR-Sport war eine Doping-Wüste.

3. Auch heute haben die ehemaligen DDR-Bürger noch richtige Nachteile: bei der fehlenden Anerkennung ihrer Biografien, bei Löhnen und Gehältern, bei den Renten, bei den geringeren Investitionen als in den alten Bundesländern. Und manchem mehr. Trotzdem wollen die meisten die DDR nicht zurückhaben.

4. Infolge all dessen sehen viele Bewohner der neuen Bundesländer die Bundesrepublik Deutschland wieder als ein „System“, in dem eine „Politikerkaste“, eine „Elite“, sie manipuliert wie in der DDR. Gestützt auf eine „Lügenpresse“. Da gedeihen bekanntlich Vorurteile, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus bestens.

40 Jahre realer Sozialismus sind so schnell nicht aus den Köpfen zu bekommen.

Ein klassischer Vertreter des Systems bin ich selbst: Abiturient, Soldat, Student, Erwachsenenbildner, Hochschullehrer.

2113: Manfred Weber (CSU) will EVP-Spitzenkandidat werden.

Samstag, September 1st, 2018

Der Europa-Abgeordnete Manfred Weber (46) von der CSU will EVP-Spitzenkandidat bei der Europawahl im Mai werden. Er hat die Unterstützung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Innenminister Horst Seehofer (CSU). Weil die EVP wahrscheinlich als stärkste Kraft aus den Wahlen hervorgehen wird, könnte Weber Nachfolger des jetzigen Chefs der EU-Kommission, Jean-Claude Juncker, werden. Die EVP entscheidet am 8. November über ihren Spitzenkandidaten. Neben Weber werden der ehemalige finnische Ministerpräsident Alexander Stubb und der EU-Brexit-Unterhändler Michael Barnier als Kandidaten genannt, zwei ebenfalls sehr respektable Kandidaten (FAZ 1.9.18(.

2108: John McCain – ein Mann des Westens

Dienstag, August 28th, 2018

John McCain, der gerade gestorbene republikanische US-Senator, war ein konservativer Politiker. Und er war ein Mann des Westens. Über ihn schreibt in der SZ (28.8.18) einfühlsam und treffend der Vorsitzende der Münchener Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger (von 2001 bis 2006 Botschafter in den USA):

„John McCain verkörperte die Idee, dass die transatlantischen Beziehungen mehr sind als ein zufälliges Resultat der Geschichte, mehr als ein interessenbasiertes Bündnis, mehr als eine Verbindung auf Zeit. Sie waren für ihn der Kern einer liberalen Weltordnung, basierend auf der Überzeugung, dass Demokratie und Menschenrechte universelle Werte sind, für deren Bewahrung und Verbreitung wir Verantwortung tragen.“

„McCain warnte vor der zunehmenden Ablehnung universeller Werte und der Rückkehr zu völkischen Ideen, vor der Unfähigkeit und dem Unwillen, zwischen Tatsachen und Lügen zu unterscheiden, vor der Ablehung und dem Hass gegenüber Minderheiten, Immigranten, insbesondere Muslimen. Vor allem aber warnte er davor, die Idee des Westens aufzugeben.“

McCain war keineswegs mit den europäischen Außenpolitikern immer einer Meinung. Er kritisierte, dass sie nicht genug Geld für Verteidigung ausgäben und nicht genug für ihre eigene Sicherheit täten. Aber bei allen Widersprüchen und Meinungsverschiedenheiten war für McCain immer klar, dass Amerika und Europa auf einer Seite standen. In der US-Politik galt McCain als „Maverick“, als unabhängiger Kopf. So verhinderte er die von den Republikanern betriebene Abschaffung der Gesundheitsreform von Barack Obama, weil er der Meinung war, es müsse mehr überparteiliche Zusammenarbeit geben.

Als Präsidentschaftskandidat 2008 beharrte er darauf, dass unter seiner Führung von den USA niemals gefoltert würde. Er war selbst im Vietnamkrieg Pilot und als Gefangener von den Vietcong gefoltert worden.

Ich werde John McCain vermissen.

2107: Deutscher Völkermord an den Herero und Nama 1904

Dienstag, August 28th, 2018

Vertreter der namibischen Volksgruppen der Herero und Nama haben in Berlin erneut an die Massaker an ihren Vorfahren erinnert. Sie forderten von der Bundesregierung eine Entschuldigung und Entschädigungen. Die Verbrechen an den Herero und Nama im heutigen Namibia gelten als der erste Völkermord im 20. Jahrhundert. Im Jahr 1904 hatte der deutsche Gouverneur von Deutsch-Südwest, Lothar von Trotha, die planmäßige Vernichtung der Herero angeordnet. Diese hatten sich gegen Landraub und Willkürherrschaft der Deutschen aufgelehnt. Mindestens 60.000 Herero wurden getötet. Die deutschen Soldaten drängten anschließend die überlebenden Männer, Frauen und Kinder in die Wüste und schnitten sie von Wasserstellen ab. Viele verdurstetetn. Vom Stamm der Nama starben etwa 10.000 Menschen. Die Bundesregierung verhandelt seit vier Jahren mit Namibia über eine Aufarbeitung (SZ/afp 28.8.18).

2104: Die Perspektive vieler Ossis

Montag, August 27th, 2018

2019 finden

Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg

statt. Und wer sich noch an die 27 Prozent Stimmen der AfD in Sachsen bei der Bundestagswahl am 24.9.2017 erinnert, der hat dabei ein mulmiges Gefühl. Angst ist natürlich ein schlechter Ratgeber. Aber wie wäre es damit, manche Perspektiven unserer Ossis endlich mal ernstzunehmen? Das wäre m.E. der erste Schritt in die richtige Richtung des Verstehens der Menschen in den neuen Bundesländern. Eine von ihnen ist die 1965 in Ostberlin geborene Anja Maier, die Redakteurin im Parlamentsbüro der taz (13.8.18) ist (die Bezifferung ihrer Aussagen stammt von mir, W.S.).

1. „Das mit dem Osten, das war ja einem Westler (ihrem Mann, W.S.) wie ihm nicht vernünftig zu erklären. Zu viele verquere Gefühle.“

2. „Was ich weiß: Ich hatte dort ein Leben. Eine erste Identität. Und ich möchte von dieser Person erzählen können, ohne mich für ihr Leben rechtfertigen zu müssen.“

3. „Wir hatten etwas, was auch die anderen nicht mehr haben können. Eine Identität, die nur uns gehört. Der Osten ist unsere emotionale Heimat.“

4. Geld anlegen gibt es im Osten nicht. „Denn während das Nettovermögen von Saßnitz bis Suhl bei durchschnittlich 24.800 Euro liegt, beträgt es in Bayern, Hessen und Baden-Württemberg 112.500.“

5. Die Ossis sollen fleißig sein! „Fragt sich nur wo. In Ostdeutschland sitzt kein einziges Dax-Unternehmen. Und von 50 Bundesbehörden haben nur drei ihren Sitz dort. Und das, obwohl es seit 1992 einen Regierungsbeschluss gibt, solche attraktiven Arbeitsplätze in den Osten zu verlagern. Das sind traurige Fakten.“

6. Der Beauftragte für die neuen Bundesländer ist der „gute-Laune-Onkel“ für die arme Verwandtschaft. „Einmal im Jahr darf er einen Bericht vorlegen. In dem wird stehen, dass der Osten auf einem sehr guten Weg ist. Jeder weiß, dass das nicht stimmt. Behauptet wird es trotzdem.“

7. „Deutschland ist geteilt – die Wahlergebnisse in den nach rechts driftenden Ostländern werden das zeigen. Seit bald dreißig Jahren wird an den Küchentischen wieder und wieder erzählt, wie der Westen in Gestalt der Treuhand die Betriebe im Osten geschenkt bekommen und platt gemacht hat. Nicht jede Story stimmt. Richtiggestellt wird trotzdem keine.“

8. „Auch geheilt wird nichts. Bis heute streiten Hunderttausende ehemaliger Bergarbeiter, Künstler und Eisenbahner für ihre DDR-Betriebsrenten, die ihnen qua Einigungsvertrag genommen wurden.“

9. „Je öfter die Politik uns Ostdeutschen zu erklären versucht, wie Scheiße unser Leben früher war, desto gemütlicher richten wir es uns im müffelnden Gefühl der Abwertung ein. Nein, ich will die DDR nicht wiederhaben. Aber ich will beides sein können – Ost- und Gesamtdeutsche -, ohne mich für den ersten Teil meines Lebens rechtfertigen zu müssen. Und ohne zurechtgewiesen zu werden, weil ich den zweiten für (noch) nicht gelungen halte.“