Archive for the ‘Geschichte’ Category

2165: „Feine Sahne Fischfilet“ soll in Dessau auftreten.

Montag, Oktober 22nd, 2018

Das Bauhaus Dessau hat ein vom ZDF dort geplantes Konzert der Punkband „Feine Sahne Fischfilet“ abgesagt, nachdem rechte Gruppierungen im Internet zum Protest gegen den Auftritt der linken Musiker aufgerufen hatten. Man wolle kein Austragungsort politischer Agitation und Aggression werden. Dagegen hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) protestiert. „Es darf niemals der Eindruck entstehen, dass der Druck der rechtsextremistsichen Szene ausreicht, um ein Konzert zu verhindern.“ Grütters sagte, die Kunstfreiheit genieße in Deutschland hohen Verfassungsrang. Dieser Stellenwert sei die Lehre aus der deutschen Geschichte. „Verwerfungen wie die aktuelle zeigen, wie dringend nötig auch in der Pop-Musik-Welt ein ethischer Kompass ist.“

Das gilt übrigens auch dann, wenn einige von uns oder sogar viele die Musik und das Gebaren von „Feine Sahne Fischfilet“ nicht goutieren.

Die Band selbst hat mitgeteilt: „Es ist doch wohl klar, dass wir am 6.11. in Dessau spielen werden.“ (dpa, SZ 22.10.18)

2164: Thomas Kerstans Bildungskanon

Montag, Oktober 22nd, 2018

Wir kennen ihn aus der „Zeit“, Thomas Kerstans Bildungskanon. Und nicht ganz zu Unrecht moniert Dorion Weickmann (SZ 22.10.18) die vertane Chance, mehr Frauen hier erscheinen zu lassen. Allerdings ist auch das Gegenargument, dass die „stilprägenden, typischen, populären Werke der Vergangeheit vorwiegend von Männern stammen“, nicht ganz von der Hand zu weisen. Aber Virginia Woolf darf nicht fehlen, wenn James Joyce zu den Top 100 gezählt wird. Hilary Mantels historische Erzählkunst kann mit Stefan Zweigs Biografistik mithalten. Und ob Chuck Berry wirklich bedeutender war als Ella Fitzgerald, das ist die Frage. Es fehlen Filme wie Stanley Kubricks „2001 – Odysee im Weltall“ oder Ridley Scotts „Blade Runner“. Und keine Spur von Baukunst, Tanz oder Mode. Immerhin gliedert der Autor seine Hitliste übersichtlich in

ästhetische, sprachliche, historische und mathematisch-naturwissenschaftliche Kategorien.

Tja!?

Thomas Kerstan: Was unsere Kinder wissen müssen. Ein Kanon für das 21. Jahrhundert. Hamburg (Edition Körber) 2018. 256 S., 20 Euro.

2154: Putins Strategie

Samstag, Oktober 13th, 2018

Unter Bezug auf Timothy Snyders Buch „Der Weg in die Unfreiheit“  kommt Thomas Schmidt in der „Welt“ (13.10.18) auf Wladimir Putins Strategie zu sprechen. Er schreibt:

„Seit etwa einem Jahrzehnt verfolgt Putin eine klare Strategie. Er gab die Hoffnung auf, Russland könne wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch zu den westlichen Demokratien aufschließen und dadurch Weltmacht bleiben. Nun nahm er sich ein bescheideneres, aber realistisches Ziel vor. Er baute Russland zu einem destruktiven, zu einem Staat der Blockade um. Er brach in der Ukraine das Völkerrecht und erfuhr, dass das nahezu ungestraft möglich war. Und er begann, das Internet zu nutzen, um gezielt auf die Politik westlicher Demokratien Einfluss zu nehmen. Ohne seine freundliche Unterstützung wäre Trump nicht Präsident der USA geworden. Snyder schreibt: ‚Die einfachste Art, andere zu schwächen, ist, sie Russland ähnlicher zu machen.‘ Der politische Stil, den Trump einem Land aufgezwungen hat, zeigt, dass Putin hier durchaus erfolgreich ist. Ein Präsident, der täglich lügt und dabei auch noch zu erkennen gibt, dass er lügt, reißt die Wand zwischen Wahrheit und Fiktion ein. Ohne sie aber ist Politik als ein auf die Zukunft gerichtetes Handeln nicht möglich.“

2149: Kolonialismus-Forschung ohne Ziel

Dienstag, Oktober 9th, 2018

Im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD vom Februar 2018 wurde die deutsche Kolonialzeit zum ersten Mal in einem Atemzug genannt mit Nationalsozialismus und DDR als

dunkles Kapitel deutscher Geschichte.

Man versprach sich davon ein neues Verhältnis zu Afrika und ein anderes Denken über Migration und Globalisierung. Der französische Präsident hatte sogar angekündigt, dass Frankreich aus Kolonien geraubte Kunst zurückgeben werde.

Seither ist in Deutschland wenig geschehen. Weder der Bundespräsident noch  Bundesaußenminister Maas (SPD) haben eine deutsche Position dazu formuliert. Und die Staatsministerin für auswärtige Kultur Michelle Müntefering (SPD) hat es bei der Rückgabe von Gebeinen der Herero und Nama, den Opfern des deutschen Völkermords von 1915, vermieden, den Genozid einzugestehen. „Die damaligen im deutschen Namen begangenen Gräueltaten waren das, was heute als Völkermord bezeichnet würde, auch wenn dieser Begriff erst später mit rechtlichen Normen unterlegt wurde.“ Frankreichs Präsident Macron hat mittlerweile die Folterungen im Algerienkrieg als solche anerkannt.

Kulturstaatsminsterin Monika Grütters (CDU) hat immerhin einen „Leitfaden zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ erlassen. Die deutschen Museen sollten ihre aus dem 19. Jahrhundert stammenden Inventare aktualisieren. Ansonsten verzettelt Deutschland sich. Ohne ein Bekenntnis von der Spitze des Staates agiert die Forschung ohne Ziel (Jörg Häntzschel, SZ 22./23.9.18).

 

2146: Könnte „Lolita“ heute noch so erscheinen?

Montag, Oktober 8th, 2018

1. Angesichts des ersten Jahrestags der #MeToo-Debatte widmet die FAS ihr Feuilleton dem Schreiben über Sex (FAS 7.10.18).

2. Vor einigen Wochen hatte die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse beklagt, dass die Freiheit der Kunst heute kleiner sei als noch vor wenigen Jahren.

3. Menasse: „Heute wäre so gut wie undenkbar, dass Nabokovs ‚Lolita‘ veröffentlicht werden könnte, eines der großartigsten Kunstwerke der Literatur, obwohl und weil es um einen detailliert beschriebenen Kindesmissbrauch geht. … Die eigenen Leute, das eigene Lager, an ihrer Spitze die ganz Jungen, verlieren ihre Liberalität, die Offenheit und Neugier und vor allem den Humor, den wir den Rechten früher voraushatten. Sie geben das auf zugunsten von Forderungen nach literarischer Säuberung, von Denk- und Redeverboten, die aus falsch verstandener, aus auf die Spitze getriebener Rücksichtsnahme entstanden sind.“

4. Wie Tobias Rüther zeigt (FAS 7.10.18), macht „Lolita“ (1958 bei Putnam publiziert) gerade sichtbar, wie Machtverhältnisse sexuell ausgenutzt werden können.

5. Der Plot: ein pädophiler französischer Lehrer in Amerika, der eines Tages, durch Zufall, die zwölfjährige Dolores und deren Mutter kennenlernt, ins Haus der Familie Haze einzieht und die Mutter heiratet, um der Tochter nahe zu sein. Die Mutter entdeckt die pädophilen Neigungen ihres Mannes für ihre Tochter, stürzt aus dem Haus und läuft vor ein Auto. Humbert, verwitwet, nimmt das Mädchen, das gerade im Sommerlager ist, mit auf einen Roadtrip quer durch die Vereinigten Staaten, von Hotel zu Motel. Irgendwann ist er am Ziel, hat Sex mit dem Mädchen, Tag für Tag und so oft er will, er bezahlt sie auch dafür. Die Reise endet nach einem Jahr in Beardsley, wo Dolores kurz zur Schule geht. Die beiden brechen bald erneut auf, Richtung Westen, irgendwann wird Dolores krank, muss ins Spital, verschwindet von dort. Humbert, aufgelöst, verzweifelt, sucht und sucht und findet sie schließlich, drei jahre später. Da ist Dolores verheiratet und schwanger. Die beiden nehmen Abschied voneinander – und Humbert reist weiter und erschießt den Mann, zu dem Dolores gezogen war, nachdem sie aus dem Krankenhaus abgehauen war. Er wird von der Verkehrspolizei festgenommen, schreibt in der Haft jenen Text, aus dem ‚Lolita‘, der Roman, gemacht ist. Sein Arzt bringt ihn posthum heraus. Denn Humbert stirbt am Ende, genau wie Dolores, die er Lolita nannte. Humberts wahren Namen erfährt man nie.

6. „‚Lolita‘ ist das Psychogramm eines Täters, und das erzählerische Risiko, das Nabokov eingegangen ist, indem er die Tat von innen her zu beschreiben versucht, spürt man noch immer.“

7. „Was das Publikum von Dolores weiß, weiß es nur von ihm. Wenn es bei #MeToo darum geht, die Opfer zu Wort kommen zu lassen, dann ist ‚Lolita‘ das komplette Gegenteil davon, und mehr noch: Der Täter schildert auch sein Opfer und entrechtet es damit ein weiteres Mal.“

8. „Humbert … ist jederzeit im Vollbesitz dieser Erzählung. Sosehr er auch leidet, sosehr er sich selbst, in seiner Raserei und Verzweiflung und Geilheit, auch verachtet und diese Verachtung mit der Verachtung anderer, kleinerer Geister verbrämt: Er entscheidet, was er preisgibt. Eigentlich wissen wir gar nicht, was wirklich geschah, wir wissen nur, was Humbert uns zu wissen gegeben hat. ‚Lolita‘ ist ein Meisterwerk der Machtverhältnisse – auch der über seine Leserinnen und Leser.“

9. Zitat: „Wie süß war es, ihr den Kaffee zu bringen und ihn ihr dann zu verweigern, bis sie ihre Morgenpflicht erfüllt hatte.“

10. Die Tochter des Verlegers Walter Minton, Jenny, meint, dass es damals eine radikale Tat gewesen sei, das Buch zu drucken, und heute wäre es das immer noch.

2144: Charles Aznavour gestorben

Sonntag, Oktober 7th, 2018

Charles Aznavour, der „Meister des französischen Chansons“, ist im Alter von 93 Jahren in Bordeaux gestorben. Die Eltern des gebürtigen Parisers waren 1915 vor dem Völkermord an den Armeniern nach Frankreich geflohen. Hier setzte sich Aznavour als Chanson-Sänger durch, der in seinen Liedern immer wieder Trauer, Liebe und Melancholie besang. Der Nonkonformist war auch als Filmschauspieler tätig. Etwa 1960 in Francois Truffauts „Schießen Sie nicht auf den Pianisten“ oder 1980 in Volker Schlöndorffs „Blechtrommel“. Auch im „Zauberberg“ 1982 (Franz Seitz) hatte er eine zentrale Rolle.

Sein Grab hat Aznavour im Invalidendom gefunden, wo sonst überwiegend nur Politiker bestattet werden. Staatspräsident Emmanuel Macron sagte, seine Lieder hätten den Alltag der Franzosen verschönert, „unser Leben süßer, unsere Tränen weniger bitter gemacht“. Aznavours Eltern, Misha und Knar Aznavourian, waren 2017 posthum in Israel geehrt worden, weil sie während der Schoa in ihrer Pariser Wohnung Juden vor der Gestapo versteckt hatten (Jan Feddersen, taz 2./3.10.18; Michaela Wiegel, FAZ 6.10.18).

2142: Hubertus Knabe ist entlassen worden.

Freitag, Oktober 5th, 2018

Der Direktor der Gedenkstätte im ehemaligen Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, ist nach 17-jährigem Dienst von Kultursenator Klaus Lederer (Linkspartei) entlassen worden. Die Gedenkstätte gilt als einer der wichtigsten Orte der DDR-Erinnerungsarbeit. 450.000 Menschen werden pro Jahr von ehemaligen Häftlingen über das Gelände geführt. Bei mehrfachen Besuchen dort war ich stets sehr beeindruckt von der Gedenkstätte. Nicht einmal Knabes schärfste Kritiker bestreiten, dass der Historiker sich außergewöhnlich engagiert für die Belange der Opfer der SED-Diktatur eingesetzt hat. Viele DDR-Opfer sehen in ihm, der selbst aus dem Westen stammt, einen ihrer wichtigsten Fürsprecher.

Knabe galt und gilt als harter Hund und als Polarisierer. Er ist ein scharfer Kritiker der Linkspartei. Er war mit vielen ehemaligen Weggefährten über die Art und Weise in Streit geraten, wie die DDR aufgearbeitet werden soll. Offiziell ist der Grund für Knabes Kündigung, dass sein Stellvertreter Helmuth Frauendorfer über Jahre Mitarbeiterinnen sexuell belästigt haben soll. Dies soll Knabe seit 2016 bekannt gewesen sein. Mehrere Mitarbeiterinnen haben in einem offenen Brief „eine Regelhaftigkeit übergriffiger Verhaltensmuster“ und ein „Frauenbild der 50er Jahre“ in der Führungsetage beklagt. Nach erneuten Hinweisen Anfang dieses Jahres hatte Knabe die Staatsanwaltschaft eingeschaltet und Frauendorfer entlassen. Senator Lederer hatte sich mit Kritik an Knabe stets zurückgehalten. Noch im Sommer hatte er sich hinter ihn gestellt, als dieser den ehemaligen DDR-Bürgerrechtler Siegmar Faust gemaßregelt hatte, dem AfD-Nähe nachgesagt worden war.

Vier Frauen des wissenschaftlichen Beirats der Stiftung Gedenkstätte Hohenschönhausen haben in dieser Woche in einem offenen Brief gegen die Entlassung Knabes protestiert: die DDR-Oppositionelle Heidi Bohley, die Bürgerrechtlerin Freya Klier, die ehemalige DDR-Moderatorin Edda Schönherz und die Passauer Professorin Barbara Zehnpfennig. Sie vermuten eine „politische Strafaktion“. Sie werfen dem Stiftungsrat vor, Knabe nicht angehört zu haben.

Knabes Form der Erinnerungsarbeit war und ist nicht unumstritten. Einer der wichtigsten Kritikpunkte ist, dass Schüler nicht „überwältigt“werden dürfen. Eine Überwältigung aber sehen viele Kollegen darin, dass Zeitzeugen mit Besuchern Verhörsituationen nachspielen.

Nun soll die ehemalige Chefin der Stasi-Unterlagenbehörde, Marianne Birthler, mit der Knabe sich ebenfalls überworfen hatte, die Übergangszeit in Hohenschönhausen im Auftrag des Stiftungsrats gestalten. Ein Historiker: „Ich wünsche mir, dass unter einer neuen Leitung unterschiedliche Perspektiven der DDR-Aufarbeitung besser koexistieren und auch kooperieren können.“ (Hannah Beitzer, SZ 5.10.18) Hoffentlich führt das nicht zur Verwässerung der Aufarbeitung!

2141: Fischer: Brexit gefährdet die politische Ordnung Europas.

Freitag, Oktober 5th, 2018

Ex-Außenminister Joschka Fischer (Grüne) warnt vor dem Brexit am 29. März 2019 ohne Austrittsvertrag. Sollte es dazu kommen, gibt es chaotische Konsequenzen für den beidseitigen Handel und das Grenzregime. Mehr als um die Wirtschaft, die niemand von uns in ihrer Bedeutung verkennen wird, geht es dabei um die politische Ordnung Europas im 21. Jahrhundert. Mit dem Brexit sucht das Vereinigte Königreich die Wiedergewinnung seiner vollen Souveränität in der Vergangenheit. Heute ist Großbritannien eine europäische Mittelmacht und wird auch, ob mit oder ohne EU-Mitgliedschaft, keine Weltmacht mehr werden. Folgten andere europäische Staaten dem Vorbild des Vereinigten Königreichs, so würde Europa in eine Gruppe machtloser Nationalstaaten zerfallen, die von der Weltbühne abzudanken hätten. Europa würde zum Schauplatz nichteuropäischer Groß- und Weltmächte werden, die hier ihre Hegemonialkämpfe austrügen.

Mit dem Brexit kehrt die Irlandfrage zurück, die Großbritannien lange in Atem gehalten hat und die definitiv überwunden schien. Dank der Europäischern Union spielte die Grenze und die Frage der Wiedervereinigung keine Rolle mehr. Ein jahrzehntelanger Bürgerkrieg zwischen Katholiken und Protestanten in Nordirland konnte beendet werden.

Die neue Weltordnung wird einen pazifischen Schwerpunkt haben. Die meisten Trends sind gegen Europa gerichtet. Dieser neuen Konkurrenz werden die alten europäischen Nationalstaaten einzeln nicht gewachsen sein, wenn sie nicht schnell zusammenfinden. Selbst dann noch wird es riesiger Anstrengungen bedürfen. Und ein Zurück in die Vergangeheit ist so ziemlich das letzte, was den Europäern dabei helfen wird (SZ 1.10.18).

2138: Missbrauch in der katholischen Kirche

Samstag, September 22nd, 2018

Unfassbar, bedrückend und deprimierend

sind die Erkenntnisse, die eine Studie über sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche durch Priester und Ordensleute in der deutschen katholischen Kirche präsentiert. Sie drücken uns zu Boden und führen dazu, dass wir kaum glauben können, dass es je zu einer umfassenden Aufklärung geschweige zu einer Verbesserung des Verhaltens kommen kann. Die katholische Kirche hat ein riesiges Problem mit der Aufarbeitung der Fakten. Ihre Glaubwürdigkeit leidet hier stärker als irgendwo sonst.

Zwischen 1946 und 1994 haben mindestens 1670 Priester und Ordensleute an mindestens 3677 Betroffenen sexualisierte Gewalttaten begangen. Die Opfer sind meist männlich, die Hälfte von ihnen zum Tatzeitpunkt jünger als 14 Jahre. In jedem sechsten Fall kam es zu einer Form von Vergewaltigung. Nur in jedem dritten Fall hatten die Bistümer zumindest ein kirchenrechtliches Verfahren eingeleitet. Von diesen 566 Verfahren endeten 154 ohne Strafe. Lediglich in 122 Fällen schaltete die Kirche die Justiz ein. In zwei Bistümern (von 27) gibt es explizit die Information, dass „Akten oder Aktenbestandteile mit Bezug auf sexuellen Missbrauch Minderjähriger in früherer Zeit vernichtet wurden“. Nur neun der 27 Bistümer bzw. Erzbistümer hatten ihre Akten seit 1946 untersuchen lassen. Die anderen öffneten ihre Bestände erst ab 2000. Zudem hatten die Forscher keinen direkten Zugriff auf die Aktenbestände. Sie wurden von Kirchenmitarbeitern durchsucht.

Die Bischofskonferenz hatte im März 2014 ein aus einer Professorin und sechs Professoren bestehendes Forschungskonsortium aus Mannheim, Heidelberg und Gießen mit der Aufklärung der Missbrauchsfälle beauftragt, nachdem sich die Bischöfe und der Kriminologe Christian Pfeiffer im Streit getrennt hatten. Pfeiffer warf den Bischöfen Eingriffe in seine Forschungsfreiheit vor. Er hatte auch verlangt, dass unabhängige Juristen alle kirchlichen Personalakten einsehen können.

Aus allem ergibt sich die Frage, ob „für die katholische Kirche spezifische Strukturen und Dynamiken einen sexuellen Missbrauch begünstigen“.

Der Missbrauchsbeauftragte der deutschen katholischen Bischofskonferenz, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, nannte die Ergebnisse der Studie „bedrückend und beschämend“.

Dass sexualisierte Gewalt gegen Minderjährige ein Problem der katholischen Weltkirche ist, wurde dadurch deutlich, dass Papst Franziskus für den kommenden Februar die Vorsitzenden der nationalen Bischofskonferenzen zu einem Missbrauchsgipfel in den Vatikan eingeladen hat (Matthias Drobinski, SZ 13.9.18).

2135: Geschwister-Scholl-Preis für Götz Aly

Freitag, September 21st, 2018

Der Historiker und Journalist Götz Aly (geb. 1947) ist für sein Buch „Europa gegen die Juden. 1880 – 1945“ (S. Fischer) mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet worden. Er ziehe darin, so die Jury, eine Art Summe seiner Forschungen zu den Verbrechen des Nationalsozialismus und belege eine „markante These zu den Möglichkeitsbedingungen des Holocaust“. Dabei habe er ganz Europa im Blick. Der

Antisemitismus

sei für Aly „nicht die Sache einer Minderheit von irrationalem Hass getriebener Fanatiker“, es gab erklärbare Gründe, etwa „den Neid auf die als besonders tüchtig wahrgenommenen Juden“. Götz Aly hat für die „taz“, die „Berliner Zeitung“ und als Gastprofessor gearbeitet. Mit seinen Büchern, etwa „Hitlers Volksstaat“ (2005) habe er als Außenseiter „ohne Lehrstuhl und Apparat“ die Forschung geprägt. Die Jury ehrt ihn als „Beispiel für geistige Unabhängigkeit und intellektuellen Mut“. (SZ 21.9.18)