Archive for the ‘Geschichte’ Category

2207: Merz vergaloppiert sich beim Asylrecht.

Sonntag, November 25th, 2018

Durch die Aufstellung von drei Kandidaten für den Parteivorsitz ist die CDU in Bewegung geraten. Es wird endlich diskutiert. Auf den acht Regionalkonferenzen sogar mit der Basis. Das sollte die CDU beibehalten. Es tut ihr nämlich gut. Was dabei auch herauskommen kann, ist, dass ein Kandidat seine Schwächen offenbart. Das ist für das Wahlvolk ebenfalls nicht schlecht, so kann es besser unterscheiden.

Friedrich Merz hat sich eine Blöße gegeben. Beim Asylrecht. Das stellte er in Frage und meinte, das müsse sein, wenn eine einheitliche EU-Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik gewollt werde. Damit hat er den entschiedenen Protest von drei journalistischen Experten auf den Plan gerufen: Wolfgang Janisch in der SZ vom 23. November, Thomas Gutschker in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 25. November und Heribert Prantl in der SZ vom 23. November.

Janisch zeigt, dass das deutsche Asylrecht einer europäischen Lösung nicht im Wege steht. Es ist weltweit nicht einzigartig und es bietet auch nicht mehr als die europäischen Regeln. Prantl, der bisweilen zur Sentimentaltät neigt, spricht davon, dass mit Merz‘ Forderung die Mahnung der Mütter und Väter des Grundgesetzes verraten und die Lehren aus der Nazi-Zeit gestrichen wären. Und Gutschker schreibt: „Merz hat sich blamiert. Und er zeigte seiner Partei seine Achillesferse. Es ist seine lange Abwesenheit von der Politik, er ist einfach nicht mehr im Film. Es mangelt ihm außerdem an Gespür für Fettnäpfchen und Empfindlichkeiten. Würde ein Vorsitzender Merz die Union in die nächste zerstörerische Debatte reiten?“

Annegret Kramp-Karrenbauer, die Rivalin von Merz, sagt im Interview mit Livia Gerster und Thomas Gutschker (FAS 25.11.18) zum Thema:

„Alles, was wir diskutieren, muss wirken. Wir haben bis Ende Oktober dieses Jahres rund 2.400 über das Grundgesetz anerkannte Asylbewerber und rund 61.000, die über die Genfer Flüchtlingskonvention oder europäisches Recht hier bleiben. Und auch bei einer Änderung des Grundgesetzes bleiben würden. Wir sollten uns auf das konzentrieren, was wirklich relevant ist.“

Die CDU hat mit Annegret Kramp-Karrenbauer eine kluge und als Ministerin und Ministerpräsidentin sehr erfahrene Kandidatin, die sich als Bundeskanzlerin eignet. Die Partei sollte sie deshalb auch zur Parteivorsitzenden wählen. Da schadet es auch nichts, dass sie die Ehe für alle nicht mag.

2206: Götz Aly bekommt den Geschwister-Scholl-Preis.

Mittwoch, November 21st, 2018

Götz Aly (geb. 1947) hat fast seine gesamte historiographische Arbeit mit all ihren Erkenntnissen und Überraschungen gegen die etablierte Geschichtswissenschaft, insbesondere gegen die „Strukturgeschichte“, durchgesetzt. Wir verdanken ihm viel. Nun hat er – wohlverdient – den Geschwister-Scholl-Preis bekommen (Götz Aly, SZ 20.11.18).

Im Kern lautet seine Erkenntnis über den Nationalsozialismus, dass er auf einer Mischung aus gemeinsamem Profit und gemeinsam zu verantwortenden Verbrechen der NS-Führung und der Bevölkerung beruhte. Die Deutschen haben den Nazis viel mehr zugestimmt, als es irgendwo anders als bei Götz Aly belegt ist. Deswegen haben sie in dieser Hinsicht keine Ausreden (Antje Weber, SZ 21.11.18).

Aly hat in seinem Buch über die Achtundsechziger (68er), ich (W.S.) zähle mich selbst dazu,

Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück. Frankfurt am Main 2008.

zum Entsetzen vieler gezeigt, dass es mehr Gemeinsamkeiten zwischen den Nazis (den Eltern) und den 68ern (ihren Kindern) gegeben hat, als für viele je vorstellbar war:

den antibürgerlichen Impetus, die Gewaltbereitschaft, den Antiamerikanismus, den latenten Antisemitismus, das Ausblenden von Kritik an anderen Despoten, u.a. Die 68er waren nicht die Lösung des Totalitarismus-Problems, sondern ein Teil davon. Der Aufbau der Zivilgesellschaft habe in der alten Bundesrepublik trotz der vielen alten Nazis viel früher begonnen als 1968.

Ich nenne Ihnen hier noch vier weitere relevante Bücher von Götz Aly:

– Warum die Deutschen? Warum die Juden? Frankfurt am Main 2011,

– Die Belasteten. „Euthanasie“ 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte. Frankurt am Main 2013,

– Volk ohne Mitte. Die Deutschen zwischen Freiheitsangst und Kollektivismus. Frankfurt am Main 2015,

– Europa gegen die Juden. 1890-1945. Frankfurt am Main 2017.

 

 

 

2204: Stephan Lebert: Der Riss durch die deutsche Gesellschaft

Montag, November 19th, 2018

Der Schriftsteller Stephan Lebert, geb. 1961, spricht über sein Deutschland, das ihm heute sehr gespalten vorkommt (Die Zeit, 8.11.18). Ich fasse das in zehn Punkten zusammen:

1. Leberts Blick auf Deutschland war geprägt von „Unsicherheit und Misstrauen, von dem Gefühl, es liegt unter der Oberfläche etwas Böses und Gefährliches, und wenn man nicht aufpasst, kommt es wieder zum Vorschein.“

2. Solche Zweifel nennen Konservative „deutschen Selbsthass“.

3. „Wir waren anders als andere Länder. Wir waren geschichtsbewusster, vielleicht auch demokratischer. Wir waren vorsichtiger, distanzierter, vielleicht auch verklemmter.“

4. In seinem Freundeskreis registrierte Lebert, wie aus dem Zweifel „Selbstgefälligkeit“ wurde. „Mein Deutschland, schon ziemlich in Ordnung.“

5. „So entsteht das Gegenteil von Vielfalt, von Diversität, dem Zauberwort der modernen Welt.“

6. Auf einem „Rammstein“-Konzert beobachtete Lebert Fans. „Ihre Gesichter waren übervoll von Hass. Sie waren wütend – auf irgendetwas wütend, das mit ihrem Leben zu tun haben musste, und die Heavy-Metal-Musik von Rammstein mit den provokanten Texten war für sie ein Kanal, diese Wut, diesen Zorn endlich rauszulassen“.

7. Nach dem Leipziger Disput von Durs Grünbein und Uwe Tellkamp äußerte der Rechts-Verleger Götz Kubitschek, dass der Riss, der durch diese Gesellschaft gehe, nicht nur wichtig und richtig sei, „sondern dieser Riss müsse noch viel tiefer werden“.

8. Der ehemalige Kanzlerkandidat der SPD und nordrhein-westfälische Ministerpräsident Johannes Rau sagte 2004: „Wenn Sie ein Haus bauen würden auf Spiekeroog oder am Chiemsee und Sie würden nur Steine aufeinanderlegen, wunderbare Steine, und es kommt ein Sturm, ist das Haus weg. Sie brauchen Mörtel, der das Haus zusammenhält. So wie eine Gesellschaft mehr braucht als Kapital und Arbeit. Wir brauchen mehr als Bilanzen und Shareholder-Value, mehr als Gewinn-und-Verlust-Rechnungen. Wir brauchen etwas, was die Menschen zusammhält. Das nennen Christen Nächstenliebe. Das nennt die Arbeiterbewegung Solidarität. Das nennt Martin Luther King ‚compassion‘. Und ich nenne das den Mörtel, der das Haus zusammenhält. Und davon ist bei uns zu wenig vorhanden.“

9. „Angela Merkel hat denen den Weg bereitet, die heute verkünden, dass es doch egal ist, wer von den Apparatschiks im Bundestag regiert.“

10. „Es ist nicht egal, wer im Parlament regiert. Es ist gefährlich, das Zentrum der deutschen Politik als einen Ort abzustempeln, an dem die Macht sich nur noch selbst genügt. Der Blick zurück wird mein Gefährte bleiben, zur Erinnerung daran, wie fragil dieses Land ist. Und noch ein Puzzleteil: wie wichtig es ist, sich zu prüfen, wie weit es schon wieder mit der eigenen Selbstgefälligkeit gekommen ist, wenn man sich immer auf der richtigen Seite wähnt.“

2200: Friedrich Ebert – zu wenig gewürdigt

Freitag, November 16th, 2018

Die politische Stiftung der SPD heißt Friedrich-Ebert-Stiftung. Viele Straßen und Plätze sind nach dem Politiker benannt. Und doch ist das Bild des ersten Reichspräsidenten in der öffentlichen Wahrnehmung eher blass und unscharf. Wie ist das möglich? Einen ersten Hinweis bekommen wir, wenn wir uns vor Augen führen, dass Ebert von der deutsch-nationalen Rechten als „Landesverräter“ und von den Kommunisten als „Arbeiterverräter“ bezeichnet wird. Wen die Extremisten von rechts und links so verunglimpfen, der hat wahrscheinlich tatsächlich seinen Platz in der poltischen Mitte gehabt.

Eberts politische Karriere war kurz. Er rückte erst 1918 bei der Novemberrevolution ins Rampenlicht und starb bereits 1925, viel zu früh für die erste deutsche Demokratie. Der 1871 geborene Ebert war Sattler. Nach seiner Gesellen-Wanderschaft schloss er sich 1889 der SPD an. 1891 kam er für vierzehn Jahre nach Bremen, wo er seine politische Karriere startete. 1905 ging er in den Parteivorstand. Nach August Bebels Tod 1913 wurde er einer der beiden Parteivorsitzenden (neben Hugo Haase vom linken Parteiflügel). Als Haase während des Krieges zur USPD wechselte, wurde Friedrich Ebert die unumstrittene Nummer eins der SPD. Er musste nicht nur seine Partei, sondern auch das Land am Kriegsende und durch die Revolution führen. Er suchte dazu den Ausgleich mit der Reichswehr, was einige ihm bis heute vorwerfen.

Eberts noch verbliebener stärkster Konkurrent, der Fraktionsvorsitzende Philipp Scheidemann, ein brillanter Parlamentarier, unterschätzte Eberts Stärken. Sein organisatorisches Talent, sein taktisches Geschick und sein strategisches Kalkül, vor allem aber seinen ausgeprägten Machtinstinkt. Sie machten Ebert so erfolgreich. Er war nicht brillant und er war kein Freund der russischen Revolution von 1917. „Wer die Dinge in Russland erlebt hat, der kann im Interesse des Proletariats nicht wünschen, dass eine solche Entwicklung bei uns eintritt. Wir müssen uns im Gegenteil in die Bresche werfen, wir müssen sehen, ob wir genug Einfluss bekommen, unsere Forderungen durchzusetzen und, wenn es möglich ist, sie mit der Rettung des Landes zu verbinden, dann ist es unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit, das zu tun.“

Die Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann empfand Friedrich Ebert als verfrüht. Er selbst wurde Reichskanzler. Den Gedanken der Räterepublik bekämpfte er, wo er konnte. Es ist nicht klar, wie so intelligente und informierte Publizisten und Ebert-Kritiker wie

Sebastian Haffner: Der Verrat. 1979 (zuerst als „stern“-Serie 1969) und

Klaus Gietinger: Eine Leiche im Landwehrkanal. 1995,

nicht erkennen konnten, dass in Russland die Bolschewiki das Modell der Räte nur dazu genutzt hatten, um eine stalinistische Diktatur (1929-1956) zu errichten. Nach dem Ende der DDR ist die Kritik an Friedrich Ebert und seinem Pakt mit der Reichswehr leiser geworden. Die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles hat es bei dem Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs in diesem Jahr ausgesprochen, dass vermutlich der Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) verstrickt war in die Machenschaften, die Anfang 1919 zur Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts geführt hatten.

Im gemeinsamen Aufruf der revolutionären Obleute, der USPD und der KPD zum Generalstreik am 9. Januar 1919 hieß es, Ebert und Scheidemann gehörten „aufs Schafott“. „Gebraucht die Waffen gegen eure Todfeinde, die Ebert-Scheidemann!“

Tatsächlich ist es nach 1918 ja nicht zur Vergesellschaftung der Wirtschaft gekommen. Auch ein Wort der Entschuldigung von der Reichsregierung zum Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht blieb aus. Bis zur Weltwirtschaftskrise 1929 war die Weimarer Republik stabil. Dann haben ihre Gegner, die Nazis und die Deutsch-Nationalen, sie beseitigt. Friedrich Ebert war keine schillernde Persönlichkeit und kein Volkstribun. Er war „kein Liebling des Volkes, kein Begeisternder und ein spät Begeisterter“ (Joseph Roth). Er war ein seriöser Politiker und hat sich um die erste deutsche Demokratie verdient gemacht (Bernd Braun, Die Zeit 15.11.18).

2198: Sexueller Missbrauch in der EKD

Mittwoch, November 14th, 2018

In zehn der 20 Landeskirchen innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sind inzwischen Aufarbeitungskommissionen für sexuellen Missbrauch gebildet worden. Ihnen wurden bisher

479 Fälle

aus den Jahren von 1950 bis 1970 gemeldet. Zwei Drittel davon haben in evangelischen Heimen stattgefunden. Nun hat die EKD eine zentrale, unabhängige Anlaufstelle für Betroffene und mehrere Studien über Ausmaß und Struktur der Gewalt und ihre Vertuschung beschlossen. Das Diakonische Werk hat eine eigene Studie angekündigt. Für die Durchführung eines Elf-Punkte-Plans zur individuellen und institutionellen Aufarbeitung will die EKD im kommenden Jahr rund eine Million Euro ausgeben.

Auf der Würzburger Synode der EKD hat die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs gesagt: „Eine Kirche, die solcher Gewalt nicht wehrt, ist keine Kirche mehr.“ Frau Fehrs ist die Sprecherin eines kurz vor der Synode gebildeten Beauftragtenrats zum Thema. Sie sprach von einem

„evangelischen Muster“ und

„begünstigenden Faktoren, die den Tätern zuspielen“.

Dazu gehören unklare Machtstrukturen, die Abschottung von Gruppen nach außen, die mangelnde Trennung von dienstlicher und privater Sphäre und eine falsch verstandene Liberalität (Matthias Drobinski, SZ 14.11.18).

 

2196: Malthus zu den Mieten

Dienstag, November 13th, 2018

Der englische Pfarrer Thomas Robert Malthus (1766-1834) ist ein Klassiker der Nationalökonomie. Das liegt an seinem 1798 erschienen „Essay on the Principles of Population“, in dem er vor Überbevölkerung warnt. Die Menschen vermehrten sich in geometrischen Wachstumsraten (also wie 1, 2, 4, 8, 16), während die Produktion von Lebensmitteln nur linear wachse (1, 2, 3, 4, 5). In der Volkswirtschaftslehre genießt Malthus nur ein geringes Ansehen. Denn seine düsteren Vorhersagen sind nie eingetreten, weil der Kapitalismus produktiver war als Malthus angenommen hatte. Allerdings stößt er seit langem an seine ökologischen Grenzen, was wir an vergifteten Lebensmitteln erkennen.

Nun schlägt Nikolaus Piper in der SZ (9.11.18) vor, Malthus Thesen auf den Wohnungsmarkt anzuwenden. Dort treibt das Immobilienkapital (einschließlich des gesamten Maklerwesens) die Mieten und Immobilienpreise in die Höhe. Teilweise in einer sehr hohen Geschwindigkeit. Grund und Boden lassen sich nicht vermehren, deswegen kann es hier keinen Produktivitätsfortschritt geben. In Deutschland sind die steigenden Mieten das größte Armutsrisiko.

Die Immobilienpreise steigen weltweit. Im Euro-Raum sind sie seit 1991 real um 25,8 Prozent gestiegen, in den USA um 51,3 Prozent, in Neuseeland gar um 255,7 Prozent. Da war die Entwicklung in Deutschland mit 2,9 Prozent noch moderat. In Deutschland leben heute auch nur 3,5 Prozent mehr Menschen als 1991. Aber die Verteilung im Raum ändert sich rapide. Es hat die große Binnenwanderung von Ost nach West, von den neuen in die alten Bundesländer stattgefunden. Die Bevölkerung von Sachsen-Anhalt ist seit 1991 um 21,9 Prozent geschrumpft. Die von Baden-Württemberg um 11,3 Prozent gestiegen, in Bayern um 12,8 Prozent. Die Bevölkerung Münchens ist in einem Jahrzehnt um 16 Prozent gestiegen, von Frankfurt um 15, in Berlin um 11 Prozent.

Weil sich der Lebensstil vor allem junger Leute ändert, gibt es mehr Single-Haushalte als früher, die entsprechend mehr Platz brauchen. Der durchschnittliche Wohnraum pro Person ist von 41,2 (2005) auf 46.5 Quadratmeter gestiegen. Das schlägt sich in den Mieten nieder. In den sieben größten Städten Deutschlands sind die Mieten allein seit 2010 um

42 Prozent gestiegen.

Anders als zu Malthus Zeiten ist der knappe Faktor dabei nicht die landwirtschaftliche Anbaufläche, sondern der städtische Baugrund. Gelindert werden kann diese Knappheit durch Verdichtung, Bebauung der Freiflächen oder Ausdehnung des Speckgürtels. Dem sind aber Grenzen gesetzt, wenn man den Flächenfraß bekämpfen will. Die fünf Weisen haben in ihrem Jahresgutachten dazu Vorschläge gemacht, sie haben aber auch kein Patentrezept. Hauptursache der Mieten- und Immobilienpreis-Explosion sind laut Nikolaus Piper die genannten demografischen Veränderungen. Aber auch die Niedrigzinspolitik und die Spekulation tragen dazu bei.

 

2193: Land ohne Neuanfang

Freitag, November 9th, 2018

Nach „Shanghai fern von wo“ (2009), und „Landgericht“ (2012), für den sie den Deutschen Buchpreis gewann, legt Ursula Krechel mit

„Geisterbahn“ (Salzburg und Wien 2018, 640 S.; 32 Euro)

ihren dritten Roman vor, der sich mit den Verfolgten des Nazi-Regimes beschäftigt und mit der Gefühllosigkeit einer Nachkriegsgesellschaft, die alles dafür tut, das Vergangene nicht an sich herankommen zu lassen.

Im Mittelpunkt steht die Sinti-Familie Dorn, die durch das gesamte Programm für Sinti und Roma im Nazi-Regime gegangen ist. Sie sind Schausteller. Der Nazi-Apparat konnte sich auf sein spitzelndes Volk verlassen. „Lehrer, Nachbarn und Hobby-Genealogen waren die Zuträger und nahmen der Polizei die Arbeit ab.“ Die Familie Dorn leistet Zwangsarbeit, eine Tochter wird zwangssterilisiert. Die Überlebenden der Familie sind bis an ihr Lebensende davon gezeichnet.

Es treten auf in der Umgebung der Dorns Kommunisten, die selber untertauchen müssen, ein angehender Arzt, der sich notgedrungen anpasst, eine Hotelerbin und der Vater des Erzählers, ein Polizist, Bernhard Blank. Was er tatsächlich auf dem Kerbholz hat, bleibt im Vagen, blank eben. Historische Figuren ergänzen die Gesellschaft. Als Politiker Konrad Adenauer, als Schriftsteller Peter Weiss und Stephen Spender.

Ursula Krechel schildert die äußeren Wunden der Dorns und die nicht sichtbaren. Noch immer sind bei ihr die Übergänge von Realität und Fiktion zu erkennen, aber doch gibt es einen von den Fundstücken und historischen Quellen kaum unterbrochenen Erzählfluss. „Tatsächlich ist Ursula Krechels Sprache auf wunderbare Weise besonnen, keinesfalls nüchtern, aber eben auch nicht effektvoll. Immer wieder gibt es Sätze, die von einer bestechenden Wahrhaftigkeit und sprachlichen Schönheit sind – aber das Erzählen, so ausschweifend und genau es auch ist, hat zugleich etwas Verschwiegenes. … Ursula Krechel ist eine dezente Berichterstatterin des Geschehenen. Und doch ändert sich die Temperatur, der Rhythmus des Textes, je nachdem, ob sie Bernhard von den Dorns sprechen lässt oder mit ihrem Chronisten die Versäumnisse und Inkonsistenzen ihrer eigenen 68er-Generation abbildet.“ (Ulrich Rüdenauer, SZ 5.11.18)

2192: Die Reichspogromnacht am 9.11.1938: eine Dokumentation

Freitag, November 9th, 2018

Mit Hilfe der Berliner Akademie der Künste hat der Fotograf Michael Ruetz eine Dokumentation über die Reichspogromnacht am 9.11.1938 publiziert:

Michael Ruetz: Pogrom 1938. Das Gesicht in der Menge. Wädenswil am Zürichsee (Nimbus) 2018, 156 Seiten, 29.90 Euro.

Es ist eine Text-Bild-Collage von 115 Schauplätzen, zwar nicht wissenschaftlich, aber doch sehr anschaulich. Das ist viel angesichts des Nicht-Wissens auf diesem Gebiet. Zugearbeitet hat Ruetz die bildende Künstlerin Astrid Köppe, die auf der Basis der Liste der zerstörten Synagogen in über tausend Gemeinden, Vereinen und Archiven recherchiert hat. In der gegenwärtigen Bundesrepublik. Deswegen fehlen die niedergebrannten Synagogen von Breslau und Beuthen. Die Akteure und Zuschauer schauen häufig in die Kamera, wobei manchmal unklar ist, wer hinter ihr stand. Es gibt Besonderheiten wie die, dass der NSDAP-Kreisleiter in Siegen nichts von einer Synagoge dort wusste. Sie blieb unberührt. Am 10.11.1938 wurde sie dann doch von SA-Leuten in Brand gesetzt (Lothar Müller, SZ 9.11.18).

2191: Chinesische Umerziehungslager in der Kritik

Donnerstag, November 8th, 2018

Die Umerziehungslager in China für mehr als eine Million Angehörige der muslimischen Volksgruppe der Uiguren ist im UN-Menschenrechtsrat scharf kritisiert worden. Die Lage der Menschenrechte habe sich in den letzten Jahren noch massiv verschlechtert. Es besteht ja kein Zweifel daran, dass China eine brutale Diktatur ist. Die Federation of Human Rights hatte auf die „dramatischen Verschlechterungen“ in Tibet hingewiesen.

Mitglieder des UN-Menschenrechtsrats kritisierten die Verfolgung politisch Andersdenkender, das unrechtmäßige Festhalten von Personen ohne Anklage sowie die hohe Zahl der in China verhängten Todesstrafen. Die deutsche Delegation verwies auf die vielfachen Verletzungen der Religions- und Pressefreiheit. Dänemark fordert China auf, den Vereinten Nationen (UN) den Zugang zum Westen des Landes zu erleichtern, damit unabhängige Beobachter in die Provinzen entsandt werden könnten.

Der chinesische Delegierte wies die Kritik zurück. Es handle sich bei den Lagern um „Ausbildungszentren für die Vermittlung von beruflichen Fähigkeiten und Sprachen“. Gelobt wurde China von Sambia für die Entwicklung des nationalen Punktesystems vermittels dessen die Bürger in China demnächst für ihr Verhalten im gesellschaftlichen Leben, im Beruf und im Internet bewertet werden könnten. Sambias Volkswirtschaft ist von der chinesichen Entwicklungshilfe abhängig (SZ 7.11.18).

2187: Club of Rome: der Trend

Montag, November 5th, 2018

Der vom Club of Rome vor fünfzig Jahren vorausgesagte Trend hat sich bewahrheitet: Die Schere zwischen arm und reich weitet sich, Landwirtschaftsflächen gehen verloren, die Meere sind überfischt und fossile Rohstoffe werden knapper.

Inzwischen liegt der 46. Bericht vor, der sich an den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen (UN) orientiert. Das 17-Punkte-Programm der UN sieht deutliche Fortschritte bei Bildung, Umwelt-, Klima- und Wasserschutz vor. Die Club of Rome-Forscher haben untersucht, ob wir diese Ziele im Rahmen der vorhandenen Ressourcen erreichen können. Tatsächlich bräuchte die gesamte Weltbevölkerung 1,7 Erden, wollte sie ihren Lebensstil aufrechterhalten.

Nur ein Modell verspricht Erfolg. Und das knüpfen die Forscher an fünf Bedingungen:

1. eine radikale Energiewende,

2. nachhaltige Lebensmittelproduktion,

3. neue Wachstumsmodelle für ärmere Länder,

4. Abbau von Ungleichheit durch faire globale Steuersysteme,

5. Investitionen in Bildung, Geschlechtergleichheit, Gesundheit und Familienplanung.

Von 2020 ist es nötig, jedes Jahrzehnt den Ausstoß fossiler Brennstoffe zu halbieren. Außerdem ist eine nachhaltigere Landwirtschaft erforderlich, damit im Jahr 2050 bis zu zehn Milliarden Menschen ernährt werden können. Sichergestellt werden muss, dass die reichsten zehn Prozent der Erde nicht mehr als 40 Prozent des Weltvermögens besitzen.

Das größte Problem sehen die Experten im Abbau der ungleichen Vermögensverteilung auf der Welt (SLB, AFP, SZ 5.11.18).